Fusion von O2 und E-Plus: Allianz der Verlierer

Von den manager-magazin.de-Redakteuren Martin Hintze und Nils-Viktor Sorge

Vor der Übernahme: Die Logos von O2 und E-Plus in einem Handy-Laden Zur Großansicht
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Vor der Übernahme: Die Logos von O2 und E-Plus in einem Handy-Laden

Der Zusammenschluss von O2 und E-Plus zum deutschen Marktführer wirkt wie ein Meisterstück. In Wirklichkeit ist die Fusion aber die letzte Rettung für die Mobilfunkanbieter. Statt Telekom und Vodafone müssen wohl eher die Kunden zittern.

Hamburg - Lange hatten sich die Topmanager auf beiden Seiten gesträubt, doch zuletzt war der Leidensdruck offenbar zu groß geworden: Die Mobilfunkanbieter O2 und E-Plus wollen zu einem neuen Unternehmen fusionieren, das der Telekom und Vodafone als neuer Marktführer gegenübertritt. Fünf Milliarden Euro und ein Aktienpaket legt die O2-Mutter Telefónica Deutschland auf den Tisch, um an E-Plus zu kommen, das der niederländischen KPN gehört.

Die Unternehmen gestehen sich damit ein, dass es allein nicht mehr weitergeht. Steigende Investitionskosten für Netze und Lizenzen und fallende Umsätze, bedingt durch Preisverfall und neue Konkurrenz von Gratisanbietern wie Whatsapp im Geschäft mit Textnachrichten, zwangen sie zum Handeln.

"Langfristig hätten es E-Plus und Telefónica Deutschland schwer gehabt, allein am Markt zu überleben", sagt Telekommunikationsexperte Torsten Gerpott, Professor für Unternehmens- und Technologieplanung an der Universität Duisburg-Essen und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Bundesnetzagentur. "Sowohl für Telefónica als auch für KPN ergibt die Fusion Sinn."

Große Herausforderungen in den kommenden Jahren

Tatsächlich stehen die Unternehmen in Deutschland vor immensen Herausforderungen. Auf sich allein gestellt, wären sie wohl kaum in der Lage gewesen, die enormen Investitionen in den Netzausbau und für die Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen aufzubringen, die 2017 zur Verlängerung anstehen. Beim LTE-Hochgeschwindigkeits-Standard der vierten Generation hängen sowohl O2 als auch E-Plus hinter Telekom und Vodafone zurück - vom Festnetz ganz zu schweigen.

Insofern ist der neue Marktführer, der mit 43 Millionen Kunden künftig knapp ein Drittel der Kunden abdeckt, nichts anderes als eine Notgeburt - anders hätten die beiden Anbieter aber womöglich keine Zukunft. "Keiner von beiden hätte die kritische Masse allein erreicht", sagt Berater Michael Opitz von Arthur D. Little mit Blick auf die notwendigen Investitionen.

So unterschiedlich die Strategien des Billiganbieters E-Plus und der Lifestyle-Marke O2 bisher auch waren - an einem Naturgesetz der Branche kamen sie einfach nicht vorbei: Größe zählt. Echte Premiumanbieter, die eine dünne Kundenbasis mit Preisaufschlägen kompensieren können, gibt es nicht. Stattdessen fällt die Marge umso üppiger aus, je größer der Marktanteil eines Anbieters ist. Und je größer die Kapitalkraft, desto leichter fallen die bitter nötigen Investitionen.

"Natürlich hätte KPN das Deutschland-Geschäft gern weiter allein betrieben", sagt ein anderer Unternehmensberater, der auf die Branche spezialisiert ist, "und natürlich hätte Telefónica sich die fünf Milliarden Euro gern gespart." Aber der Druck zur Konsolidierung sei einfach zu groß geworden.

Nur mit drastischen Sparmaßnahmen können sich O2 und E-Plus wieder Luft verschaffen. Und die lassen sich am besten gemeinsam umsetzen - indem Doppelstrukturen abgeschafft werden. Auf gut fünf Milliarden Euro sollen sich die Synergien bis zum Jahr 2019 summieren.

Weniger Anbieter sind schlecht für die Kunden

Telefónica und KPN setzen nun darauf, dass die Wettbewerbshüter der EU-Kommission die missliche Lage der kleinen Anbieter anerkennen und den Zusammenschluss genehmigen. Ein Selbstgänger ist das nicht: Nur noch drei statt vier Mobilfunknetz-Anbieter in Deutschland - das würde den Wettstreit, von dem Kunden bisher stark profitieren, vermutlich dämpfen.

"In einem engen Oligopol mit drei etwa gleich starken Anbietern macht man sich das Leben nicht gegenseitig schwer", sagt Mobilfunkexperte Gerpott. "Üblicherweise teilen sie sich den Markt und die Gewinne friedlich auf."

Und auch die deutsche Monopolkommission zeigt sich kritisch. "In der Vergangenheit haben Wettbewerbsbehörden in zahlreichen Situationen stets darauf geachtet, dass es bei vier Anbietern geblieben ist", sagte ihr Vorsitzender Daniel Zimmer manager magazin online. Doch europaweit geht der Trend zu weniger Anbietern pro Markt. Zusammenschlüsse seien nötig, um schlagkräftige Mobilfunk-Unternehmen in Europa zu schaffen, teilte unlängst der Verband der Europäischen Netzbetreiber in Brüssel mit.

Nicht nur Telefónica Chart zeigen und KPN Chart zeigen schauen deshalb gespannt auf die EU-Kommission. "Wenn dieser Deal durchgeht, gibt das Rückenwind für die Konsolidierung in weiteren Ländern", sagt Berater Opitz.

Insofern blicken auch Telekom und Vodafone Chart zeigen, die bisher größten deutschen Mobilfunkanbieter, nicht nur ablehnend auf den möglichen Zusammenschluss der Wettbewerber. Zum einen könnte der Preisdruck auf dem deutschen Markt nachlassen, wie Experte Gerpott vermutet - die Billigtarife dürften sich auf ihrem jetzigen Niveau stabilisieren. Zum anderen weist ihnen grünes Licht aus Brüssel den Weg zu Fusionen in anderen Ländern.

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insgesamt 116 Beiträge
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1. Verbraucher verlieren
herr_kleint 23.07.2013
Zitat von sysopDer Zusammenschluss von O2 und E-Plus zum deutschen Marktführer wirkt wie ein Meisterstück. In Wirklichkeit ist die Fusion aber die letzte Rettung für die Mobilfunkanbieter. Statt Telekom und Vodafone müssen wohl eher die Kunden zittern. Fusion von O2 und E-Plus ist eine Allianz der Verlierer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/fusion-von-o2-und-e-plus-ist-eine-allianz-der-verlierer-a-912694.html)
Kann der Verbraucher absofort, egal welches Netz, schon mal 10-15 Euro mehr monatlich zur Seite legen. Noch 20% mehr für Butter und 27% mehr für Äpfel und zack, geht die Altersvorsorge dahin. Großartig, diese freie Marktwirtschaft. Da haben echt alle was von.
2. Netzbetreiber sollten nicht Vertragsanbieter sein
boingdil 23.07.2013
Siehe Großbritannien: Inzwischen wird das Netz von allen Anbietern gemeinsam betrieben. Wenn also jeder Anbieter einen von der Regulierungsbehörde in Abhängigkeit der Nutzer festgelegten Betrag bezahlt kann das Netz sinnvoll ausgebaut werden und Redundanzen beseitigt werden. Es wäre dann ein echter Wettbewerb der Vertragskonditionen, und da würden auch die ganzen derzeitigen Re-Seller wie simyo, Blau.de usw. echte Konkurrenten werden. Das wäre ein echter Wettbewerb statt dieses Oligopols, egal ob mit 3 oder 4.
3. Nach der Fusion ist vor der Fusion,
experiencedsailor 23.07.2013
für den Kunden ändert sich außer Logo und schöne Sprüche nichts. Wie bei allen anderen Dingen liegt die Macht in den Händen der Marketing-Heinis und der Controller, die uns eine Standard-Leistung in einem nicht nachvollziehbaren Tarifdschungel als noch besser verkaufen wollen.
4.
rumpelstilzchen1980 23.07.2013
Parallelnetze kann man halt nicht rentabel betreiben. Das ist keine neue Erkenntnis... Und was soll der Markt denn da noch regeln... Die Geschichte wiederholt sich halt immer wieder.
5.
Luscinia007 23.07.2013
Zitat von sysopDer Zusammenschluss von O2 und E-Plus zum deutschen Marktführer wirkt wie ein Meisterstück. In Wirklichkeit ist die Fusion aber die letzte Rettung für die Mobilfunkanbieter. Statt Telekom und Vodafone müssen wohl eher die Kunden zittern. Fusion von O2 und E-Plus ist eine Allianz der Verlierer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/fusion-von-o2-und-e-plus-ist-eine-allianz-der-verlierer-a-912694.html)
Das muss eine Zeitungsente sein. Die Öffnung des Telefonmarkts und die Privatisierung hat zu einem vielfältigen Telekommunikationsmarkt und zu einer Diversifizierung der Angebote geführt. Monopole sollten zerschlagen werden. Der Druck der Marktteilnehmer im freien Markst sollte zu zahlreichen unabhängigen Angeboten führen. Die wirtschaftliche Freiheit führe zu mehr ökonomischer Effizienz und bringt damit Wohlstand und soziale Sicherheit, aber doch keine Oligopole.
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