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Klimaverhandlungen der G7: Reiche Länder ohne Kohle

Von , Elmau

Beim G7-Gipfel hoffen Klimaschützer auf ein Signal der reichen Industriestaaten: Sie sollen sich zum kompletten Ausstieg aus fossilen Energieträgern verpflichten. Doch vor allem Japan bremst.

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Klima-Aktivisten in Garmisch: Nicht mehr alles auf eine Karte setzen

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Als am Vorabend des G7-Gipfels ein schwerer Wolkenbruch über dem Tagungsort in Elmau niederging, war das am Tag darauf für Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt ein Beweis bayerischer Effizienz. "Das muss man erst mal hinkriegen", scherzte er. "Gestern die Demonstranten wegschwemmen und heute so ein Wetter."

Man hätte das Unwetter auch anders deuten können: als kleine Erinnerung an das vielleicht wichtigste Thema des Treffens, den Klimawandel. Der stand am Montagmorgen als erstes auf dem Programm der Staatenlenker, was bei Klimaschützern für große Hoffnungen sorgte. In Elmau sei ein "echter Durchbruch" möglich, sagte Tobias Münchmeyer, Energieexperte bei Greenpeace.

Dabei waren die Erwartungen zuvor gering, zumal das entscheidende Treffen ohnehin der nächste Klimagipfel in Paris sein wird. Noch vor wenigen Tagen wollte ein hochrangiger Vertreter der Bundesregierung nicht einmal versprechen, dass sich das sogenannte Zwei-Grad-Ziel in der Abschlusserklärung der G7 finden wird.

Immerhin, das ist nun gelungen: Die G7-Länder haben in Elmau ein verbindliches Zwei-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung beschlossen. Mit der Übereinkunft wollen sie eine Voraussetzung schaffen, dass im Dezember in Paris ein Welt-Klimavertrag geschlossen werden kann, berichtet die Deutsche Presse-Agentur. Die Uno-Klimakonferenz hatte sich bereits 2010 darauf geeinigt, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.

Klimaschützerherzen höher schlagen lässt ein anderes Konzept: Die G7-Länder könnten sich auf das Ziel einer sogenannten Dekarbonisierung einigen - ein Komplettumbau des Wirtschaftssystems zur Vermeidung von Kohlenstoffemissionen. Dies müsse bis Ende des Jahrhunderts gelingen, forderte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) kurz vor dem Gipfel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Doch die G7 könnten sogar eine noch ehrgeizigere Variante beschließen: Demnach sollen sie bereits bis 2050 ihren Energiesektor entkarbonisieren, bevor der Rest der Wirtschaft dann bis Ende des Jahrhunderts folgen würde.

Dass eine solche kollektive Energiewende überhaupt diskutiert wird, sehen Aktivisten als Anzeichen dafür, dass in der Klimapolitik der lange ersehnte Wandel näher rückt. Weitere Hoffnungswerte:

  • In China war der Kohleverbrauch 2014 rückläufig, die CO2-Emissionen des Energiesektors stiegen nicht weiter an. Das liegt neben einer leichten Abschwächung des Wirtschaftswachstums auch am Ausbau erneuerbarer Energien.
  • In Norwegen beschloss kürzlich der staatliche Pensionsfonds, sich von allen Investitionen in Kohle zu trennen. Der Ruf nach solchen sogenannten Divestment-Strategien wird mittlerweile auch in Deutschland lauter.
  • In Deutschland und anderen Ländern wächst die Angst vor einer sogenannten Carbon Bubble, also einem Absturz von Unternehmen, deren Geschäftsmodell von fossilen Energien abhängt. Große europäische Energiekonzerne haben auf Druck von Investoren angekündigt, ihre Geschäftsmodelle zu überprüfen.
  • In Frankreich will sich François Hollande als Gastgeber des nächsten Klimagipfels für eine "historische Einigung" einsetzen.

Doch hinter dem neuen Optimismus in Elmau steckt neben veränderten Fakten eine nüchterne Analyse des letzten großen Klimagipfels in Kopenhagen. Der wurde 2009 auch deshalb zum Fiasko, weil die westlichen Länder auf weltweite, eindeutige Verpflichtungen gesetzt hatten.

"In Kopenhagen wurde alles auf eine Karte gesetzt", sagt Greenpeace-Energieexperte Münchmeyer. "Das war ein Fehler." Statt wie damals klare Restriktionen für Emissionen zu fordern, loben viele Klimaschützer mittlerweile lieber den wirtschaftlichen Wandel - auch wenn er sich in kleinen Schritten vollzieht.

Das Dekarbonisierungsziel wurde offenbar von der deutschen Präsidentschaft ins Spiel gebracht, fand jedoch die Unterstützung der EU-Länder und zumindest Wohlwollen der USA. Als Blockierer erschienen dagegen vor allem die Japaner.

Als einziges G7-Land hat Japan noch kein konkretes Ziel für den Pariser Gipfel vorgelegt. Während des Gipfeltreffens gab Premierminister Shinzo Abe dann zumindest eine vorläufige Zahl bekannt: Bis 2020 sollen die Emissionen um 26 Prozent sinken.

Das klingt eindrucksvoll, allerdings nur, wenn man wie die Japaner den Ausstoß von 2013 zugrunde legt. Im Vergleich zu 1990 liegt die angestrebte Verringerung nach Angaben der Hilfsorganisation Oxfam dagegen bei nur 18 Prozent - die EU-Länder haben sich hingegen 40 Prozent vorgenommen.

"Ich denke wir sind ehrgeizig genug", verteidigte ein japanischer Spitzendiplomat am Sonntagabend das bescheidene Vorhaben, während vor ihm ein Teller mit Rostbratwürsten und Sauerkraut kalt wurde. Schließlich habe man nach dem Atomunfall von Fukushima den Energiemix völlig umstellen müssen. Außerdem habe Japan schon jetzt eine besonders hohe Energieeffizienz und gebe viel Geld für Klimahilfsprogramme in ärmeren Ländern.

Das sehen Nichtregierungsorganisationen entschieden anders. Merkel müsse Abe "vom Klima-Harakiri" abbringen, forderte Daniel Boese vom Kampagnennetzwerk Avaaz. "Japan darf Fukushima nicht mehr als Ausrede nutzen, sondern muss die Zeichen der Zeit erkennen und seine Weltklasseingenieure auch bei den erneuerbaren Energien anpacken lassen."

Das Bekenntnis zu einer G7-Energiewende schien am zweiten Gipfeltag trotz des japanischen Zögerns erreichbar: Noch gegen 22:30 Uhr trafen sich Klimaunterhändler am Sonntagabend zu einer Verhandlungsrunde. Zur Untermalung hatte es da im Wettersteingebirge nach zwischenzeitlichem Königswetter erneut zu regnen begonnen. Die Sintflut blieb aber diesmal aus.

Zusammengefasst: Beim G7-Gipfel könnten sich die Mitgliedsländer auf ein wichtiges Signal einigen: Den Komplettumstieg auf Erneuerbare Energien bis 2050. Dazu müsste sich vor allem Japan bewegen.

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insgesamt 131 Beiträge
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1. kompletter Ausstieg aus fossilen Energieträgern ?
christiewarwel 08.06.2015
Wieviel wird in die Kernfusionsforschung investiert? Wieviel in Flüssigsalzreaktoren? Wieviel in Kernreaktoren? Ach so, das machen die anderen schon. Wir machen es in Zukunft beim Thema Energie dann wie Griechenland.
2. Der Artikel geht an den Tatsachen vorbei!
pacificwanderer 08.06.2015
China verbraucht fuenf mal soviel fossile Energie wie Japan! Und nicht-Anstieg in China wird als gutes Ergebnis gefeiert... Wie unkritisch sind eigentlich die 'Journalisten' des Spiegel?
3. Wir werden
ingenör79 08.06.2015
noch 50 Jahre auf fosile Brennstoffe angewiesen sein. Ohne Kohle, Erdöl und Erdgas wird es nicht gehen. Mit der Begrenzung aus 2 °C wird es nichts.
4.
infonetz 08.06.2015
Das ist aber auch sehr teuer wie wir das ja von hier nur zu gut kennen. Wenn wir hier den kompletten Ausstieg aus fossilen Energieträgern geschaft haben werden die Strompreise sehr hoch sein. Da dazu noch die Wirtschaft oft nicht dafür zahlen muss oder viel weniger sind die kosten für die Endverbraucher extreme hoch.
5. KOMPLETTER Ausstieg aus fossilen Energietraegern...
texas_star 08.06.2015
... das wird lustig - vor allem wenn man wie Deutschland dann ebenfalls auch noch aus der Kernenergie aussteigt... dann bleiben ein paar erneuerbare Energien uebrig um eine der groessten Volkswirtschaften der Welt zu versorgen.... und das in einem Land wo die Sonne recht wenig scheint, der Wind nicht immer so richtig blaest und es auch nur begrenzt potential fuer Stauseen und aehnliches hat....
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