Von Astrid Langer, San Francisco
"Viele von uns haben schon einmal davon geträumt, den Job hinzuschmeißen und unserem Chef richtig die Meinung zu sagen - aber sehr wenige von uns tun es." Mit diesen Worten beginnt der Moderator Anderson Cooper am Sonntagabend das Interview, auf das die amerikanische Finanzwelt seit Tagen gespannt gewartet hatte. Zum ersten Mal seit seinem spektakulären Abgang bei Goldman Sachs tritt der Ex-Banker Greg Smith beim Fernsehsender CBS vor die Kameras.
Der Zeitpunkt für den Auftritt ist genau geplant. Wenige Stunden nach dem Interview wird Smiths Buch in den amerikanischen Buchläden zu kaufen sein: "Why I Left Goldman Sachs" ist eine Fortsetzung des Zeitungsbeitrags, mit dem Smith im März in der "New York Times" seinen ehemaligen Arbeitgeber bloßgestellt und eine Diskussion über die Arbeitskultur in Großbanken losgetreten hatte. Dreieinhalb Jahre nach der Finanzkrise warf Smith Goldman Sachs ethisch-verwerfliches Gebaren vor: Mitarbeiter würden Kunden intern als "Deppen" ("Muppets") bezeichnen und sich bewusst an ihnen bereichern; die Arbeitsumgebung sei so vergiftet wie noch nie. Die amerikanische Öffentlichkeit erwartet nun von dem Buch weitere brisante Details über den Arbeitsalltag bei der legendären Investmentbank, die auch als politisch einflussreich gilt.
Nervöse Erklärungen, kurzes Stocken
Vor der Veröffentlichung des Buches erklärte Smith nun erstmals, warum er seinem Arbeitgeber das Kündigungsschreiben in der größten amerikanischen Tagszeitung präsentierte. "Ich wollte dem Board of Directors buchstäblich auf den Kopf hauen und ihnen sagen: Hört zu, ich war früher mal stolz auf Goldman Sachs", erklärt Smith in dem vorab aufgezeichneten Interview. Er habe gehofft, dass seine Kündigung ein Weckruf werden würde - für seine Kollegen, die bisweilen die Missstände unter vier Augen eingestehen würden, aber auch für die Gesellschaft. "Der schnellste Weg, um Geld an der Wall Street zu machen, besteht darin, das ausgeklügelste Produkt an die Kunden mit der wenigsten Ahnung zu verkaufen."
Smith blinzelt häufig, wirkt blass, stockt immer wieder kurz in seinen Antworten - er weiß wohl, dass in den vergangenen Tagen und Wochen auch viel Kritisches über ihn geschrieben wurde. Goldman Sachs ging in die Offensive und leitete einen internen Bericht an amerikanische Medien weiter. Demzufolge hätten die Nachforschungen ergeben, dass Smiths Darstellungen im Zeitungsartikel völlig übertrieben gewesen seien. So seien Kunden zwar tatsächlich in internen E-Mails als "Muppets" bezeichnet worden - allerdings immer nur in Bezug zur gleichnamigen Fernsehsendung. Auch seien Smiths Leistungen zwischen 2007 und 2012 abgefallen, weshalb er nicht für eine Beförderung infrage gekommen sei, was ihn wohl frustriert habe. Goldman wirft Smith zudem vor, seine Kritik nie intern artikuliert zu haben.
Tatsächlich sagt Smith selbst in dem Fernsehinterview, seine Kollegen hätten erst von seiner Kündigung erfahren, als sie am Morgen des 14. März die Zeitung aufgeschlagen hätten. Dass sich die Bank dadurch bloßgestellt fühle, könne er allerdings nicht verstehen. Mit seinem Artikel habe er keinen Verrat an Goldman Sachs begehen wollen, schließlich habe er die Bank jahrelang geliebt und seine ganze Energie dort investiert. Aber viele der derzeitigen Führungskräfte würden heute gegen die Wertvorstellungen verstoßen, die die Bank früher einmal gehabt habe: "Man muss nun mal an die Öffentlichkeit treten, um das System zu ändern."
Der gebürtige Südafrikaner Smith durchlief eine typische Karriere im Investment-Banking: Er studierte zunächst Wirtschaft an der Stanford-Universität in Kalifornien und begann im Jahr 2000 als Praktikant bei Goldman Sachs. Zuletzt arbeitete er im mittleren Management der Firma; als "Vice President" (das entspricht etwa einem Hauptabteilungsleiter) verkaufte er Derivate an Großinvestoren wie Pensions- und Hedgefonds. Damit verdiente er rund eine halbe Million US-Dollar pro Jahr. Nach seinem Zeitungsartikel in der "New York Times" hatten ihm zahlreiche Verlage einen Buchvertrag angeboten. Smith unterzeichnete schließlich bei Grand Central Publisher, angeblich für ein Honorar von 1,5 Millionen Dollar, wie die "New York Times" aus informierten Kreisen erfahren haben will.
Erstes Kapitel im Internet aufgetaucht - es enttäuscht
Die Hoffnungen, dass das Buch tatsächlich neue Enthüllungen über die Welt der Großbanken bringen könnte, wurden in der vergangenen Woche bereits gedämpft. Das erste Kapitel "I don't know but I'll find out" ("Ich weiß es zwar nicht, aber ich werde es herausfinden") war im Apples iTunes-Store aufgetaucht. Darin beschreibt Smith, wie Praktikanten im Handelsraum um Stühle kämpfen mussten - eine interne Bewährungsrunde bei der Bank. Das "Wall Street Journal" nannte das Kapitel "vorsichtig ausgedrückt: langweilig" und urteilt: "Er hätte nach dem Zeitungskommentar aufhören sollen". Die US-Nachrichtenseite "Politico" hatte gemäß eigenen Angaben bereits vergangene Woche eine Kopie des Buches zugespielt bekommen und nannte die Enthüllungen wenig schockierend. Smith würde in den folgenden Kapiteln die täglichen Geschäftspraktiken der Bank und interne Abläufe wie beispielsweise die Bonus-Vergabe beschreiben. Anekdoten darüber, wie Angestellte heftig mit Kunden feiern und trinken, dürften nur "einige überraschen", so die Website.
Doch auch wenn die Enthüllungen diesmal weniger spektakulär ausfallen dürften als die vor einem halben Jahr, wird Smith mit seinem Werk zumindest seinen ehemaligen Arbeitgeber verärgern. Goldman Sachs' Vorstandschef Lloyd C. Blankfein sagte bereits vergangene Woche dem Fernsehsender CNBC, er freue sich ganz und gar nicht auf das ganze "Trara" um das Buch.
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