Geldanlage Mit diesen Geheimtipps lagen Bankberater daneben

Goldfonds, Schiffsbeteiligungen, Zertifikate: Erst hypen Bankberater Investmentprodukte - dann verschwinden sie nach kurzer Zeit vom Markt. Die Anleger haben das Nachsehen. Was bleibt ihnen noch? Der Überblick.

Börsenmakler an der Frankfurter Börse: Auch sie können Crashs oft nicht abfedern - und verlieren dann das Geld vieler Anleger
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Börsenmakler an der Frankfurter Börse: Auch sie können Crashs oft nicht abfedern - und verlieren dann das Geld vieler Anleger

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Schwärmt Ihnen Ihr Bankberater auch immer wieder von neuen Anlageprodukten vor? Hätten Sie in der Vergangenheit auf ihn gehört, dann hätten Sie durchaus viel Geld verbrennen können. In nur wenigen Wochen. Oder ganz langsam, über Jahre hinweg.

Ob Technologieunternehmen, offene Immobilienfonds, Schiffsbeteiligungen oder Goldfonds. Setzt der Kunde wegen falscher Informationen und falscher Beratung alles auf ein hochgejubeltes Produkt - so gewinnt am Ende oft nur die Bank, die Provision kassiert. Hype-Produkte gab es seit der Jahrtausendwende viele - und einige davon haben regelrechte Spekulationsblasen ausgelöst. Manche Anleger verloren ihr ganzes Kapital. Erinnern Sie sich noch? Die verlustträchtigsten Investmentprodukte seit dem Neuen Markt im Überblick.

2000: Die Dotcom-Blase platzt

Der amerikanische Technologie-Index Nasdaq steigt seit Jahren und längst hat der Internet-Hype auch Deutschland erreicht. Um den neuen Tech-Unternehmen den Einstieg an der Börse zu erleichtern, wurde schon 1997 der Neue Markt gegründet. Mehr als 300 Unternehmen haben diese Chance genutzt. Die Aktienkurse schießen in die Höhe. Doch das Geschäftsmodell vieler Firmen ist unklar. Die Anleger pumpen trotzdem immer weiter Kapital in die jungen Unternehmen. Drei Jahre lang steigt der Index. Am 10. März 2000 erreicht der Neue-Markt-Index Nemax All Share sein Allzeithoch, danach stürzen die Kurse ab. Woche für Woche melden weitere Unternehmen Insolvenz an. Zwei Jahre später hat der Markt rund 96 Prozent seines Ursprungswertes eingebüßt. "Die Menschen waren blind gegenüber Risiken", sagt Stefan Heine, Honorarberater der Quirin Bank. "Eine typische Blasenbildung mit Masseneuphorie."

2008: Die Zertifikat-Illusion fliegt auf

Aus der Dotcom-Blase meinen viele Anleger gelernt zu haben. Sie wünschen sich mehr Sicherheit, ihre Bankberater empfehlen nun Zertifikate. Das sind Schuldverschreibungen, deren Rendite an die Wertenwicklung von bestimmten Aktienindizes gekoppelt ist. Die Anleger wetten darauf, wie sich ein Index entwickelt. Auch Zertifikate der US-Bank Lehman Brothers sind beliebt. Das Emittenten-Ausfallrisiko verschweigen die meisten Berater allerdings: Demnach stehen Zertifikate-Käufer an letzter Stelle, wenn Geld aus Insolvenzverfahren verteilt wird. 2007 platzt die Immobilienblase in den USA, mit drastischen Folgen für die Banken. Im September 2008 rutscht Lehman in die Pleite – und die Anleger, die auf Lehman-Zertifikate gesetzt haben, verlieren ihr Geld. Anstatt jährlich wie erwartet etwa fünf Prozent Rendite zu erzielen, gehen für die meisten die kompletten Ersparnisse drauf: rund 80 Prozent des eingesetzten Kapitals. "Fast kein Anleger wusste, was Zertifikate sind und dass es dafür keine Einlagensicherung gibt", sagt Honorarberater Heine. Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, rät: "Von Produkten, die Privatanleger nicht verstehen, sollten sie die Finger lassen."

2011: Börsennotierte Hedgefonds im Keller

Hedgefonds waren lange Zeit nur etwas für die Reichen: Nur wer genügend Geld hatte, konnte in die riskant arbeitenden Fonds investieren. Zur Jahrtausendwende gehen einige Firmen an die Börse, unter anderem die britische Man Group. Die Banken haben nun ein neues Produkt, das sie bewerben können: Hedgefonds-Aktien. Ihre Kunden sind Anleger, die sich in kurzer Zeit Renditen im zweistelligen Bereich versprechen. Doch die Erwartungen werden oft enttäuscht. "Hedgefonds geben vor, die Eier legende Wollmilchsau zu sein", sagt Honorarberater Heine. Trotz aller Versprechen der Bankberater seien Hedgefonds aber oft ein riskantes Wettspiel statt sinnvolle Investition. "Hedgefonds sind Geldmaschinen – für die Fondsmanager", sagt Heine. Die vor allem mit Computer-Algorithmen gesteuerten Hedgefonds machen nach 2008 nun das zweite Mal Verluste: die Man Group 25 Prozent, andere bis zu 50 Prozent.

2011: Offene Immobilienfonds – erst eingefroren, dann

Die Immobilienpreise steigen weiter, heißt es Anfang des Jahrtausends. Zumindest bleiben die Werte erhalten, versprechen die Bankberater ihren Kunden, die vom Absturz des Neuen Markts irritiert sind. Damit wecken die Berater falsche Erwartungen: Die Privatanleger sehen offene Immobilienfonds nun als eine Alternative zum Tagesgeld. Sogar mehr Rendite erhoffen sie sich, etwa vier bis sechs Prozent. Die ersten Jahre klettert der Wert der Fonds tatsächlich in die Höhe – die Produkte scheinen ihr Versprechen zu halten. Bis zur Immobilienkrise 2007 in den USA. Dann nutzen Großinvestoren den Fehler des Systems offener Fonds aus: Es gibt keine Haltefristen, viele Großanleger steigen sehr schnell wieder aus. So schnell, wie das Geld abfließt, können die Fonds ihre Immobilien aber nicht verkaufen. "Kurzfristige Anlagen in Immobilien sind nicht möglich", sagt Daniel Bauer, Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Die Folge: Erst frieren die Manager die Produkte ein, letztlich wickeln sie die Fonds ab. Verlust: rund 25 Prozent.

2012: Der Goldrausch ist vorbei

Die Bankenkrise 2008 verunsichert die Sparer: Sie fürchten um ihr Geld, und da kommen die angebotenen Goldfonds gerade recht. Schließlich horten viele Staaten tonnenweise Goldbarren. Hohe Renditen wollen die Anleger mit ihrer Investition gar nicht erzielen, vielmehr wollen sie den Wert des Geldes erhalten. Die ersten Jahre übertrifft das Gold gar diese Erwartungen: Nachdem 2007 bereits viele krisengeplagte Anleger ihr Geld in Goldfonds gesteckt haben, ziehen in der Eurokrise 2011 weitere Anleger nach. Der Preis für eine Feinunze steigt von rund 600 auf 1920 Dollar. Doch seit dem Allzeithoch 2011 sinkt der Goldpreis kontinuierlich. Wie lange noch, weiß niemand. "Zumindest hat sich in 2011 eine kleine Spekulationsblase gebildet", sagt Berater Heine. Anleger, die beim Allzeithoch kauften, haben bis heute etwa 40 Prozent Verlust gemacht.

2012: Containerschiffe legen nicht mehr ab

Täglich stapeln Reedereien auf ihren Schiffen Container übereinander und bringen tonnenweise Waren über das Meer: aus China, den USA und aus Europa. Banken und Fondsgesellschaften nutzen das aus, verkaufen seit 2005 massenweise Schiffsbeteiligungen an Anleger. Vor allem die Deutschen sind begeistert von den geschlossenen Fonds. Tausende neue Containerfrachter werden von deutschen Sparern finanziert. Später sollen sie einmal bis zu zwölf Prozent Rendite einbringen. Doch mit der Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 kommt die böse Überraschung: Der Handel lahmt, viele Containerschiffe legen nicht ab, einige Reedereien bauen sie gar nicht erst fertig. 2012 erreicht beispielsweise die Aktie der für Schiffsbeteiligungen bekannten Lloyd Fonds AG ihren Nullpunkt. Die Quirin Bank schätzt die Höhe der Verluste auf bis zu 30 Prozent. Christian Hagemann von der Deutschen Honorarberatung geht sogar noch weiter: "Wir kennen nur eine einzige Schiffsbeteiligung, die ihre Prognosen einhalten konnte: Das Schiff ist havariert und war gut versichert – ironischerweise ein Glücksfall für die Anleger."

2014: Mittelstandsanleihen – Gläubiger sollen verzichten

Mittelstandsanleihen sind der neueste Trend. Und die Idee dahinter klingt gut: Mittelständler leihen sich über Anleihen Geld beim Kleinanleger – entweder in Eigenregie oder mithilfe von Investmentbanken. So wollen sie über die nächsten Jahre wachsen. Von Gewinnen sollen auch die Kleinanleger profitieren, denn die Anleihen sind gut verzinst. Allerdings: Nur wenige Mittelstandsanleihen werden direkt über die Börse gehandelt, das macht den Markt undurchsichtig. Zudem schmälert ein Ausgabeaufschlag von bis zu sechs Prozent die versprochene Rendite. Wer in Mittelstandsanleihen investiert, riskiert viel. Das zeigen die Schwankungen des Branchenindexes Mibox – und der lässt Insolvenzen sogar außer Acht. Im März 2012 meldete mit dem Windkraft-Zulieferer SIAG Schaaf der erste Mittelstandsanleihen-Emittent Insolvenz an. Die meisten Anleger verunsicherte das noch nicht. Doch mittlerweile tilgen nur noch die wenigsten Unternehmen ihre Anleihen, oft verlieren die Anleger mehr als 50 Prozent des eingesetzten Kapitals. SdK-Vorstandsmitglied Daniel Bauer schätzt, dass Kleinanleger bereits mehr als eine Milliarde Euro verloren haben: "Und sie werden weitere Milliarden verlieren", sagt er. Die Anleiheemittenten wollten nun immer öfter ihre Gläubiger zu einem Verzicht bewegen. Ihr Geld sähen die privaten Anleger dann nie wieder.

Doch warum rennen Privatanleger immer wieder von einem Hype zum nächsten? Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, sieht vor allem zwei Schuldige: die Banken und die Fondsgesellschaften. "Jedes Jahr bringen beide neue Produkte raus, diese wollen sie natürlich verkaufen - und bewerben sie deshalb als neues Wunderprodukt." Hinzu komme die mangelnde Qualifikation einiger Bankberater: "Ein guter Berater weiß, dass sein Kunde das Portfolio streuen und nicht nur in das Produkt investieren sollte, was gerade das neueste auf dem Markt ist."

Einfache Aktien- und Anleiheportfolios seien daher der beste Weg für eine langfristige Anlage, rät Nauhauser. Das richtige Portfolio könne bei überschaubarem Risiko das investierte Geld über einen langjährigen Zeitraum nicht nur sichern, sondern durchaus auch vermehren.

Um auch mit wenig Kapital möglichst breit zu streuen, schwören Anleger und konservative Vermögensverwalter mittlerweile auf sogenannte Exchange-Traded Funds - kurz: ETFs, börsengehandelte Fonds. Die passivverwalteten Indexfonds beinhalten Aktien, Anleihen oder Rohstoffe, die so einen Index wie den Dax Chart zeigen widerspiegeln. "Passive Anlagen sind der Weg zum Erfolg", glaubt Nauhauser.

Auch Stefan Heine, Honorarberater der privaten Quirin Bank Chart zeigen, empfiehlt ETFs als gute Anlagestrategie: "Sie sind kostengünstig, und bereits mit einem Produkt hält man ein breites Spektrum an Anteilen", sagt er. Da sie selbst kaum daran verdienen, bieten die großen deutschen Bankhäuser ETFs jedoch meist nicht von selbst an. Der Kunde muss seinen Berater explizit auf die passiven Indexfonds ansprechen.

So entsteht eine Spekulationsblase

Wie kommt es überhaupt zu so einer Blase, die schließlich platzt? "Die Anleger folgen einem Herdentrieb, investieren und übersehen jedes Risiko", sagt Honorarberater Stefan Heine von der privaten Berliner Quirin Bank. Der US-amerikanische Ökonom Hyman Minsky beschrieb dieses Phänomen bereits in den Sechzigerjahren: So steht am Anfang jeder Blase eine "Verlagerung", also ein von außen kommender Schock, der die Welt verändert, wie beispielsweise das Internet. Es ist der Grundstein für einen "Boom". In dem beginnen Großinvestoren, das neue Produkt durch Kredite zu finanzieren. Der Gedanke: Die Preise werden nicht mehr fallen, und man wird seine Investition für mehr Geld verkaufen können, um so auch die Kredite zu tilgen.

Minsky beschreibt diese Phase als "Euphorie". Klassische Bewertungskriterien wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei Aktien interessieren die Anleger nicht mehr, schließlich macht gerade jeder Investor Gewinn - bis zur nächsten Phase: der "Krise". In der gehen die ersten Unternehmen in die Insolvenz, die Preise fallen. Verschuldete Anleger müssen jetzt verkaufen, um das geliehene Geld zu sichern. Letztlich stürzen die Preise komplett ab. Es folgt die "Abscheu", die letzte Phase in Minskys Modell. Die Anleger stoßen jetzt auch die letzten Anteile ab, der Wert des Produkts ist nun oft bei null angelangt.

Wirtschaftswissenschaftler belächelten Minskys Theorie zunächst. Bis zur Finanzkrise 2007: Da prägte sich der Begriff des "Minsky Moments".

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
crewmitglied27 28.12.2015
1. Warum Anleger darauf hereinfallen?
Ihr seid lustig. Weil die Anleger genau so gierig sind wie die Anlageberater. Das Problem ist nur: Die Bank gewinnt immer, der Zocker nie. Das ist in allen Casinos so.
NuclearSavety 28.12.2015
2. Wäre SPON kein journalistisches Leitmedium...
... könnte man fast meinen hier läge Schleichwerbung für ETF vor. Ist natürlich nicht so..... aber es wäre trotzdem schön wenn der Artikel das liefern würde was der Titel verspricht.
tkedm 28.12.2015
3.
Achja, die Schiffsbeteiligungen... Das war immer lustig zu sehen, wie (zum großen Teil) gutbetuchte und scheinbar hochintelligente Menschen in den letzten 10 Jahren zu unserem Notariat gerannt sind und ihre Unterschrift unter diese Abzockformulare haben beglaubigen lassen. Da dachte man sich selbst als einfacher Angestellter seinen Teil.
Airkraft 28.12.2015
4. Geheimtipps...
Geheimtipps sind, wie das Wort es schon "andeutet" geheim und nicht öffentlich. Sobald etwas öffentlich ist, ist es ja nicht mehr geheim und kann mittelfristig (manchmal) nur noch als selbst erfüllende Prophezeiung funktionieren. Ein frühzeitiges Ein- und rechtzeitiges Aussteigen sind aber mangels Substanz unbedingt notwendig/erforderlich ;-)
Hartmut Schwensen 28.12.2015
5. Wie sagte ...
... Harald Schmidt so schön: Einmal im Jahr zur Bank gehen und sich beraten lassen, dann weiß man ganz genau, wovon man die Finger lassen sollte.
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