Internetriese trifft SPD-Chef Google vs. Gabriel

Aus der Ferne hatten sie sich schon duelliert. Jetzt stritten Wirtschaftsminister Gabriel und Google-Verwaltungsratschef Schmidt vor Publikum über das Geschäft mit den Daten. Dabei machte sich der Amerikaner zu klein und der Deutsche zu groß.

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Berlin - Nach fast anderthalb Stunden nimmt Sigmar Gabriel seinen Gesprächspartner auch mal in Schutz. Dass Google mithilfe eines Steuerschlupflochs in Irland über Jahre Milliarden sparte, sei ausnahmsweise nicht die Schuld des Internetkonzerns, sagt der Wirtschaftsminister. Sondern die "Dummheit der Europäischen Union", die sich bislang nicht auf eine einheitliche Steuergesetzgebung einigen konnte.

Diese Verteidigungsrede bleibt die Ausnahme. Als Gabriel am Dienstagabend in seinem Ministerium mit Eric Schmidt über den "Wert unserer Daten" debattiert, muss der Google-Verwaltungsratschef einiges einstecken. Schließlich erweckte er bislang nicht den Eindruck, dass ihm der Datenschutz schlaflose Nächte bereitet. Von Schmidt stammt der Satz: "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun."

Gabriel wiederum reihte sich in den vergangenen Monaten in die große Schar der Google-Kritiker ein und dachte sogar laut über eine Zerschlagung des Konzerns nach. Schmidt konterte im Gespräch mit dem SPIEGEL kühl: "Manchmal wissen unsere Kritiker einfach nicht allzu viel über uns."

Doch gänzlich uninformiert ist Gabriel nicht in die Diskussion gegangen. So will er von Schmidt etwa wissen, wieso Google die Nachrichten in seinem Dienst Gmail mitliest. "Das tun wir nicht", behauptet Schmidt, "Menschen sind nicht beteiligt." Es seien lediglich Algorithmen, welche die Inhalte der Mails scannten - um den Nutzern dann passende Werbeanzeigen vorsetzen zu können.

Gabriel hakt nach. Wie es dann sein könne, dass Google kürzlich einen Nutzer wegen kinderpornografischer Bilder an die Behörden meldete. Dessen Festnahme sei zwar fraglos richtig gewesen. "Trotzdem würden wir in Deutschland sagen, das ist nicht die Aufgabe eines privaten Unternehmens." Nun räumt Schmidt doch die Beteiligung von Menschen ein, wenn auch nicht von eigenen Mitarbeitern: Man habe von außen einen Hinweis auf den Nutzer bekommen.

Ein Weltkonzern als Klitsche

Der Dialog ist typisch für weite Teile des Abends. Der Chef der wertvollsten Marke der Welt tut in Berlin so, als stünde er einer ziemlich unbedeutenden Klitsche vor. So weist Schmidt etwa daraufhin, nicht Google sei die weltweit populärste App, sondern Facebook. Auch Google könnte von einem Konkurrenten überholt werden, so wie es einst selbst Yahoo verdrängte.

Und nicht Googles Umgang mit Daten sei "das wirkliche Problem", sagt Schmidt. Sondern die von ihm scharf kritisierte NSA-Spionage, welche die jahrzehntealte Partnerschaft zwischen Amerikanern und Deutschen beschädigt habe. Das klingt fast so, als ob es nicht auch schon vorher massive Kritik an Google-Produkten wie Streetview gegeben hätte.

Wo sich Schmidt allerdings zu klein macht, da macht der Wirtschaftsminister sich und sein Land bisweilen zu groß. Gabriel gefällt sich in der Rolle des Sozialdemokraten, der auch im New-Economy-Hype immer an der Industrie festhielt, nach der sich andere Länder heute sehnen. Als ein Zuschauer von der "Old Economy" spricht, blafft Gabriel ihn an: "Wenn wir vor 15 Jahren auf Sie gehört hätten, dann wären wir heute ein Pleiteland."

Stattdessen sei Deutschland für technologische Trends wie das Internet der Dinge und die dafür notwendige Industrie 4.0 nun bestens gerüstet, behauptet Gabriel. Dabei hat er erst vor wenigen Stunden eine deutlich nach unten korrigierte Wachstumsprognose vorgestellt, welche die Debatte über notwendige Investitionen befeuert - unter anderem in den seit langem geforderten Ausbau des Breitbandinternets.

Warten aufs Breitband

"Ich könnte meinen Job nicht machen, wenn ich im Sauerland leben würde", klagt ein Berliner Programmierer bei der Diskussion. Auch Google-Chef Schmidt erlaubt sich den Hinweis, dass Deutschland beim Breitband hinterhinke. "Das könntet Ihr ziemlich leicht beheben." Und Gabriel räumt selbst ein, dass Start-up-Initiativen wie das Berliner Gründerzentrum Factory von Google unterstützt werden, während sich viele deutsche Großkonzerne vornehm zurückhalten.

Zwar macht Gabriel in der Diskussion auch einige konstruktive Vorschläge. Etwa ein europäisches Datenschutzsiegel in Form eines lächelnden @-Zeichens. Oder die Ablösung von Fächern wie Latein und Griechisch zugunsten von Informatikunterricht.

Doch am Ende bleibt vor allem ein altbekannter Graben, der ebenso zwischen den Zuhörern im Saal verläuft wie zwischen den Twitter-Nutzern, die unter dem Hashtag #wirtschaftfuermorgen mitdiskutieren: Auf der einen Seite Fortschrittseuphoriker wie Schmidt, die viel lieber über Chancen als über Risiken sprechen. Und auf der anderen Seite die meist europäischen Skeptiker, welche Managern wie Schmidt ihre Versprechen niemals unbesehen abkaufen werden.

Vielleicht ist die deutsche Skepsis ja aber auch eine Geschäftsgrundlage. "Ihr seid sehr hart zu Euch selbst", sagt Schmidt seinem deutschen Publikum gleich am Anfang. "Und Ihr seid sehr erfolgreich."

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insgesamt 22 Beiträge
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tim.berg78 15.10.2014
1. Was für eine Farce...
2019 wird Gabriel dann Cheflobbyist bei Google Deutschland.
Spamdeich 15.10.2014
2. und ... weg
Der Umstand, dass Schmidt durch Europa tingelt, macht deutlich, wie kritisch Google inzwischen die Lage einschätzt. Zu Recht. Google hat den Zenith überschritten und befindet sich auf dem Weg nach unten. Es könnte schneller gehen, wenn wir eine wirklich stringente Internetstrategie hätten.
john.kreuschmer 15.10.2014
3. ein echter Gabriel:
er fordert "die Ablösung von Fächern wie Latein und Griechisch zugunsten von Informatikunterricht"..?? Das würde ich nicht unbedingt als konstruktiven Vorschlag bezeichnen, sondern eher eine echte Schnapsidee. Quo vadis, Sigmarius?
hermann_huber 15.10.2014
4. Soll
Google doch einmal einen Monat die Deutschen Dienst einstellen. Oje wäre dann das Gejammer gross. Auch die Frage warum man Pädophile anzeigt wenn man eine Firma ist. Mann, was ist das denn für ein Gabriel. Soll die deutsche Politik weiter die Großindustrie pflegen und hegen. Den Mittelstand knechten und bremsen. Neugründungen möglichst schwierig machen. Finanzierung für Forschung und Entwicklung nur über die Hausbank wenn 150% Sicherheit vorhanden sind. Und die Gelder bei den Lobby Fraunhofer verbrennen. Noch ist der Deutsche Mittelstand stark. Nur absulut neues und IT-Innovation kommt dann eben nicht aus Deutschland sondern Bedenken... Rentnerdenken!
hunzgemein 15.10.2014
5. Vornehme Zurückhaltung?
"Und Gabriel räumt selbst ein, dass Startup-Initiativen wie das Berliner Gründerzentrum Factory von Google unterstützt werden, während sich viele deutsche Großkonzerne vornehm zurückhalten." -Zitatende Wieso sollen deutsche Großkonzerne kein Interesse an einem Marktsegment haben das zu den am schnellsten wachsenden und profitabelsten Geldmaschinen der Welt gehört? Es scheint hier doch eher so als ob das Internet in Deutschland fest unter US/NSA-Kontrolle zu verbleiben hat und alle Hintertürchen zum Big Brother offen bleiben. Mir ist jedenfalls kein einziger Fall bekannt bei dem Großkonzerne sich aus "vornehmer Zurückhaltung" vom Geldverdienen fernhalten.
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