Von Christian Teevs
Für den EU-Wettbewerbskommissar gab es keine Alternative: Eine Fusion von Deutscher und New Yorker Börse hätte ein Monopol geschaffen und der europäischen Wirtschaft geschadet, teilte Joaquín Almunia in Brüssel mit. Die Börsen seien der "Blutkreislauf der europäischen Wirtschaft" - dieser Markt müsse offen, effizient und wettbewerbsfähig bleiben.
Beim Chef der Frankfurter Börse stößt die Entscheidung auf Unverständnis: Sie basiere auf einer "realitätsfremd verengten Marktdefinition", schimpfte Reto Francioni. Damit verhindere die EU-Kommission eine global führende Börse mit Sitz in Europa. "Eine verpasste Chance", sagte der Schweizer.
Doch klar ist auch: Das Nein der Kommission ist vor allem eine herbe Niederlage für den 56-jährigen Francioni. Er hatte die neun Milliarden Dollar schwere Fusion angestoßen, er wollte das ganz große Rad drehen - und die Mehrheit an der legendären New York Stock Exchange übernehmen. Das Projekt wurde als "Quantensprung" und "neue Dimension" gefeiert. Die größte Handelsplattform der Welt sollte eine Demonstration der Macht sein, vor allem gegenüber den aufstrebenden Börsen aus Asien und Südamerika.
Doch nun steht Francioni mit leeren Händen da. Die "Big Börse", wie das Unternehmen an der Wall Street scherzhaft genannt wurde, war den EU-Wettbewerbshütern zu groß und zu mächtig. Sie legten ihr Veto ein.
Was bedeutet das nun für Francioni? Muss der Unternehmenschef um sein Amt bangen? Der Aufsichtsrat wies solche Spekulationen am Mittwoch zurück. Es bestehe kein Anlass zu grundlegenden Änderungen bei Führung, Struktur oder Strategie. "Vielmehr sind jetzt Ruhe und Kontinuität geboten", sagte Chefkontrolleur Manfred Gentz. Trotz dieser eiligen Loyalitätsbekundungen dürfte Francioni unter Druck geraten.
Werbekampagne mit Promis
Denn schon vor dem Veto der EU-Kommission gab es deutliche Kritik an dem Schweizer. Betriebsrat und Experten warfen ihm vor, sich von den Amerikanern über den Tisch ziehen zu lassen. Vorstandschef der neuen Megabörse sollte zum Beispiel nicht er, sondern Duncan Niederauer werden, der Boss der New York Stock Exchange.
Die drohende Übermacht der US-Partner war auch einer der wesentlichen Gründe, warum sich Betriebsratschefin Irmtraud Busch früh gegen die Fusion aussprach. "Der Vertrag sah vor, wesentliche Posten mit Amerikanern zu besetzen", sagte Busch SPIEGEL ONLINE. Außerdem hätten Überschneidungen im europäischen Geschäft dazu geführt, dass vor allem in Frankfurt Arbeitsplätze abgebaut worden wären.
Die Unternehmensführung spielte diese Kritik als Außenseitermeinung herunter und konterte mit einer großangelegten Werbekampagne: Der ARD-Börsenexperte Frank Lehmann nannte die Fusion in Zeitungsanzeigen "eine Partnerschaft auf Augenhöhe". Norbert Walter, Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, lobte im besten Managersprech eine neue "Benchmark für die internationalen Akteure des Finanzmarkts". Und Pascal Roller, Frankfurts bekanntester Basketballer, sprach sogar von einem "echten Dreamteam" - eine Anspielung auf die US-Korbjäger um Michael Jordan, die ihre Gegner beim Olympia-Turnier 1992 nach Belieben beherrschten.
Doch selbst dieses Trommeln in lokalen und überregionalen Zeitungen half nicht so wirklich. Die Stimmung unter den Arbeitnehmern blieb kritisch. Auch in der hessischen Landesregierung dominierte die Skepsis. "Man hat uns bislang nicht überzeugt", sagte Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) dem "Handelsblatt". Es gebe große Vorbehalte gegen die Fusion. Viele Unternehmen würden befürchten, die amerikanische Börsenaufsicht SEC könnte ihren Einfluss in Deutschland ausbauen.
"Kommunikation verbesserungsfähig"
Betriebsratschefin Busch reagierte am Mittwoch erleichtert auf die Entscheidung der EU-Kommission: "Eine Fusion hätte enorme Risiken und Gefahren für die Mitarbeiter in Deutschland bedeutet. Deshalb haben wir früh gesagt, dass wir das für falsch halten."
Als bedauerlich bezeichnet Busch, dass die Unternehmensführung sich geweigert habe, mit dem Betriebsrat über das Thema zu diskutieren. "Selbst der Versuch, uns mit einem Standortsicherungsvertrag zu ködern, wurde über die Staatskanzlei gespielt", kritisiert Busch. "Die Kommunikation ist mit Sicherheit verbesserungsfähig." Zwar könne sie verstehen, dass der Vorstand "von unserer Kritik nicht begeistert war". Die Entscheidung der EU-Kommissionen habe aber "gezeigt, dass unser Widerstand berechtigt war". Ein Sprecher der Deutschen Börse sagte dagegen, der Betriebsrat habe den Standortsicherungsvertrag zurückgewiesen, weil er keinen Handlungsbedarf sehe.
Unternehmenschef Francioni wird sich nun auf einige unangenehme Fragen einstellen müssen. Immerhin ist es bereits die dritte Fusion, die innerhalb weniger Jahre bei der Deutschen Börse schiefgeht. 2005 versuchte sich Francionis Vorgänger Werner Seifert an einer Übernahme der London Stock Exchange - und scheiterte. Sein Nachfolger Francioni wollte 2006 mit der Vierländer-Börse Euronext fusionieren - ebenfalls vergeblich, Euronext schloss sich lieber mit der New York Stock Exchange zusammen.
Nun der dritte Rückschlag. Rund hundert Millionen Euro steckte die Deutsche Börse Schätzungen zufolge in das jüngste Fusionsprojekt, vor allem für Werbung und Beratung. Dazu kommt der Imageschaden angesichts der hochtrabenden Ankündigungen. Bei einem ersten Pressetermin nach der Entscheidung beließ es Francioni bei einer knappen Erklärung. Fragen waren nicht zugelassen.
Mit Material von dpa
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