Skandal um US-Autobauer GM Wieder gegen die Wand gefahren

Gerade erst hatte sich GM von der Insolvenz erholt und seinen Ruf poliert. Dann kam der tödliche Zündschloss-Skandal. Er könnte dem größten US-Autobauer erneut an die Existenz gehen - und GM-Chefin Barra den Job kosten.

AFP

Von , New York


Es passierte auf dem Heimweg. Als Laura Andres über einen Schotterstreifen fuhr, schaltete sich ihr Auto ganz von allein aus. Von 70 Stundenkilometern auf null: Verschreckt brachte Andres den Wagen in die Werkstatt. Der Mechaniker tippte auf einen Defekt am Zündschloss.

Das fragliche Gefährt war ein fabrikneuer Chevy Impala des US-Autobauers General Motors (GM), bei dem Andres selbst arbeitete. Sie alarmierte einen Kollegen: "Ich halte das für ein ernstes Sicherheitsproblem", schrieb sie in einer E-Mail an GM-Ingenieur Jim Zito. "Das sieht mir nach einem großen Rückruf aus."

Die E-Mail stammte vom 30. August 2005. Der Impala 2006 wurde tatsächlich zurückgerufen - diese Woche, fast neun Jahre später.

Die erst jetzt bekannt gewordene Korrespondenz unterstreicht das Debakel, in dem sich der größte US-Autokonzern festgefahren hat. Die Zündschlossprobleme betreffen Abermillionen Fahrzeuge und haben bisher mindestens 54 Unfälle verursacht und 15 Menschen das Leben gekostet. Intern waren sie demnach aber schon viel länger bekannt als angenommen. Doch keiner unternahm etwas.

"Erbärmlich, bestürzend und geradezu verheerend", donnerte Fred Upton, der Vorsitzende des Handelsausschusses im US-Repräsentantenhaus, als ihm GM-Chefin Mary Barra diese Woche schon zum zweiten Mal als zerknirschte Zeugin gegenüberhockte, einen Pappbecher Trinkwasser in Reichweite. "Für Sie, für GM, für die Leute in Michigan, die den Stolz auf unsere Autoindustrie leben und atmen - aber vor allem für die Familien der Opfer."

Die saßen mit im Anhörungssaal 2123 und hatten Fotos der Toten an die Wand gelehnt.

Barra, 52, wusste wenig entgegenzusetzen. Sie hat ihr ganzes Berufsleben bei GM verbracht, seit sie 1980 als 18-jährige Praktikantin beim GM Institute of Technology anfing. Im Januar dieses Jahres trat sie die Nachfolge von Vorstandschef Dan Akerson an. Sie erbte eines der Topämter der US-Industrie - sowie einen riesigen Skandal, aus dem auch sie sich kaum mehr herausreden kann.

20 Millionen Rückrufe allein in Nordamerika

Es ist der zweite Totalschaden für GM. Nach der Finanzkrise rutschte die Opel-Mutter in die Insolvenz, aus der sie schließlich schlank und selbstbewusst wiederauferstand. Die Rückkehr an die Börse wurde zum Triumph; 2011 war das neue GM profitabel und, wie von 1931 bis 2007, der größte Autohersteller der Welt. Im Juni 2013 dann stieg GM wieder in den S&P-500-Index auf, nach vier Jahren Verbannung.

Und jetzt das. Der Zündschloss-Skandal kostet GM nicht nur seinen mühsam aufpolierten Ruf - sondern auch so viel Geld, dass der Konzern womöglich bald wieder in die roten Zahlen rutscht.

Rund 20 Millionen Fahrzeuge hat GM bisher allein in Nordamerika zurückrufen müssen, davon die letzten 3,4 Millionen diese Woche. Das ist mehr, als es in den letzten zwei Jahren verkaufte. Ein Stau mit so vielen Autos, so rechnete der Wirtschaftsdienst Bloomberg aus, würde zweieinhalbmal um die Erde reichen.

Die Rückrufe und Reparaturen verschlangen bisher mehr als zwei Milliarden Dollar. Hinzu kommen 35 Millionen Dollar Zivilstrafe, die die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA dem Konzern aufgebrummt hat. Und es könnte noch viel mehr werden: Eine Sammelklage, die düpierte GM-Kunden jetzt anstreben, fordert bis zu zehn Milliarden Dollar Haftung für die Entwertung aller verkauften GM-Fahrzeuge.

Endlose Kette aus Schlamperei, Unlust und Vertuschung

Zum Vergleich: Im ersten Quartal 2013 machte GM gut 870 Millionen Dollar Gewinn, Tendenz stark fallend. Im vergangenen Quartal schrumpfte der Gewinn wegen des Skandals auf 108 Millionen Dollar.

Der Absturz von GM vollzog sich in nicht mal fünf Monaten. Vom Beginn der Rückrufaktion (10. Februar) über die erste Kongressanhörung (1. April) bis zur Veröffentlichung eines internen Untersuchungsberichts (5. Juni), den GM als Befreiungsschlag sah. Jeder Schritt machte die Lage aber nur noch schlimmer. Es offenbarte sich eine schier endlose Kette aus Schlamperei, Unlust und Vertuschung.

Vor allem der 315-Seiten-Report des Ex-Staatsanwalts Anton Valukas warf nur neue Fragen auf. Er deckte lediglich jahrelange Geheimniskrämerei und ein konzernweites System vorauseilenden Gehorsams auf. 15 GM-Mitarbeiter wurden daraufhin gefeuert. "Der Bericht lässt alle Kernfragen unbeantwortet", rügte die Kongressabgeordnete Diana DeGette. "Das ist nichts, worauf man stolz sein sollte."

In der Tat konzentrierte sich Valukas auf nur wenige Sündenbocke in niederen GM-Etagen. Das Topmanagement, in dem viele Bescheid wussten, kam bisher ungeschoren davon.

Darunter Barra selbst, die im GM-Vorstand lange für Entwicklung zuständig war, also kaum behaupten kann, von nichts gewusst zu haben. Sie entschuldigte sich auch am Mittwoch erneut, stritt eine persönliche Verantwortung aber ab.

Mehr als eine Million Seiten GM-Akten haben die Abgeordneten inzwischen gewälzt. Ein Ende ist nicht absehbar. "Unsere Arbeit geht weiter", seufzt Ausschusssprecherin Charlotte Baker.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, GM habe 2013 einen Umsatz von 3,8 Milliarden Dollar gemacht. Das ist falsch: Der Jahresumsatz von General Motors liegt bei mehr als 150 Milliarden Dollar. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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insgesamt 47 Beiträge
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WernerT 21.06.2014
1. 3,8 Milliarden Umsatz 2013
Und knapp eine Milliarde Gewinn allein im ersten Quartal 2013 (100 Millionen ~ 10% vom Gewinn 1. Quartal 2013) - da kann was nicht stimmen.
kenterziege 21.06.2014
2. Wenn die Ingenieure....
....so liederlich arbeiten würden, wie manche Online-Autoren, dann würden die Autos während der Fahrt nicht plötzlich "ausgehen" , nein - sie würden erst gar nicht anspringen. Im Übrigen ist das "Geheimnis" von GM, dass der Laden von Finanzleuten und nicht von Ingenieuren beherrscht wird. Dieser Bazillus, der alle Qualität vernichtet war leider auch auf Opel übergesprungen. Herr Neumann wird alle Kraft brauchen, die allmählich zurückkommende Marke Opel von dieser absolut miesen US-Qualität abzugrenzen! Aber wenn ich mir vergegenwärtige, wie zum Beispiel Mercedes inzwischen mit Sub-Sub-Unternehmen, die auf dem Balkan produzieren. Was auf diesen Wegen an Kommunikation verloren geht, mag ich mir nicht ausdenken.
Sibylle1969 21.06.2014
3. Das kommt davon,...
...wenn Finanzmanager einen Konzern wie GM führen. Denen geht es meist nur um die kurzfristige Profitmaximierung, Kostensenkungen sind dabei ein wichtiger Faktor. Dass sich in der Automobilindustrie übertriebene Kostensenkungsprogramme stark negativ auf die Qualität auswirken, ist ja kein neues Phänomen. Auch Opel wurde in den 90ern unter Lopez kaputtgespart und verlor seinen guten Ruf aufgrund zahlreicher Qualitätsprobleme. Leider ist dieser Management-Stil in amerikanischen und amerikanisch geprägten Unternehmen sehr stark vertreten, wo zugunsten kurzfristiger Profitsteigerungen der mittel- und langfristige Erfolg des Unternehmens aufs Spiel gesetzt wird und dies auch billigend in Kauf genommen wird.
Hulda 21.06.2014
4. Gut für Deutschlands Automobilhersteller
"Darunter Barra selbst, die im GM-Vorstand lange für Entwicklung zuständig war" Sie ist kein Ingenieur, hat gerade mal ein Bachelor in Elektrotechnik an einem College. Vergleichbar mit einer Elektrikerlehre in Deutschland. Und einen Master in BWL. Solche Leute sitzen in US-Konzernen im Vorstand und sind für Entwicklungsetats in Milliardenhöhe zuständig. Die kann doch noch nicht einmal einen Schminkspiegel konstruieren! Dies ist gut für Deutschland und seine hervorragende Automobilindustrie. Man schaue sich mal an, was Renault gerade verzapft (Formel 1) oder die japanischen Automobilhersteller, bei denen eine Rückrufaktion die nächste jagt. Nur die Südkoreaner und Fiat können ausser den dt. Unternehmen noch Autos bauen. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Versuchen Sie es mal. :-)
stefan_sts 21.06.2014
5. Wo keiner direkte Verantwortung will und hat ,
werden am besten auch die Fehler auf alle verteilt , so rollen keine Köpfe , es wird weiter das volle Sälar kassiert und der ganze Vorstand ist fein raus , denn direkt entschieden hat ja keiner allein und somit ist das untere Management der Sündenbock ! So einfach ist Top Manager , dazu braucht es nicht einmal einen Quali , nur Beziehungen oder andere widerliche Fertigkeiten .
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