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Enthüllungsbuch über Gazprom: Ein Konzern wird zur Machtmaschine

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Eine unheimliche Macht, mitten unter uns: Der russische Energieriese Gazprom versucht im deutschen Markt Fuß zu fassen. Ausgerechnet jetzt veröffentlicht der Journalist Jürgen Roth sein Buch über den Staatskonzern. Eine ziemlich haarsträubende Lektüre.

Gazprom-Hauptquartier in Moskau: im Inneren des Grusel-Konzerns Zur Großansicht
dpa

Gazprom-Hauptquartier in Moskau: im Inneren des Grusel-Konzerns

Hamburg - Jedes Mal, wenn Sie die Heizung aufdrehen, wird es in ihrer Wohnung mollig warm - und der russische Machtapparat um ein paar Rubel reicher. So beschreibt es Jürgen Roth in seinem neuen Buch "Gazprom - Das unheimliche Imperium". These: Europa ist angewiesen auf die Lieferungen von Gazprom, eines Energie-Giganten, in dessen Dunstkreis beklemmende Geschichten passieren.

Roth geht diesen Geschichten auf den Grund. Er folgt den Spuren des Geldes, legt dubiose Firmengeflechte auf. Er seziert den 400.000-Menschen-Konzern, der über Tochterunternehmen die fünf wichtigsten TV-Sender Russlands und mehr als ein Dutzend Zeitungsredaktionen kontrolliert und sich einen eigenen bewaffneten Geheimdienst hält. Er erzählt wie manche Geschäftsleute durch Gazprom zu Milliardären wurden - und andere unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen.

Viele Sachverhalte, über die Roth berichtet, wurden bereits zuvor in Zeitungsartikeln und Studien beleuchtet. Das Buch hebt nun die Querverbindungen im System Gazprom hervor. Dem Leser erschließt sich die Dimension des Megakonzerns, den Russland regelmäßig nutzt, um unbotmäßige Nachbarstaaten wie Georgien oder die Ukraine unter Druck zu setzen. Vor allem im Winter ist die Drohung, den Gashahn zuzudrehen, ein machtpolitisches Instrument.

"Das unheimliche Imperium" erscheint in einer Zeit, in der der Konzern versucht, den deutschen Endkundenmarkt zu erobern und seinen Einfluss auf das deutsche Energiesystem auszubauen. Roth zeigt, wie weit diese Pläne schon gediehen sind: Man wolle "eigenständig auf dem deutschen Energiemarkt tätig werden", sagte Pavel Oderov, Leiter des internationalen Gazprom-Geschäfts, Roth zufolge am 27. Februar auf einem geheimen Treffen mit Politikern und Vertretern der Energiewirtschaft in München. Als direkter Konkurrent zu E.on, RWE & Co. In Bayern sollen bald Gaskraftwerke mit Hilfe der Russen entstehen.

Der tiefe Fall des Felix B.

Manche Passagen in Roths Buch lesen sich wie Szenen aus einem Agententhriller. Zum Beispiel die Geschichte von William Felix Browder, einem angelsächsischen Großkapitalisten, der in Russland Geschäfte machen wollte und es bis in den Aufsichtsrat von Gazprom schaffte. Dort stellte er zu viele Fragen. Warum zahlte die Firma Stroitransgas für einen fast fünfprozentigen Anteil an Gazprom nur 2,5 Millionen Dollar, obwohl der Marktwert damals weit höher geschätzt wurde? Warum zahlte Gazprom für diese Anteile später 144 Millionen Dollar?

Browder machte sich offenbar mächtige Feinde. 2005 wurde er am Flughafen von Moskau festgenommen, sein Visum wurde für ungültig erklärt. Sicherheitskräfte setzten ihn in die nächste Maschine nach London. Drei von Browders Firmen wurden liquidiert. Wenige Tage später tauchten sie im russischen Firmenregister wieder auf - mit russischen Besitzern. Ein Anwalt, der in dem Fall recherchierte, wurde 2008 verhaftet und starb am 16. November 2009 im Gefängnis. An "Herzinsuffizienz", wie das Innenministerium mitteilte.

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In anderen Kapiteln zeigt Roth, wie die russische Politelite Gazprom als Melkkuh nutzt. Zum Beispiel beim Bau der Gaspipeline Nord Stream, die mittlerweile Deutschland und andere EU-Länder mit russischem Gas versorgt. Bei diesem Projekt musste der deutsche Rohrhersteller Europipe laut Roth mit einer undurchsichtigen Handelsfirma kooperieren. Deren größter Anteilseigner war seinerzeit ein alter Judo-Kumpane Putins.

Roth zitiert Studien, die belegen, dass jeder Streckenkilometer einer Pipeline vom russischen Gryazovet nach Wyborg im Schnitt viermal so teuer war wie der Bau einer anderen Rohrleitung nach China - obwohl die Ingenieure bei der China-Pipeline mit deutlich ungünstigeren geografischen Verhältnissen zu kämpfen hatten. Die Kosten für solche Eskapaden werden laut Roth auf die Verbraucher abgewälzt, also auch auf die deutschen Energiekunden.

Spannender Stoff, sprachliche Mängel

Roth führt noch mehrere Dutzend solcher Beispiele an, er verdichtet den Stoff zu einem faktenbasierten wirtschaftspolitischen Thriller. Dieser ist stets spannend zu lesen - trotz einiger handwerklicher Schwächen. Den verworrenen Geschichten, in denen es von Protagonisten und obskuren Sub-Sub-Tochterfirmen wimmelt, hätte mehr Leserführung gut getan. Dem Buch fehlen Momente, in denen Fakten noch einmal gebündelt werden. Einordnende Passagen, die erklären, wofür die einzelnen Geschichten stehen.

Stattdessen kommentiert Roth die Geschehnisse teils in reißerischem Duktus. "Wer den Zaren, in diesem Fall Wladimir Putin, nicht kritisiert, lebt unbehelligt", schreibt er an einer Stelle. "Er darf Steuern hinterziehen, betrügen, stehlen und morden."

Es stellt sich zudem die Frage, ob wirklich alle Vorwürfe, ausreichend belegt sind. Roth hat schon in früheren Büchern Ärger bekommen. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder etwa ging rechtlich gegen das Buch "Der Deutschland-Clan" vor. Roth beschreibt darin ohne ausreichende Belege eine Reise von Schröder in die Vereinigten Arabischen Emirate in Verbindung mit seiner Tätigkeit für Gazprom. Eine Passage musste später umgeschrieben werden.

Abgesehen von der gelegentlichen Polemik des Autors aber ist "Gazprom - Das unheimliche Imperium" ein lesenswertes Buch - voll von wissenswerten und haarsträubenden Fakten über einen der wohl mächtigsten Konzerne der Welt.


Jürgen Roth, "Gazprom - Das unheimliche Imperium", Westend, 19,99 Euro

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1. für jeden
linkslibero 20.05.2012
Zitat von sysopdpaEine unheimliche Macht, mitten unter uns: Der russische Energieriese Gazprom versucht im deutschen Markt Fuß zu fassen. Ausgerechnet jetzt veröffentlicht der Journalist Jürgen Roth sein Buch über den Staatskonzern. Eine ziemlich haarsträubende Lektüre. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,829274,00.html
Leute wie Gerhard Schröder, Wolfgang Clement oder Henning Voscherau, andere ehemalige SPD-Spitzenpolitiker gefährden mit Ihrer Tätigkeit für russische Energiekonzerne die deutsche Demokratie. Sie führen Deutschland in die Energieabhängigkeit von einem mafiösen Staat, der in den letzten 20 Jahren Energie wiederholt als außenpolitisches Machtinstrument mißbraucht hat. Was für die Sowjets Panzer und Raketen waren, sind für die Putinisten Öl und Gas. Deshalb taugt der Hinweis nicht, die Sowjets hätten trotz Kalten Kriegs immer zuverlässig geliefert. Für die Sowjets war Energie keine außenpolitische Waffe, für die Putinisten sind Öl und Gas genau das. Die strukturelle Energieabhängigkeit von Russland gefährdet deshalb die deutsche Demokratie, weil wir erpressbar werden. Putin hat andere Staaten erpresst und bedroht mit Lieferstopps, er wird es auch gegen Deutschland tun, wenn er dazu in der Position sein wird. Leute wie Voscherau und Schröder tun alles, damit die russische Mafia-Regierung dorthin gelangt. Und Jürgen Roth hat ein wichtiges Buch geschrieben, das jeder lesen sollte, dem an der Demokratie in Deutschland gelegen ist.
2. Linkslibero im Abseits
marcuspüschel 20.05.2012
Zitat von linksliberoLeute wie Gerhard Schröder, Wolfgang Clement oder Henning Voscherau, andere ehemalige SPD-Spitzenpolitiker gefährden mit Ihrer Tätigkeit für russische Energiekonzerne die deutsche Demokratie. Sie führen Deutschland in die Energieabhängigkeit von einem mafiösen Staat, der in den letzten 20 Jahren Energie wiederholt als außenpolitisches Machtinstrument mißbraucht hat. Was für die Sowjets Panzer und Raketen waren, sind für die Putinisten Öl und Gas. Deshalb taugt der Hinweis nicht, die Sowjets hätten trotz Kalten Kriegs immer zuverlässig geliefert. Für die Sowjets war Energie keine außenpolitische Waffe, für die Putinisten sind Öl und Gas genau das. Die strukturelle Energieabhängigkeit von Russland gefährdet deshalb die deutsche Demokratie, weil wir erpressbar werden. Putin hat andere Staaten erpresst und bedroht mit Lieferstopps, er wird es auch gegen Deutschland tun, wenn er dazu in der Position sein wird. Leute wie Voscherau und Schröder tun alles, damit die russische Mafia-Regierung dorthin gelangt. Und Jürgen Roth hat ein wichtiges Buch geschrieben, das jeder lesen sollte, dem an der Demokratie in Deutschland gelegen ist.
Niemand führt Deutschland in die Energieabhängigkeit, sondern Deutschland IST abhängig. Von jedem der uns Energie verkauft. Ob das die ach so bösen Russen sind, oder arabische Monarchen, oder die netten Norweger. "Erpressen" könnten die uns alle, wobei "Erpressen" nur eine hysterische Umschreibung für eine Preispolitik ist, die jeder Verkäufer handhaben kann wie er lustig ist. Ganz sicher werden die Preise steigen, wenn der Kampf um immer weniger Reserven immer härter wird. Nur haben ehemalige Spitzenpolitiker oder die deutsche Demokratie damit mal gar nix zu tun.
3. Als würde Macht jemals anders funktionieren ...
mahnendeworte 20.05.2012
Das sind ja wahnsinnige Neuigkeiten, die der Herr Jürgen Roth da unter uns verbreiten möchte. Macht funktioniert nur mit Druck - derjenige lebt unter den Machtverhältnissen gut, der wenig kritik übt - derjenige lebt schlecht oder bald gar nicht mehr der an den Mächtigen Kritik übt! Ob in der Diktatur oder einer scheinbaren Demokratie hat Macht hemals anders funktioniert, frage ich? Was linkslibero über unsere Abhängigkeit von Rohstoffen sagt ist interessant, doch nicht was das was er anscheinend politisch motiviert über die Tätigkeit von ehemaligen Politikern in der Machtzentrale von Gazprom schreibt. Einen Mächtigen kann man nur beeinflussen, wenn man in seiner Nähe ist und auch an sein Ohr kommt. Ohne Kontakte zum Machtapparat Gazprom wäre die deutsche Position hinsichtlich Rohstofflieferungen noch schlechter. Also Deutschland ist abhängig vom Treibstoff Gas, Russland (Gazprom) liefert Gas und durch Leute wie Schröder kann man auch noch einen geringen Einfluss auf die Lieferungen nehmen - ohne diesen und andere gar keinen Einfluss. Weshalb man versucht das politisch auszuschlachten war mir von Anbeginn ein abgekartetes von Neid über die gute Bezahlung geprägtes Spiel. Hat sich mal ein Besser-Sozi einen Job krallen können den gerne ein Überheblich-Kobnservativer gehabt haben wollte. Mehr ist dahinter nicht zu sehen. Wenn Deutschland unendliche Rohstoff unter seinem Staatsgebiet entdeckt und das restliche Europa beliefern kann, würde das Spiel genauso laufen wie es jetzt zwischen Russland und dem westlicher gelegenen Europa läuft.
4. Gazproms Einfluss bei Olympia 2014
perkmann 20.05.2012
Neben einigen anderen Oligarchen, die von Putin an der Leine gehalten werden, "darf" auch Gazprom Miliarden in die Olympischen Spiele in Sochi 2014 "Investieren". Was die für eine Macht bereits in Sochi besitzen, ist an jeder Ecke sichtbar: Mit Mafi-Methoden werden Einwohner, Besitzer und Besucher eingeschüchtert oder "geformt", den Ausbauplänen für Sochi 2014 nicht im Weg zu stehen; selbst so mehrfach schon erlebt.
5. Wer hätte das gedacht?
Niamey 20.05.2012
Zitat von sysopdpaEine unheimliche Macht, mitten unter uns: Der russische Energieriese Gazprom versucht im deutschen Markt Fuß zu fassen. Ausgerechnet jetzt veröffentlicht der Journalist Jürgen Roth sein Buch über den Staatskonzern. Eine ziemlich haarsträubende Lektüre. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,829274,00.html
Der Author spricht das offen aus, was alle schon wussten. Das aber ein SPD Bundeskanzler, der vor dem Deutschen Bundestag auf die Deutsche Verfassung geschworen hat, sich dort engagiert, ergibt ein sehr zweifelhaftes Bild dieser Partei. Auch ein Teil der Eurokrise ist ihm, durch die Liberalisierung des Bankensektors, durchaus zuzuschreiben. Vor sowas habe ich keinen Respekt und sehe auch keine Vorbildfunktion. Nut gut, dass er nicht mehr auf der politischen Bühne auftaucht. Er weis schon warum!
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