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Gerichtsurteil in Frankfurt am Main: Ex-Banker erstreitet Millionenabfindung

Von , Frankfurt am Main

Vielen gilt er als Raffke, er selbst pocht auf seinen Vertrag - jetzt bekam er Recht vor Gericht: Die Commerzbank muss dem Ex-Mitarbeiter Jens-Peter Neumann anderthalb Millionen Abfindung zahlen, obwohl sein Bereich Milliardenverluste einfuhr. Nun fürchtet das Institut Klagen von Nachahmern.

Commerzbank-Zentrale in Frankfurt am Main: Dutzende Investmentbanker wollen Boni Zur Großansicht
dpa

Commerzbank-Zentrale in Frankfurt am Main: Dutzende Investmentbanker wollen Boni

Jens-Peter Neumann wird wohl Besuche in der Heimat in nächster Zeit tunlichst vermeiden. Der 50-jährige Investmentbanker, der seinen Wohnsitz mittlerweile ins sonnige Zypern verlegt hat, weiß sehr wohl, dass er jetzt für viele das Gesicht der Habsucht und des Egoismus sein wird.

Schon am Donnerstag verzichtet er deshalb lieber darauf, vor dem Frankfurter Arbeitsgericht persönlich zu erscheinen. Aus gutem Grund: Noch bevor der Richter das Urteil fällt, kocht die Wut bei vielen hoch. Für die "Raffgiermentalität", die Neumann an den Tag lege, habe er "keinerlei Verständnis", sagt etwa der ehemalige Dresdner-Bank-Betriebsratschef Hans-Georg Binder.

Bis Februar leitete Neumann das Kapitalmarktgeschäft bei der Dresdner-Bank-Tochter Kleinwort. Satte 5,7 Milliarden Euro Verlust machte sein Geschäftsbereich 2008. Trotzdem kassierte Neumann einen Bonus von drei Millionen Euro für das Horrorjahr - und als ob das nicht genug wäre, hat er vor Gericht nun auch noch eine Abfindung von 1,5 Millionen Euro erkämpft.

Nun muss also die Commerzbank zahlen, die zu 25 Prozent dem Staat gehört und mittlerweile Eigner der Dresdner Bank ist. Oder Berufung einlegen. Wobei nicht davon auszugehen ist, dass die nächste Instanz anders entscheidet.

Denn die Sachlage ist ziemlich eindeutig: Neumann hatte einen Vertrag, in dem die Gelder garantiert wurden. Die Commerzbank hat es wohl vor allem deshalb auf den Showdown vor Gericht angelegt, um zu demonstrieren, wie hart sie in der Sache kämpft. Schließlich geht es auch um Steuergelder. So sind die Rollen in Frankfurt am Main klar verteilt. Neumann ist der, der die Gemeinschaft abzockt. Die Juristen der Commerzbank kämpfen auf aussichtslosem Posten für die Moral.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn auch die Commerzbank hat in der Sache Fehler gemacht. Und letztlich zeigt die ganze Geschichte des Jens-Peter Neumann nicht nur die verschrobene Sichtweise eines Investmentbankers auf die Welt, sondern auch die skurrile Wirklichkeit der Finanzwelt vor dem großen Crash.

Neumann wurde dringend gebraucht

Investmentbanker sind von jeher nicht gerade die Typen, die Jahrzehnte beim gleichen Unternehmen bleiben. Die Geldjongleure sind Nomaden, die getrieben vom eigenen Ehrgeiz stets dem Angebot folgen, das noch lukrativer erscheint und noch mehr Macht verspricht. Schließlich ist der Job ja überall der gleiche - und die Finanzmetropolen ähneln sich auch.

So ist die Unruhe bei einer Investmentbank sicherlich besonders groß, wenn der Laden den Bach runtergeht und dann auch noch eventuell verscherbelt werden soll. Die Mitarbeiter halten Ausschau nach neuen attraktiven Offerten. Headhunter rufen an. So ungefähr muss man sich die Situation wohl bei der Dresdner Kleinwort im Frühsommer 2009 vorstellen. Seit März ist klar, dass die Investmentbanktochter der Dresdner Bank beim Verkauf des Unternehmens wohl abgespalten wird.

Doch das Problem ist: Auch wenn die Kleinwort-Männer in den vergangenen Jahren nicht unbedingt Glanzleistungen gezeigt haben, werden sie für die letzten Monate dennoch dringend gebraucht. Die Bank muss schließlich noch so gut, wie es eben geht, aufgehübscht werden für den Verkauf. Und gerade jetzt in der Krise sind die riskanten Werte im Portfolio Sprengstoff. Nicht auszudenken, was passiert, wenn plötzlich die einzigen Leute abhauen, die ihn womöglich noch entschärfen können.

Millionen-Versprechen kurz vor dem Kollaps der Märkte

Sogar die Londoner Börsenaufsicht sorgte sich zur damaligen Zeit um Kleinwort. Die "Zeit" und das "Handelsblatt" berichteten über ein vertrauliches Schreiben der FSA an den Vorstand der Dresdner-Tochter. Die Aufseher warnten darin dringend, der Weggang von Schlüsselpersonen könne "destabilisierende Auswirkungen" für die Investmentbank haben.

So kam es zu einem Deal, der Laien nur den Kopf schütteln lässt. Die damalige Dresdner-Bank-Mutter Allianz legte einen 400-Millionen-Euro-Topf auf, um den Unentbehrlichen bei Kleinwort eine Bleibeprämie zu zahlen.

Neumann wurden drei Millionen versprochen.

Wenige Monate später, im November, ist die Welt eine andere. Die US-Investmentbank Lehman Brothers ist kollabiert, auf den Finanzmärkten der Welt folgt ein Beben nach dem nächsten. Die Dresdner Bank wurde an die Commerzbank verkauft - die wiederum ist durch die Krise derart mitgenommen, dass der Staat einsteigen musste.

Und Neumann ist klar, dass die Commerzbank Leute wie ihn nicht mehr haben will. Er greift zu, als ihm der Abgang für 1,5 Millionen Euro angeboten wird. Der Auflösungsvertrag wird im November unterzeichnet. Auch der Bonus für 2008 sei Neumann darin nochmals garantiert worden, stellt Richter Klaus Köttinger am Donnerstag im Gerichtssaal nüchtern fest.

Die drei Millionen fließen im Januar auf Neumanns Konto. Und im Februar erhält er ein Schreiben, er möge das Geld wieder zurücküberweisen an die Bank.

Zahlen mit vielen Nullen

Die Erklärung dieses Stimmungumschwungs klingt ein bisschen absurd. Das Ausmaß der Katastrophe bei der Dresdner Kleinwort sei erst nach Auszahlung des Bonus bekannt geworden, erklärt Commerzbank-Jurist Jochim Rosenthal vor Gericht.

Natürlich habe man auch im November schon gewusst, dass es nicht gut aussieht bei der Investmentbank-Tochter, gesteht Rosenthal ein. Doch Ende 2008 wurden 2,9 Milliarden Euro Verlust prognostiziert. Tatsächlich häufte die Dresdner Kleinwort 2008 mehr als 6,2 Milliarden Euro Verlust an. "Das sind drei Milliarden Euro mehr als gedacht", sagt Rosenthal mit Nachdruck: "Also 3000 Millionen Euro!"

Die Frage, warum bei einem Minus von 2,9 Milliarden Euro - also bei 2900 Millionen Euro Verlust - ein Millionenbonus moralisch vertretbarer sein soll, schneidet der Jurist freilich nicht an.

Tatsächlich dürfte Commerzbank-Chef Blessing Anfang des Jahres einfach endgültig aufgegangen sein, dass man Millionen-Boni für Ex-Investmentbanker in solchen Zeiten weder vor den eigenen Mitarbeitern noch vor der Öffentlichkeit rechtfertigen kann. Nicht wenn eine Bank teilweise dem Staat gehört. Und schon gar nicht, wenn allen anderen Kollegen bei dem fusionierten Geldinstitut wegen der Schieflage der Bank die variablen Bezüge für 2008 gestrichen wurden.

Ex-Banker Neumann wiederum findet, dass arbeitsrechtliche Verträge auch dann gelten sollen, wenn die Zahlen darin "ein paar Nullen mehr haben". So formuliert es einer seiner Vertrauten, der anstelle des Wahl-Zyprioten an diesem kalten Oktobertag den Weg nach Frankfurt am Main angetreten hat. Vor allem aber will der ehemalige Leiter der Kapitalmarktsparte offensichtlich nicht einsehen, warum ausgerechnet er ein schlechtes Gewissen haben soll.

"Wenn jemand seine Arbeit gemacht hat, sollte er auch Geld bekommen"

Natürlich wisse der Banker, dass er "qua Funktion" Verantwortung trage, sagt der Mann aus seinem Umfeld. Tatsächlich aber sei sein "Spielraum begrenzt" gewesen. Als Neumann 2006 seinen Job antrat, hätten 90 Prozent der letztlich verhängnisvollen Werte schon im Portfolio gelegen. Neumann sei zudem vor allem geholt worden, um das 1600-Mann-Team in seinem Bereich neu aufzustellen. Die Entscheidung darüber, was gekauft wurde und was nicht, habe in erster Linie beim Vorstand und beim Risikomanagement gelegen.

Letztendlich folgt die Argumentation der Logik, die fast alle Spieler im großen Finanzcasino anbringen können: Jeder will nur seinen Job gemacht haben. Und das natürlich so gut es ging.

Doch auch wenn sich moralisch darüber streiten lässt, juristisch ist Neumann im Recht. Und die Commerzbank hat ein Problem. Denn nach dem Urteilsspruch am Donnerstag drohen der Bank weitere Klagewellen. Neumann ist nämlich nicht der einzige Ex-Kleinwort-Mann, der noch Geld einfordert.

In London haben mehr als 70 ehemalige Kollegen ebenfalls Klage eingereicht, die ihre versprochenen Boni für 2008 endlich haben wollen. Auslöser war ein Urteil vom Sommer, demzufolge die Commerzbank vier Managern der früheren Investmentbankingsparte insgesamt zehn Millionen Euro ausbezahlen muss. In Deutschland stehen ebenfalls schon diverse Gerichtstermine an. Nach Neumanns Erfolg werden wohl noch weitere Banker ihr Glück versuchen.

Und auch sie werden letztlich der Philosophie folgen, die auch Neumann vertritt. Natürlich könne er die Empörung der Öffentlichkeit verstehen, sagt einer, der im Gericht im Publikum sitzt. "Aber wenn jemand seine Arbeit gut gemacht hat, sollte er auch sein Geld dafür bekommen." Davon aber werden wohl die meisten Ex-Investmentbanker überzeugt sein. Ihr Job war es, riskante Entscheidungen zu treffen, um hohe Gewinne möglich zu machen. Dass das auch danebengehen kann, gehört zum Spiel.

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Forum - Bonus trotz Staatshilfe?
insgesamt 943 Beiträge
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1.
Reziprozität 15.07.2009
Zitat von sysopStaatsgeld in Anspruch nehmen, aber dem Chef hohe Boni zahlen: Das Vorgehen der angeschlagenen HSH Nordbank empört Finanzminister Peer Steinbrück. Bonuszahlungen trotz Krise und Staatshilfe?
Ganz eindeutig: Nein! Was hat btw. die HSH Nordbank eigentlich im DeserTec-Konsortium zu suchen? Sollen die nicht die Kreditfinanzierung fuer den Mittelstand im Norden absichern?
2.
dhanz, 15.07.2009
Zitat von sysopStaatsgeld in Anspruch nehmen, aber dem Chef hohe Boni zahlen: Das Vorgehen der angeschlagenen HSH Nordbank empört Finanzminister Peer Steinbrück. Bonuszahlungen trotz Krise und Staatshilfe?
Natürlich NEIN. Für die Zukunft muß man mit den Vorständen Verträge aushandeln, die die Möglichkeit von Bonuszahlungen STRENG an den nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens koppeln.
3. Bonus trotz Staatshilfe?
der_pfau 15.07.2009
Und damit offenbart sich wieder eine alte Erkenntnis. Wer dreist genug ist, dem füllt man die Taschen. Hat den wirklich jemand gedacht, wir kehren von der freien zur sozialen Marktwirtschaft zurück?
4.
japan10 15.07.2009
Zitat von sysopStaatsgeld in Anspruch nehmen, aber dem Chef hohe Boni zahlen: Das Vorgehen der angeschlagenen HSH Nordbank empört Finanzminister Peer Steinbrück. Bonuszahlungen trotz Krise und Staatshilfe?
HSH Nordbank ist doch ganz was besonderes. Da hat man einen Wirtschaftsmann als Minister und dieser wird rausgeekelt. Es zeigt, wie Machtlos doch unsere Politiker gegen diese Leute sind.
5.
boell 15.07.2009
Zitat von sysopStaatsgeld in Anspruch nehmen, aber dem Chef hohe Boni zahlen: Das Vorgehen der angeschlagenen HSH Nordbank empört Finanzminister Peer Steinbrück. Bonuszahlungen trotz Krise und Staatshilfe?
Ich finde das ganz in Ordnung. Schliesslich tun diese studierten Betriebswirte etwas mit ihren systemtragenden Banken für den Aufschwung der freien Kräfte des Marktes, ergo haben sie alle Unterstützung nötig und sei es in Form von Boni. Neid hilft nicht weiter, sondern Applaus.
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