Medizin-Labor GWC7 Hier programmiert Google die Menschheit um

Google will die Medizin-Technologie revolutionieren - und einen neuen Milliardenmarkt schaffen. Hunderte führende Wissenschaftler forschen dafür in abgeschirmten Laboren. Thomas Schulz erhielt Zutritt.

Internetkonzern Google: Die große Vision der proaktiven Medizin
Corbis

Internetkonzern Google: Die große Vision der proaktiven Medizin


Etwas abseits des Google-Hauptquartiers im Silicon Valley liegt versteckt unter dichten Bäumen ein unscheinbarer Bürobau aus Beton und verdunkelten, undurchsichtigen Glasfronten. Es gibt keine Hinweisschilder, keine Kennzeichnung, nicht einmal eine Hausnummer. Doch das Innere des Gebäudes mit dem Google-internen Code-Titel GWC7 ist alles andere als unauffällig.

Gleich hinter einer doppelten Sicherheitsschleuse findet sich eine Lounge mit einem von der Decke hängenden Stahlkamin, einer Marmorbar und Champagner im Kühlschrank. Das offizielle Motto hier, so wird schnell klar, ist James Bond: Hinter Türschildern wie "Stirb an einem anderem Tag" schießen Laboranten in blauen Kitteln Blut durch künstliche Arme und lesen die Ergebnisse aus Massenspektrometern.

Im Raum "Q.", benannt nach dem Leiter der Entwicklungsabteilung aus den Bond-Filmen, werkeln Ingenieure mit Phasenkontrastmikroskopen und kritzeln lange Formeln an Stellwände. Und in der Mitte des Gebäudes steht eine große Pappfigur von Sean Connery als Bond, aber jemand hat über seine Walther PPK, die Pistole des Agenten, eine Labor-Pipette geklebt.

GWC7 ist das Hauptquartier von Google Life Sciences, einer 2013 gegründeten Google-Abteilung mit dem Ziel, die Gesundheitsvorsorge zu revolutionieren und die Medizin in eine neue technologische Ära zu katapultieren. Und tatsächlich klingen die Projekte, an denen hier inzwischen mehrere Hundert Wissenschaftler arbeiten, so, als stammten sie aus einem Hollywood-Drehbuch:

  • Gearbeitet wird etwa an Nanopartikeln, die in den Körper geschleust werden, um dort nach Krankheiten zu suchen, oder an einem
  • Diagnostik-Armband, das rund um die Uhr den Gesundheitszustand des Trägers überwacht.
  • Schon weit fortgeschritten und in klinischen Studien ist eine Kontaktlinse, die den Blutzucker über die Augenflüssigkeit misst und Diabetikern die ständige Blutabnahme durch einen Stich in den Finger ersparen soll.

Vielleicht ließen sich all diese Projekte als weltentrückt, als geradezu esoterisch abtun, wäre da nicht das Personal. Unter den vielen Chemikern und Biologen, Medizinern, Astrophysikern und Elektroingenieuren, die hier Seite an Seite arbeiten, sind zahlreiche Wissenschaftler mit Weltruf.

Potenzieller Milliardenmarkt

Die Medizinforschung ist nur einer von mehreren neuen Bereichen, die Google mit großem Einsatz zu erobern versucht. Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin sind überzeugt, dass mit Technologie nahezu alle Lebensbereiche revolutioniert werden können. Auch deswegen hat sich der Konzern im August umstrukturiert in eine neue Dachgesellschaft namens Alphabet mit einer ganzen Reihe von eigenständigen Tochterfirmen.

So sollen in den kommenden Jahren möglichst schnell ganz neue Geschäftsfelder entstehen, von denen das alte Google, die Suchmaschine, nur noch eines unter vielen ist. Das bekannteste Projekt ist dabei das selbstfahrende Auto, aber im Hauptquartier des Konzerns hat man insbesondere die Verbindung von Gesundheit und Technologie als potenziellen Milliardenmarkt ausgemacht.

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Neue Muttergesellschaft: Googles Alphabet

Die Leitung von Google Life Sciences hat Andrew Conrad, ein promovierter Molekularbiologe, der einst einen revolutionären HIV-Test entwickelte. Conrad hat wenig gemein mit den professoralen Akademikern, die so oft in der medizinischen Forschung zu finden sind. Er legt keinen Wert auf Statussymbole, sein Büro hat gerade Platz für einen kleinen Tisch und vier Stühle, an der Tür klebt als Namensschild nur ein gelber Zettel, auf den jemand mit krakeligem Kuli "Andy" geschrieben hat. Er trägt gerne Cordhosen und Birkenstock-Sandalen ohne Socken.

"In den vergangenen 2000 Jahren war Medizin vor allem reaktiv, nicht proaktiv," sagt Conrad. Die Medizin komme fast immer erst zum Einsatz, wenn man schon gesundheitliche Probleme habe. Der Biologe begann darüber nachzudenken, wie ein Kontroll- und Meldesystem aussehen müsste, das die wichtigsten Indikatoren im Körper kontinuierlich misst, etwa die Zahl der weißen Blutkörperchen: Sehr klein müsste es sein, damit es nicht stört, zudem billig und energiesparend. So klein, dass zu sehen ist, was auf der molekularen und zellulären Ebene passiert. "Uns wurde schnell klar, dass man mit einer Zelle nicht aus einer Million Meilen Entfernung mit einem Megafon sprechen kann, sondern nur aus nächster Nähe", sagt Conrad.

Die große Vision der proaktiven Medizin

Eine mögliche Lösung glauben die Google-Wissenschaftler in sogenannten Nanopartikeln gefunden zu haben, die als Scharnier dienen sollen zwischen der kontrollierbaren Welt der Technologie und der Welt der Biologie, "die wir überhaupt nicht kontrollieren können". Nanopartikel sind die kleinsten Maschinen, die es gibt, künstlich im Labor hergestellt. Diese biologisch programmierbaren Teilchen haben weniger als zwei Tausendstel des Umfangs einer roten Blutzelle und sind noch kleiner als ein Virus. Auf ihrer Oberfläche sitzen Rezeptoren oder Antikörper, mit denen sie sich mit Proteinen oder anderen Molekularbestandteilen im Köper verbinden können.

Einmal in einer Kapsel geschluckt, sollen sie sich über den Blutkreislauf verteilen, als winzige Beobachter im Köper unterwegs sein und ständig vor sich anbahnenden Problemen warnen - sei es ein Herzinfarkt oder Krebs. Dazu aber müssen die zusammengetragenen Informationen auch weitergegeben werden. Der Plan der Google-Wissenschaftler sieht in Kurzform so aus: Die Nanopartikel sammeln sich an einem speziellen Armband, nicht größer als eine Uhr.

Video: Google will Nanotechnologie in Medizin einsetzen

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Die Nanopartikel "sprechen" in einer Frequenz, die nahe dem Infrarotbereich ist, so erklärt es Conrad. Die Information kann so von einem entsprechenden Gerät gelesen werden. Noch testen die Google-Forscher das System nicht in klinischen Studien am Menschen, sondern mit künstlichen Armen, an denen Haut und Blutkreislauf simuliert werden.

Conrad betont, solche neuartigen Diagnostikgeräte hätten nichts mit sogenannten Wearables ähnlich der Apple Watch gemein. Es geht Google nicht um ein Lifestyle-Produkt, sondern um ein medizinisches Instrument, das entsprechend auch von den Behörden freigegeben werden muss. Google sieht sich dabei in der Rolle, vor allem die neuen Technologien zu entwickeln. Kommerzialisieren sollen sie jedoch andere - etwa die großen Pharmaunternehmen, mit denen Conrad jetzt schon zusammenarbeitet.

Auch wenn Conrads große Vision der proaktiven Medizin wohl noch viele Jahre entfernt ist, soll die Arbeit der Google-Forscher dennoch bald schon erste Produkte hervorbringen. "Es gibt eine ganze Menge Bereiche, in denen wir neue Erfindungen vorbereiten", sagt Conrad. Die Blutzucker messende Kontaktlinse etwa sei nicht mehr weit entfernt von der Marktreife, sie stelle jedoch nur eine von vielen Kategorien dar, "die wir besetzen, bevor die wirklich ausgefallenen Sachen kommen".

Die Strategie sei eine Evolution von "nach und nach immer komplexeren Geräten", so Conrad. Am Ende, sagt der Biologe dann nur halb im Scherz, könnte der Tricorder stehen, das berühmte medizinische Diagnosegerät aus "Star Trek", das, einmal kurz auf die betreffende Person gerichtet, innerhalb einer Sekunde den kompletten medizinischen Status eines Menschen analysieren kann.

Und falls daraus doch nichts wird, hat Google noch eine Alternative bereit: Mit einer weiteren Tochterfirma forscht der Konzern an der Verlängerung des Lebens.

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Die-extreme-Mitte 08.11.2015
1. The Circle
Ich kann jedem Leser nur das Buch "The Circle" von Dave Eggers ans Herz legen. Es beschreibt quasi eine Vision, in der ein großer Internetkonzern langsam in alle Lebensbereiche vordringt - eben nicht nur Internet, sondern auch Biologie, Medizin, etc.. und schließlich auch Politik. Unabhängig davon wie man nun dazu stehen mag, ist es doch interessant, wie die eigentlich fiktive Story aus dem Buch mehr und mehr von der Realität eingeholt wird.
r.muck 08.11.2015
2. Visionär
Alphabet, einer der wenigen, wenn nicht der einzige der ganz großen Player, der Visionen hat, die über Umsatz- und- Gewinnsteigerung hinausgehen.
danreinhardt 08.11.2015
3. Schön und gruselig zugleich.
Die Entwicklung wäre stark zu begrüßen, wenn nicht am Ende doch ein Tricorder ähnliches Gerät entsteht, dass es jeder Behörde, Firma, Versicherung oder Privatperson gestattet zu schauen ob ich mich nicht auch sozialkonform ernähre oder verhalte.
Ontologix II 08.11.2015
4. Huxleys Brave New World von Orwells Big Brother
Wir werden also in Zukunft nicht nur in Google-Autos fahren, sondern auch endlich richtig programmiert werden. Und dann gibt es auch noch Soma für Alle. Wer steht denn eigentlich hinter Google?
lospollos 08.11.2015
5. Ich find's okay so!
Solange es der Menschheit hilft, Krankheiten zu erforschen und zu besiegen, sollte alles, aber auch alles in diese Richtung unternommen werden. Und wenn es so ein Konzern wie Google eben kann, soll er es auch machen. In den USA ist so etwas eben leicht möglich. Weiter so! Immer noch besser, als wenn sich wie bei uns in Deutschland verschiedene Lager der Politik den Kopf darüber zerbrechen, ob etwas gegen dieses und jenes verstößt und wir wie so häufig vom wirklichen Fortschritt in der Wissenschaft abgehängt werden. Gute Forscher aus Deutschland hauen eh in die USA ab, weil für sie dort bessere Bedingungen herrschen und sie nicht von einer überbordenden Bürokratie gelähmt werden. Wer lebt schon gerne im Mittelalter?
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