Geschäftsmodell Preisdrücken: "Groupon? Nie wieder!"

Von Nicolai Kwasniewski und Ina Vollmer

Groupon ist eine der jüngsten Erfolgsgeschichten des Internets - Umsatz, Gewinn und Medienpräsenz des Konzerns sind seit der Gründung vor vier Jahren steil angestiegen. Auch in Deutschland hat sich das Gutscheinunternehmen etabliert - und dabei viele Kunden, Partner und Mitarbeiter enttäuscht.

Groupon-Zentrale in Chicago: Geschäftsmodell mit Tücken Zur Großansicht
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Groupon-Zentrale in Chicago: Geschäftsmodell mit Tücken

Hamburg - Marianne Ringel* erinnert sich nur ungern an ihre Erfahrungen mit Groupon: Die selbständige Putzunternehmerin wollte mit Gutscheinen für ihre Reinigungsdienste ein "kleines Zusatzgeschäft machen", Werbung für ihr Unternehmen. Höchstens 500 Gutscheine wollte die Berlinerin loswerden, am Ende hatte Groupon aber mehr als 700 verkauft, sagt sie - obwohl sie die Zahl im Vertrag ausdrücklich begrenzt habe. So viele Kunden konnte Ringel mit ihren drei Angestellten nicht bedienen. Vor allem nicht bei einem Rabatt, der ihr nur ein Viertel ihres normalen Lohns lässt.

So wie Ringel ist es offenbar vielen Kleinunternehmern ergangen, die sich von den über Groupon verkauften Gutscheinen ein gutes Geschäft versprochen haben - zwar ist die Mehrheit der Partnerunternehmen zufrieden mit den "Deals", viele aber klagen in Internetforen und vertraulichen Gesprächen darüber, dass viel zu viele Kunden mit Gutscheinen kämen. Zu viele, um die günstigen Angebote zu erfüllen - Restaurants müssen wochenlange Wartezeiten einrichten, bei Online-Shops verzögern sich die Versandzeiten, Dienstleister wie Ringel kommen gar nicht hinterher.

Jene Unternehmer, die die Zahl der Gutscheine nicht beschränken, tragen wenigstens eine Mitschuld. Viele berichten aber, dass sich Groupon-Mitarbeiter an eine vereinbarte Beschränkung nicht gehalten hätten - vielleicht auch deshalb, weil ihre Provision in der Regel an der Zahl der verkauften Gutscheine hängt. Leidtragende sind vor allem die Unternehmer: Ihre Kunden beschweren sich, die Firmen bekommen im Internet schlechte Bewertungen - an Groupon geht der Ärger aber häufig vorüber.

Geschäftsmodell genial - Ausführung mangelhaft

Das Unternehmen hat an sich ein simples und geniales Geschäftsmodell: Groupon bietet Unternehmen an, Rabattgutscheine für ihre Dienstleistungen oder Waren im Internet zu verkaufen - von Reinigungsdiensten über Massagen und günstigen Champagner bis zum Abendessen im Restaurant. Die Firmen schließen mit Groupon einen Vertrag: Wenn sich eine ausreichend große Zahl von Kunden für ein Angebot interessiert, kommt ein sogenannter Deal zustande. Groupon zieht das Geld von den Verbrauchern ein und schickt ihnen einen Gutschein zu, den sie bei den Unternehmen einlösen können. Für die Firmen ist das im besten Fall eine gute Werbung. Für Groupon, das die Hälfte des Gutscheinwerts auch bekommt, wenn der nicht eingelöst wird, in jedem Fall ein glänzendes Geschäft. Mehr als 250.000 Unternehmen arbeiten weltweit mit Groupon zusammen, 37 Millionen Nutzer zählt das Portal.

Die Idee kommt aus den USA. In Deutschland hatten die Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer kurz nachdem Groupon in Chicago gegründet wurde, ein ähnliches Unternehmen in Deutschland gestartet - unter dem Namen MyCityDeal. Der Plan: Schnell zum Marktführer werden und dann an Groupon verkaufen. Das Turbowachstum aber führte offenbar zu chaotischen Verhältnissen im Unternehmen und letztlich offenbar auch zu enttäuschten Kooperationspartnern wie Marianne Ringel.

"Die Chefs hatten keinen Überblick mehr"

Oliver Samwer, so erzählt es ein früherer Groupon-Mitarbeiter SPIEGEL ONLINE, habe die Devise ausgegeben, jeden Tag 20 neue Mitarbeiter einzustellen. In der Anfangszeit, berichtet der damalige regionale Verkaufsdirektor Nord, sei die Arbeit toll gewesen: ein Unternehmen mit flachen Hierarchien, viel Enthusiasmus und enorme Verdienstmöglichkeiten. Zusammen mit den Provisionen sei man schnell auf fünf-, sechs- oder auch siebentausend Euro im Monat gekommen - ein Paradies für die meist sehr jungen Berufseinsteiger. Die Firma blähte sich schnell auf 900 Mitarbeiter auf - sie sollte als Übernahmekandidat attraktiv werden.

Mit der Zeit aber habe sich die Stimmung verschlechtert: Der Druck, neue Gutscheinkunden zu gewinnen, sei enorm gewesen. Internetforen sind voll von wütenden Kommentaren jetziger und früherer Groupon-Mitarbeiter, kaum einer wagt aber offen zu reden. Viele haben bei der Trennung Verschwiegenheitsklauseln unterschrieben. Auch der frühere Verkaufsdirektor Nord möchte seinen Namen nicht veröffentlicht sehen, erzählt SPIEGEL ONLINE aber von den chaotischen Zuständen: "Die Chefs hatten überhaupt keinen Überblick mehr", sagt er. Als Messlatte für den Erfolg habe einzig die Zahl der Deals gedient, die ein Mitarbeiter pro Monat abgeschlossen hatte. Sei die Zahl zu niedrig gewesen, hätte es sein können, dass er umgehend seine Kündigung bekam. "Das konnte auch jemandem passieren, der nur deshalb wenige Deals gemacht hat, weil er zwei Wochen im Urlaub war."

Entlassung im Flughafencafé

Als die US-Firma den deutschen Klon MyCityDeal Anfang 2010 übernommen hatte, wurden viele Mitarbeiter nicht mehr gebraucht. Im Juli 2010 rauschte eine Entlassungswelle durch das Unternehmen: Rund ein Viertel der Beschäftigten musste gehen.

Manchmal, erzählt der frühere Groupon-Angestellte kopfschüttelnd, sei das so abgelaufen: Eine Gruppe von Managern sei von Berlin nach Hamburg, Köln, München und Frankfurt am Main geflogen. In jeder Stadt seien Groupon-Mitarbeiter an den Flughafen bestellt worden, um ihre Kündigung entgegenzunehmen, "während die Manager Kaffee tranken". Demütigend sei das gewesen, sagt er, zumal es jeden habe treffen können, egal wie er arbeitete: "Die hatten keine Ahnung: Von ihren vier besten Vertriebsleuten haben die drei entlassen - und mussten die später bitten, zurückzukommen, weil sie sich geirrt hatten."

"Das Telefon klingelte in einer Tour"

Vermutlich war es der Erfolgszwang, der dazu führte, dass die Mitarbeiter härter wurden: Schon im Beratungsgespräch für ihren persönlichen Gutschein-Deal wurde knallhart gefeilscht, erinnert sich die Unternehmerin Marianne Ringel, sofort hätte der Berater den Preis für ihre Gutscheine bis zur absoluten Schmerzgrenze gedrückt. Zwar wirbt Groupon damit, auf die Bedürfnisse der Partner-Unternehmen einzugehen und auch die Kapazitäten vor Abschluss eines Deals gewissenhaft abzuschätzen.

Ringel aber berichtet, dass weder die vereinbarte Obergrenze von 500 Gutscheinen eingehalten wurde, noch die vereinbarte Regelung, dass die Kunden das Putzmaterial selber stellen sollten. Im Online-Angebot stand dann "inkl. Putzmaterial". Von der Veröffentlichung erfuhr sie zudem erst, als der erste Kunde anrief. "Dann klingelte das Telefon in einer Tour." Vielen Kunden musste sie absagen und zog so deren Ärger auf sich. "Einige drohten mir sogar mit dem Anwalt", sagt sie.

Die Pressestelle von Groupon weist zwar die Schilderungen des früheren Mitarbeiters als "falsch" und "haltlos" zurück, bestätigt aber die Schilderungen Ringels. Allerdings sei der Fall schon im vergangenen Jahr gelöst worden: Es habe sich um einen "menschlichen Fehler" bei der Übertragung von Daten gehandelt - Groupon habe sich entschuldigt, die Gutscheine zurückgenommen und die Kunden entschädigt. Es handele sich dabei zwar nicht um einen Einzelfall, aber um einen "Ausnahmefall", heißt es bei dem Gutscheinunternehmen. "In der Vergangenheit wurden Fehler gemacht - das war einem Wachstums- und Findungsprozess geschuldet".

Die Aussage erinnert an das, was der Gründer und Chef von Groupon, Andrew Mason, über sein Unternehmen gesagt haben soll: "Wir sind immer noch ein Kleinkind im Körper eines erwachsenen Mannes." Besonders unangenehm für das Riesenbaby: Groupon musste seine Geschäftszahlen mehrfach im Nachhinein nach unten korrigieren und hatte deshalb sogar Ärger mit der US-Börsenaufsicht SEC bekommen. Der Börsenkurs des Überfliegers ist seit Anfang des Jahres um zwei Drittel geschrumpft.

Der Blick geht nun nach vorn - die Pressesprecherin schreibt: "Wir erheben nicht den Anspruch, eine perfekte Firma zu sein, sondern lernen und verbessern uns ständig." Die Hoffnung beruht darauf, immer neue Gutschein-Deals abzuschließen und Kunden und Partner zufrieden zu stellen. So hat Groupon den "Deal" mit Marianne Ringel tatsächlich weitgehend rückabgewickelt - aber erst nach wochenlangen Auseinandersetzungen. Für Ringel steht fest: Ein Gutscheingeschäft wird sie nicht noch einmal eingehen, "niemals!"

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 75 Beiträge
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    Seite 1    
1. Frage...
juergw. 09.08.2012
Zitat von sysopGroupon ist eine der jüngsten Erfolgsgeschichten des Internet - Umsatz, Gewinn und Medienpräsenz des Konzerns sind seit der Gründung vor vier Jahren steil angestiegen. Auch in Deutschland hat sich das Gutscheinunternehmen etabliert - und dabei viele Kunden, Partner und Mitarbeiter enttäuscht. Geschäftsmodell Preisdrücken: Wie Groupon Kunden und Partner verärgert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,848501,00.html)
sind die ursprüglichen Gründer von Goupon jetzt nicht bei Zalando am Werk? Da wurde bis jetzt auch kein Geld verdient-soll auch irgendwnn höchst bietend verhöckert werden...
2.
biobanane 09.08.2012
Meine Meinung nach wieder nur eine Blase. Nicht wirklich eine Winwin-Situation für beide Unternehmen. Und in der Schnäppchen-Mentallität in Deutschland werden da auch kaum Kunden gewonnen. Das ist wohl in den Staaten anders, wo Rabatte alltäglich sind, wird bei uns alles durch den Niedrigpreis bestimmt.
3. Geiz ist Geil !
Jonny_C 09.08.2012
Zitat von sysopGroupon ist eine der jüngsten Erfolgsgeschichten des Internet - Umsatz, Gewinn und Medienpräsenz des Konzerns sind seit der Gründung vor vier Jahren steil angestiegen. Auch in Deutschland hat sich das Gutscheinunternehmen etabliert - und dabei viele Kunden, Partner und Mitarbeiter enttäuscht. Geschäftsmodell Preisdrücken: Wie Groupon Kunden und Partner verärgert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,848501,00.html)
....und dann wundert man sich wenn "das Schnäppchen" gar nicht eingelöst werden kann, Kunde - oder man völlig überfordert wird und praktisch nichts mehr verdient, Anbieter. Ich halte von solchen "Internet-Hypes", Produkten und Dienstleistungen gar nichts. Denn niemand hat etwas zu verschenken ! Gutes Geld, für gute Arbeit, ein gutes Produkt, guten Services.
4. Miese Machenschaften
McMathew 09.08.2012
Als Kunde fühle ich mich von Groupon sehr schlecht bedient. Ich hatte einen Artikel gekauft, der allerdings nicht der richtige für meine Zwecke gewesen ist. Darauf hin sandte ich ihn wieder zurück, der Eingang wurde bestätigt. Erst nach dreimonatigem Mahnen (mehrmals) an Groupon, den bezahlten Betrag zurückzuüberweisen, wurde mein Anliegen bearbeitet! Dann hieß es, der Lieferant müsse mir den Betrag erstatten. Dieser meldete sich prompt, verwies an Groupon, da es sich um einen Coupon handele. Groupon "erbarmte" sich und erstattete den Betrag "Kulanterweise" als Guthaben auf mein Groupon-Konto. Gelten für Ami-Unternehmen nicht die deutschen Gesetze? Oder gibt es eine Gesetzeslücke? Resümee: Groupon ist ein unseriöser Sauhaufen, der auf Kosten anderer Profit macht und diese am langen Arm verdursten lässt.
5.
okokberlin 09.08.2012
Zitat von juergw.sind die ursprüglichen Gründer von Goupon jetzt nicht bei Zalando am Werk? Da wurde bis jetzt auch kein Geld verdient-soll auch irgendwnn höchst bietend verhöckert werden...
wo die samwer-brüder ihre finger im spiel haben, gibt es kein geld zu verdienen. deren geschäftsmodelle sind im grunde ***** (ich schreibe es nicht aus, sonst wird der beitrag nicht veröffentlicht) aber solange sie jemanden dummes finden der ihre anteile übernimmt, selber schuld.
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