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Geschwister als Gründer: Yo, Sis!

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SugarShape

Gründerinnen Schönborn, Gollers: Emotionaler Rückhalt, geschäftlicher Erfolg

Setzt sich eine neue Form des Familienbetriebs durch? Zwar nimmt die Zahl der Firmengründungen in Deutschland ab, doch viele junge Leute setzen ihre Geschäftsideen im Team um - mit den eigenen Geschwistern. Dafür gibt es gute Gründe.

Smarte Apps, hippe Biofood-Versandhandel - das klingt nach erfolgversprechenden Geschäftsmodellen. Aber maßgeschneiderte Damenunterwäsche in großen Größen? Genau damit haben sich zwei Schwestern aus dem niedersächsischen Stelle selbstständig gemacht. Sabrina Schönborn und ihre Schwester Laura Gollers haben 2012 das Start-up SugarShape gegründet, das seither Unterwäsche verkauft.

"Wir beide sind selbst mit einer großen Oberweite gesegnet", sagt Schönborn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "und wir wollten eine Möglichkeit für Frauen wie uns schaffen, nicht im Sanitätshaus oder auf der Hamburger Reeperbahn shoppen gehen zu müssen."

Doch hinter der Gründung von SugarShape steckt laut Schönborn mehr als eine gute Geschäftsidee: "Wir wussten schon vor dem Start, dass wir privat wie beruflich gut harmonieren", sagt die 35-Jährige. "Es war gerade am Anfang toll, dass wir uns hundertprozentig aufeinander verlassen konnten - und ich weiß gar nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich mit einer weniger vertrauten Person ein Start-up gegründet hätte."

Damit stehen die beiden möglicherweise für eine wachsende Gruppe junger Firmengründer, denen emotionaler Rückhalt im Berufsleben ebenso wichtig ist wie ihre Geschäftsidee - und die das damit verbundene Risiko nicht alleine schultern wollen. "Wenn man mit mehreren zusammen in die Selbstständigkeit geht, kann man sich gegenseitig aufbauen und motivieren", sagt der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, und: "Wer allein ist, gibt womöglich eher auf."

Die Statistik gibt dieser Einschätzung augenscheinlich recht: Deutschlandweit gehen die Existenzgründungen zurück, von 417.000 vor fünf Jahren auf zuletzt 309.900. Aber: Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben in den vergangenen Jahren vor allem Einzelkämpfer seltener eine Firma gegründet. Das könnte darauf deuten, dass stattdessen immer mehr Freunde, Cousins oder eben Geschwister Unternehmen führen.

Detaillierte Zahlen zu Firmengründungen von Brüdern und Schwestern gibt es zwar nicht. Aber so kompliziert Geschwisterbeziehungen auch sein mögen: Sie sind laut etlichen Studien die dauerhaftesten Bindungen, die Menschen überhaupt entwickeln - und wären wohl ausreichend robust für gewagte Projekte wie ein Start-up. Vielleicht können also Geschwister dazu beitragen, einen für die deutsche Wirtschaft bedenklichen Trend zu stoppen: Das Interesse an der Gründung eines eigenen Unternehmens ist binnen einem Jahrzehnt dramatisch gesunken, wie Erhebungen der Industrie- und Handelskammer (IHK) zeigen.

Das liegt anscheinend nicht nur an der drastischen Kürzung des Gründungszuschusses. Das klassische Image erfolgreicher Firmenchefs - Gel, Geld, Größenwahn - passt auch immer weniger zu den potenziellen Jungunternehmern der sogenannten Generation Y, den etwa 20- bis 35-Jährigen. Denn die tickt ähnlich wie ihre etwas jüngeren Altersgenossen: 95 Prozent der Jugendlichen wünschen sich laut der jüngsten Shell-Studie einen sicheren Arbeitsplatz. Und kaum etwas ist unsicherer als eine Firmengründung.

Wer aber mit Schwester oder Bruder dieses Wagnis eingeht, kann zumindest auf die Unterstützung einer Person setzen, die vielen Menschen vertrauter ist als der eigene Mann, die beste Freundin, Vater und Mutter. Dass es bei solchen Geschwister-Start-ups nicht zwangsläufig darum gehen muss, sofort das große Geld zu machen, zeigt ein Beispiel aus dem westfälischen Warendorf. Dort haben zwei Brüder in der beschaulichen Kreisstadt ein knappes Dutzend mechanischer Limonadenspender aufgestellt: in einer Bücherei, an der Volkshochschule, in einer Bankfiliale.

Gewerbe mit Getränkeautomaten: Christoph (l.) und Johannes Austermann Zur Großansicht
Katharina Austermann

Gewerbe mit Getränkeautomaten: Christoph (l.) und Johannes Austermann

Das Geschäftsmodell lässt sich durchaus als schrullig bezeichnen. Einmal pro Woche zuckelt der 19-jährige Johannes Austermann in einem dreirädrigen Piaggio-Lieferwagen durch die Stadt und füllt die gebraucht gekauften Automaten auf, von denen der älteste ein halbes Jahrhundert alt ist. Und nicht nur das: Wer bei Getränkeautomaten Austermann kauft, bekommt ausschließlich Limo von Nischenmarken wie Almdudler oder Afri Cola aus Mehrweg-Glasflaschen.

Ob sich das finanziell lohnt? Nicht wirklich, wie Johannes' acht Jahre älterer Bruder Christoph sagt. Um große Gewinne gehe es vorrangig aber auch nicht, zumal der eine hauptberuflich als Projektberater für Windparks arbeitet und der andere eine Lehre in der Bank macht. Sondern um ein Projekt zweier Brüder: "Wir verstehen uns richtig gut", sagt der 27-Jährige, "außerdem ist das für uns ein Stück Selbstverwirklichung - und vielleicht wird ja eines Tages noch mehr daraus."

Ein Einzelfall? Vielleicht - doch dann gäbe es unzählige Einzelfälle. Denn nicht nur Gründer-Berühmtheiten wie die wegen ihres Führungsstils umstrittenen Samwer-Brüder haben als Duo Erfolge gefeiert: Zwei Brüder aus Reutlingen vermitteln Jobs in der Start-up-Branche, zwei Schwestern aus Stuttgart veranstalten Reisen für Blinde und Sehbehinderte, zwei Brüder aus Fulda helfen Monteuren auf Reisen bei der Zimmersuche.

Die Auflistung ließe sich noch deutlich erweitern, und sie wird wohl auch noch länger: Denn viele Jugendliche der als verunsichert geltenden Generation Z stehen erst in einigen Jahren vor der Entscheidung, wie und mit wem sie ins Berufsleben starten möchten.


Zusammengefasst: Junge Leute gründen seltener Unternehmen, stattdessen sehnen sich viele nach Sicherheit - und emotionalem Rückhalt auch im Job. Viele bauen daher eine eigene Existenz gemeinsam mit einem Bruder oder einer Schwester auf. Verlässliche Zahlen gibt es noch nicht, doch Geschwister als Gründer könnten dazu beitragen, den Abwärtstrend bei Existenzgründungen zu stoppen.

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Dumm nur,
reifenexperte 25.11.2015
dass inzwischen über 50% Einzelkinder sind. Dann ist also nix mit Firmengründung.
2.
Stäffelesrutscher 25.11.2015
»Damit stehen die beiden möglicherweise für eine wachsende Gruppe junger Firmengründer, denen emotionaler Rückhalt im Berufsleben ebenso wichtig ist wie ihre Geschäftsidee« Ah ja. Es gab ja auch noch nie zwei Schumachersöhne namens Dassler aus Herzogenaurach oder Bäcker- und Tante-Emma-Söhne namens Albrecht aus Essen.
3.
Sibylle1969 25.11.2015
Ich habe vier Geschwister und würde mit keinem davon zusammen eine Firma gründen wollen. Sich gut zu verstehen, ist sicher eine notwendige Bedingung, damit eine Unternehmensgründung unter Geschwistern klappt. Davon abgesehen, sind die Samwer-Brüder aber zu dritt, also ein Trio und kein Duo...
4.
Lölölöwenbändiger 25.11.2015
Zitat von reifenexpertedass inzwischen über 50% Einzelkinder sind. Dann ist also nix mit Firmengründung.
Also meine drei sind auch alle Einzelkinder, das sind dann ja schon 150%. Wie kommen Sie auf die Idee, dass über die Hälfte aller Kinder Einzelkinder sind? Das deckt sich mit keiner meiner Erfahrungen aus Kindergarten und Schule (in den letzten 18 Jahren).
5. Anno dunnemals ...
noalk 25.11.2015
... nannten sich solche Firmen "Gebr. Sowieso". Gab's damals zuhauf. Also wieder mal viel Geschwätz um nix Neues.
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