Spielehersteller Goodgame Mitarbeiter lehnen Betriebsrat-Gründung ab

Mit Tricks und Drohungen hat Goodgame Studios versucht, die Gründung eines Betriebsrats zu verhindern. Nun haben sich die Angestellten des größten deutschen Computerspieleherstellers gegen eine Mitarbeitervertretung entschieden.

Goodgame Studios in Hamburg: Alternativmodell zum klassischen Betriebsrat
obs/Maren Wohlers/Goodgame

Goodgame Studios in Hamburg: Alternativmodell zum klassischen Betriebsrat


Deutschlands größter Computerspielehersteller Goodgame Studios bekommt keinen Betriebsrat. Auf einer Betriebsversammlung sprachen sich 62,8 Prozent der Mitarbeiter gegen die Einrichtung einer Mitarbeitervertretung aus. Damit werde das Verfahren zur Gründung eines Betriebsrats an diesem Punkt gestoppt, teilte das Unternehmen mit. Laut Teilnehmern stimmten von etwas mehr als tausend anwesenden Mitarbeitern 580 gegen einen Betriebsrat, 385 dafür.

Goodgame-CEO Kai Wawrzinek begrüßte die Entscheidung der Angestellten. Der Spielehersteller wolle nun ein Alternativmodell zum Betriebsrat ausarbeiten, um den Angestellten mehr Mitsprache am Unternehmen zu ermöglichen. "Das zu wählende Gremium wird über umfassende Kompetenzen und eine vertragliche Absicherung verfügen, sodass es im besten Interesse aller Mitarbeiter arbeiten kann", sagte Wawrzinek.

Der Wahl waren heftige Auseinandersetzungen in dem 1300-Leute-Unternehmen vorausgegangen: Im November waren an einem Tag 28 Mitarbeiter entlassen worden, einige davon offenbar, weil sie einen Betriebsrat gründen wollten. Ein Mitglied des GGS-Managements hatte bei einer internen Veranstaltung zudem die Gründung eines Betriebsrats mit der Sicherheit der Arbeitsplätze bei dem Spielehersteller in Verbindung gebracht.

Allerdings sei die Gewerkschaft Ver.di, die die Entlassenen arbeitsrechtlich unterstützt, in der Belegschaft umstritten gewesen, erzählen Beschäftigte. Die Arbeitnehmervertreter seien "vielen auch nicht sympathisch", heißt es in einem offenen Brief, den offenbar Goodgame-Beschäftigte an mehrere Medien verschickt haben. Bei einer Rede vor Beschäftigten hatte Wawrzinek Ver.di vorgeworfen, das Unternehmen auseinandernehmen zu wollen.

Mehrere GGS-Mitarbeiter wollen in der Hamburger Firma nun ein alternatives Mitbestimmungsmodell durchsetzen, das auf einem Vertrag mit dem Management beruht. Diese sogenannte "Retention Working Group" hatte die Goodgamer vorher aufgerufen, bei der Abstimmung über einen Wahlvorstand für die Betriebsratswahl nicht abzustimmen, um diese zu verhindern.

brk/ade

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Crom 20.01.2016
1.
Feiglinge und wenn einen die Kandidaten nicht "sympathisch" sind, dann wählt man halt andere. In Zukunft dann bitte nicht rumjammern, wenn die Arbeitsbedingungen angeblich so schlecht sind. Die Chance, sie zu verbessern, hat man jetzt aus der Hand gegeben.
Don Lucio 20.01.2016
2. Verständnis
Ich hatte selbst mal ein kleines Software-Startup, bin damit gescheitert. Deshalb kann ich größten Respekt vor der unternehmerischen Leistung der Wawrzineks haben und kann deshalb auch verstehen, dass man sich in sein Unternehmen nicht von Dritten reinreden lassen will. Dass die Abwehr der Betriebsratsgründung möglicherweise mit unsauberen Methoden - vermutliche Mitarbeiterbeinflussung - betrieben wurde, ist sicherlich zu kritisieren. Aus der Sicht der Eigentümer war es sicherlich "Notwehr". Wer über diese Frage eine Meinung haben will, sollte imho selbst mal ein Unternehmen von der Pike an aufgebaut und zum Erfolg geführt haben.
schneidp 20.01.2016
3. Rechtslage?
So weit ich das Gesetz verstehe reicht es, wenn mindestens 3 Leute eine Betriebsratswahl beantragen, dann muss sie auch durchgeführt werden. Eine Mehrheit die für einen Betriebsrat ist, ist soweit ich das Gesetz verstehe nicht notwendig. Die Mitarbeiter können sobald die Wahl mal läuft nur noch entscheiden wer Betriebsrat wird. Was vom Gesetzgeber wohl auch beabsichtig ist, damit ein Unternehmen nicht durch Erpressung, das Recht auf einen Betriebsrat unterminieren kann.
emeticart 20.01.2016
4. Wenn die Typen, ...
... ihr Unternehmen anständig geführt und die Mitarbeiter entsprechend behandelt und am Erfolg der Firma beteiligt hätten, wären diese Mitarbeiter wohl nie auf die Idee gekommen, einen Betriebsrat zu gründen. Davon abgesehen: Ein Unternehmen mit über 1000 Mitarbeitern, braucht definitiv keinen "Welpenschutz" mehr. Sehr, sehr schwach, dass die Mitarbeiter jetzt eingeknickt sind! MfG
An Employee 20.01.2016
5. not so GOOD
Die Ereignisse des gestrigen Tages setzen sich gerade noch, aber langsam merke ich, wie wütend ich auf das Management bin. Dies ist nicht mein echter Account und nicht mein echter Name, ich habe Angst vor Konsequenzen, wenn ich meine Meinung frei äußere. Vor der Wahl wurden wir sehr eindringlich gebeten, nicht mit der Presse zu sprechen und alle Journalisten an Corperate Communications weiterzuleiten. Yay freie Meinungsfreiheit. Nicht das sich jemand getraut hätte, dort mit einem Medium zu sprechen. Und was passieren würde, wenn ich meine Nase in eine Kamera strecke und mich frei äußere kann ich mir vorstellen... Der Artikel vom SPIEGEL von gestern wurde auf gestriger Veranstaltung in einer Wortmeldung als "Bullshit" bezeichnet was lauten Beifall und Standing Ovations einiger Mitarbeiter zur Folge hatte. Really?? Der Artikel ist leider sehr nah an der Wahrheit dran. Allein die Aussage von Max... ich hab mir mal die Mühe gemacht, liebe Kollegen, mgmt up #2, 4 Frage ganz am Ende. Mal schauen, wie lange das jetzt noch im Intranet verfügbar ist... Nach zahlreichen internen Events, die Teils vom Management und Teils von gegründeten Gruppen, denen man nicht so einfach beitreten konnte, abgehalten wurden, haben sich die Leute nicht gegen eine Mitarbeiterbestimmung ausgesprochen, sondern für eine Alternative. Ein Vertrag. Toll. Wie gut sich Goodgame an Verträge hält, sieht man wenn man sich anschaut, wie Entlassungen in dieser Firma gehandhabt werden. Oder mal versehentlich ein Schwerbehinderter entlassen wird. Oops. Ich bin gespannt, wie lang der Atem derer ist, die das vertragliche Recht einfordern, dass in diesem Vertrag steht. Gegen die sehr gut bezahlten Anwälte des Managements. Die den Vertrag ausgearbeitet haben. Viel Spaß dabei. Das letzte Wort in der Sache ist noch nicht gesprochen. Viva la liberté
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