Germania Experte hält Krise für existenzbedrohend

Hohe Kerosinpreise, ein schwacher Euro und die massive Konkurrenz haben die Fluggesellschaft Germania in eine tiefe Krise gestürzt. Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt zweifelt sogar, ob die Airline "den Sommer noch erleben wird".

Germania-Flugzeug in Hamburg
DPA

Germania-Flugzeug in Hamburg


Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt befürchtet, dass die Krise von Germania viel tiefer geht, als die offiziellen Statements der Fluggesellschaft auf den ersten Blick vermuten lassen. "Man darf ernsthafte Zweifel haben, ob Germania noch den Sommer erleben wird", erklärte er gegenüber dem SPIEGEL. "In den letzten Jahren hat das Unternehmen deutlich mehr als 50 Millionen Euro Verluste eingeflogen. Da reicht die Luft irgendwann nicht mehr aus".

Wie aus den im Bundesanzeiger veröffentlichten Jahresabschlüssen hervorgeht, hatte die in Berlinansässige Fluggesellschaft 2016 einen Verlust von 7,7 Millionen Euro ausgewiesen, 2015 betrug das Minus 6,8 Millionen Euro. Die Germania Beteiligungsgesellschaft, Eigentümerin der Germania, erwirtschaftete laut Jahresabschluss 2016 einen Fehlbetrag von 32 Millionen Euro. Jahresabschlüsse für 2017 und 2018 der Germania sind im Bundesanzeiger bislang nicht veröffentlicht.

Die aktuelle Krise werde sich unmittelbar auf die Buchungen auswirken, fügte Großbongardt hinzu. Die Verbraucher hätten noch die Pleite von Air Berlin in Erinnerung. "Sie werden sich dreimal überlegen, mit wem sie auf die Kanaren fliegen." Nach Angaben der "Handelszeitung" entschied sich bereits der Reiseveranstalter Hotelplan Suisse, ab sofort keine Flugtickets mehr von Germania anzubieten.

Riskante Nischenstrategie

Ein Einbruch der Buchungszahlen aber würde Germania unmittelbar in Not bringen. "Das laufende Geschäft von solchen Fluggesellschaften wird aus den Vorausbuchungen finanziert. Die müssen Liquidität bringen. Aber wenn Buchungen für den Sommer nun einbrechen, wirkt sich das sofort auf die Kasse aus."

Bislang versucht Germania, sich als Mittelständler mit einer 3-Säulen-Strategie gegen die Großen der Branche zu behaupten. Sie wickeln den Werksverkehr für Airbus zwischen Hamburg und Toulouse ab, verchartern einen Teil ihrer Maschinen - und bieten in Nischen Linienflüge an - etwa in den Kosovo oder nach Georgien. "Das kann eine Zeitlang funktionieren", erklärt Großbongardt. Aber wenn sich eine Nische gut entwickelt, dann sind schnell schlagkräftige Konkurrenten im Spiel."

Im Grunde beurteilt der Experte die Situation noch kritischer als bei Air Berlin im vergangenen Jahr. "Air Berlin verfügte über attraktive Strecken, die sehr gefragt waren. Davon ist bei Germania wenig zu sehen." Die dringend notwendige Erneuerung der Flotte mache die Situation nicht einfacher. "Germania bekommt dafür bestimmt nicht die besten Konditionen bei Finanzierern - in dieser Lage erst recht nicht."

Germania hatte am Dienstagabend bekanntgegeben, dass sie dringend Geld benötigt. Die Airline prüfe "aktuell mehrere Optionen einer Finanzierung, um den kurzfristigen Liquiditätsbedarf zu sichern", heißt es in der Mitteilung.

Dem Luftfahrt-Portal "Aerotelegraph" zufolge ist auch ein Verkauf der Gesellschaft denkbar. Die Suche nach neuen Aktionären sei aber bisher erfolglos geblieben. Dem Bericht zufolge brauchte Germania bereits kurz vor dem Jahreswechsel 20 Millionen Euro, um weiterfliegen zu können. Eine Germania-Sprecherin wollte die Informationen an diesem Mittwochmorgen nicht kommentieren.

mik/cmh/dpa



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
lg73 09.01.2019
1. Ryanairisierung
Mit der Öffnung des deutschen Marktes für Billigheimer wie Ryanair, die auf Arbeitnehmerrechte pfeifen und deshalb schön billig sind, ist es sehr schwer für eine kleine "ordentliche" Airline zu überleben. Ryanair hat das Rennen um die niedrigsten Standards eröffnet, und wenn dann die Konkurrenz erst einmal verschwunden ist, wird auch Ryanair die Preise anheben. Das passiert eben wenn der Verbraucher nur auf den Preis schaut, dann geht es halt in Zukunft mit Ryanair in die Ferien, mit nur 15 kg Gepäck und alles kostet extra. TUIfly wird auch irgendwann verschwinden. Das zeigt wie wichtig es eigentlich wäre, EU-weit einheitliche Standards zu haben und Lohn- und Steuerdumping z.B. durch die Iren zu verhindern.
skygirl 09.01.2019
2. und das...
..obwohl doch eigentlich die böse VC und UFO am Untergang der Germania arbeiten (gerne auch im Auftrag der Konkurrenz)...so zumindest die vom Management verbreitete Legende unter den Mitarbeitern. Ende vergangenen Jahres hat die Firma dazu eigens ein Video publiziert, dass für Belustigung gesorgt hat. (zur Erklärung: bekennende Gewerkschafter werden von diesem Unternehmen auch gerne mal einfach entlassen, daher gibt es auch keine Freiwilligen die sich dort als Tarifkommission outen).
see_baer 09.01.2019
3. Muß eigentlich jeder dreimal in den Urlaub fliegen?
Wohin der Preisdruck führt sieht man hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Aloha-Airlines-Flug_243
skygirl 09.01.2019
4. nun ja...
Zitat von see_baerWohin der Preisdruck führt sieht man hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Aloha-Airlines-Flug_243
ein Unfall der letztendlich auf Materialermüdung durch Korrosion an einem zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alten Flugzeug (das quasi dauerhaft dem Inselklima ausgesetzt war) zurückzuführen ist und vor über 30 Jahren im hawaiischen Luftraum geschah, hat ja wohl kaum etwas mit der Diskussion um Misswirtschaft bei einer deutschen Airline im Jahr 2019 zu tun. Der amerikanische Markt war zwar damals bereit liberalisiert, aber man hat Aloha nicht vorgeworfen aus Wettbewerbsgründen bei der Wartung geschlampt zu haben.
syracusa 09.01.2019
5.
Zitat von lg73Mit der Öffnung des deutschen Marktes für Billigheimer wie Ryanair, die auf Arbeitnehmerrechte pfeifen und deshalb schön billig sind, ist es sehr schwer für eine kleine "ordentliche" Airline zu überleben. Ryanair hat das Rennen um die niedrigsten Standards eröffnet, und wenn dann die Konkurrenz erst einmal verschwunden ist, wird auch Ryanair die Preise anheben. Das passiert eben wenn der Verbraucher nur auf den Preis schaut, dann geht es halt in Zukunft mit Ryanair in die Ferien, mit nur 15 kg Gepäck und alles kostet extra. TUIfly wird auch irgendwann verschwinden. Das zeigt wie wichtig es eigentlich wäre, EU-weit einheitliche Standards zu haben und Lohn- und Steuerdumping z.B. durch die Iren zu verhindern.
Es gibt keinen deutschen Markt, sondern nur den der EU. Aber ansonsten haben Sie recht: Wettbwerb zwischen Unternehmen muss über Leistung und Effizienz stattfinden, nicht aber über Sozial-, Lohn- und Steuerdumping.
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