Google-Boss in München Schmidts letzte Show

Sein Rückzug von der Google-Spitze überraschte die IT-Welt, nun zeigt sich Noch-Chef Eric Schmidt erstmals wieder öffentlich - in München. Auf einer Konferenz beschwört der Manager die Liebe zu seinem Arbeitgeber. Doch Branchenkenner vermuten, dass er seinen Posten nicht ganz freiwillig räumt.

Von , München

Google-Noch-Chef Schmidt: 100 Millionen Dollar Abschiedsprämie
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Google-Noch-Chef Schmidt: 100 Millionen Dollar Abschiedsprämie


Es ist wohl eine zwingende Entwicklung, dass man als Chef einer großen Techfirma irgendwann sehr staatstragend wird. Microsofts Bill Gates redete in seiner Spätphase nur noch über die ganz großen Trends. Und auch Google-Boss Eric Schmidt kommt ziemlich wolkig daher, wie sich auf der Medienkonferenz DLD an diesem Dienstag in München zeigt.

Er sagt Sätze wie "Das Handy ist das Gerät unserer Zeit" und spricht viel von "Softwarearchitekturen" und "Übertragungsraten". Es ist nicht falsch, was er sagt, aber besonders spannend ist es auch nicht. Das merkt man schon daran, dass viele der Anwesenden Techies lieber in ihre Telefone gucken als auf die Bühne.

Derlei lästige Repräsentationspflichten ist Schmidt ab April los. Dann übergibt er den Chefposten an Google-Gründer Larry Page. Das sei keine große Sache, man habe das "über die Feiertage" ganz einvernehmlich verabredet. Für ihn selber sei der Rückzug in den Verwaltungsrat ein "persönlicher Gewinn", sagt er am Dienstag vor Journalisten.

Herausragende Leistung - und Abnutzungserscheinungen

Fast zehn Jahre war Schmidt Googles Vorstandschef. "Erics Gesamtleistung ist ziemlich spektakulär", sagt Henry Blodget, Chefredakteur der Tech-Postille "Business Insider". Die Zahlen sprechen in der Tat eine deutliche Sprache: Bei Schmidts Amtsantritt lag der Umsatz des Suchmaschinenbetreibers bei 100 Millionen Dollar. Heute sind es 29 Milliarden.

Lange gelang es Schmidt, die Firmengründer Larry Page und Sergey Brin im Zaum zu halten. Beide sind mit Leib und Seele Ingenieure, doch Schmidt setzte immer wieder durch, dass alles betriebswirtschaftlich vernünftig abläuft. "Adult supervision" nannten Spötter das, elterliche Aufsicht. Aber ohne die wäre Google wohl nicht so eine Gelddruckmaschine: Von jedem Dollar Umsatz bleiben 35 Cent als Rohgewinn hängen.

Das ist die Leistung des frühen Schmidt. Aber es gibt auch den späten Schmidt, dessen Performance nicht mehr ganz so beeindruckend ist. "Mein Gefühl ist, dass Larry und Sergey nicht mehr auf ihn hören wollten. Man hat ihn rausgedrückt", sagt Blodget.

Google tritt auf der Stelle

Das ist Spekulation, doch tatsächlich gibt es drei Dinge, die man dem späten Schmidt ankreiden kann, ankreiden muss. Da sind zunächst seine verstörenden öffentlichen Auftritte der letzten Zeit (siehe Zitatesammlung). Mal sagt er, Streetview-Hasser könnten "ja umziehen". Dann schlägt er vor, die Leute sollten ihren Namen ändern, wenn zu viel über sie im Internet steht. Am berühmtesten ist die folgende Sentenz: "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun."

Später behaupteten Googles PR-Leute stets, man habe Schmidts etwas eigenwilligen Humor nicht verstanden. Doch selbst wenn dies alles als Scherz gemeint war - es zeugt auch von Kontrollverlust und, ja, von Arroganz. Es scheint, als habe sich hier jemand nicht mehr komplett im Griff.

Das zweite Problem des späten Schmidt: Google hat zwar durchaus noch Ideen, wie etwa das Handy-Betriebssystem Android. Doch in etlichen Bereichen mangelt es an Innovationen. Das wird an diesem Dienstag auch in München deutlich. Während Schmidt auf der großen Bühne seine Vision entwirft, sitzt einen Raum weiter auf einem Panel Dennis Crowley. Der 35-Jährige hat 2000 einen Dienst namens Dodgeball entwickelt, mit dem Nutzer via Handy feststellen konnten, in welcher Bar ihre Freunde rumhängen.

2005 kaufte Schmidt das Start-up. Dann saß Crowley einige Jahre bei Google herum, während Dodgeball Staub ansetzte. Heute ist Crowley Chef des Unternehmens Foursquare, das in etwa das gleiche macht wie Dodgeball.

Foursquare gilt als eines der heißesten Dinger im Netz. "Eine Wachstumskurve wie ein Hockeyschläger", sagt Schmidt anerkennend über das Start-up. Dass Foursquare Googles Erfindung hätte sein können, das sagt er nicht.

So sah Innovation unter Schmidt zuletzt häufiger aus. Er selbst konzediert, dass man immer versuchen müsse, "noch agiler und innovativer" zu sein. "Aber es gibt viele, denen sind wir zu innovativ, die halten uns für echte Nervensägen."

Social und Schmidt - das passt irgendwie nicht

Auf den großen Herausforderer Facebook, letztlich wie Google eine gigantische Datensammel- und Findemaschine, hatte er bislang trotzdem keine Antwort. Er ist ein Valley-Mann alter Schule, hat bei Sun und Novell gearbeitet.

"Social ist ein wichtiger Trend", sagt Schmidt. Aber die Erwartung, Google werde einen "Facebook-Killer starten", die sei falsch. "Das passiert nicht." Was stattdessen passiert, wie Google kontern will, bleibt unklar.

Viele glauben inzwischen, dass Google ein bisschen von gestern ist. Arthur Sulzberger, der Herausgeber der "New York Times", ist auch auf der Konferenz in München. Er bringt das in der Branche vorherrschende Sentiment auf den Punkt: Das Zeitalter der Suche gehe zu Ende, die Ära des sozialen Internet breche an.

Offiziell ist Google mit seinem scheidenden Chef total happy, natürlich. Damit ja keiner etwas anderes denkt, hat der Aufsichtsrat Schmidt eine Abschiedsprämie von 100 Millionen Dollar zugesteckt. Nicht, dass der Manager Liquiditätsprobleme hätte: Schmidt dürfte dank eines großen Aktienpakets ein Vermögen von mehr als fünf Milliarden Dollar besitzen.

Viel Arbeit für Larry Page

Neben den verbalen Ausfällen und dem Innovationsstau gibt es noch ein Problem. Momentan sieht es wie ein kleines aus, aber es könnte zum größten von allen werden, die Schmidt seinem Nachfolger Larry Page überlässt: In der Techszene ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob Googles Suchalgorithmen noch so gut sind, wie sie es früher einmal waren.

Fachpublikationen wie "Techcrunch" ereifern sich darüber, in den Trefferlisten aus Mountain View finde sich ungewöhnlich viel Werbeschrott. Googles Suchguru Matt Cutts sah sich zuletzt genötigt, im Firmen-Blog zu versprechen, man "könne und werde besser werden". Vermutlich wird der Suchmaschinengigant das Problem relativ schnell lösen. Aber dass das Thema überhaupt diskutiert wird, ist aus Sicht des Konzerns eine Katastrophe.

All diese Dinge muss nun Page richten. "Larry ist ein Genie", sagt Schmidt, "und denkt viele Schachzüge weit." Dass der Gründer als Vorstandschef zurückkehrt, ist ein starkes Signal. Bei Apple hat das wahre Wunder gewirkt, bei Yahoo nicht. "Die Frage ist, ob Larry ein Steve Jobs wird - oder ein Jerry Yang", sagt Henry Blodget.

Schmidt bleibt Google als Vorsitzender des Verwaltungsrats erhalten. Die "New York Post" fabuliert, er strebe eine zweite Karriere als Fernsehmoderator an - doch der Manager winkt ab, keine Schmidt-Show also. Seine Prognose laute, dass er "möglicherweise noch ein Jahrzehnt" bei Google bleibe. Vielleicht auch länger. "Larry sagt, Prognosen sind meist zu kurz gegriffen."



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sverris 25.01.2011
1. ich sag nur
Mr. Smith hat ja "nicht ganz freiwillig" einen sehr schweren Haendedruck bekommen, 100Mio. Und "beschwört ... die Liebe zu seinem Arbeitgeber": naklar, Nachtigall, ick hoer Dir trapsen. Ich sag nur: scroogle.de und Du bist den Aerger los!
Bernhardt Hennrich 25.01.2011
2. "Old Europe" verhinderte mehr Google-Arbeitsplatze in Deutschland
Eric Schmidt hat weit mehr geleistet als "nur" 35% Umsatzrendite: Er hat Immanuel Kants kategorischen Imperativ mit einem Geschäftsmodell versilbert und damit unsere Gesellschaft letztlich vergoldet. Eine Laudatio auf ihn (http://vdsetal.wordpress.com/2011/01/21/laudatio-auf-eric-schmidt-noch-ceo-google/) zitiert ihn mit den Worten "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun." Das dies hierzulande nicht honoriert wurde, dürfte uns viele Arbeitsplätze gekostet haben!
blob123y 26.01.2011
3. Abgesehen von den Strategischen Mangel das Google
nichts wirklich starkes (es gibt etwas Aehnliches) im Social Bereich hat gibt es bei der Firma zwei andere wesentliche Probleme. Das Eine ist dass es keine Kommunikation in Richtung von unten nach oben gibt, da sind nur "wolkige Foren" die fast nie ein Problem wirklich loesen (ich habe in den letzten 4 Jahren etwa 25 mal versucht da Probleme mit Adsense zu loesen, 3 Mal ists gelungen). Das andere Problem ist das Google im Suchbereich zuviel Gewicht den Links gibt und nicht dem Inhalt, das mag vor 5 Jahren vielleicht funktioniert haben aber da haben sich in juengster Zeit derart viele Linkmanipulanten etabliert (extern zu Google) das dies ein profitabler Wirtschaftszweig geworden ist. Ich bekomme etwa jeden Tag 2 Dutzend Angebote fuer Linkkuddelmuddel, dies verzerrt natuerlich die Suchergebnisse derart das nicht mehr die Seite oben steht die guten Inhalt bietet sondern die Seite mit den meisten Links und die sind sehr oft manipuliert von allen moeglichen Linkfirmen usw. Ich bin ueberzeugt, dass wenn Google diesen Algorithm andere Prioritaeten gibt werden die Suchergebnisse schlagartig wesentlich besser, also Googler TUT was !
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