Globalisierung in Bildern "Menschen spielen keine Rolle mehr"

In China wächst ein Containerhafen ins Meer, in Spanien weicht ein Naturschutzgebiet einem Frachtflughafen: Henrik Spohler fotografiert die neuen Knotenpunkte des Welthandels. "Der Mensch", sagt er, "ist dort ein Störfaktor".

Henrik Spohler

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Spohler, Ihre Aufnahmen zeigen Knotenpunkte des Welthandels: Warenumschlagplätze im spanischen Saragossa, Tiefwasserhäfen in China aber auch ein Paketzentrum in Polen. Was hat Sie zu diesem ungewöhnlichen Projekt bewegt?

Spohler: Ich habe mich gefragt, wie sich die sehr dynamischen Entwicklungen der Globalisierung in Bilder fassen lassen. Die Bilder, an die wir uns gewöhnt haben, sind oft geprägt durch die Faszination der Technik. Sie bilden aber nicht das eigentliche Wesen des Welthandels ab.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Spohler: Schauen Sie in Ihrem eigenen Archiv nach, beim SPIEGEL oder bei SPIEGEL ONLINE. Berichte zum Handel werden oft mit Fotos vom Hamburger Hafen bebildert, meistens sind das romantisierende Bilder. Mich hat ein anderer, dokumentarischer Blick auf den Welthandel interessiert, nicht die Hafenromantik. Der Welthandel bahnt sich immer mehr Raum. Ein Beispiel ist der Flughafen in Saragossa, der Flug- und Eisenbahnverkehr verbinden sollte. Dafür musste ein Naturschutzgebiet weichen. Ein anderes Beispiel ist der Hafen von Rotterdam, der seit den Neunzigerjahren ins Inland und in die Nordsee gewachsen ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Orte ausgewählt?

Spohler: Ich habe nach den wichtigsten Drehkreuzen gesucht, etwa für Luftfahrt in Europa. Mich haben aber auch Orte interessiert wie ein großes, nagelneues Logistikzentrum in der polnischen Provinz.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihnen dort aufgefallen?

Spohler: Das Zentrum liegt etwa 20 Kilometer außerhalb der Stadt Lodz, neben einem kleinen Dorf. Wenn man aus diesem Dorf zwei Schritte heraus macht, steht man plötzlich vor einem hochmodernen Zentrum für den Umschlag von Lkw-Gütern. Es wirkt, als sei dort ein Ufo gelandet. Solche Umschlagplätze gleichen sich durch die Globalisierung an. In Lodz fällt das besonders auf: Wer dort steht, kann im Prinzip nicht mehr sagen, ob er nun irgendwo in den Niederlanden steht, bei Duisburg, oder eben in Polen.

Fotostrecke

15  Bilder
Globalisierung in Bildern: Häfen ohne Menschen

SPIEGEL ONLINE: Gibt es dafür noch mehr Beispiele?

Spohler: Auch Automobilfabriken sind heute komplett genormt. Ein anderes Beispiel ist die Erweiterung des Hamburger Hafens. Die neuen Ladekräne werden nicht mehr in Europa, sondern in China geordert. Die stehen so natürlich auch in chinesischen Häfen. Die Globalisierung führt zur Vereinheitlichung solcher Areale.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Blick auf die Globalisierung durch Ihre Arbeit verändert?

Spohler: Er ist intensiver geworden. Ich habe 1990 zum ersten Mal Hafenanlagen in Hamburg und in Bremerhaven fotografiert. Damals waren die Gelände noch offen zugänglich. Wo heute nur noch Container verfrachtet werden, wurden damals auch noch Säcke verladen. Nach dem 11. September 2001 hat sich auch da ziemlich viel verändert, alles ist hermetisch abgeriegelt. Mir geht es darum, diesen Wandel erfassbar zu machen, den enormen Zuwachs an Frachtvolumen. Laien können mit Statistiken über Bruttoregistertonnen oder 20-Fuß-Container nichts anfangen.

SPIEGEL ONLINE: China ist einer der Schrittmacher des globalen Handels.

Spohler: Ich habe die Hafeninsel Yangshan fotografiert, 100 Kilometer von Shanghai entfernt. Vor 15 Jahren wurde dort erst der erste Spatenstich getan. Damals war das eine kleine felsige Insel im Meer. Inzwischen wurden große Flächen Land aufgeschüttet. Die Fischer wurden umgesiedelt in moderne Hochhäuser. Yangshan ist heute ein Containerumschlagplatz, größer als der Hamburger Hafen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind auf Ihren Bildern so wenig Menschen?

Spohler: Das werde ich oft gefragt. Es sind keine Menschen mehr dort. Wir haben es mit hoch automatisierten Prozessen zu tun. Seit der Erfindung des Containers ist klar, dass das Verladen sich immer weiter automatisiert. Containerterminals darf man als Unbefugter gar nicht mehr betreten. Natürlich arbeiten dort noch Menschen, die sitzen aber in Kabinen. Der Mensch ist eher zum Störfaktor geworden. Als Beobachter sucht man ihn natürlich immer. Ich blende die Menschen auch nicht aus, in meiner Serie gibt es drei Personen zu sehen. Aber sie spielen tatsächlich keine große Rolle mehr.

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Henrik Spohler:
In Between

Hartmann Projects Verlag; 128 Seiten; 35 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Empfinden Sie das als unheimlich?

Spohler: Unheimlich wäre das falsche Wort. Ich bin überzeugt, dass sich der hochdynamische technische Wandel viel massiver auf Gesellschaften auswirkt, als sie wahrhaben wollen. Barack Obama hat das neulich in einem Nebensatz in einem Interview mit der "New York Times" erwähnt. "Ein großer Teil unserer Politik ist derzeit damit beschäftigt, diesen Kampf der Kulturen zu bewältigen, den Globalisierung, Technologie und Migration ausgelöst haben". Menschen sind nicht mehr in der Lage, sich mit der Welt zu identifizieren, wie sie das noch vor 30 Jahren konnten, auch weil so viele Arbeitsplätze einfach nicht mehr da sind.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass man die Globalisierung zurückdrehen kann, wie das der neue US-Präsident Donald Trump, aber auch linke Kritiker wollen?

Spohler: Man kann Freihandel begrenzen. Die Frage ist, was das für Folgen haben wird. In den Zwanzigerjahren des vergangen Jahrhunderts war es in den USA das erste Mal gelungen, Wohlstand breiten Schichten zugänglich zu machen, auch wenn viel davon in der Weltwirtschaftskrise wieder verloren ging. In Deutschland wurden in den Fünfzigerjahren erstmals breite Schichten am Wohlstand beteiligt. Wenn so etwas nicht funktioniert, kommt es zu Verheerungen.

Hinweis: Henrik Spohlers Projekt "in between" ist noch bis März im Rahmeneiner Ausstellung in Berlin zu sehen.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
werder11 24.01.2017
1. aber der mensch
soll das doch wohl kaufen, wofür das alles entsteht - oder? ich habe das schon oft geschrieben - die politik mitsamt ihren lobbyisten, den bankern und den wirtschaftsbossen mitsamt ihren aktionären müßten es wirklich mal erleben, daß die weltbevölkerung mal 1 monat nichts für den konsum ausgibt, damit sie endlich merken, daß ihnen ihre ganze macht und geld gar nichts mehr nutzt, wenn die bevölkerungen sie global boykottieren - aber von einer solchen solidarität kann man wohl nur träumen!
SPONU 24.01.2017
2. Der Mensch
....hatte zuvor auch entschieden dass dortige Pflanzen und Tiere "Störfaktoren" sind die seiner Expansion im Weg stehen. Irgendwann gibt's eben keine fruchtbaren Ackerflächen mehr, kein sauberes Wasser, keine Biodiversität. Dann kommen unsere Nährstoffe von Soylent Green. Bon Appetit!
opinio... 24.01.2017
3. Mensch zählt nicht in erster Linie
Zitat von werder11soll das doch wohl kaufen, wofür das alles entsteht - oder? ich habe das schon oft geschrieben - die politik mitsamt ihren lobbyisten, den bankern und den wirtschaftsbossen mitsamt ihren aktionären müßten es wirklich mal erleben, daß die weltbevölkerung mal 1 monat nichts für den konsum ausgibt, damit sie endlich merken, daß ihnen ihre ganze macht und geld gar nichts mehr nutzt, wenn die bevölkerungen sie global boykottieren - aber von einer solchen solidarität kann man wohl nur träumen!
Umsatz, Gewinn, Ex/Import Bilanzen, Steuereinnahmen.... die Masse Mensch, sicher nicht der einzelne Endverbraucher. Die Finanzindustrie kennt nur die großen Zahlen und mit Trump spielen nur noch die Zahlen eine Rolle
Stevy 24.01.2017
4. ... aber alle Menschen ...
... die Exzesse der Globalisierung sollte keine Gesellschaft tolerieren und es braucht mehr mutige Menschen und Politiker, grenz- und länderübergreifend zu agieren und der Gesellschaft den Teil der ihr zusteht zurückzugeben .. Beispiele sind die globale Firmenversteuerung bzw. Nichtversteuerung und andere, insbesondere im Finanzsektor ... aber man darf sich und der Gesellschaft auch nichts vormachen - wir alle wollen Globalisierung oder ist irgendjemand zB in Deutschland bereit, den Preis für ein smartphone, Fernseher oder Kühlschrank zu bezahlen der fällig wäre wenn alle Waren bei uns hergestellt würden ?? natürlich nicht, es geht nur weil billige Arbeiter bei Foxcon und die billigen Preise ermöglichen ... stellen Sie sich unserer Supermärkte vor wenn es dort nur noch Deutsche Waren zu Deutschen Preisen gäbe ... wir brauchen ein Gesamtgesellschaftliches Konzept zu Globalisierung, eine gemeinsame Verantwortung und keine Kleinstaaterei, der überall aufziehende Protektionismus ist das schlimmste Übel überhaupt ...
kritischer-spiegelleser 24.01.2017
5. Profiteur der Globalisierung
war immer die Wirtschaft. Und die Politik war Mitläufer. Und wenn der Bürger reklamiert hat dass im diese Globalisierung nichts bringe wurde er diffamiert und in die Nationalisten-Ecke gesteckt. Schon lange sind die meisten Menschen nicht mehr in der Lage und nicht mehr Willens, sich mit der Welt, die Politik und Wirtschaft geschaffen haben, zu identifizieren
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