Glücksspiel in Griechenland Die Krisenzocker von Loutraki

Die Griechen lieben Glücksspiel, das zeigt ein Besuch im größten Casino des Landes. Dort trifft man Zocker, die sich von der Krise nicht beirren lassen. Manche hegen sogar Sympathien für Angela Merkel.

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Aus Loutraki berichten und Ferry Batzoglou


Georgios könnte jetzt draußen sein. Wenige Meter entfernt planschen Menschen in Swimmingpools, die direkt ans Meer grenzen. Andere schlemmen in einem von drei Restaurants griechische Spezialitäten oder entspannen im exquisiten Spa.

Georgios aber ist drinnen, in einem Untergeschoss ohne Fenster. Schlaff sitzt der 65-Jährige vor einem Spielautomaten, dessen Walzen er mit der linken Hand in ständiger Bewegung hält. Mit rechts raucht er und zieht regelmäßig neue Geldscheine aus der Tasche. Etwa eine Stunde ist der frühere Bankangestellte jetzt hier, zwischen 300 und 400 Euro hat er schon verloren. "Die Maschine gibt heute nichts", erklärt Georgios im Zockerslang die Lage. Sollte man hier also nicht spielen? "Lass bloß die Finger davon!"

Willkommen in Loutraki, dem größten Casino Griechenlands - laut den Betreibern sogar Europas. Rund 85 Kilometer westlich von Athen trifft man hier Griechen bei einer ihrer großen Leidenschaften: dem Glücksspiel.

Allein die neun griechischen Casinos machten laut der European Casino Association im Krisenjahr 2010 einen Gesamtgewinn von 530 Millionen Euro. Obwohl die griechische Bevölkerungszahl nur rund ein Siebtel der deutschen ausmacht, liegt Griechenland damit direkt hinter der Bundesrepublik (651 Millionen) und europaweit auf Platz fünf.

Noch größer ist der gesamte griechische Glücksspielsektor. Zu ihm gehört der staatliche Lotterie- und Wettkonzern Opap, der das Monopol auf Lotterien und Sportwetten hat. Kurz vor Ausbruch der Krise kam die Branche auf einen Umsatz von insgesamt 8,7 Milliarden Euro. Angesichts der akuten Geldnot in Athen steht nun auch Opap auf der Liste von Staatsunternehmen, die privatisiert werden sollen.

"Früher musste man hier Schlangestehen"

Im Casino von Loutraki ist von der Krise auf den ersten Blick nichts zu sehen. Schon am frühen Abend sind je 16 Roulette- und Blackjack-Tische in einem der Haupträume gefüllt, auch an vielen der tausend Automaten wird gespielt.

Und doch macht sich die wirtschaftliche Lage bemerkbar. "Früher musste man hier Schlangestehen", erzählt Stelios, ein 60-jähriger früherer Pelzhändler mit schiefen Zähnen und vergnügtem Blick. Heute dagegen sei er fast allein im Shuttle-Bus aus Athen angereist.

Es sind vor allem ältere Griechen wie Stelios, die weiterhin nach Loutraki kommen. Ihre Renten und Ersparnisse sind trotz der Krise noch üppig genug, um eine Leidenschaft zu finanzieren, die in vielen Fällen wohl auch eine Sucht ist.

Stelios gehört zu denen, die trotz Krise unbeirrt weiterzocken. Nur wegen eines Herzproblems habe er seine Besuche etwas reduziert, sagt er. "Sonst würde ich sogar hier schlafen." Platz genug gäbe es: Zum Casino gehört ein Fünf-Sterne-Hotel mit 255 Zimmern und 20-Luxus-Suiten.

Über den Komfort der Anlage spricht Dimitris Staikopolous vom Casino-Management deutlich lieber als über die Ertragslage. Nach Angaben der Athener Wirtschaftszeitung "Imerisia" brach der Gewinn in Loutraki im vergangenen Jahr um 16 Prozent ein. Doch bei Fragen nach Zahlen wird der ältere Herr im fliederfarbenen Hemd unwillig. "Die Krise trifft jeden", sagt Staikopolous nur. "Aber zum Glück läuft es sehr gut bei uns."

In den Haupträumen blinkt es an jeder Ecke, man läuft auf einem knallbunten Teppich voller Kronen und Diamanten. Dann öffnet Staikopolous die Tür zum VIP-Zimmer: dezenter roter Teppich, holzgetäfelte Wände, sieben Angestellte, die auf besondere Kundschaft warten.

Ein Raum für die Sehr-Sehr-Wichtigen

Hier würden die Einsätze erst bei zehn Euro beginnen, erzählt Staikopolous. Und bald werde sogar ein VVIP-Raum eröffnet, also ein Spielzimmer für die Sehr-Sehr-Wichtigen. Wie hoch ist der Mindesteinsatz dort? Er hebt die Augenbrauen. "Sehr hoch!" Noch sind 80 Prozent der Besucher Griechen, doch in der Krise wirbt das Casino besonders um wohlhabende Ausländer. Die könnten auch direkt mit ihrem Helikopter oder Privatjet anreisen, sagt Staikopolous

Zu solchem Luxus wird es Ex-Pelzhändler Stelios nicht mehr bringen, doch zum Zocken reicht sein Geld allemal. Verdient hat er es mit einem Steuertrick: 30 Jahre pendelte Stelios zwischen seinem Stammsitz in Rom und Deutschland. Deutsche Pelzwaren seien nur mit 14 Prozent besteuert worden, erklärt er, italienische dagegen mit 36 Prozent. Allein mit dieser Differenz habe er seinen Gewinn gemacht - und ihn mit den Zöllnern geteilt. Als er mal eine Woche nicht erschienen sei, hätten die Beamten sich gleich besorgt nach seiner Gesundheit erkundigt.

Stelios hat großen Spaß an seiner Geschichte. Endlich sind mal nicht nur die Griechen die Gauner. "Jeder ist käuflich", sagt er zum Abschied.

Das sieht Artemis ganz ähnlich, doch sie nimmt diese Erkenntnis nicht ganz so locker. Jahrzehntelang hätten sich die Politiker des Landes bereichert, schimpft die 65-Jährige mit dicker Brille und Dutt. Und heute müssten die jungen Menschen sich mit 500-Euro-Gehältern zufriedengeben. Wer ist Schuld an der Krise? Artemis zeigt vor sich auf den Boden. "Wir Alten haben die Jungen zerstört."

"Merkel passt ja auf, dass ihr genug Geld habt"

Doch auch Artemis füttert den Automaten vor sich mit Geld. "Das ist mein einziges Vernügen und mein gutes Recht", sagt sie bestimmt. Seit ihrem 13. Lebensjahr habe sie geschuftet, erzählt die frühere Schneiderin. Drei Töchtern habe sie Studium und sogar Wohnungen finanziert. In der Krise hätten dann zwei von ihnen ihren Job verloren. Sie tippt sich an den Kopf. "Deswegen habe ich jetzt auch eine Krise."

Der deutsche Journalist solle auch spielen, findet Artemis und empfiehlt einen bestimmten Automaten. "Die Merkel passt ja auf, dass ihr genug Geld habt." Die Haltung der Kanzlerin in der Griechen-Krise findet Artemis richtig. Sie kümmere sich eben um ihr Land.

Ob Artemis bewusst ist, dass Merkel mit vielen ihrer Forderungen gescheitert ist und derzeit darum kämpft, dass sich auch private Banken an der Griechen-Rettung beteiligen? Jedenfalls weiß Artemis, dass sie selbst in Loutraki Geld verbrennt. Am Anfang ihrer Besuche, vor mehr als zehn Jahren, hat sie hier mal 9000 Euro gewonnen. Seitdem hat sie ein Vielfaches dieser Summe verzockt.

Eine alte Spielerweisheit könnte die Griechin der deutschen Kanzlerin damit voraushaben: Am Ende gewinnt immer die Bank.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
wahlberechtigter 28.06.2011
1. Griechischer Aufstand
Zitat von sysopDie Griechen lieben Glücksspiel, das zeigt ein Besuch im größten Casino des Landes. Dort trifft man Zocker, die sich von der Krise nicht beirren lassen. Manche hegen sogar Sympathien für Angela Merkel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,770523,00.html
Es ist zu hoffen, dass die Griechen die Zumutungen ablehnen und ihre korrupten Politiker in die Wüste schicken. War es nicht Merkels konservative Schwesterpartei, die Griechenland in den Ruin getrieben hat? Der normale Grieche hat doch nichts mehr zu verlieren, oder? Zurückzahlen? Wie soll das funktionieren? Einem armen Mann in die Taschen zu greifen ist nutzlos. Wird Griechenland ein Deutsches Bundesland? Dann können wir sofort Geld per SOLI überweisen. Alternative: Alle Griechen kommen nach Deutschland und beantragen hier Hartz4, Kindergeld und Rente. Die Deutsche Wirtschaft und Herr Brüderle suchen doch angeblich händeringend nach Arbeitskräften. Auf ihr Griechen, kommt nach Deutschland, ins Schlaraffenland der Herrn Westerwelle.
E.Cartman 28.06.2011
2. Ähm...
Zitat von sysopDie Griechen lieben Glücksspiel, das zeigt ein Besuch im größten Casino des Landes. Dort trifft man Zocker, die sich von der Krise nicht beirren lassen. Manche hegen sogar Sympathien für Angela Merkel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,770523,00.html
Im größten Casino welchen Landes würde dieser Eindruck nicht entstehen?
kafka01 28.06.2011
3. Gibt es
in Griechenland eigentlich auch Leute die nicht Beamte waren oder nicht versucht haben, mit "Steuertricks" Geld zu machen? Wertschöpfung - irgendjemand?
wolltsnursagen 28.06.2011
4. 10mioeinwohner
ich begreifs net, das land ist so winzig hat ne wirtschaftsmacht so groß wie unsre ärmsten bundesländer und soll europa in eine krise stürzen? so ein kollosaler schwachsinn, ehrlich. wer versucht uns da für blöd zu verkaufen? unsre eigne regierung und warum? weil sie auch zocken, aber mit unserem geld.
Mathesar 28.06.2011
5. ...
Zitat von kafka01in Griechenland eigentlich auch Leute die nicht Beamte waren oder nicht versucht haben, mit "Steuertricks" Geld zu machen? Wertschöpfung - irgendjemand?
Mir fällt niemand ein. Nur die Taxifahrer in Griechenland, die haben es nicht nur mit Steuertricks gemacht, sondern auch noch ihre Fahrgäste betrogen, so oft wie ich dort Taxigefahren bin immer wohlgemerkt.
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