Google-Boss in München: Schmidts letzte Show

Von Tom Hillenbrand, München

Sein Rückzug von der Google-Spitze überraschte die IT-Welt, nun zeigt sich Noch-Chef Eric Schmidt erstmals wieder öffentlich - in München. Auf einer Konferenz beschwört der Manager die Liebe zu seinem Arbeitgeber. Doch Branchenkenner vermuten, dass er seinen Posten nicht ganz freiwillig räumt.

Google-Noch-Chef Schmidt: 100 Millionen Dollar Abschiedsprämie Zur Großansicht
Getty Images

Google-Noch-Chef Schmidt: 100 Millionen Dollar Abschiedsprämie

Es ist wohl eine zwingende Entwicklung, dass man als Chef einer großen Techfirma irgendwann sehr staatstragend wird. Microsofts Bill Gates redete in seiner Spätphase nur noch über die ganz großen Trends. Und auch Google-Boss Eric Schmidt kommt ziemlich wolkig daher, wie sich auf der Medienkonferenz DLD an diesem Dienstag in München zeigt.

Er sagt Sätze wie "Das Handy ist das Gerät unserer Zeit" und spricht viel von "Softwarearchitekturen" und "Übertragungsraten". Es ist nicht falsch, was er sagt, aber besonders spannend ist es auch nicht. Das merkt man schon daran, dass viele der Anwesenden Techies lieber in ihre Telefone gucken als auf die Bühne.

Derlei lästige Repräsentationspflichten ist Schmidt ab April los. Dann übergibt er den Chefposten an Google-Gründer Larry Page. Das sei keine große Sache, man habe das "über die Feiertage" ganz einvernehmlich verabredet. Für ihn selber sei der Rückzug in den Verwaltungsrat ein "persönlicher Gewinn", sagt er am Dienstag vor Journalisten.

Herausragende Leistung - und Abnutzungserscheinungen

Fast zehn Jahre war Schmidt Googles Vorstandschef. "Erics Gesamtleistung ist ziemlich spektakulär", sagt Henry Blodget, Chefredakteur der Tech-Postille "Business Insider". Die Zahlen sprechen in der Tat eine deutliche Sprache: Bei Schmidts Amtsantritt lag der Umsatz des Suchmaschinenbetreibers bei 100 Millionen Dollar. Heute sind es 29 Milliarden.

Lange gelang es Schmidt, die Firmengründer Larry Page und Sergey Brin im Zaum zu halten. Beide sind mit Leib und Seele Ingenieure, doch Schmidt setzte immer wieder durch, dass alles betriebswirtschaftlich vernünftig abläuft. "Adult supervision" nannten Spötter das, elterliche Aufsicht. Aber ohne die wäre Google wohl nicht so eine Gelddruckmaschine: Von jedem Dollar Umsatz bleiben 35 Cent als Rohgewinn hängen.

Das ist die Leistung des frühen Schmidt. Aber es gibt auch den späten Schmidt, dessen Performance nicht mehr ganz so beeindruckend ist. "Mein Gefühl ist, dass Larry und Sergey nicht mehr auf ihn hören wollten. Man hat ihn rausgedrückt", sagt Blodget.

Google tritt auf der Stelle

Das ist Spekulation, doch tatsächlich gibt es drei Dinge, die man dem späten Schmidt ankreiden kann, ankreiden muss. Da sind zunächst seine verstörenden öffentlichen Auftritte der letzten Zeit (siehe Zitatesammlung). Mal sagt er, Streetview-Hasser könnten "ja umziehen". Dann schlägt er vor, die Leute sollten ihren Namen ändern, wenn zu viel über sie im Internet steht. Am berühmtesten ist die folgende Sentenz: "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun."

Später behaupteten Googles PR-Leute stets, man habe Schmidts etwas eigenwilligen Humor nicht verstanden. Doch selbst wenn dies alles als Scherz gemeint war - es zeugt auch von Kontrollverlust und, ja, von Arroganz. Es scheint, als habe sich hier jemand nicht mehr komplett im Griff.

Das zweite Problem des späten Schmidt: Google hat zwar durchaus noch Ideen, wie etwa das Handy-Betriebssystem Android. Doch in etlichen Bereichen mangelt es an Innovationen. Das wird an diesem Dienstag auch in München deutlich. Während Schmidt auf der großen Bühne seine Vision entwirft, sitzt einen Raum weiter auf einem Panel Dennis Crowley. Der 35-Jährige hat 2000 einen Dienst namens Dodgeball entwickelt, mit dem Nutzer via Handy feststellen konnten, in welcher Bar ihre Freunde rumhängen.

2005 kaufte Schmidt das Start-up. Dann saß Crowley einige Jahre bei Google herum, während Dodgeball Staub ansetzte. Heute ist Crowley Chef des Unternehmens Foursquare, das in etwa das gleiche macht wie Dodgeball.

Foursquare gilt als eines der heißesten Dinger im Netz. "Eine Wachstumskurve wie ein Hockeyschläger", sagt Schmidt anerkennend über das Start-up. Dass Foursquare Googles Erfindung hätte sein können, das sagt er nicht.

So sah Innovation unter Schmidt zuletzt häufiger aus. Er selbst konzediert, dass man immer versuchen müsse, "noch agiler und innovativer" zu sein. "Aber es gibt viele, denen sind wir zu innovativ, die halten uns für echte Nervensägen."

Social und Schmidt - das passt irgendwie nicht

Auf den großen Herausforderer Facebook, letztlich wie Google eine gigantische Datensammel- und Findemaschine, hatte er bislang trotzdem keine Antwort. Er ist ein Valley-Mann alter Schule, hat bei Sun und Novell gearbeitet.

"Social ist ein wichtiger Trend", sagt Schmidt. Aber die Erwartung, Google werde einen "Facebook-Killer starten", die sei falsch. "Das passiert nicht." Was stattdessen passiert, wie Google kontern will, bleibt unklar.

Viele glauben inzwischen, dass Google ein bisschen von gestern ist. Arthur Sulzberger, der Herausgeber der "New York Times", ist auch auf der Konferenz in München. Er bringt das in der Branche vorherrschende Sentiment auf den Punkt: Das Zeitalter der Suche gehe zu Ende, die Ära des sozialen Internet breche an.

Offiziell ist Google mit seinem scheidenden Chef total happy, natürlich. Damit ja keiner etwas anderes denkt, hat der Aufsichtsrat Schmidt eine Abschiedsprämie von 100 Millionen Dollar zugesteckt. Nicht, dass der Manager Liquiditätsprobleme hätte: Schmidt dürfte dank eines großen Aktienpakets ein Vermögen von mehr als fünf Milliarden Dollar besitzen.

Viel Arbeit für Larry Page

Neben den verbalen Ausfällen und dem Innovationsstau gibt es noch ein Problem. Momentan sieht es wie ein kleines aus, aber es könnte zum größten von allen werden, die Schmidt seinem Nachfolger Larry Page überlässt: In der Techszene ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob Googles Suchalgorithmen noch so gut sind, wie sie es früher einmal waren.

Fachpublikationen wie "Techcrunch" ereifern sich darüber, in den Trefferlisten aus Mountain View finde sich ungewöhnlich viel Werbeschrott. Googles Suchguru Matt Cutts sah sich zuletzt genötigt, im Firmen-Blog zu versprechen, man "könne und werde besser werden". Vermutlich wird der Suchmaschinengigant das Problem relativ schnell lösen. Aber dass das Thema überhaupt diskutiert wird, ist aus Sicht des Konzerns eine Katastrophe.

All diese Dinge muss nun Page richten. "Larry ist ein Genie", sagt Schmidt, "und denkt viele Schachzüge weit." Dass der Gründer als Vorstandschef zurückkehrt, ist ein starkes Signal. Bei Apple hat das wahre Wunder gewirkt, bei Yahoo nicht. "Die Frage ist, ob Larry ein Steve Jobs wird - oder ein Jerry Yang", sagt Henry Blodget.

Schmidt bleibt Google als Vorsitzender des Verwaltungsrats erhalten. Die "New York Post" fabuliert, er strebe eine zweite Karriere als Fernsehmoderator an - doch der Manager winkt ab, keine Schmidt-Show also. Seine Prognose laute, dass er "möglicherweise noch ein Jahrzehnt" bei Google bleibe. Vielleicht auch länger. "Larry sagt, Prognosen sind meist zu kurz gegriffen."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ich sag nur
sverris 25.01.2011
Mr. Smith hat ja "nicht ganz freiwillig" einen sehr schweren Haendedruck bekommen, 100Mio. Und "beschwört ... die Liebe zu seinem Arbeitgeber": naklar, Nachtigall, ick hoer Dir trapsen. Ich sag nur: scroogle.de und Du bist den Aerger los!
2. "Old Europe" verhinderte mehr Google-Arbeitsplatze in Deutschland
Bernhardt Hennrich 25.01.2011
Eric Schmidt hat weit mehr geleistet als "nur" 35% Umsatzrendite: Er hat Immanuel Kants kategorischen Imperativ mit einem Geschäftsmodell versilbert und damit unsere Gesellschaft letztlich vergoldet. Eine Laudatio auf ihn (http://vdsetal.wordpress.com/2011/01/21/laudatio-auf-eric-schmidt-noch-ceo-google/) zitiert ihn mit den Worten "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun." Das dies hierzulande nicht honoriert wurde, dürfte uns viele Arbeitsplätze gekostet haben!
3. Abgesehen von den Strategischen Mangel das Google
blob123y 26.01.2011
nichts wirklich starkes (es gibt etwas Aehnliches) im Social Bereich hat gibt es bei der Firma zwei andere wesentliche Probleme. Das Eine ist dass es keine Kommunikation in Richtung von unten nach oben gibt, da sind nur "wolkige Foren" die fast nie ein Problem wirklich loesen (ich habe in den letzten 4 Jahren etwa 25 mal versucht da Probleme mit Adsense zu loesen, 3 Mal ists gelungen). Das andere Problem ist das Google im Suchbereich zuviel Gewicht den Links gibt und nicht dem Inhalt, das mag vor 5 Jahren vielleicht funktioniert haben aber da haben sich in juengster Zeit derart viele Linkmanipulanten etabliert (extern zu Google) das dies ein profitabler Wirtschaftszweig geworden ist. Ich bekomme etwa jeden Tag 2 Dutzend Angebote fuer Linkkuddelmuddel, dies verzerrt natuerlich die Suchergebnisse derart das nicht mehr die Seite oben steht die guten Inhalt bietet sondern die Seite mit den meisten Links und die sind sehr oft manipuliert von allen moeglichen Linkfirmen usw. Ich bin ueberzeugt, dass wenn Google diesen Algorithm andere Prioritaeten gibt werden die Suchergebnisse schlagartig wesentlich besser, also Googler TUT was !
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Eric Schmidt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Page, Brin, Schmidt: Googles Triumvirat

Zitate von Eric Schmidt

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Google
Der Konzern
Reuters
Google wurde 1998 von den Studenten Sergey Brin und Larry Page gegründet und ging ein Jahr später online. 2010 machte die Firma mit ihren rund 20.000 Angestellten einen Umsatz von mehr als 29 Milliarden Dollar. Unterm Strich blieben davon 8,5 Milliarden Dollar als Gewinn übrig. Die dominierende Stellung im Markt für Online-Werbung sorgt für ein attraktives Geschäftsmodell, birgt aber auch die Gefahr der extremen Abhängigkeit von nur einer Ertragsquelle. Immerhin 96 Prozent der Einnahmen erzielte Google im vergangenen Jahr mit Werbung.
Die Geschäftsfelder
Google hat im Laufe der Jahre zahlreiche Unternehmen übernommen - so etwa 2006 die Videoplattform YouTube und 2007 den Online-Vermarkter Doubleclick. Gleichzeitig hat die Firma ihre Geschäftstätigkeit auch selbst ausgebaut, zum Beispiel mit dem Dienst Google Street View oder dem E-Mail-Anbieter Google Mail.

Fotostrecke
Brain Drain: Diese Internet-Stars hat Google verloren

Googles Geschichte
1995 - When Larry met Sergey
Angeblich konnten Larry Page und Sergey Brin einander erst einmal nicht besonders gut leiden, als sie sich im Jahr 1995 zum ersten Mal trafen. Der 24-jährige Brin war übers Wochenende in Stanford zu Besuch, der 23-jährige Page gehörte angeblich zu einer Gruppe von Studenten, die Besucher herumführen mussten. Der Legende nach stritten Brin und Page ununterbrochen miteinander.
1996 - Es begann mit einer Rückenmassage
Die erste Suchmaschine, die Page und Brin gemeinsam entwickelten, hatte den Arbeitstitel "BackRub" (Rückenmassage), weil sie im Gegensatz zu anderen zu dieser Zeit eingesetzten Suchtechniken auch "Backlinks" berücksichtigte, also Links, die auf die entsprechende Web-Seite verwiesen.
1998 - Finanzierung
Nachdem die Versuche gescheitert waren, die eigene Entwicklung an ein Unternehmen wie Yahoo zu verkaufen, entschlossen sich Brin und Page entgegen ihren ursprünglichen Plänen, selbst ein Unternehmen zu gründen. Der Legende nach bekamen sie von Andy Bechtolsheim, einem der Gründer von Sun Microsystems, einen Scheck über 100.000 Dollar - ausgestellt auf Google Inc., obwohl ein Unternehmen dieses Namens zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte. Insgesamt brachten die beiden eine Anfangsfinanzierung von knapp einer Million Dollar zusammen - was reichte, um in der Garage eines Freundes in Menlo Park, Kalifornien, ein Büro einzurichten und einen Angestellten zu engagieren. Im September wurde das mit einer Waschmaschine und einem Trockner ausgestattete Büro eröffnet - was heute als offizielle Geburtsstunde von Google betrachtet wird.
1999 - Mehr Geld und ein neues Heim
Schon im Februar 1999 zog das rasant wachsende Unternehmen in ein richtiges Bürogebäude um. Inzwischen hatte es acht Mitarbeiter. Erste Firmenkunden bezahlten Geld für Googles Dienste. Am 7. Juni wurde eine zweite Finanzierungsrunde verkündet: Die Wagniskapitalgeber Sequoia Capital und Kleiner Perkins Caufield & Byers schossen insgesamt 25 Millionen Dollar zu. Noch im gleichen Jahr bezog das Unternehmen den "Googleplex", den Kern des heutigen Hauptquartiers in Mountain View, Kalifornien.
2000 - AdWords
Das Jahr 2000 muss als jenes gelten, in dem Google tatsächlich zu dem gemacht wurde, was es heute ist: dem mächtigsten Werbe-Vermarkter im Internet. Der Start eines "Schlüsselwort-gesteuerten Werbe-Programms" schuf die Basis für den gewaltigen kommerziellen Erfolg von Google. Man benutze "ein proprietäres Anzeigen-Verteilungssystem, um eine der Suchanfrage eines Nutzers sorgfältig angepasste Werbeanzeige beizugeben", erklärt die Pressemitteilung von damals das Prinzip. Die Anzeigen konnten online auf sehr einfache Weise eingekauft werden - AdWords war geboren und brachte sofort Geld ein. Noch heute ist die Vermarktung der Textanzeigen auf der Suchseite die zentrale Säule des Google-Imperiums, die den Löwenanteil aller Umsätze ausmacht. Parallel wurden im Jahr 2000 neue Kunden gewonnen, die Google-Suche in ihre Angebote integrierten, darunter Web-Seiten aus China und Japan. Im gleichen Jahr wurde auch die Google Toolbar veröffentlicht, die es erlaubte, mit Google das Netz zu durchsuchen, ohne auf die Google-Web-Seite zu gehen.
2001 - Profit und ein neuer Eric Schmidt
Schon im Jahr 2001 machte Google Profit - was man von den meisten anderen Start-ups, die zu dieser Zeit noch die Phantasien der Börsenmakler beflügelten, nicht behaupten konnte. Um den Anforderungen eines rasant wachsenden Unternehmens gerecht zu werden, wurde Eric Schmidt, der zuvor schon führende Positionen in Firmen wie Novell und Sun Microsystems innegehabt hatte, im August 2001 zum Chief Executive Officer Googles ernannt.
2002 - Corporate Search, Google News, Froogle
Seit 2002 verkauft Google auch Hardware - Such-Lösungen für die Intranets von Unternehmen. Im September des Jahres wurde die Beta-Version von Google News livegeschaltet, dem Nachrichten-Aggregator, der bis heute für zuweilen böses Blut zwischen Zeitungen, Nachrichtenagenturen und den Suchmaschinisten sorgt. Ein Algorithmus sammelt Schlagzeilen und Bilder und komponiert daraus nach bestimmten Kriterien eine Übersichtsseite. Im Dezember startete zudem Froogle, eine mäßig erfolgreiche Produkt-Suchmaschine. Heute heißt Froogle schlicht Google Product Search.
2003 - AdSense und Blogger
AdSense ist die zweite wichtige Säule im Google-Anzeigenimperium. Im Jahr 2003 wurde der Dienst vorgestellt, der den Text auf Web-Seiten analysiert und daneben passende Werbeanzeigen platzieren soll. Das System bietet auch Betreibern kleiner Web-Seiten die Möglichkeit, ihre Angebote zu monetarisieren - die Einkünfte werden zwischen Seiteninhaber und Google aufgeteilt. Im gleichen Jahr kaufte Google Blogger, einen großen Blog-Hoster.
2004 - Picasa, Googlemail, Bücher und ein Börsengang
Der Start des E-Mail-Dienstes Googlemail (in den USA Gmail) wurde am 1. April verkündet, mitsamt der Nachricht, dass die Nutzer ein Gigabyte Speicherplatz zur Verfügung haben würden. Es wurde schnell klar, dass es sich nicht um einen Scherz handelte - und dass Google daran selbstverständlich verdienen will. AdSense wurde von Anfang an eingesetzt, um E-Mails nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen und mehr oder minder passende Reklame daneben einzublenden. Im Juli kaufte Google Picasa, ein Unternehmen, das sich auf die digitale Fotoverwaltung spezialisiert hatte. Heute ist Picasa ein On- und Offline-Angebot - Googles Antwort auf Flickr.

Am 19. April konnte man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert. Mit dem vielen neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford und der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Inzwischen sind zahlreiche andere Bibliotheken mit im Boot - auch deutsche.
2005 - Google Maps und Google Earth
Im Jahr 2005 kam die Google-Maschinerie richtig in Schwung. In rasantem Tempo veröffentlichte das Unternehmen, das bis zum dritten Quartal auf fast 5000 Mitarbeiter angewachsen war, eine Anwendung nach der anderen. Die im Rückblick wohl wichtigste: Google Maps, der Kartendienst, der die Welt geografisch durchsuchbar machen sollte, und sogleich mit der bis dahin nur mäßig erfolgreichen lokalen Suche Google Local verschmolz. Die im Jahr zuvor angekaufte Satellitenkapazität kam nun zum Einsatz: Sie bot die heute beinahe selbstverständliche Möglichkeit, Satellitenfotos statt abstrakter Karten anzusehen. Später im Jahr kam auch noch die Desktop-Software Google Earth, Googles Digitalglobus. Außerdem starteten: die "personalisierte Homepage", die heute iGoogle heißt, Googles Video- und Fotosuche, die Voice-over-IP und Instant-Messaging-Lösung Google Talk, der bis heute ziemlich glücklose Kleinanzeigendienst Google Base, ein eigener RSS-Reader. Und: Google kaufte das Unternehem Urchin und verwandelte dessen Webtraffic-Analysemethoden in sein Angebot Google Analytics. Damit bot das Unternehmen nun erstmals die vollständige Dienst-Palette einer Netz-Mediaagentur, eines Online-Werbevermarkters.

Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Millarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
2006 - Google Video, Web-Applikationen , YouTube - und Kritik
Anfang des Jahres stellte Larry Page bei einem Vortrag bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas Google Video vor - und Google Pack, einen ersten, offenkundigen Angriff auf Microsoft, denn das Software-Paket enthielt diverse Anwendungen, die als Konkurrenzprodukte zu Microsofts Angebot gelten können. Gegründet wurde die Wohltätigkeitsorganisation Google.org, an den Start gingen außerdem der Finanzinformationsdienst Google Finance und die Paypal-Konkurrenz Google Checkout. Vor allem aber ist 2006 das Jahr, in dem man bei Google ernsthaft damit begann, Office-Anwendungen ins Web zu verlegen. Neben dem Google-Kalender wurde am Jahresende auch Google Docs & Spreadsheets livegeschaltet. Zuvor hatte Google Upstartle gekauft, ein Unternehmen, das bis dahin das Online-Textverarbeitungsprogramm Writely hergestellt hatte - nur eine von mehreren Akquisitionen. Auch SketchUp (3-D-Gebilde für Google Earth) und die Wiki-Plattform JotSpot wurden 2006 ins Google-Reich integriert.

Der prominenteste Ankauf des Jahres war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.

Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No love 4 Google" ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.

Ende 2006 hat Google mehr als 10.600 Angestellte.
2007 - Googlemail für alle, DoubleClick, Streetview und Android
Im Februar wird Googles E-Mail-Dienst für alle geöffnet - bis dahin brauchte man eine Einladung, um seine E-Mails von AdSense nach Schlüsselwörtern durchsuchen zu lassen.

Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour - in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, aufgekauft, dann DoubleClick. Über drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - und eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.

Außerdem schickte Google 2007 seine Foto-Autos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kamera-Mobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.

Außerdem beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.

Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.

Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
2008 - Knol, Chrome und kein Ende
Im laut offizieller Zeitrechnung zehnten Jahr seiner Existenz lässt die Suchmaschine im Tempo nicht nach. 2008 wurden eine kollaborative Wissensplattform (Knol), eine 3-D-Chatanwendung (Lively), Straßenansichten für noch mehr Großstädte - und ein eigener Google-Browser gestartet.

Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Der Google Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang, und die Missionserklärung, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.
Produkte, die Google nie veröffentlichen wollte

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil