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Gesundheit am Arbeitsplatz: Wer krank zur Arbeit geht, schadet der Firma

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Drei von vier Angestellten schleppen sich zur Arbeit, auch wenn sie krank sind. Die wenigsten schickt der Chef wieder nach Hause. Jetzt zeigt eine Studie: Wer ins Büro geht, statt zu Hause zu bleiben, schadet nicht nur sich selbst, sondern auch der Firma.

Erkältete Frau: Kostenbelastung am Arbeitsplatz Zur Großansicht
ddp

Erkältete Frau: Kostenbelastung am Arbeitsplatz

Hamburg - Die Augen brennen vom Heuschnupfen, der Kopf dröhnt wegen der Frühsommergrippe. "Ich fühle mich fürchterlich", denkt sich der Angestellte, schluckt eine Tablette - und fährt trotzdem zur Arbeit. Der eine handelt so aus Sorge um den Arbeitsplatz, der andere aus Pflichtgefühl. Nur: Der Firma nützt das herzlich wenig. Im Gegenteil: Es schadet ihr.

Das ergibt eine Studie der Unternehmensberatung Booz & Company im Auftrag der Felix-Burda-Stiftung. Kranke Angestellte am Arbeitsplatz kosten eine Firma demnach im Schnitt 2400 Euro pro Jahr - rund doppelt so viel wie Mitarbeiter, die zu Hause bleiben, wenn sie krank sind.

Sitzt der Kränkelnde erst im Büro, verschwimmen bald die Zahlenkolonnen am Monitor, die Konzentration lässt rasch nach, die Arbeit dauert länger, das Ergebnis ist oft schlechter als normalerweise. "Kranke Angestellte sind nur begrenzt einsatzfähig, sie machen mehr Fehler und erleiden öfter Unfälle", sagt Rolf Fricker, Leiter der Booz-Studie. "Krankheiten können verschleppt werden, im schlimmsten Fall werden sie chronisch." Außerdem erhöhe der Raubbau am eigenen Körper das Risiko eines Burnouts.

Präsentismus nennen Fachleute das Problem: die Anwesenheit am Arbeitsplatz trotz Krankheit. Drei von vier Deutschen gehen mindestens einmal im Jahr richtig krank zur Arbeit, hat die Bertelsmann-Stiftung schon 2007 in ihrem Gesundheitsmonitor festgestellt. Dennoch findet das Phänomen bislang wenig Beachtung.

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Grafiken: Krankheitskosten von Unternehmen
Der Krankenstand ist seit der Wiedervereinigung deutlich gesunken. Anfang der neunziger Jahre waren noch mehr als fünf Prozent der Arbeitnehmer, die in gesetzlichen Krankenkassen versichert sind, an Stichtagen als arbeitsunfähig gemeldet. 2009 waren es noch 3,4 Prozent. Mit der Angst um den eigenen Arbeitsplatz lässt sich dieser Langfrist-Trend nur bedingt erklären. "Ich habe dem Chef versprochen, das bis Freitag zu erledigen." - "Ich kann meine Kollegen nicht allein lassen." Oft brächten sich Angestellte aus vermeintlicher Kollegialität um unsere Genesungspause, sagt Antonius Reifferscheid, leitender Werksarzt bei Henkel.

Horrende Gesundheitskosten

Die Selbstausbeutung könnte für das Unternehmen auch Langzeitfolgen haben. US-Experten vermuten, dass die Anwesenheit kranker Mitarbeiter andere Angestellte unter Druck setzt. So werde das Betriebklima vergiftet - und die Produktivität insgesamt verringert. Hinzu kämen Know-how-Verluste und betriebsinterne Ansteckungswellen. Nach dieser Rechnung kostet ein Mitarbeiter, der krank ins Büro kommt, das Unternehmen ein Vielfaches mehr als einer, der zu Hause bleibt. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin weist allerdings darauf hin, dass solche Langzeitfolgen nur wenig erforscht sind.

Doch was auch immer man dem Problem des Präsentismus alles zuschreibt - eines ist klar: Wer krank arbeitet, kostet sein Unternehmen sinnlos Geld. In den kommenden Jahren könnte das zu einem noch größeren Risiko werden. Denn die Krankheitskosten nehmen rasch zu.

2009 beliefen sich die Gesundheitsausgaben auf 278 Milliarden Euro - das entspricht rund zwölf Prozent des Bruttoinlandprodukts. In den kommenden Jahren dürften sie weiter steigen: Laut Statistischem Bundesamt werden in 15 Jahren rund 40 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 50 und 65 Jahre alt sein. Dann dürften weit mehr Arbeiter unter Krankheiten wie Diabetes, Herzproblemen, Arthrose oder Rückenschmerzen leiden.

"Die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter wird zum Wettbewerbsvorteil", sagt Booz-Mann Fricker. "Allein aus betriebswirtschaftlicher Sicht müssten Unternehmen ein Interesse haben, einen Beitrag zur Fitness ihrer Mitarbeiter zu leisten." Hilfreich seien Vorsorgeuntersuchungen gegen Krebs und andere Krankheiten sowie Betriebssport. "Jede Krankheit muss mit geeigneten Maßnahmen adressiert werden."

Riskante Investitionen in Gesundheit

Auch müsse eine Unternehmenskultur etabliert werden, die einem schleichenden Burnout von Angestellten vorbeuge. Das allerdings widerspreche kurzfristigen Interessen nach Leistungssteigerung - und werde entsprechend selten umgesetzt. Dass sich Mitarbeiter krank zur Arbeit schleppen und der Chef sie nicht wieder heimschicke, sei ein Symptom dafür.

Experten halten Maßnahmen für mehr Gesundheit am Arbeitsplatz ebenfalls nur für schwer durchsetzbar. "Für Unternehmen sind Investitionen in Gesundheitsvorsorge stets riskant", sagt Stefan Felder, Gesundheitsökonom von der Universität Duisburg-Essen. "Schließlich können sie auf den Kosten sitzen bleiben, sollten Beschäftigte zur Konkurrenz abwandern." Auch Präventivuntersuchungen seien für Unternehmen problematisch. "Ihre Wirksamkeit und ihr volkswirtschaftlicher Nutzen sind strittig."

Andere Experten sagen dagegen, der Effekt entsprechender Vorsorge könnte immens sein. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin geht davon aus, dass sich 30 bis 40 Prozent der Arbeitsunfähigkeitszeiten durch besseres Gesundheitsmanagement in Betrieben vermeiden ließen. Und laut einer Erhebung des Wissenschaftlers Larry Chapman zahlt sich jeder Euro, der in betriebliche Prävention investiert wird, volkswirtschaftlich um den Faktor fünf aus.

Henkel-Arzt Reiffenscheid ist denn auch optimistisch, das sich die Versorgung von Mitarbeitern weiter verbessert. "Viele Führungskräfte haben begriffen, dass sie ihren Mitarbeitern im Kampf um Talente eine immer bessere gesundheitliche Versorgung bieten werden müssen", sagt er. Allerdings müsse auch bei vielen Angestellten erst noch die Einsicht wachsen, dass die meisten von ihnen bis ins hohe Alter arbeiten werden - und sie sich entsprechend fit halten müssen.

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insgesamt 78 Beiträge
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1. Zu Hause?
ammoniak 07.06.2011
Ein Angestellter *darf* nicht zu Hause bleiben wenn er krank ist. Er darf zum Arzt gehen. Praktisch bedeutet das oft genug, er darf sich von Arzt zu Arzt schleppen, weil ihn keiner behandeln will. Diese Demütigung ist eben nicht besonders attraktiv im Vergleich zu einem bequemen Bürosessel.
2. Text ist fertig, bitte online stellen!
enemenemopel 07.06.2011
Meist liegt die Entscheidung ob arbeiten oder auskurieren doch nicht beim Arbeitnehmer. In meiner (ehemaligen - Gott sei Dank!) Firma hatte man mit einer Krankmeldung, egal aus welchem Grund, ganz schlechte Karten. Und nach wie vor wird den alten Kollegen dort, wenn sie krank geschrieben waren, das Leben gehörig schwer gemacht. Ich musste, nach 9 Jahren ohne Fehltag, wegen einer Gürtelrose 1 Woche zu hause bleiben. 14 Tage später war ich wegen einer anderen (konstuierten) Geschichte raus. Zufall?
3. Mitarbeiter?
recharge 07.06.2011
Interessant, dass hier nicht auch auf die Gefährdung der Mitarbeiter eingangen wird. Ich hatte schon des öfteren 3-4 Tage nachdem mein Kollege krank (hier grippaler Infekt) ins Büro gekommen ist, mit den gleichen Krankheitssymptomen zu kämpfen.
4. niedrige Kosten!
scharfrichter1 07.06.2011
..darauf kommt es an. Niedrige Kosten bei der Produktion, beim Materialeinsatz, beim Kostenfaktor Mensch. Kostensenkung beim betriebswirtschaftlichen Faktor "Arbeitnehmer". Das ist bekannt. Was ist also schlimm daran, dessen Gesundheit auszuschöüfen bis zum Ende? Anders gesehen: Was ist zu bemängeln daran, sich zu verkaufen für materiellen Anreiz? Dass man menschlich verkümmert? Die Seele leidet? Nur eines: (so wird der Eindruck erweckt) Nämlich, dass man damit dann auch noch der Firma schadet.. die Kosten erhöhen sich ja leider, die Gewinnmarge wird enger. Und wieder andererseits: Nur wenige Menschen suchen neue Wege entsagen dann den ach so gewohnten Bequemlichkeiten um ihrer selbst willen wie plan-be.de oder ohne-moss-nichts-los.de Vielleicht bekommt ja doch jeder das, was er mit hevorruft: Die eigne Krankheit, die Krankheit der Firma, das gesundheitliche Siechen eine Gesellschaft. Spätrömische Dekandenz?
5. Eigenmeldung
karsten281 07.06.2011
Hier ist in vielen Betrieben die "Eigenmeldung" eine gängige Sache. Sehr vereinfacht heißt das, daß man einige Male pro Jahr bis zu drei Tage ohne ärztliche Bescheinigung zu Hause bleiben kann. Wenn man also den typischen grippalen Infekt hat, züchtet man den nicht erst noch schön hoch, indem man sich zum Arzt schleppt, um sich Arzt bescheinigen zu lassen, daß man den _wirklich_ hat, anstatt sich gleich ins Bett zu hauen. Ja, Mißbrauch kommt natürlich vor, und bei Verdacht darauf kann Angestellten das Recht zur Eigenmeldung entzogen werden. In unserem Unternehmen liegt der Krankenstand übrigens bei 3,2%.
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Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.


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