Von Emily Pelich
Berlin - Noch sieht alles etwas provisorisch aus. Es hallt durch den hellen, großen Raum in Berlin-Kreuzberg. Kabel hängen aus den Wänden, Möbel liegen in Einzelteilen herum. In einer Ecke stehen große Plexiglasbuchstaben, die bald über der Eingangstür hängen und den Weg zu den Etsy Labs weisen sollen. Matt Stinchcomb und Benedikta Karaisl von Karais blicken durch die großen Fenster auf das sanierte Fabrikgebäude, das etliche Ateliers und Büros beherbergt. Seit April dieses Jahres leitet das deutsch-amerikanische Ehepaar die Berliner Zweigstelle von Etsy, einer Internetplattform für Selbstgemachtes.
Etsy.com, 2005 in Brooklyn, New York, gegründet, ist das Leuchtfeuer einer neuen Bewegung: DIY - Do it yourself. DIY-Anhänger wollen nicht mehr alleine auf dem Sofa stricken, sondern Handarbeit im Kollektiv erleben. Bastelstuben und Nähcafés schießen in deutschen Großstädten wie Pilze aus dem Boden. Hier stehen fachkundige Schneider ebenso zur Verfügung wie Möbelrestaurateure oder Töpfer.
Gekonnt bedienen diese kreativen Rückzugsorte eine Sehnsucht nach Individualität, die der Einzelne in einer von wenigen globalen Unternehmen geprägten Konsumwelt kaum noch ausleben kann. Es sei denn, er verwirklicht sich durch ein eigens gefertigtes Unikat. Die Basis hat die Rebellion ohnehin schon seit längerem vorbereitet, was an der zunehmenden Bedeutung von Blogs, die den Modemagazinen Konkurrenz machen, abzulesen ist. Diese Tendenz hält nun folgerichtig auch im produzierenden Gewerbe Einzug. Das Credo: man muss keine Ausbildung haben, um mit Design seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
400.000 aktive Verkäufer sorgen für Millionenumsatz
Etsy hat diese Entwicklung erkannt und verbindet die Rückbesinnung auf das Selbstgemachte mit Geschäftstüchtigkeit, den Trend der Entschleunigung mit der digitalen Affinität junger Leute. "Unsere Mission ist es, Handelsstrukturen zu verändern. Wir wollen die Leute darin unterstützen, Kleinunternehmen zu gründen", so Matt Stinchcomb. Jeder kann bei Etsy einen Internetshop eröffnen und seine DIY-Produkte anbieten. Neben den Eigenkreationen werden auch Second-Hand-Waren angeboten, die jedoch mindestens 20 Jahre alt sein müssen.
Der globale Handelsplatz hat nach eigenen Angaben mittlerweile mehr als 400.000 aktive Verkäufer und über fünf Millionen Mitglieder. Getöpferte Teetassen aus Chicago oder gehäkelte Pulswärmer aus Oslo - das Angebot deckt eine breite Palette ab. Im laufenden Geschäftsjahr reichte das bereits für einen Umsatz von etwa 130 Millionen Dollar - was für viele Verkäufer anfangs nur ein Hobby war, ist nun dank Etsy eine Vollzeitbeschäftigung. Die in der "New York Times" porträtierte Strickkünstlerin Yokoo Gibran konnte nach nur einem Jahr von ihrem Etsy-Shop leben - allerdings muss sie dafür täglich durchschnittlich 13 Stunden stricken.
Um nicht völlig in der einsamen Produktion unterzugehen und um den Austausch untereinander zu fördern, gründeten die Etsy Macher sogenannte Labs. Nach dem ersten Treffpunkt in Brooklyn und einem weiteren in San Francisco folgte in diesem Jahr die erste internationale Zweigstelle in Berlin.
Forum für Ausstellungen
Matt Stinchcomb, ein Etsy-Mitarbeiter der ersten Stunde, ist für den Aufbau der deutschen Dependance verantwortlich. Zusammen mit seiner Frau Benedikta zog er von New York an die Spree. Matt und Benedikta sind sich einig: "Berlin ist das kulturelle Zentrum Europas, wir mussten hierher. Wir wollen die europäische Community betreuen und eine direkte Beziehung zu den Künstlern hier aufbauen."
Zusammen mit drei Mitarbeiterinnen veranstalten sie nun Kreativ-Workshops, Ausstellungen, aber vor allem Infoveranstaltungen zum Thema Marketing und Existenzgründung, denn "viele Leute sind großartige Künstler, aber sie haben Probleme mit der Bürokratie und der Vermarktung."
Außer dem eigenen Programm bietet das Etsy-Team auch die Nutzung der Räumlichkeiten an: Ob für Ausstellungen, Workshops oder Kunstevents, die Etsy-Labs stehen der Gemeinde kostenlos zur Verfügung. "Wir möchten die Künstler hier in diesen Räumen zusammenführen. DIY ist nicht nur der Prozess des Machens, Etsy ist nicht nur ein Internetmarktplatz. Es geht uns darum, dass Produzenten und Konsumenten in einen Dialog treten, dass man die Dinge live anfassen und betrachten kann."
Die Finanzierung des Berliner Etsy-Studios übernimmt die Zentrale in New York. Pro gelistetem Produkt gibt der Verkäufer 20 US-Cent an Etsy ab. Bei erfolgreichem Verkauf werden noch einmal 3,5 Prozent des Verkaufspreises fällig. Neben dieser Eigenfinanzierung wird Etsy.com mit rund 32 Millionen Dollar aus den Kassen diverser Investoren unterstützt - darunter auch Hubert Burda Media.
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