Google-Führungsteam: Trio mit zwei Haken
Bei Google bricht eine neue Ära an: Mitgründer Larry Page wird Chef, sein Partner Sergey Brin oberster Innovator, Ex-Boss Eric Schmidt konzentriert sich auf Business- und Lobbyaktivitäten. Das Triumvirat soll die beiden drängendsten Probleme des Internet-Giganten lösen.
Hamburg - Die Ankündigung hatte etwas Befremdliches. "Tägliche Überwachung durch einen Erwachsenen nicht mehr nötig", schrieb Eric Schmidt auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Er klang wie ein stolzer Vater, der verkündet, dass sein Sohn das Abitur geschafft hat, und der seinen Sprössling nun in die große weite Welt entlässt, ihm aber verspricht, ihn auf Nachfrage mit väterlichen Ratschlägen zu unterstützen.
Doch es handelt sich bei der Nachricht nicht um den Glückwunsch-Tweet für irgendeinen Highschool-Absolventen - sondern um eine Personalie, die weltweit für Aufregung sorgt: um den Wachwechsel an der Google-Spitze. Am 4. April, nach ziemlich genau zehn Jahren, gibt Eric Schmidt den Chefposten an Larry Page zurück. Beim weltgrößten Suchmaschinenkonzern bricht eine neue Ära an.
Page war schon einmal Chef, von 1998 bis 2001. Verglichen mit jetzt war Google seinerzeit noch eine ziemliche Klitsche, die sich allerdings so rasant entwickelte, dass sie dem damals 28-jährigen Page und seinem Partner, dem damals 27-jährigen Sergey Brin, bald über den Kopf wuchs. Also holten sich die beiden Ur-Googles einen erfahrenen Manager dazu, Eric Schmidt, und eine beispiellose Erfolgsstory begann. Schmidt wurde zum Gesicht des professionalisierten Google, es war die Zeit des Aktienbooms. Des Umsatzwachstums. Der Monopolisierung des Suchmaschinenmarkts.
Jetzt aber scheint die Zeit des Google-Höhenflugs zu Ende. Der Konzern hat vor allem zwei Probleme, die er rasch lösen muss:
- Die Suchalgorithmen des Konzerns sind zwar immer noch ein äußerst lukratives Geschäft, allein im Schlussquartal 2010 verdiente Google unter dem Strich 2,5 Milliarden Dollar. Doch das Internet wird immer stärker von Diensten geprägt, bei denen Menschen mit Menschen kommunizieren, wie bei Facebook, Twitter oder Foursquare. Google hat diesen Firmen bislang nichts entgegenzusetzen. Eigene soziale Dienste wie Google Wave scheiterten spektakulär, und auch bei wichtigen Zukäufen ging der Konzern zuletzt leer aus. Unlängst schlug der Schnäppchenjägerdienst Groupon, eines der derzeit heiß gehandelten Start-ups, eine Übernahmeofferte Googles aus - obwohl der Suchmaschinenriese bis zu sechs Milliarden Dollar geboten haben soll. Neue Standbeine konnte sich der Konzern so nicht aufbauen - sein Geld verdient er noch immer fast vollständig mit Online-Werbung.
- Auch personell hat Google zu kämpfen. Wie oft das Unternehmen im Kampf um Talente den Kürzeren zog, zeigt ein Blick in das Karriereportal LinkedIn, in dem viele Nutzer ihre Lebensläufe hinterlegen. 2543 Menschen geben dort
Facebook als aktuellen Arbeitgeber an.
428 davon erklären, zuvor für Google gearbeitet zu haben, nur die wenigsten sind jetzt, da sie bei Facebook sind, auch weiter für Google tätig. Gourmet-Essen und Volleyballfelder und all die anderen Vorzüge, die ein Google-Mitarbeiter genießt, reichen jungen, aufstrebenden IT-Talenten offenbar nicht mehr,
unkt das Technologie-Nachrichtenportal Cnet News.
Dieser Brain Drain umfasst nicht mehr nur Programmierer und andere einfache Angestellte, sondern auch einige Top-Talente. So kehrte Lars Rasmussen, der Entwickler von Google Maps, dem Konzern den Rücken, nachdem Google sein geflopptes Social-Media-Projekt Google Wave beerdigte. Googles frühere Top-Managerin Sheryl Sandberg ist heute leitende Geschäftsführerin bei Facebook. Auch den Internet-Pionier und heutigen Twitter-Chef Evan Williams konnte Google nicht halten - siehe Fotostrecke:
Manche im Silicon Valley werten den Talentschwund schon als Zeichen von Googles Niedergang. Tatsächlich erlitt der Internetpionier Yahoo in der Phase seines Verfalls genau dasselbe Schicksal. Schließlich dankte sein langjähringer Unternehmenschef Jerry Yang ab. Der Mechanismus sei der gleiche wie bei Yahoo, schrieb Danny Sullivan, Chef des Branchendienstes Search Engine Land und weltweit einer der engsten Google-Beobachter, Ende Oktober. Die Chancen, bei Google zum Multimillionär zu werden, seien stark gesunken, das Unternehmen werde immer bürokratischer und könne die Ambitionen von Internet-Stars wie Sheryl Sandberg nicht mehr schnell genug erfüllen.
Ob Google tatsächlich schon zu unsexy für frische Talente geworden ist, lässt Sullivan indes offen: Gute Firmen schafften es, in der Phase ihres Erwachsenwerdens neue Talente an sich zu binden, die besser zu den neuen Anforderungen passen. Auf jeden Fall aber sei der Talentschwund auffällig - und besorgniserregend.
To-Do-Liste für den neuen Google-Chef
Mit dem Wechsel an der Spitze will Google nun auf die neuen Herausforderungen reagieren. "An sich war der Wechsel überfällig", schreibt Sullivan. Das Unternehmen und das gesamte Internet hätten sich in den vergangenen zehn Jahren komplett gewandelt - Googles Führungsspitze aber sei stets dieselbe geblieben. "Jetzt wird Schmidt entmachtet", urteilt Michael Arrington, Chef des gemeinhin gut informierten IT-Blogs TechCrunch. Offenbar sei das Unternehmen nicht so vorangekommen, wie von den Gründern gewünscht.
Unklar ist, wie lange im Voraus der Wechsel geplant war. Schon im Sommer 2010 gab es Gerüchte, Schmidt sei amtsmüde. Am Donnerstag dagegen, nach Bekanntgabe von Googles neuesten Quartalszahlen, sagte Schmidt, er habe sich in den Weihnachtsferien mit Page und Brin zusammengesetzt, um gemeinsam zu überlegen, wie man die Firma am besten voranbringen könne. Wie das Unternehmen nun bekanntgab, teilt sich das Google-Triumvirat seine Aufgaben künftig wie folgt auf:
- Page kümmert sich um das Tagesgeschäft, fällt alle strategischen Entscheidungen und repräsentiert den Konzern nach außen. Den Posten des Chef-Produktentwicklers behält er.
- Brin kümmert sich um ausgewählte neue Projekte. Er wird zu einer Art Chef-Innovator.
- Schmidt konzentriert sich auf Geschäftspartner, Übernahmen und Lobbyaktivitäten.
Mit dieser Aufstellung wollen sie eine Reihe wichtiger Aufgaben angehen. Unter anderem müssen sie:
- Googles Image verbessern,
- die Social-Media-Strategie und andere Innovationen vorantreiben,
- Verhandlungen über Film- und Videorechte zum Abschluss bringen, um Dienste wie YouTube attraktiver zu machen,
- Kartellwächter und Regierungen beschwichtigen, die dem Konzern immer stärker auf die Pelle rücken.
Für all diese Aufgaben scheint die neue Führungsstruktur auf den ersten Blick gut geeignet zu sein:
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- Freitag, 21.01.2011 – 18:44 Uhr
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Am 19. April konnte man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert. Mit dem vielen neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford und der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Inzwischen sind zahlreiche andere Bibliotheken mit im Boot - auch deutsche.
Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Millarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
Der prominenteste Ankauf des Jahres war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.
Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No love 4 Google" ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.
Ende 2006 hat Google mehr als 10.600 Angestellte.
Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour - in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, aufgekauft, dann DoubleClick. Über drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - und eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.
Außerdem schickte Google 2007 seine Foto-Autos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kamera-Mobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.
Außerdem beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.
Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.
Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Der Google Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang, und die Missionserklärung, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.
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- Neuer Konzernchef Larry Page: Googles freundlicheres Gesicht (21.01.2011)
- Übergabe an Page: Google-Boss verkündete Chefwechsel per Twitter (21.01.2011)
- Internet-Gigant: Google-Gründer Page übernimmt Konzernspitze (20.01.2011)
- Netzwelt-Ticker: Google startet Schnäppchen-Offensive (21.01.2011)
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- Milliarden ausgeschlagen: Schnäppchen-Website lässt Google abblitzen (04.12.2010)
- Lernen von Google-Gründer Page: Mach mir den Larry! (25.07.2010)
- Wettbewerbsverfahren: Kartellwächter nehmen Tech-Riesen in den Würgegriff (17.12.2009)
- Jerry Yangs Rücktritt: Die Lebenslüge der lila Legende (18.11.2008)
- Google-Blog
- Twitter: Eric Schmidt zu Googles Chefwechsel
- LinkedIn: Übersicht aktueller Facebook-Mitarbeiter
- LinkedIn: Facebook-Mitarbeiter, die zuvor für Google arbeiteten und zum Teil noch für Google arbeiten
- Cnet News: Paging Larry: Google's new CEO has lots to do
- Search Engine Land: On Google Growing Up, Losing Employees & Being The New ¿California¿
- Search Engine Land: Was It Time For A Fresh Face? Thoughts On Larry Page As The New Google CEO
- Google-Bolg: Q4 Earnings
- Colbert Report: Interview with Eric Schmidt
- Search Engine Land: Google¿s Sergey Brin Talking China At TED
- Larry Page: CES-Keynote 2006
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