Ein Start-up aus dem Wirtschaftswunder Die Frau, die uns Tomate-Mozzarella brachte

Sie hat für alles ein Rezept: Ein halbes Jahrhundert lang hat Friederun Köhnen mit darüber bestimmt, was in Deutschland auf den Tisch kommt. Porträt einer Pionierunternehmerin.

Food Professionals Köhnen

Von und Sara Maria Manzo (Videos)


50 Jahre nach der Gründung ihres Unternehmens sitzt Friederun Köhnen in der Bibliothek des Firmengebäudes neben ihrem Sohn. Hinter den beiden im Regal drängeln sich Kochbücher. Gerade kommt Volker Köhnen von einer Messe der Ernährungswirtschaft zurück in das Wohnviertel im nordrhein-westfälischen Sprockhövel.

"Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich der Sohn Ihrer Mutter?", hat ein Kunde ihn dort gefragt. "Ja, und auch der meines Vaters", so seine Antwort.

Volker Köhnen nimmt es mit Humor, dass nicht alle in der Branche wissen, in welcher Familienbeziehung er zu seiner bekannten Vorgängerin steht. Dabei leitet er schon seit rund fünf Jahren die Food Professionals Köhnen AG. Deren Geschäftsmodell: Innovationen, Werbekampagnen und Rezepte, die sich an Lebensmittelunternehmen verkaufen lassen.

Friederun Köhnen, geboren am 22. September 1942 in Dresden, könnte man heute wohl als Grande Dame der deutschen Lebensmittelbranche bezeichnen. Im Jahr 1965 aber, als sie mit der Versuchsküche Köhnen ihre Firma aus der Taufe hob, erregte sie allgemeines Kopfschütteln.

Eine Frau, die ein Unternehmen gründet? Im Alter von 23 Jahren? Mit 600 D-Mark Startkapital? Wie naiv! Das kann nicht gutgehen.

Das erste Fertiggericht

Ein halbes Jahrhundert und mehr als 100.000 Rezepte später lacht die bald 73-Jährige über die Vorurteile, die ihr als junge Unternehmerin in den Sechzigern entgegenschlugen.

Warum? Das erzählt sie im Video.

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Die junge Friederun Köhnen ließ sich nicht einschüchtern. "Ich bin einfach zur Stadt gegangen", erzählt sie. "Zwölf D-Mark hat die Anmeldung als Freiberuflerin damals gekostet." Ähnlich wie es heute smarte Start-ups tun, richtete sie sich im Keller ihrer Eltern ein. "Wir hatten noch alte Bombenkisten aus dem Krieg, die hab' ich angemalt - und angefangen, mir meine Küche aufzubauen. Ganz primitiv. Elektrisch war da noch nichts." Bis heute bildet die Versuchsküche, in der die Rezeptideen ausprobiert werden, das Herz des Unternehmens - zusammen mit einem Fotostudio, das die Gerichte in Szene setzt.

Um ihren allerersten Auftrag zu ergattern, griff Friederun Köhnen einfach zum Telefon. Und rief Herrn Müller von der Firma Müller's Mühle an. "Erbsen, Bohnen und Linsen wurden damals in Klarsichtbeuteln verkauft", erzählt sie. "Da habe ich gesagt: Lass' uns die in Dosen packen. Die Frauen haben keine Zeit, die über Nacht noch einzuweichen. So. Das war das erste Fertiggericht."

Der große Durchbruch

Denn Produkte, die man als Fertiggerichte bezeichnen könnte, gab es Mitte der Sechzigerjahre in Deutschland kaum. Es war die Zeit, in der die Bedienung im Tante-Emma-Laden Fische noch in Zeitungspapier wickelte und lose Waren mit einer Schippe in graue Tüten packte.

So richtig wollte Köhnens erster Auftraggeber dann auch nicht an die Dosenbohnen glauben. Er sagte: "Jede Dose, die wir nicht verkaufen, stelle ich dir wieder vor die Garage!" Doch die Kunden liebten die zeitsparenden Fertigbohnen.

Ähnlich lief es für Köhnen mit vielen anderen Produktideen, die sie erfand oder nach Deutschland brachte, Joghurt in Fläschchen zum Beispiel. Der große Durchbruch für die Firma kam aber nicht mit einer bestimmten Idee, sondern mit zwei Entwicklungen der Lebensmittelbranche.

Auf der einen Seite wurde damals Tiefkühlkost zum Massengeschäft. "Überlegen Sie mal", sagt Köhnen: "Es gab noch kein Speiseeis, keine Pommes, keine Pizza. Die Tiefkühlung brachte eine Revolution in den Essgewohnheiten." Und viele Aufträge für die Versuchsküche Köhnen.

Auf der anderen Seite verschwanden in den Sechzigerjahren allmählich die Tante-Emma-Läden. Sie wurden abgelöst von den ersten Supermärkten, damals "SB-Märkte" genannt. "SB, also Selbstbedienung, das hieß: Alle Produkte mussten verpackt werden", erzählt Köhnen. "Auf der Verpackung waren Bilder und Rezepte. Da habe ich diese Marktlücke erkannt und die Industrie angesprochen, ob ich das machen kann."

Sie konnte - und lieferte künftig viele Verpackungsrezepte. In den Sechzigerjahren standen etwa Linsen meist nur als Linsensuppe auf deutschen Esstischen. Köhnen machte Linsen fortan auch als Salatzutat oder Beilage bekannt.

Mit ihren Produktideen, Rezepten und Kochbüchern hat Köhnen zudem geholfen, viele ausländische Trends marktfähig zu machen und in die deutsche Küche zu bringen: italienische Lebensmittel wie Rucola. Asiatische Produkte wie Sojasoße oder Tofu.

Und wer kennt in Deutschland heute nicht Tiramisu? Oder Tomate-Mozzarella?

Es war Friederun Köhnen, die im Auftrag der italienischen Firma Galbani die damals in der deutschen Küche noch fast unbekannten Käse-Produkte Mozzarella und Mascarpone über Rezepte in Deutschland einführte, sowohl auf Verpackungen und Rezeptbeileger zu den Produkten als auch mit Rezepten, die in die Presse gespielt wurden. Die Food Professionals Köhnen machen deshalb für sich geltend, sie seien "an dem Einzug der Speise Mozzarella Caprese (Mozzarella, Tomate, Basilikum) mit unterschiedlichen Gewürzen und auch Tiramisu in unterschiedlichen Schichtungen führend beteiligt."

"Wir hatten viele Möglichkeiten zu dieser Zeit, weil der Markt noch sehr offen war", sagt Köhnen. "Man muss nur den Mut haben, Ideen umzusetzen. Nicht darüber reden, sondern machen."

Erste Frau in einer deutschen TV-Kochshow

Und gemacht hat die Pionierin - und zwar immer wieder Neues. So auch, als sie ein neues Medium für sich entdeckte: das Privatfernsehen. "Als RTL sich gründete in Luxemburg," erinnert sich Köhnen, "da bin ich hingegangen und hab' gesagt: 'Hallo, hier bin ich. Ich will euch eine Kochsendung machen. Ich bringe euch das Geld mit. Von der Industrie. Dass die das bezahlt.' Das hörte sich für ein Medienunternehmen natürlich sehr lukrativ an."

Das klang für viele Ohren wohl schon damals nach Schleichwerbung? "Ja, war es ja auch", sagt Köhnen.

Auch wenn dort mehr oder minder unverblümt Produkte beworben wurden: Der Beliebtheit der Sendung "Komm doch mal in die Küche" mit Köhnen und Moderator Horst Tempel tat das keinen Abbruch. Im frühen Fernsehen der Bundesrepublik traten zunächst nur Männer als Fernsehköche auf. Clemens Wilmenrod etwa wurde populär, als er den Toast Hawaii kreierte. Dann kam Köhnen.

Wie sie ihre TV-Auftritte erlebt hat, sehen Sie ebenfalls im Video.

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Über die Jahre hat sich die Versuchsküche Köhnen - heute die Food Professionals Köhnen AG - stark gewandelt. Der Umsatz der Beratungsfirma, die einst als 600-D-Mark-Start-up entstand, liegt jetzt bei rund 3,7 Millionen Euro. Den größten Teil des Umsatzes macht das Unternehmen heute mit Kochbüchern, insbesondere für die Diätmarke Weight Watchers.

"Die ersten 40 Jahre ist das Unternehmen gewachsen - von einer Firma mit drei Mitarbeitern zu heute über 40 Mitarbeitern", sagt Volker Köhnen.

Der 46-Jährige ist kein typischer Nachfolger für ein Familienunternehmen - insofern als dass er nicht seit je für dessen Leitung vorgesehen war. Lange hat er eine eigene Karriere fern der Heimat verfolgt. Zwar sei er "in der Küche groß geworden", sagt er; und seine Mutter wünschte sich von ihm, dass er nach der Schule Food-Fotograf in der Firma werden möge. Aber nach der Fotografenlehre verfolgte er dann doch lieber seinen Kindheitstraum: Er lernte Schiffsmechaniker, fuhr zur See, zuletzt als Kapitän, um schließlich bei einer Reederei in der Inspektion zu arbeiten. Er kommt also aus einer ganz anderen Branche. Die Firma betrachtet er mit einem frischen, auch kritischen Blick.

Heute soll es, anders als unter der Regie seiner Mutter, nicht mehr nur um eine Person gehen, die alles bestimmt. Der neue Chef arbeitet daran, die Kultur der Firma von Grund auf zu erneuern. Eine erste Herausforderung sei es gewesen, die Ära seiner Mutter respektvoll ausklingen zu lassen.

Es scheint funktioniert zu haben. Die Matriarchin hat sich jedenfalls komplett aus dem Geschäft verabschiedet. Wie auch von den wechselnden Moden der Branche. Friederun Köhnens Lieblingsgerichte sind heute zwei Gerichte aus der traditionellen deutschen Küche: Kohlrouladen - und Matjes mit Pellkartoffeln.

Friederun Köhnen, Volker Köhnen: Ein nicht ganz typisches Familienunternehmen
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Friederun Köhnen, Volker Köhnen: Ein nicht ganz typisches Familienunternehmen

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
minsk60 14.08.2015
1. schöne Geschichte
sieht so aus, als ob Frau Köhnen alles richtig gemacht hat. Als Frau in der damaligen Zeit erfolgreich mit innovativen Ideen. Alle Achtung.
MotziLLa 14.08.2015
2. Patriarchin?
Wie kommt ausgerechnet eine Autorin auf die Idee, eine Firmendirektorin als "Patriarchin" zu bezeichnen? Das Patriarchat ist eine "Väterherrschaft".
A. Schmidt-Ohren 14.08.2015
3. @MotziLLa
gehen wir einfach mal gemeinsam davon aus, dass eine Matriarchin gemeint war?
Fackus 14.08.2015
4. interessant !
mal zu sehen, wer u.a. für eine Viezahl dieses Unfugs verantwortlich ist, der seit eben genau diesen 60ern unsere Regale zumüllt. Am schlimmsten dabei: "Alle Produkte mussten verpackt werden"
DMenakker 14.08.2015
5.
Und über welche Quote ist die jetzt gekommen? Gar keine? Die hat selber was geleistet? Darf man das dann überhaupt veröffentlichen? Könnten sich andere Frauen ja unter Druck gesetzt fühlen. Das geht ja gar nicht!
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