Von Christian Teevs
Die entscheidende Wende nahm die Sache in London. Kurz vor Weihnachten traf sich Thilo Bode mit sechs Managern der Deutschen Bank in der britischen Finanzmetropole. "Die Atmosphäre war sehr unangenehm", erzählt der Chef von Foodwatch, seine Gastgeber ließen ihn und seine Kritik an den Rohstoffspekulationen der Bank einfach auflaufen. "Die wollten meine Argumente gar nicht hören."
Es ging um den Bericht "Die Hungermacher", in dem Foodwatch die Rolle der Banken bei der Spekulation mit Nahrungsmitteln kritisiert. Auf 70 Seiten liefert der Autor Harald Schumann mehrere Belege dafür, dass die Wetten an den globalen Rohstoffbörsen mitverantwortlich für Hungersnöte sind. Doch über diese Hinweise wollten die Manager in London gar nicht sprechen, sagt Bode. Der Wortführer, ein leitender Rohstoffhändler der Bank, bezeichnete die Foodwatch-Einwände gar als komplett töricht - obwohl er den Report der Organisation gar nicht gelesen hatte, beschwert sich Bode. "Für mich war klar, dass Josef Ackermann sein Versprechen nicht halten wird."
Noch vor drei Monaten hatte sich das ganz anders angehört. Kein Geschäft sei es wert, "den guten Ruf der Deutschen Bank aufs Spiel zu setzen", schrieb Ackermann in einem Brief am 19. Oktober - und sagte Bode zu, dass die Bank den Foodwatch-Bericht gründlich prüfen und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen werde.
Und so vielversprechend ging es zunächst weiter: Wie SPIEGEL ONLINE berichtete, sollte eine internationale Arbeitsgruppe die Foodwatch-Vorwürfe prüfen und direkt dem Vorstand berichten. Bis Ende Januar wollte die Bank dann mitteilen, ob sie Konsequenzen zieht oder nicht. Konkret fordert Foodwatch, dass die Deutsche Bank sich von Indexfonds trennt, die die Preise von Rohstoffen nachbilden. Auch gegenüber SPIEGEL ONLINE bestätigte die Bank damals, dass man sich im Januar äußern werde.
Doch nun will Ackermann von diesem Zeitplan nichts mehr wissen. In einer E-Mail an Bode, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, schreibt die Verantwortliche für den Bereich Nachhaltigkeit, Sabine Miltner: "Wir wollen diese Aktivitäten als Reaktion auf Ihre Studie gründlich unter die Lupe nehmen und eine solide Entscheidungs- und Argumentationsgrundlage erarbeiten." Das brauche seine Zeit. "Wir haben uns daher entschieden, einen breiteren Ansatz als zunächst geplant zu verfolgen und in den kommenden Monaten eine umfassende Studie zum Thema Handel mit Agrarrohstoffen und Hunger zu erarbeiten." Die Ergebnisse sollen dann "mit internationalen Experten, Wissenschaftlern und NGOs" diskutiert werden.
"Damit bricht Ackermann sein Versprechen", kritisiert Bode. "Ich war ja positiv überrascht, dass er so schnell auf unseren Report reagiert hat. Doch dass er jetzt so auf Zeit spielt, ist enttäuschend." Der Foodwatch-Chef klagt, es habe sich "als Illusion erwiesen zu glauben, dass ein Konzernchef eine ethische Entscheidung treffen könnte".
"Wir stehen erst am Anfang"
Auf Nachfrage weist ein Deutsche-Bank-Sprecher diese Vorwürfe zurück: "Von einem Spiel auf Zeit kann überhaupt keine Rede sein." Dass die Bank sich mehr Zeit nehme, zeige, wie ernst ihr die Sache sei. Man prüfe die Vorwürfe aus dem Rohstoffreport gründlich, um "eine solide Grundlage für eine nachhaltige Entscheidung zu erarbeiten". Angesichts der höchst konträren Positionen "in Theorie, Forschung und Praxis" brauche dies Zeit. Gründlichkeit gehe vor Schnelligkeit und sei "im Interesse der Sache".
Aus der umfangreichen E-Mail-Korrespondenz mit Bode lässt sich jedoch durchaus ein Stimmungswandel bei der Deutschen Bank herauslesen. Nach dem Treffen in London beschwerte der Foodwatch-Chef sich bei Ackermann darüber, von den Bankmitarbeitern überhaupt nicht ernst genommen worden zu sein.
Der Konzernchef antwortete, er habe Bodes Schreiben "mit Bedauern zur Kenntnis genommen", bitte jedoch darum, "das von Ihnen als enttäuschend empfundene Gespräch mit dem Team von Frau Miltner nicht überzubewerten. Wir stehen erst am Anfang der von mir zugesagten Überprüfung unseres Geschäfts mit Agrarrohstoffen." Am Ende der E-Mail bittet der Bankchef Bode um Geduld und schließt "mit besten Grüßen und Wünschen zu den bevorstehenden Weihnachtstagen und zum Jahreswechsel".
Als Bode sich dann aber am 18. Januar darüber beschwert, dass die Deutsche Bank die Prüfung des Rohstoffhandels auf die lange Bank schieben, ändert sich Ackermanns Tonfall schlagartig. Im Auftrag antwortet Miltner, die Verantwortliche für Nachhaltigkeit, am 24. Januar: "Herr Ackermann hat Ihnen bereits zweimal mitgeteilt, dass wir das Thema sehr ernst nehmen und deshalb auch gründlich untersuchen." Die Bank treffe ihre Entscheidungen "grundsätzlich auf der Basis einer belastbaren und nachhaltigen Grundlage" und lasse sich nicht unter Druck setzen.
In ihrer knapp gehaltenen E-Mail schreibt Miltner dann noch, sie bitte Bode "im Auftrag von Herrn Dr. Ackermann, von weiteren Schreiben abzusehen".
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