Urteil gegen Middelhoff Hart, aber gerecht

Drei Jahre Gefängnis - ein hartes Urteil. Doch Thomas Middelhoff hat sich die hohe Strafe selbst eingebrockt. Vergleichbare Fälle zeigen: Mit ein wenig Demut vor Gericht wäre er weit glimpflicher davongekommen.

AP/dpa

Hochmut kommt vor dem Fall, heißt es schon im Alten Testament. In der griechischen Mythologie nimmt die Hybris, die menschliche Selbstüberschätzung, eine zentrale Rolle ein. Sie löst Tragödien aus und wird von den Göttern unbarmherzig bestraft. Auch heute enden Vermessenheit und Selbstüberhebung oft mit bösem Erwachen und Absturz. Das hat Thomas Middelhoff gerade am eigenen Leib erlebt.

Die Richter in Essen haben sich von der Aura eigener Grandiosität, mit der Middelhoff sich gern umgibt, und seiner schier unersättlichen Anspruchshaltung nicht blenden lassen, sondern unbeeindruckt die Anklagevorwürfe Untreue und Steuerhinterziehung geprüft. Vor allem haben sie auch seine Auftritte vor Gericht in ihre Gesamtschau mit einfließen lassen.

Dass die Justiz beim Verdacht auf Untreue heutzutage genau hinsieht und sich nicht mehr mit durchsichtigen Ausreden abspeisen lässt, ist hinlänglich bekannt. Angeklagte, die sich angesichts dieser Ausgangslage nicht großmäulig mit der Aufzählung ihrer Erfolge verteidigen wie Middelhoff, sondern sich mit den Richtern zusammen auf den Weg zur Wahrheit machen, kommen erfahrungsgemäß besser davon - siehe etwa die Urteile im Prozess gegen die Führungsmannschaft der Bayerischen Landesbank.

Eine Verteidigung aber, die einem Gericht weiszumachen versucht, Hubschrauberflüge ihres Mandanten auf Unternehmenskosten von seinem Wohnsitz Bielefeld in die Arcandor-Zentrale in Essen seien geradezu notwendig gewesen für das Überleben des Warenhauskonzerns, muss sich nicht wundern, wenn sie damit auf den Bauch fällt.

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Bilder-Chronik: Der unaufhaltsame Abstieg des Thomas Middelhoff
Alle Kletterkunst konnte den Absturz nicht verhindern

Seit Mai saß Middelhoff auf der Anklagebank. Gerichtsvollzieher konfrontierten ihn dort mit Millionenforderungen seiner Gläubiger. Einmal wurde sogar seine Armbanduhr gepfändet und von der Gerichtsvollzieherin nach Zwangsvollstreckungsrecht im Internet versteigert - demütigend gewiss für einen Top-Manager, einen Top-Investor, einen Top-Verdiener. Das Urteil - eine Freiheitsstrafe von drei Jahren wegen 27 Fällen der Untreue und drei Fällen der Steuerhinterziehung - ist hart. Aber hart ist auch: 2008, als Karstadt schon taumelte und die Verkäuferinnen auf einen Teil ihres Gehalts verzichteten, um ihren Arbeitsplatz zu retten, kostete eine New-York-Reise Middelhoffs mal locker 95.000 Euro. Firmenkosten, versteht sich.

Dieser Angeklagte, dem ein paar Jahre lang alles, was er anfasste, zu Gold zu werden schien, verlor irgendwann die Bodenhaftung. Nur Arbeit, nur Erfolg, nur Glanz und Gloria. Da verschwimmt die Grenze zwischen privat und dienstlich leicht. Mal eben nach New York im gemieteten Flugzeug, übers Wochenende nach Südfrankreich, mit Gästen zum "Lunch am Beach" und zum "Faulenzen auf dem Boot", dann zum "Powershopping" und abends hinein ins Nachtleben von Saint-Tropez "in fetziger Kleidung", auf Kosten des Unternehmens. In den Augen der Staatsanwaltschaft waren das ganz oder zum Teil betriebsfremde Ausgaben in Höhe von 935.000 Euro.

Das Essener Gericht hat Middelhoff auf den Erdboden zurückgeholt. Der Aufprall tat weh, denn der Angeklagte wurde noch an Ort und Stelle festgenommen. Eine Maßnahme "allein für die Galerie", wie Verteidiger Sven Thomas schon anlässlich einer Hausdurchsuchung bei Middelhoff monierte? Es ist zu erwarten, dass Middelhoff rasch gegen Kaution wieder auf freien Fuß kommt. Ein Angeklagter aber, der auf dem Weg vom Gerichtsvollzieher aus dem Fenster springt, die Dachrinne hinabklettert und auf ein Garagendach springt, nur um dem wartenden Pulk von Journalisten zu entgehen, muss sich nicht wundern, wenn die Justiz bei ihm Fluchtgefahr annimmt. Alle Kletterkunst konnte den Absturz nicht verhindern.

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Der ehemalige Bertelsmann- und Karstadt-Chef ist wegen Untreue verurteilt worden, unter anderem geht es um Hubschrauberflüge auf Firmenkosten. Mal ehrlich: Hätte Ihnen das auch passieren können?

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insgesamt 108 Beiträge
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diskutant32 14.11.2014
1.
Ich versteh die ganze Aufregung nicht. Dieser Mann hat Millionen für seine "hohe Verantwortung" kassiert und jetzt flippen alle aus weil sie auf einmal tatsächlich da ist, die "hohe Verantwortung". Aber wem mach ich hier irgendwas vor, es zeigt sich vortrefflich, daß "hohe Verantwortung" schon immer nur das billigste Argument für überhöhte Managergehälter war. Die Sache mit den Hubschrauberflügen ist im großen ganzen sicher eine Lappalie, aber AL Capone wurde auch nicht für Mord sondern für Steuerhinterziehung hinter Gitter gebracht. Dieser Mann hat einen Konzern ruiniert und tausende Menschen arbeitslos gemacht, weil er und seine Kumpel den Hals nicht voll genug bekommen haben. Er wollte Platintauschierungen für seine goldene Badewanne und bekommt jetzt Fensterornamente aus rostfreiem Stahl, richtig so!
mike48 14.11.2014
2. Einer von vielen .....
Middelhoff ist nur einer von vielen sogenannten Top-Managern, die ihr Geld nicht Wert sind, aber trotzdem Unsummen kassieren. Man fragt sich, wann wird diesem Treiben ein Ende gesetzt. Middelhoff war nur ungeschickt, andere haben größere Summen "abgezogen" und keinen hat´s interessiert.
expendable 14.11.2014
3. Mitteldoof gelaufen...
...offenbar besitzt die Justiz nicht genügend Kunstverständnis um das Gesamtkunstwerk Middelhoff angemessen zu würdigen...Nee, aber mal im Ernst, was hat dieser ärgerliche Mensch getan, um immer wieder, auch an dieser Stelle, als "Top"-Manager verklärt zu werden? Dieser Mensch Middelhoff hat bisher keinen einzigen Tag seines Lebens wirklich gearbeitet, er weiß überhaupt nicht, was arbeiten und Arbeit wirklich bedeutet. Er hat seine Tage damit verbracht, sein hochstaplerisches Spiel zu spielen, am Spekulationsrad zu drehen und die Millionen zu zählen, die er sich mehr oder weniger unmoralisch zu verschaffen wußte. Er hat es nicht einmal besonders gut oder erfolgreich gespielt, sondern hat überall nur Scherbenhaufen und plattgetretene Existenzen hinterlassen. Dennoch ist er "top", aber was soll´s es gibt ja auch "Top-Terroristen"...Jetzt jedenfalls hat er die einmalige Chance, die Bedeutung des Wortes "Arbeit" aus erster Hand kennenzulernen, falls das Tütenkleben in der Knastwerkstatt ihm zumutbar ist...Aber auch da wird der Top-Häftling sicher seine gewohnten Extrawürste in jeder gewünschten Länge und Dicke erhalten...So etwa wird er sich kaum in einer Viermannzelle mit 3 stark tätowierten bulgarischen Fachkräften für Verschiedenes wiederfinden, und mit den Prolls aus dem Blechnapf futtern wird er garantiert auch nicht, sondern es werden sich schon Wege finden, damit er sich seine gewohnte Schampus-Kaviar-Diät in seine Luxuszelle mit Aussicht einfliegen lassen kann..
Bondurant 14.11.2014
4. Widersprüche
Dieser Angeklagte, dem ein paar Jahre lang alles zu Gold zu werden schien, was er anfasste, verlor irgendwann die Bodenhaftung. Nur Arbeit, nur Erfolg, nur Glanz und Gloria. Da verschwimmt die Grenze zwischen privat und dienstlich leicht. Mal eben nach New York im gemieteten Flugzeug, übers Wochenende nach Südfrankreich, mit Gästen zum "Lunch am Beach" und zum "Faulenzen auf dem Boot", dann zum "Powershopping" und abends hinein ins Nachtleben von Saint-Tropez "in fetziger Kleidung", auf Kosten des Unternehmens. In den Augen der Staatsanwaltschaft waren das ganz oder zum Teil betriebsfremde Ausgaben in Höhe von 935.000 Euro. Die Autorin sprich selbst den "Augen der Staatsanwaltschaft" in denen "ganz oder zum Teul" gewisse Ausgaben betriebsfremd gewesen sein sollen. Außerdem von "Verlust der Bodenhaftung" beim Angeklagten. Kein Wort, dass etwa sich der Angeklagte dauerhaft zu bereichern versucht hätte. Aber trotzdem soll das Urteil "gerecht" sein? Schadensersatz, ok. Aber dafür drei Jahre in den Knast?
francoilgatto1! 14.11.2014
5.
Zitat von diskutant32Ich versteh die ganze Aufregung nicht. Dieser Mann hat Millionen für seine "hohe Verantwortung" kassiert und jetzt flippen alle aus weil sie auf einmal tatsächlich da ist, die "hohe Verantwortung". Aber wem mach ich hier irgendwas vor, es zeigt sich vortrefflich, daß "hohe Verantwortung" schon immer nur das billigste Argument für überhöhte Managergehälter war. Die Sache mit den Hubschrauberflügen ist im großen ganzen sicher eine Lappalie, aber AL Capone wurde auch nicht für Mord sondern für Steuerhinterziehung hinter Gitter gebracht. Dieser Mann hat einen Konzern ruiniert und tausende Menschen arbeitslos gemacht, weil er und seine Kumpel den Hals nicht voll genug bekommen haben. Er wollte Platintauschierungen für seine goldene Badewanne und bekommt jetzt Fensterornamente aus rostfreiem Stahl, richtig so!
Wieso Aufregung, die meisten lesen den Artikel wahrscheinlich mit einer Art gemütlicher Genugtuung. Was der Mann abgeliefert hat, hat pathologische Züge. Im Anschluss an die Haft empfehle ich ihm den Eintritt in ein Trappistenkloster.
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