Entschädigung für Germanwings-Opfer Zahlen für das Unbezahlbare

Das Leid lässt sich nicht beziffern, Geld steht Angehörigen der Germanwings-Opfer dennoch zu. Den Mutterkonzern Lufthansa erwarten hohe Forderungen - zunächst zahlt das Unternehmen bis zu 50.000 Euro pro Passagier.

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Gedenkstein in Frankreich: Buchungsbestätigungen ersetzen Sterbeurkunden
REUTERS

Gedenkstein in Frankreich: Buchungsbestätigungen ersetzen Sterbeurkunden


Berlin/Hamburg - Bei der Allianz wurde gerade eine neue Hotline eingerichtet: Unter 0800-4720104 können sich Angehörige von Passagieren melden, die an Bord des in Südfrankreich abgestürzten Germanwings-Fluges waren. Der Versicherungskonzern verspricht schnelle und unbürokratische Hilfe. Anstelle der sonst grundsätzlich erforderlichen Sterbeurkunde würden auch andere Dokumente akzeptiert - etwa eine Buchungsbestätigung von Germanwings.

Bei der Hotline geht es um private Ansprüche aus Lebens-, Sach- und Krankenversicherungen. Doch der Absturz von Flug 4U9525 wird die Allianz auch darüber hinaus beschäftigen: Sie war der Hauptversicherer des Airbus, den Co-Pilot Andreas Lubitz am Dienstag offenbar absichtlich zum Absturz brachte. Obwohl das dabei entstandene Leid sich eigentlich nicht beziffern lässt, werden Anwälte, Versicherungsexperten und Richter genau das in den kommenden Monaten und Jahren versuchen müssen.

Viele Angehörige dürften schon in den kommenden Wochen eine Überbrückungshilfe von bis zu 50.000 Euro überwiesen bekommen - zur Deckung unmittelbarer Ausgaben. Einen entsprechenden Bericht des "Tagesspiegels" bestätigte die Lufthansa am Freitag. Laut Montrealer Übereinkommen, das Entschädigungsansprüche in der Luftfahrt international regelt, stehen den Angehörigen knapp 21.000 Euro binnen zwei Wochen zu. Das Abkommen begrenzt zugleich die Haftung pro Passagier auf knapp 146.000 Euro - aber nur, wenn die Fluglinie und ihre Mitarbeiter keine Schuld trifft. Auf ein solches Verschulden von Lubitz deutet aber derzeit alles hin.

"Wenn die Airline Mitschuld trägt, dann haftet sie unbegrenzt", sagt eine Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Umso wichtiger werden für die Lufthansa die gängigen Versicherungen:

Die sogenannte Luftfrachtführer-Haftpflichtversicherung deckt Schäden von Passagieren und die Ansprüche ihrer Hinterbliebenen ab. An diese dürften mit Abstand die höchsten Zahlungen fällig werden, die allerdings höchst unterschiedlich ausfallen könnten. Denn der Schadensersatz hängt unter anderem vom Alter und Beruf eines Opfers ab sowie den in seinem Heimatland übrigen Schadensersatzansprüchen. So könnten die Angehörigen der drei Amerikaner an Bord von 4U9525 unter Umständen besonders hohe Entschädigungen erstreiten, wie sie in den USA üblich sind.

Häufig werden Schadensersatzzahlungen jedoch nicht öffentlich. Nach dem Absturz einer Concorde im Jahr 2000 nördlich von Paris einigten sich die Familien der 97 deutschen Opfer außergerichtlich. Sie erhielten Presseberichten zufolge Abfindungen von jeweils rund einer Million Dollar; dafür verzichteten sie auf ihr Klagerecht.

Piloten-Suizid ändert nichts an Ansprüchen der Angehörigen

Weniger ins Gewicht fällt die Drittschadenhaftpflichtversicherung, die Schäden außerhalb des Flugzeugs abdeckt. Da die Germanwings-Maschine über unbewohntem Gebiet in den Alpen abstürzte, dürften sich die Forderungen hier in Grenzen halten. Ähnliches gilt für die Luftfahrtkaskoversicherung, mit der die Fluggesellschaft sich selbst gegen Schäden am Flugzeug versichert. Da der Airbus A320 schon 24 Jahre alt war, ist sein zu ersetzender Restwert vergleichsweise gering.

Sollte sich der Suizidverdacht erhärten, so könnte statt der Kaskoversicherung eine Police greifen, welche die Airline außer gegen Kriegsschäden und Anschlägen gegen andere "bösartige Handlungen" absichert. Deutlich wichtiger aber: "An der Art der Entschädigung für die Angehörigen der Opfer ändert sich dadurch nichts", so die GDV-Sprecherin. Auch die Allianz merkt an: "Dass der Co-Pilot die Germanwings-Maschine wahrscheinlich absichtlich abstürzen ließ, hat im Übrigen keine Auswirkungen auf die Versicherungsleistungen bei Verträgen der Lebens-, Sach- und Krankenversicherung der Allianz Deutschland."

Doch zunächst müsste ein Suizid nachgewiesen werden - und das kann schwierig werden. Im November 2013 spielte sich in einer Embraer 190 über Namibia ein sehr ähnliches Szenario ab wie jetzt in den Alpen: Der Co-Pilot hatte das Cockpit verlassen, um auf die Toilette zu gehen. Später öffnete der Pilot die Tür zum Cockpit nicht mehr. Der Sprachrekorder zeichnete noch ein panisches Türklopfen auf; da befand sich die Maschine bereits im Sinkflug.

Ende Januar dieses Jahres zitierte die Zeitung "The Namibian" aus dem vorläufigen Untersuchungsbericht. Demnach ließ der Pilot die Maschine willentlich abstürzen, die Angehörigen hätten also Anspruch auf höhere Summen als im Montrealer Abkommen festgelegt. Bislang wurden jedoch keine Zahlungen bekannt, der Abschlussbericht zum Absturz steht noch aus.

Auch der Co-Pilot des EgyptAir-Flugs 990 soll seine Maschine 1999 absichtlich in den Atlantik vor New York gelenkt haben. 217 Menschen starben damals. Für die Angehörigen eines der Opfer erstritt der US-Anwalt Jonathan Reiter 3,6 Millionen Dollar. Das Urteil fiel erst sieben Jahre nach dem Unglück. "So verheerend ein Absturz auch ist", sagte Reiter SPIEGEL ONLINE, "für die Summe des Schadensersatzes zählt weniger, ob der Pilot Suizid begangen hat oder einen Bedienfehler. Was zählt, sind die persönlichen Umstände des Opfers."


Anmerkung der Redaktion: Nachdem wir den Nachnamen des Co-Piloten zunächst abgekürzt haben, schreiben wir ihn nun, ebenso wie der an diesem Freitagabend digital erscheinende SPIEGEL, aus. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Ermittler lassen keine Zweifel zu: Andreas Lubitz führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen er auch immer handelte. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse "eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat" vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt.

Was wir auf SPIEGEL ONLINE auch weiterhin nicht zeigen, sind Nahaufnahmen von Angehörigen der Opfer. Denn dafür gibt es, solange die Personen nicht von sich aus an die Öffentlichkeit gehen, keinen Grund. Wir respektieren ihre Privatsphäre.

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insgesamt 113 Beiträge
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Seite 1
360° 27.03.2015
1. Das wird der LH viel kosten
Da, laut diversen Zeitungsberichten, schon in der Ausbildung psychische Probleme des Copiloten auftraten und die Lufthansa ihn dennoch in das Cockpit setzte, werden ziemlich hohe Schadensersatzforderungen auf die Airline zukommen.
Pars pro toto 27.03.2015
2. Ekelhaft
das jetzt schon über Forderungen debattiert wird. Charakter und Anstandslos finde ich das.
AndreHa 27.03.2015
3.
Allianz und schnelle Hilfe. Das ist wie Feuer und Wasser. Abgesehen davon eine völlig pietätlose Bekanntmachung.
klaus64 27.03.2015
4. Problematik der Mitschuld der Airline
Das derzeitige Leid der Angehörigen der Opfer sollte die kommerzielle Diskussion in der Hintergrund treten lassen. U.U. trifft aber die Lufthansa und das gesamte gesundheitliche Sicherungssystem für Piloten eine Mitschuld. Der Pilot war - wie jetzt bekannt krankgeschrieben, d.h. er war fluguntauglich. Er verheimlichte das aber seinem Arbeitgeber. Sicherlich auch die seit Wochen laufende ärztliche Behandlung. Anscheinend war er schon länger fluguntauglich, was aber das Kontrollsystem der LH nicht erfassen konnte, weil ja auch dafür eine ärztliche Schweigepflicht besteht. Der junge Mann schafft die Ausbildung zum Piloten. Ein Held in der Kleinstadt. Wird aber zuerst als Flugbegleiter "zum Kaffeeausschenken " eingesetzt, schafft es endlich zum Piloten und stellt dann im laufe der Zeit seine psychische Untauglichkeit fest. Zurück zum Flugbegleiter - unmöglich. So nimmt er sich als Pilot das Leben, weil seine Untauglichkeit bald auffliegen muss. Er tut es, an seinem liebsten Platz, ohne über die anderen 149 Menschen nachzudenken. Damit ist er ein tragischer Held mit diesem schlimmen Ausgang. Aber wer schützt uns vor den anderen in der Welt eingesetzten und u.U. kranken Piloten ? Hier sollte angesetzt werden.
raber 27.03.2015
5. Entschädigungen und Informationsfluss
Die Angehörigen der Flugopfer sollten schon informiert sein worauf sie Anrecht haben. Sonst verlaufen Fristen und die Lufthansa würde allzugern so wenig wie möglich gennant werden. Zum Beispiel fällt auf, dass bei LH-Pressekonferenzen der Hintergrund neutral gehalten wird, wenn sie üblicherweise voller LH-Logos wimmeln. Auch die Sprecher tragen plötzlich keine Anstecker auf ihrer Kleidung. Es ist alles eine sehr traurige Geschichte, aber die Information sollte schon für alle verfügbar sein. Wenn man Berichte über Katastrophen in anderen Ländern liest, dann sind die Details manchmal noch grausamer.
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