Neuer Chef bei Goldman Sachs DJ D-Sol gibt bald den Ton an

David Solomon legt gern lässig als DJ auf. Doch bei Goldman Sachs gilt der künftige Vorstandschef als harter Vorgesetzter, der gnadenlos aussiebt. Wird der 56-Jährige die Investmentbank in die Zukunft führen?

David Solomon im Libation-Club in New York am 7. April 2018
REUTERS

David Solomon im Libation-Club in New York am 7. April 2018

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Wer es in der Konzernhierarchie der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs weit bringen will, der sollte über einige unverhandelbare Eigenschaften verfügen: eine fast zwanghafte Loyalität zu seinem Arbeitgeber, Risikofreude, brutale Durchsetzungskraft sowie irgendeine außergewöhnliche Leidenschaft. Ob als Sportler, Forscher oder Musiker ist egal, wichtig ist nur, dass kein Bezug zum Banking besteht - reine Fachidioten sehen sie nicht gern an der West Street in Lower Manhattan.

Das würde nicht passen zu Goldmans Selbstverständnis als elitäre Speerspitze der Wall Street. Wer es sogar bis zum Chef schaffen will, der sollte zudem über ausreichend Berufserfahrung im Handel mit Wertpapieren, Goldmans DNA, verfügen - und bestenfalls Glatze tragen.

All diese Merkmale treffen auf den jetzigen Amtsinhaber Lloyd Blankfein zu, ebenso wie auf seinen Vorgänger Henry "Hank" Paulson, den späteren US-Finanzminister. Und auf David Solomon, der im Oktober Blankfein als Vorstandschef (CEO) ablöst und ab 2019 auch noch dessen Amt als Verwaltungsratschef (Chairman) übernimmt. Die beiden wichtigsten Jobs in einer Hand zu vereinen, ist Tradition in US-Konzernen; das in Europa übliche duale System aus Vorstand und Aufsichtsrat ist dort weitgehend unbekannt.

David Solomon auf einer Aufnahme vom 21. Juni 2018
DPA

David Solomon auf einer Aufnahme vom 21. Juni 2018

Dass Solomon, kahlköpfig wie Paulson und Blankfein, Goldmans neuer starker Mann werden würde, war im Prinzip seit dem Frühling klar. Da verließ mit Harvey Schwartz Solomons letzter ernstzunehmender Konkurrent das Geldhaus; bis dahin hatten beide zusammen als Chief Operating Officer das Tagesgeschäft geleitet. Seit Schwartz' Demission machte Solomon den Job allein. Am Dienstag bestätigte Goldman den baldigen Rücktritt des langjährigen CEO Blankfein, der die Bank seit 2006 führt.

Was die außergewöhnliche Leidenschaft angeht, kann es der künftige Goldman-Chef locker mit seinen Vorgängern aufnehmen: Immer wenn ihm danach ist, dreht Solomon als Discjockey D-Sol in Clubs von Brooklyn bis zu den Bahamas die Regler auf; meist spielt er funkige Uptempo-Nummern, fast immer trägt er Basecap. Anfang dieses Jahres veröffentlichte er sogar seine erste Single. "Don't stop" ist eine elektronisch gepimpte Coverversion des gleichnamigen Fleetwood-Mac-Klassikers, mit dem Bill Clinton einst auf Wahlkampftournee ging. Wer will, kann sich auf Instagram einen Überblick über Solomons Fertigkeiten am Plattenteller verschaffen.

Lloyd Blankfein im September 2017
AP

Lloyd Blankfein im September 2017

Intern gilt er als harter Chef, der Minderleister gnadenlos aussiebt, aber auch eine verständnisvolle Seite hat: Mitarbeiter sollen am Wochenende der Bank möglichst fern bleiben, um Burn-outs zu vermeiden; zum Börsengang eines Sportartikelherstellers tauchte er einmal in Jogginghose auf. Wo die Grenze zwischen authentischer Coolness und Anpassung an den Zeitgeist verläuft, ist unklar.

Unstreitig dagegen ist, dass es auch Goldman zunehmend schwer hat im Kampf um Talente, die es zu den Tech-Giganten an die Westküste zieht. Denn auch wenn sie im Vergleich zu ihren europäischen Konkurrenten glänzend dasteht: Die Wall Street hat seit der Finanzkrise an Zauber eingebüßt. Und welche Bedeutung die Work-Life-Balance für Hochqualifizierte hat, spüren sie auch und gerade bei Investmentbanken wie Goldman Sachs.

In rauem Ambiente großgeworden

Solomon selbst, 1962 in Hartsdale im Bundesstaat New York geboren, ist dagegen in einem viel raueren Ambiente groß geworden. Nach seinem Politikstudium heuerte er 1986 bei der legendären Investmentbank Drexel Burnham Lambert an, die als Erfinderin von Ramschanleihen ("Junkbonds") galt: enorm riskante und daher hochverzinste Schuldverschreibungen maroder Unternehmen, die zur Finanzierung von Übernahmen ausgegeben wurden.

Kurz darauf ging Drexel spektakulär pleite, die Bank hatte sich gnadenlos verspekuliert. Solomon zog zum Konkurrenten Bear Stearns weiter und leitete dort bald rasch die Junkbond-Abteilung. 1999 schließlich wechselte er zu Goldman, wo er ab 2006 die Sparte Investmentbanking, also das Kerngeschäft des Konzerns, verantwortete.

Dass ihn Risiken nicht schrecken, machte er Jahre später klar: "So funktioniert das System, Verluste gehören dazu. In einer kapitalistischen Marktwirtschaft wird es auch immer wieder Spekulationsblasen geben." Wie man die geschickt ausnutzt, weiß Solomon nicht zuletzt in privater Hinsicht: So verkaufte er vor zwei Jahren sein Apartment an New Yorks Upper Westside für 24 Millionen Dollar und das Familienanwesen in Aspen/Colorado sogar für 36 Millionen Dollar - gekostet hatte ihn letzteres gerade einmal 4 Millionen Dollar.

Zu Jahresbeginn 2018 hielt Solomon Goldman-Aktien im Wert von 580 Millionen Dollar. Da dürfte er es verkraften können, dass neulich ein enger Mitarbeiter aus seinem Weinkeller Flaschen im Wert von 1,2 Millionen Dollar entwendete. Inzwischen wurde die Angelegenheit gerichtlich geklärt.

Bank steht harten Wettbewerbern gegenüber

Goldman-Zentrale in New York
AFP

Goldman-Zentrale in New York

Als neuer Vorstandschef muss Solomon die Bank für die Zukunft rüsten. Auch wenn die jüngsten Quartalszahlen erstaunlich positiv ausfielen: Die unangefochtene Nummer eins der Wall Street ist Goldman Sachs nicht mehr. Dafür sind die auch im Geschäft mit Massenkunden starken Konkurrenten wie JP Morgan Chase, Bank of America oder Citigroup inzwischen zu dominant.

Zwar bietet auch Goldman seit einiger Zeit Konsumentenkredite an - ein Tabubruch für die Bank, die ihre Stärken im Wertpapierhandel, der Firmenkundenberatung und bei Investments auf eigene Rechnung hat. Aber noch hat das neue Business allenfalls Bonsai-Format, auch in der Vermögensverwaltung ist Goldman Sachs kein Riese.

Gleichwohl sind Solomons Aussichten gut: Seine Vorgänger hielten sich ungewöhnlich lange im Amt, die US-Regierung ist klar auf Deregulierungskurs und erlaubt sogar wieder den lange verpönten Eigenhandel, wenn auch vorerst nur in homöopathischen Dosen.

Beides wird Goldman Sachs helfen, im Kapitalmarktgeschäft wieder zu wachsen. Und sollte es trotzdem schiefgehen, bleibt Solomon ja noch die Zweitkarriere als DJ "D-Sol".

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sake2013 14.11.2018
1. Danke SPON
..den Artikel hätte eine Werbeagentur von GS nicht besser schreiben können. Und der Schluß erst.. wenn er nicht "erfolgreich" ist, kann er ja Lalla auflegen. Suuuuper, da freuen wir uns!
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