Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Geschäftsidee in Berlin: Wie ein Mann die Mauer zu Geld macht

Von

Volker Pawlowski verdient mit Beton ein kleines Vermögen - der ehemalige Bauarbeiter beherrscht das Geschäft mit Resten der Berliner Mauer. Als Quasi-Monopolist macht er gute Umsätze, auch wenn er seine Kunden nicht wirklich versteht: "Keine Ahnung, weshalb die Menschen sich das kaufen."

Großhändler Pawlowski: "Geschäft ohne logischen Sinn" Zur Großansicht
Hans-Christian Plambeck

Großhändler Pawlowski: "Geschäft ohne logischen Sinn"

Vielen hat die Berliner Mauer zu Zeiten der DDR die Zukunft verbaut. Volker Pawlowski verdankt ihr dagegen seine eigene, denn der 53-Jährige lebt gut von ihren brüchigen Resten.

Inzwischen ist er so eine Art Mauer-Monopolist. Er handelt mit den L-förmigen Original-Betonelementen, zerkleinert Blöcke in Tausende von kleinen Brocken, klebt sie auf Kunstharz, tütet sie ein, und verkauft sie an die Souvenir-Shops der Stadt. Besonders stolz ist er auf sein Postkartenpatent: In einer kleinen Dose, die in die Ansichtskarte eingelassen ist, liegt ein buntes Bruchstück.

Pawlowski residiert in einem Büro in Berlin-Reinickendorf, unweit der Landebahn des Flughafens Tegel. Über seinen Flachbau donnern alle paar Minuten Flugzeuge, vor ihm auf dem Tisch liegen Fotos, die ihn auf Recycling-Höfen im Berliner Umland zeigen, neben Mauersegmenten des Typs "Stützwandelement UL 12.41", 3,60 Meter hoch, 1,20 Meter breit, knapp drei Tonnen schwer.

Genug Mauer für die nächsten hundert Jahre

"Die Mauer ist damals abgerissen worden, und es hat sich keiner dafür interessiert, was dann damit passiert", sagt Pawlowski, dem dann eine geniale Idee kam. Er hatte beobachtet, wie Mauerspechte mit Hammer und Meißel, gelegentlich auch mit Schlagbohrmaschinen, den Beton abpickelten. Fliegende Händler machten in den Monaten nach dem Mauerfall ein riesiges Geschäft.

Irgendwann fragte er mal einen befreundeten Lastwagenfahrer, wohin er die Mauerteile eigentlich bringen würde - und fuhr hinterher auf einen Recyclinghof in Brandenburg. Pawlowski war nicht der einzige, der auf diese Idee kam. Aber er war der Einzige, der den Arbeitern ein Frühstück mitbrachte und ihre Sprache sprach. Daraufhin verwahrten sie ihm in einer abgelegenen Ecke Mauersegmente. Ein paar davon habe er noch vor Ort verkleinert. Mit einem Presslufthammer und "mit einiger Übung" dauere das rund eine Stunde pro Segment. Der Rest lagert seitdem auf einem Grundstück in Bernau.

Schon kurze Zeit später begann der Handel mit den Mauerresten zu boomen. Pawlowski kündigte seinen Job auf dem Bau. Zu den meisten seiner Mauerstücke liefert er heute auch ein Echtheitszertifikat. Die haben zwar eher den Charme einer Phantasieurkunde. Aber er habe schließlich einen Ruf zu verlieren. "Warum sollte man Fälschungen in Umlauf bringen?" Rund 45.000 Mauerelemente wurden in Berlin verbaut. "Es gibt so viel Mauer. Das reicht für die nächsten hundert Jahre."

Eine Tüte Mini-Bruchstücke für 90 Cent

Egal ob Brocken oder ganze Segmente, ob die Käufer aus den USA oder China kommen, die Mauer-Mode ist speziell: Bunt müssen die Stücke sein. Für die Farbe sorgt meist ein Freund von Pawlowskis Tochter Natascha, ein Beamter. "Als die Mauer noch stand, ist sie unzählige Male übersprüht worden. Niemand würde solche Stücke heute haben wollen, denn die Farbe bröckelt schlicht ab." Also wird nachgefärbt.

359 Ost-Mark musste einst die DDR-Regierung für ein Segment der Berliner Mauer ausgeben, später waren es über 800 Mark. Heute verlangt der Chef für so einen Koloss rund 4000 Euro, manchmal auch mehr. Eine Tüte mit Mini-Bruchstücken gibt's für 90 Cent. Pawlowski hat einen Porsche, trägt eine schicke Designertasche und beschäftigt mehrere Mitarbeiter. Selbst Berliner Luxushotels beliefert er mit Mauerstücken für die Minibar. Und manchmal verleiht er komplette Segmente für Partys des TV-Senders MTV oder für Filmproduktionen in Babelsberg.

"Keine Ahnung, weshalb die Menschen sich das kaufen", wundert sich Pawlowski selbst. Der Verkauf der Mauerreste sei "ein Geschäft mit dem Augenblick" ohne "logischen Sinn". Er selbst hat kein einziges Stück zu Hause herumstehen. "Das ist doch nur ein Staubfänger."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Bin skeptisch
C. Schmidt 29.12.2010
Sorry, ich glaub's immer noch nicht. Nur eine Seite der Berliner Mauer war bemalt, und seit gut 20 Jahren werden die Bruchstücke dieser Graffiti-Seite an Touris aus aller Welt verkauft. Und dann hat er tatsächlich noch komplette Segmente? Entweder er ist so erfolgreich wie er sagt, dann müsste er aber langsam Lieferprobleme haben, oder aber er bläht seinen Erfolg auf.
2. :d
Cienne 29.12.2010
Glückwunsch an denn Mann für diese geniale Idee! :-)
3. doch, doch
DJ Doena 29.12.2010
Zitat von C. SchmidtSorry, ich glaub's immer noch nicht. Nur eine Seite der Berliner Mauer war bemalt, und seit gut 20 Jahren werden die Bruchstücke dieser Graffiti-Seite an Touris aus aller Welt verkauft. Und dann hat er tatsächlich noch komplette Segmente? Entweder er ist so erfolgreich wie er sagt, dann müsste er aber langsam Lieferprobleme haben, oder aber er bläht seinen Erfolg auf.
Allein die Berliner Mauer war 167 Kilometer lang. Das sind 139.000 Elemente mit einer Fläche von je 4,3 Quadratmetern. Da der Artikel ja selbst besagt, dass er zur Not nachpinselt, kann man sie also auch nocht zweiseitig verwenden, denn sind das 139.000 Elemente mal 8,6m² an Brocken, die er da verkaufen kann. Das sollte noch 2 Tage reichen.
4. Jetzt wirds mir auch klar...
D-Lux 29.12.2010
Danke für diesen Artikel! Habe mich schon immer gefragt, wieso es ständig dieselben Farben sind und warum die Muster sich so ähneln. Wenn aber nur die Mauerstücke original sind und nicht die Bemalungen darauf, macht es Sinn. Schade, dass es nicht immer so einfach ist, sich selbstständig zu machen :P
5. Hm
NeZ 29.12.2010
Vor allem war die Mauer ja nicht nur 10 Zentimeter dick. Er zerkleinert also einen ganzen Brocken und verkauft das Ergebnis. Wenn ein Mauerelement 3 Tonnen wiegt, kriegt er bspw. 300.000 Mauerstücke von 10 Gramm (zu je 90 Cent) aus diesem einen Element - die er dann einfach irgendwie bemalen lässt. Wo und wie die bemalt sind, woher sie genau stimmen - den Touristen ist das doch egal. Selbst, wenn es nur 150.000 Mauerstücke werden, reicht das schon, um sich einen schönen Porsche Panamera zu kaufen. Ich habe selbst schon in Berlin solche Postkarten gesehen, aber sie bisher immer für Fakes gehalten. Scheinbar sind das wirklich originale Stücke der Mauer. Und wenn jemand ein größeres Stück haben möchte, muss er eben mehr bezahlen. Da waren einige Stücke, die 20 € gekostet haben...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Multimedia-Spezial
20 Jahre wiedervereinigtes Deutschland: Gewinner und Verlierer der Einheit
Fotostrecke
Chronik: Der Tag, an dem die Mauer fiel

Video-Special
DPA

1989: Der Untergang der DDR



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: