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Globalisierung in Pakistan: Die Ballmacher von Sialkot

Aus Sialkot berichtet

2. Teil: Kinderarbeit in den Fußballnähereien

Sialkot: Welthauptstadt des Fußballs Fotos
Hasnain Kazim

Der Ruf der pakistanischen Lieferanten bei den Weltkonzernen ist gut, seitdem die Kinderarbeit offiziell verbannt ist. Früher nähten hier auch schon Zehnjährige, irgendwann gab es im Westen einen Aufschrei. Prompt fürchteten die Konzerne, die enorme Summen für ihr Image ausgeben, um ihren Ruf. Sportkonzerne und Menschenrechtler machten Druck, 1997 unterschrieben pakistanische Zulieferer und Vertreter von Unicef und der Internationalen Arbeitsorganisation ILO das Atlanta-Abkommen, ein Zugeständnis der Branche, Kinderarbeit abzuschaffen.

Von einen Tag auf den anderen verloren Tausende von Kindern ihre Arbeit. Und um den Konzernen die Kontrolle zu erleichtern, verboten die großen einheimischen Hersteller die Heimarbeit und ließen stattdessen Nähzentren bauen. Es gibt jetzt eine Wirtschaftspolizei mit dem Namen Imac, "Independent Monitoring Association for Child Labor", die regelmäßig die Nähereien besucht und sich die Ausweise der Mitarbeiter zeigen lässt. Ein Computer mit Zufallsgenerator bestimmt, in welchem Betrieb kontrolliert wird, auf diese Weise soll Bestechung verhindert werden. Es ist schon merkwürdig genug, dass Imac von den örtlichen Herstellern selbst finanziert wird. Manche kleinen Firmen beteiligen sich nicht an dem System. "Es kann gut sein, dass dort weiterhin Kinder beschäftigt sind", sagt ein Imac-Kontrolleur.

"Kinderarbeit ist ein sehr sensibles Thema", erklärt Aziz-ur Rehman, Chef von Adidas in Pakistan. Adidas habe deshalb ein zusätzliches Kontrollsystem entwickelt. Darüber hinaus schicke auch ihr Subunternehmen Forward Sports Leute in die Nähereien, die verhindern sollen, dass Kinder in den Hallen hocken.

Wie groß die Angst ist, dass doch mal ein Kind beim Nähen erwischt wird, zeigt der Fall von Saga Sports: Nike kündige Ende 2006 deswegen seinen Vertrag. Saga Sports, einst einer der größten Arbeitgeber des Ortes, ist heute so gut wie pleite. Manager von Forward Sports, Comet Sports, Capital Sports und auch der kleineren Hersteller haben das Schicksal des Wettbewerbers genau beobachtet.

Kinder arbeiten nun in Ziegeleien

Die Eltern schicken ihre Kinder jetzt in die Ziegelbrennereien und in die Metall verarbeitende Industrie, dort schert sich niemand um das Image. Irgendwie müssen die Familien ja überleben. Die Manager der Sportfirmen wissen das, aber man will die Wünsche der westlichen Konzerne erfüllen, die Käufer der teuren Bälle möchten das Geld schließlich mit gutem Gewissen ausgeben. Dass jetzt direkt neben der Nähfirma Danayal junge Mädchen Ziegelsteine schleppen, ahnt der Kunde im Sportgeschäft ja nicht.

"Bei uns hatten es die Zehn- oder Zwölfjährigen dagegen richtig gut", sagt ein Manager, der seinen Namen nicht genannt wissen möchte. "Sie haben bei uns ein Handwerk gelernt, das ihnen ein Leben lang ihre Einkünfte gesichert hat. Jetzt gibt es kaum noch Nachwuchs, wir haben Schwierigkeiten, gute Näher zu finden."

Muhammad Ishaq Butt ist überzeugt, dass Sialkot auch mit dem Arbeiterengpass fertig wird. Er sitzt in seinem holzvertäfelten Büro im Stadtzentrum, blaues Sakko mit Goldknöpfen, gestutzter grauer Vollbart, Seitenscheitel, braune Hornbrille. Butt, Präsident der Industrie- und Handelskammer von Sialkot, sieht aus wie ein hanseatischer Kaufmann. "Wir bauen derzeit eine Fabrik, in der Bälle maschinell geklebt werden", sagt er. Das sei ein Gemeinschaftsprojekt von Stadt und privaten Investoren. In Thailand und China werden Bälle schon seit langem ausschließlich maschinell hergestellt - inzwischen so gut, dass 2006 bei der WM in Deutschland kein Ball aus Pakistan mehr zum Einsatz kam, sondern einer aus Thailand. Das Adidas-Modell "Jabulani" für Südafrika stammt diesmal aus China.

Ball aus Pakistan im Champions-League-Finale

Auf die Näher kommen mittelfristig eine Menge Veränderungen zu. "So funktioniert eine Gesellschaft", sagt Butt. "Die Menschen werden lernen, die Maschinen zu bedienen." Aber die Nachfrage nach handgenähten Bällen sei immer noch sehr groß und die Qualität unterm Strich besser als die der maschinell geklebten oder genähten.

In den großen Firmen von Sialkot arbeiten Männer in weißen Kitteln daran, den handgefertigten Ball noch besser, noch runder zu machen. Per Computer wird gemessen, ob das Produkt auch wirklich eine perfekte Kugel ist. Geräte prüfen, wie viel Wasser ein Ball bei Regen aufnimmt, wie abriebfest das Material ist und ob die Oberfläche nicht zu glatt ist. Die Arbeit, sagen die Forscher, lohne sich: Im Estadio Santiago Bernabeu in Madrid, im Finale der Champions League, kommt am 22. Mai ein Ball aus Sialkot zum Einsatz.

Sorgen müsse sich in Sialkot also niemand machen, sagt Butt.

Außerdem habe man gelernt, Verluste im Marktanteil auszugleichen, die durch die Konkurrenz aus Fernost entstehen. "Wir produzieren hier immer mehr andere Produkte", erklärt er. Sportbekleidung zum Beispiel und Sporttaschen. Und stolz erklärt er, dass seine Stadt es mittlerweile auf anderem Gebiet an die Spitze geschafft habe: Nirgendwo in der Welt würden mehr Handschuhe produziert als in Sialkot.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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1. xxx
Schleswig 15.03.2010
Aus den Augen, aus dem Sinn.
2. Kinderarbeit?
Don Alfonso 15.03.2010
Und was ist die Alternative? Will uns der Autor suggerieren, dass es besser gewesen wäre, das Thema Kinderarbeit nicht anzugehen, weil die Kids dann nicht in einer Ziegelei arbeiten müssten, sondern Fußbälle nähen dürften? Nein, auch dies ist ein Beispiel für ein total pervertiertes Wirtschaftssystem. Wenn ein Näher für einen Ball, der im Handel 100 Euro und mehr kostet, nicht 50 Cent bekäme, sondern einen Euro, dann könnte er wohl davon leben. Dann würde er seine Kinder wohl kaum in die Ziegelei schicken, sondern zur Schule. Würde der Fußball dann bei uns das Doppelte kosten? Nie und nimmer! Würden die ganzen Mitverdiener ärmer? Wohl kaum. Aufgabe: Ersetze Fußball durch T-Shirt, Jeans, Schuhe, Designer-Klamotte ...
3. -gramm und -gon...
diemeinung2008 15.03.2010
na, da wird den Bällen aber schnell die Luft ausgehen, wenn Hexagramme mit Pentagrammen vernäht werden. Gemeint sind wohl Hexagone und Pentagone.
4. An den Autor
mavoe 15.03.2010
Zitat von sysop40 Millionen Fußbälle im Jahr, alle handgenäht: Sialkot in Pakistan ist die Welthauptstadt der Ballmacher. Aber das Personal wird knapp, seit auf Druck des Westens die Kinderarbeit abgeschafft wurde. Die Kundschaft hat jetzt ein reines Gewissen - und die Kinder verdingen sich in der Ziegelei nebenan. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,682090,00.html
Lieber Herr Kazim, vielen Dank für Ihre Beiträge aus dem Subkontinent! das sagt jemand, dessen Lebenseinstellungen tiefst vom Subkontinent, sowie SEA geprägt ist. Im Guten, wie im Schlechten... liebe Grüße aus Berlin
5. Der Aritkel ist...
sinhamoca 15.03.2010
...interessant, aber viel zu lang: Ich schlage folgende Abkürzung vor: "Man sollte weltweit jedes beliebige Produkt mit einem Gewissensberuhigungsaufkleber versehen, auf dem steht 'Wenn Du dieses Produkt boykottierst, könnte espassieren, daß die armen Leute anschließend für einen noch schlimmeren Ausbeuter arbeiten'."
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Fakten über Pakistan
Staatsgründung
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Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
Kaschmir-Konflikt
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Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

Islam
AP
Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan die erste islamische Republik der Welt. Der Islam ist Staatsreligion, gleichzeitig garantiert die Verfassung jedoch Religionsfreiheit. 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, der Präsident muss ebenfalls Muslim sein. Seit der Staatsgründung haben Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen über die Rolle des Islam im Staatsverständnis die Innenpolitik beherrscht.

Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

Macht der Taliban
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In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

Verstärkung erhielten die radikalen Islamisten von afghanischen Taliban aus den Reihen von Mullah Omar sowie Qaida -Kämpfern, die aus Afghanistan geflohen sind. Militante betreiben hier in Waziristan auch Ausbildungslager für international operierende Dschihadisten.

Kampf gegen die Extremisten
dpa
Die pakistanische Armee führte ab 2003 wiederholt Militäraktionen im Nordwesten gegen die Taliban - und Quaida -Terroristen durch. Als Reaktion verübten Terroristen verheerende Anschläge in pakistanischen Städten.

Die Amerikaner versuchen, die islamistischen Extremisten in ihren pakistanischen Verstecken mit ferngesteuerten Präzisionsraketen zu treffen. Doch diese Drohnen -Angriffe sind bei der Bevölkerung äußerst unpopulär und treiben die Menschen in die Arme der militanten Islamisten.

Das pakistanische Militär scheute zunächst die ernsthafte Konfrontation mit den Extremisten. Die Armee und der pakistanische Geheimdienst ISI haben diese Gruppierungen zum Teil Anfang der achtziger Jahre selbst aufgebaut, um im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan mitzumischen, und haben sie später im Kaschmir-Konflikt eingesetzt. Und noch immer betrachten viele Offiziere die Taliban nicht als ihren eigentlichen Gegner – der wahre Feind sei Indien .

Um die Aufständischen in den Stammesgebieten ruhigzustellen, versuchte schon Präsident Pervez Musharraf , Abkommen mit ihnen zu schließen, und versagte. Im April 2009 scheiterte ein Friedensabkommen, das sein Nachfolger, Staatschef Asif Ali Zardari , ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten die Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia anwenden dürfen. Mit Hilfe des islamischen Rechts können sich die Taliban die Bevölkerung legal gefügig machen - wer sich gegen ihre Herrschaft auflehnt, wird geköpft. Statt einer Feuerpause brachten sie vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten bedrohlich nahe an die Hauptstadt Islamabad heran, bis die Armee im Frühjahr 2009 eingriff und die Gebiete zurückeroberte. Im Oktober 2009 begann das Militär außerdem einen Krieg gegen die Taliban in der Region Südwaziristan.

Atomwaffen
REUTERS
1985 wurde in Pakistan erstmals Uran angereichert, seit 1998 besitzt das Land nachweislich Atomwaffen : Nur Tage nach indischen Atomtests zündete Pakistan im Mai 1998 in der Nähe der unbewohnten Chagai-Berge erfolgreich Kernwaffen. Die genaue Zahl der atomaren Sprengköpfe ist nicht bekannt, aber es sollen 60 bis 100 sein, die an verschiedenen Stellen im Land gelagert und von rund 10.000 Soldaten bewacht werden.

Damit gehört Pakistan neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China sowie Indien, Israel und Nordkorea zum Kreis der neun Nuklearmächte, was die Bedeutung des verarmten Landes stark erhöht.

Militärbeobachter befürchten, Nuklearwaffen aus dem pakistanischen Waffenarsenal könnten aufgrund der Instabilität des Landes in die Hände von Extremisten fallen. Diese hätten damit ein Mittel in der Hand, dem Westen ihre Bedingungen zu diktieren. Geschürt wird die Angst vor diesem Horrorszenario dadurch, dass die Taliban in den vergangenen Monaten ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ausgebaut haben. Im April 2010 rückten sie bis auf 100 Kilometer Entfernung auf die Hauptstadt Islamabad vor, bevor sie vom pakistanischen Militär zurückgedrängt wurden.



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