Globalisierung in Pakistan Die Ballmacher von Sialkot

40 Millionen Fußbälle im Jahr, alle handgenäht: Sialkot in Pakistan ist die Welthauptstadt der Ballmacher. Aber das Personal wird knapp, seit auf Druck des Westens die Kinderarbeit abgeschafft wurde. Die Kundschaft hat jetzt ein reines Gewissen - und die Kinder verdingen sich in der Ziegelei nebenan.

Hasnain Kazim

Aus Sialkot berichtet


Das Dorf ist umgeben von saftiggrünen Feldern. Ein paar rote Schornsteintürme der Ziegelbrennereien, an den Spitzen schwarz vom Ruß, ragen in den Himmel. Hier und da stehen ein paar flache, bröckelnde Gebäude mit Fenstern wie Schießscharten, man vermutet Ställe darin oder Lager für Getreide.

In einem dieser Häuser in Sambrial, wenige Kilometer außerhalb von Sialkot, an der Grenze zu Indien, hockt Shaukat auf einem Stuhl mit abgesägten Beinen, neben ihm zwanzig weitere Männer. Seine Sandalen hat er neben dem Stuhl abgestellt, es ist warm im März in dieser Region, da kann man auch barfuß arbeiten. Shaukat ist ein junger, kräftiger Mann, Mitte 20. Seit acht Jahren arbeitet er in dieser Firma, Danayal heißt sie, er ist Näher und Danayal eine eigenständige Nähfabrik, in der Fußbälle von Hand hergestellt werden, Profifußbälle.

Am Ende des Raumes steht ein alter Fernseher, es läuft ein Fußballspiel, aber die Männer schauen nicht hin, sie nähen und unterhalten sich dabei. Fußball, sagt Shaukat, interessiere sie nicht. Sie finden Cricket viel spannender. Die meisten von ihnen haben noch nie Fußball gespielt. Aber Shaukat ist froh, das Millionen andere Menschen Fußball mögen, vielleicht nicht in Pakistan, eigentlich in ganz Südasien nicht, aber im Rest der Welt. Denn das sichert ihm seit Jahren sein Einkommen.

Gleich am Eingang hängt ein Zettel, bedruckt mit den aktuellen Tarifen. Je nach Modell zahlt ihm sein Arbeitgeber pro Ball 55 bis 63 Rupien, also 47 bis 55 Cent. "An einem guten Tag schaffe ich sechs Stück", sagt Shaukat. Acht Stunden lang hat er dann dagesessen und gearbeitet. "Das ist nicht viel Geld", sagt er, während er die Nadel durch das dicke Kunstleder sticht und zwei Flicken vernäht. Sein Chef steht in der Nähe, und er schiebt schnell nach: "Aber es ist auch nicht wenig." Jeden Samstag bekommt er sein Gehalt ausgezahlt, er muss damit seine sechsköpfige Familie durchbringen.

Profiteur der Globalisierung

Im Schnitt verdienen die Menschen in Sialkot dank der Sportindustrie etwa doppelt so viel wie im Landesdurchschnitt, etwa tausend Euro im Jahr. Die Hersteller von chirurgischen Instrumenten, von Lederwaren und Musikinstrumenten tragen ebenfalls zum Wohlstand der Stadt bei. Bälle und OP-Messer gehen komplett ins Ausland, Sialkot ist eine exportorientierte Stadt. Politiker und Manager haben die Wünsche des Auslands studiert und sich die Standards ihrer westlichen Partner zu eigen gemacht. Etwa eine halbe Million Menschen wohnen hier, einschließlich Speckgürtel sind es drei Millionen, und die meisten sind stolz auf sich und auf ihre Stadt. Die Straßen sind besser, die Autos neuer als in anderen Gegenden Pakistans. Sialkot ist ein Profiteur der Globalisierung.

In einem Nebenraum türmen sich Berge von weißen Bällen. Das Material - pro Ball zwanzig Hexagone und zwölf Pentagone aus Kunstleder, außerdem Blase und Garn - liefert das Unternehmen Forward Sports. Abends holt ein Lieferwagen die fertigen Bälle ab. Derzeit ist Forward Sports der größte Hersteller von handgenähten Fußbällen in Sialkot, die Firma beschäftigt mehr als hundert Nähzentren wie Danayal. Sie verkauft die Bälle an Adidas, für fünf bis zehn Euro das Stück, einen genauen Preis mag hier niemand nennen. Der Sportriese aus Herzogenaurach wiederum beauftragt neben Forward Sports weitere Firmen in Sialkot mit der Herstellung von Fußbällen.

Es ist ein langer Weg bis zum Anpfiff: Am Anfang stehen die Sub-Subunternehmer, also die Nähzentren, die Hinterhofwerkstätten, die Heimarbeitsplätze, die Ein-Mann-Betriebe, dann die Subunternehmen als Partner der Sportkonzerne, die Spediteure, der Zoll, die Sportgiganten, dazwischen die Werbebranche, dann die Großhändler, am Ende die Sportfachgeschäfte und Kaufhäuser. Auf diesem Weg wird aus einem 63-Rupien-Ball ein Produkt für mehr als hundert Euro, jeder will daran verdienen. Und irgendwo müssen auch die Millionen für die Fußballstars, die teuren Werbeikonen der Sportmarken, herkommen.

Bis zu 60 Millionen Fußbälle im Jahr

Der Bedarf an Fußbällen ist gigantisch, vor allem in Weltmeisterschaftsjahren. Seit Mitte der achtziger Jahre gibt es in Sialkot einen eigenen Umschlagplatz mit Zollabfertigung, die Hersteller müssen ihre Ware nun nicht mehr bis zum Hafen in Karatschi transportieren. "Dry Port", Trockenhafen, nennen sie dieses Frachtzentrum. Seit einem Jahr ist außerdem der hochmoderne Flughafen in Betrieb, damit die Herren von Adidas Chart zeigen, Nike Chart zeigen, Puma Chart zeigen und Co. bis nach Sialkot fliegen und besonders eilige Bestellungen per Luftfracht nach Europa und Amerika ausgeliefert werden können.

In letzter Zeit haben sich allerdings kaum noch Manager aus dem Westen nach Pakistan getraut, obwohl es in Sialkot noch keinen Anschlag gegeben hat. Die Sportriesen haben aus Terrorangst nicht einmal eine Verkaufsstruktur in dem Land, obwohl hier die Masse ihrer Produkte hergestellt wird. Und pakistanische Geschäftsleute haben Probleme, ein Visum für die USA oder für Europa zu bekommen. Aber noch, sagen sie, läuft das Business gut.

Immerhin 40 Millionen Fußbälle liefern die Fabriken von Sialkot jährlich aus, in Jahren mit Welt- oder Europameisterschaft sogar 60 Millionen. Das sind Schätzungen zufolge bis zu 70 Prozent der weltweiten Menge an handgenähten Bällen. Die Erfolgsgeschichte von Sialkot als Welthauptstadt der Fußballproduktion begann der Legende nach mit einem Mann, der vor etwa einem Jahrhundert einen Lederball britischer Kolonialoffiziere reparierte und fortan auch selbst Bälle herstellte. Syed Sahib hieß er, noch heute ist eine Straße nach ihm benannt.



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Schleswig 15.03.2010
1. xxx
Aus den Augen, aus dem Sinn.
Don Alfonso 15.03.2010
2. Kinderarbeit?
Und was ist die Alternative? Will uns der Autor suggerieren, dass es besser gewesen wäre, das Thema Kinderarbeit nicht anzugehen, weil die Kids dann nicht in einer Ziegelei arbeiten müssten, sondern Fußbälle nähen dürften? Nein, auch dies ist ein Beispiel für ein total pervertiertes Wirtschaftssystem. Wenn ein Näher für einen Ball, der im Handel 100 Euro und mehr kostet, nicht 50 Cent bekäme, sondern einen Euro, dann könnte er wohl davon leben. Dann würde er seine Kinder wohl kaum in die Ziegelei schicken, sondern zur Schule. Würde der Fußball dann bei uns das Doppelte kosten? Nie und nimmer! Würden die ganzen Mitverdiener ärmer? Wohl kaum. Aufgabe: Ersetze Fußball durch T-Shirt, Jeans, Schuhe, Designer-Klamotte ...
diemeinung2008 15.03.2010
3. -gramm und -gon...
na, da wird den Bällen aber schnell die Luft ausgehen, wenn Hexagramme mit Pentagrammen vernäht werden. Gemeint sind wohl Hexagone und Pentagone.
mavoe 15.03.2010
4. An den Autor
Zitat von sysop40 Millionen Fußbälle im Jahr, alle handgenäht: Sialkot in Pakistan ist die Welthauptstadt der Ballmacher. Aber das Personal wird knapp, seit auf Druck des Westens die Kinderarbeit abgeschafft wurde. Die Kundschaft hat jetzt ein reines Gewissen - und die Kinder verdingen sich in der Ziegelei nebenan. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,682090,00.html
Lieber Herr Kazim, vielen Dank für Ihre Beiträge aus dem Subkontinent! das sagt jemand, dessen Lebenseinstellungen tiefst vom Subkontinent, sowie SEA geprägt ist. Im Guten, wie im Schlechten... liebe Grüße aus Berlin
sinhamoca 15.03.2010
5. Der Aritkel ist...
...interessant, aber viel zu lang: Ich schlage folgende Abkürzung vor: "Man sollte weltweit jedes beliebige Produkt mit einem Gewissensberuhigungsaufkleber versehen, auf dem steht 'Wenn Du dieses Produkt boykottierst, könnte espassieren, daß die armen Leute anschließend für einen noch schlimmeren Ausbeuter arbeiten'."
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