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18. Februar 2013, 18:22 Uhr

Offline-Läden der IT-Konzerne

Internet - jetzt auch zum Anfassen

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Online-Shops jagen dem traditionellen Einzelhandel Umsätze ab, doch ausgerechnet Tech-Firmen wie Apple und Microsoft setzen auf herkömmliche Läden. Auch Google will offenbar ins Offline-Geschäft einsteigen. Eine Strategie mit Risiken.

Hamburg - Es sind Bilder, von denen Kaufhof oder Karstadt nur träumen können: Kunden, die bereits im Morgengrauen Schlange stehen und sich dann zur Ladenöffnung durch die Türen drängeln, um zu den ersten Käufern zu gehören. Apple gelingt es, mit nahezu jedem sündhaft teuren neuen Produkt die Fans zu solchen Beutezügen zu verleiten.

Der Erfolg von Apple hat offenbar auch die Konkurrenz angestachelt. Der Windows- und X-Box-Konzern Microsoft will mit seinen bislang nur in den USA betriebenen Läden laut Medienberichten nach Europa expandieren. Und als dritter der großen Tech-Konzerne will angeblich auch Google ins Offline-Geschäft einsteigen. Laut dem Blog 9to5Google will der Internetkonzern noch in diesem Jahr in amerikanischen Städten eigene Geschäfte eröffnen. Demnach sollen in allen wichtigen US-Ballungsräumen Läden entstehen, in denen Interessenten die Google-Produkte vor dem Kauf ausprobieren können. Ein Google-Sprecher wollte sich am Montag nicht zu der Meldung äußern.

Doch für Experten wäre der Sprung des Suchmaschinen-Konzerns ins Offline-Geschäft ein logischer Schritt. "Falls Google plant, die virtuelle Welt ein Stück weit zu verlassen, wäre das eine gute Idee. Ein realer Ankerpunkt ist wichtig, um das Online-Geschäft anzukurbeln", sagt Ines Imdahl, Geschäftsführerin des Marktforschungs- und Beratungsinstituts Rheingold Salon.

Der Internetkonzern geht offline - auf den ersten Blick eine paradoxe Entwicklung. Schließlich wandern die Verbraucher zunehmend in die Online-Welt ab. In Deutschland konnten Online-Händler ihren Umsatz im vergangenen Jahr um 27 Prozent auf 27,6 Milliarden Euro steigern. Der Anteil des Versandhandels am gesamten Einzelhandel liegt damit bei 9,2 Prozent.

"Online-Anbieter können ohne Läden nicht überleben"

Dennoch glaubt Psychologin Imdahl nicht an den Untergang der traditionellen Läden. "Online-Anbieter wie Zalando oder Amazon können ohne Schuh- und Buchläden nicht überleben", sagt sie. "Die Menschen wollen eine gewisse Vorauswahl und wollen Produkte auch noch sehen und anfassen. Massenprodukte und Standardware werden dann gerne online gekauft."

Für Apple sind die Läden in den Fußgängerzonen zur wichtigen Marketingstrategie geworden. "Ich bin mir nicht sicher, ob 'Laden' der richtige Ausdruck ist", sagte Konzernchef Tim Cook über die Verkaufstempel. "Sie haben inzwischen eine viel wichtigere Rolle. Sie sind für fast alle unsere Kunden inzwischen das Gesicht von Apple geworden."

390 Läden hatte Apple 2012. Allein im vergangenen Jahr eröffnete der Konzern 33 neue Verkaufsstellen. Der Umsatz in den Läden stieg um 33 Prozent auf 18,8 Milliarden Dollar. Damit machte der Ladenverkauf etwa zwölf Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Die Läden gelten als Goldgruben. Allein die Apple-Filiale an der Zürcher Bahnhofstraße soll laut einer Studie mehr als 80 Millionen Euro jährlich umsetzen. Das entspricht über 180.000 Euro Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche. Der Apple-Store an der New Yorker Fifth Avenue erzielte demnach 2012 einen Gesamtumsatz von umgerechnet rund 330 Millionen Euro.

"Viele Leute werden sich fragen: Was wollen die denn anbieten?"

Google betreibt schon jetzt eigene kleine Geschäfte innerhalb großer Elektronikmärkte und ist mit kleinen Ständen an gut besuchten Orten wie Flughäfen aktiv.

Sollte Google demnächst aber in großem Stil in die Offline-Welt expandieren, muss der Konzern sich einiges einfallen lassen, um die Geschäfte zum Aushängeschild zu machen.

Vielen Menschen ist Google vor allem als Suchmaschinen-Anbieter ein Begriff. "Viele Leute werden sich fragen: Was wollen die denn anbieten?", sagt Imdahl. "Aber schon allein das weckt Interesse." Die Läden dürften auch nicht zu zahlreich sein: "Begehrlichkeit und eine besondere Atmosphäre sind wichtig", sagt die Psychologin. Google müsse Erlebniswelten schaffen, die es online nicht gibt. Dazu gehöre eine gewisse Produktpalette. Google kann mit Hardware wie Chromebooks und Nexus-Geräten aufwarten.

Laut dem Bericht von 9to5Google soll aber vor allem ein Produkt den Ausschlag für den Konzern gegeben haben, eigene Stores zu eröffnen: Das Google Project Glass, die Datenbrille, die derzeit entwickelt wird.

Diese internetfähige Brille könnte ein attraktives und exklusives Produkt sein, das Kunden anlockt, sagt Imdahl. Und selbst für erfahrene Gadget-Fans dürfte ein solches Produkt so ungewohnt sein, dass sie es zunächst einmal testen wollen.

Apple machen die Läden auch Sorgen

Während Kunden durch iPhone, iPad und iPod konkrete Produkte mit dem Namen Apple verbinden, hat Google hier noch großen Nachholbedarf. Die Suchmaschine kennt fast jeder. Doch Berichte über die Erfassung von Nutzerdaten und das Abfotografieren von Häusern und Menschen für den Kartendienst Google Street View haben dem Konzern den Ruf eines unheimlichen Datenkraken eingebracht.

Hier könnten Läden helfen, das Image von Google aufzupolieren, sagt Imdahl: "Google könnte für die Menschen greifbarer und sympathischer werden. Doch es schwingt ein gewisses Risiko mit: Wenn es schiefgeht, wird der Konzern den Kunden unsympathischer."

Apple lockt Mitarbeiter mit großen Worten: "Ein Job bei Apple ist wie kein anderer", heißt es pathetisch. "Du wirst großen Herausforderungen gegenüberstehen. Du wirst inspiriert werden. Und du wirst stolz sein. Denn ganz egal, was du bei uns machst, du bist Teil von etwas ganz Großem." Peinlich ist es, wenn solche Phrasen entlarvt werden - der SPIEGEL berichtete im vergangenen Jahr über die Verkaufsmethoden des Konzerns. Mitarbeiter klagten über schlechte Bezahlung und Überwachung.

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