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Finanzkrise: Auf zum nächsten Debakel

Eine Analyse von

Schuldenschnitt geglückt, Rettungspaket abgenickt: War es das schon mit der Euro-Krise? Leider nein. In wenigen Wochen wird die Lage in Griechenland erneut eskalieren. Bis dahin müssen die übrigen Euro-Staaten ihre Hausaufgaben erledigen - ganz besonders Deutschland.

Ausnahmsweise läuft in Sachen Euro-Rettung gerade fast alles nach Plan: Am heutigen Mittwoch wird eine Beamtenrunde aus den Finanzministerien der Euro-Zone die 130 Rettungsmilliarden für Griechenland durchwinken. Pure Formsache, nachdem in der vergangenen Woche bereits ein erfreulich hoher Anteil der Gläubiger dem Schuldenschnitt für Griechenland zugestimmt hat. Und vielleicht der wichtigste Erfolg der vergangenen Tage: Der Schuldenschnitt wird als sogenanntes Kreditereignis gewertet, die Kreditausfallversicherungen für Griechenanleihen müssen zahlen - und kaum jemanden interessiert es.

Über mehr als zwei Jahre hinweg hat die internationale Finanzlobby der Öffentlichkeit eingeflüstert, diese so genannten Credit Default Swaps (CDS) dürften auf keinen Fall fällig werden, sonst drohe dem Bankensystem eine Katastrophe wie nach der Lehman-Pleite. Was in der Praxis hieß: Die Steuerzahler sollten für alles aufkommen, die Gläubiger für nichts. Das Schauermärchen von den CDS ist jetzt endlich auserzählt.

Also: Griechenland gerettet, Euro-Krise abgewendet, Finanzmärkte gezähmt, alle Probleme gelöst?

Leider nein. Mit den Erfolgen der letzten Tage haben sich die Politiker der Euro-Zone Zeit gekauft - mehr nicht. Dieses Zeitfenster gilt es zu nutzen, um sich gegen die nächste Welle der Schuldenkrise zu wappnen, die auf Europa zubrandet. Denn bereits jetzt ist klar: Auch mit den im Jahr 2020 bestenfalls noch verbleibenden Staatsschulden in Höhe von 117 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist das Land ökonomisch nicht überlebensfähig. Nicht angesichts einer Wirtschaft, die nach wie vor im Rekordtempo schrumpft. Es fehlt noch immer an einem schlüssigen Konzept, wie Griechenland innerhalb der Euro-Zone wieder wettbewerbsfähig werden kann und woher das Kapital für die gewaltigen Investitionen kommen soll, die dazu notwendig wären - vom notwendigen Komplettumbau der griechischen Staatsverwaltung ganz zu schweigen.

Und so dürfte Athen bereits in wenigen Monaten die nächsten enttäuschenden Haushaltszahlen vermelden, und dann wird schon bald das Geschacher um einen neuen Schuldenschnitt und ein neues Rettungspaket beginnen. Vielleicht bricht die nächste Welle der Schuldenkrise sogar noch früher: Am 22. April stehen in Griechenland Wahlen an. Diese Wahlen werden aller Voraussicht nach eine linke Parlamentsmehrheit hervorbringen, die den strikten, aus Brüssel verordneten Sparkurs ebenso strikt ablehnt.

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Krisentreffen: Rabiate Begrüßung für spanischen Minister
Bis die Lage in Griechenland wieder eskaliert, bleiben den übrigen Regierungen der Euro-Zone bestenfalls einige Monate, vielleicht auch nur ein paar Wochen. Diese Frist müssen sie nutzen um deutlich zu machen: Griechenland ist die Ausnahme innerhalb der Euro-Zone, nicht die Regel. Die übrigen Euro-Staaten müssen schleunigst an einen Punkt kommen, an dem das Schicksal Griechenlands einfach nicht mehr relevant ist für die Zukunft des Euro - was natürlich nicht bedeutet, die Griechen diesem Schicksal zu überlassen.

Für Portugal, Spanien und Italien, die drei übrigen Problemstaaten im Süden der Euro-Zone, bedeutete das: Sie müssen das Kunststück fertigbringen, gleichzeitig ihr Wachstum anzukurbeln und ihre Haushaltsdefizite zu reduzieren. Das kann nur mit viel Pragmatismus gelingen - Sparen ohne Wachstum bringt ebenso wenig wie Wachstum ohne Sparen.

Zu diesem Pragmatismus gehört auch, dass sich die übrigen europäischen Finanzminister nicht gleich aufregen sollten, wenn Spanien für 2012 nun 5,8 Prozent Haushaltsdefizit anpeilt statt 4,4 Prozent. Spanien steckt ebenfalls in einer tiefen Rezession. Da bedeutet es schon eine beachtliche Leistung, die Neuverschuldung überhaupt zu drücken - 2011 lag das Defizit in Spanien noch bei 8,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Dass die Euro-Gruppe in einem gemeinsamen Statement Spanien allenfalls 5,3 Prozent zubilligen will, wirkt da ziemlich kleinkariert. Viel wichtiger als das Gefeilsche um Nachkommastellen wäre die Botschaft: Bei den Reformregierungen in Rom, Madrid und Lissabon stimmt die Richtung. In Italien, Spanien und Portugal gibt es - im Gegensatz zu Griechenland - wettbewerbsfähige Industriebranchen, eine einigermaßen funktionierende Verwaltung und den, wenn auch fragilen, politischen Konsens, dass man sich aus eigener Kraft aus dem Schlamassel befreien muss, in den man sich über Jahrzehnte der Schuldenwirtschaft hineingeritten hat.

So viel Toleranz darf man Deutschland gegenüber nicht walten lassen. Die Bundesrepublik ist zugleich Stabilitätsanker und Wachstumsmotor der Euro-Zone. Falls die Schuldenkrise noch einmal eskaliert und weitere Staaten neben Griechenland erfasst, dann kommt es vor allem auf Deutschland an: Die langfristige Stabilität der deutschen Staatsfinanzen muss dann über jeden Zweifel erhaben sein. So weit erhaben, dass Deutschland zur Not auch noch eine weitere Aufstockung des Bürgschaftsschirms ESM schultern könnte.

Die Steuereinnahmen in der Bundesrepublik liegen auf Rekordniveau, die Zinsen, die Deutschland für neue Anleihen zahlen muss, nahe dem Nullpunkt. In dieser Situation hat die Bundesregierung 2011 immer noch neue Schulden gemacht und plant das Gleiche für 2012. Wer in der Euro-Gruppe Haltungsnoten an Spanien verteilen will, sollte sich selbst mehr anstrengen.

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1. Dilemma
seine-et-marnais 14.03.2012
Zitat von sysopAPSchuldenschnitt geglückt, Rettungspaket abgenickt: War es das schon mit der Eurokrise? Leider nein. In wenigen Wochen wird die Lage in Griechenland erneut eskalieren. Bis dahin müssen die übrigen Euro-Staaten ihre Hausaufgaben erledigen - ganz besonders Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,821086,00.html
Grob genommen gibt es zwei Probleme, eine Finanzkrise mit dem Euro, und eine Wirtschaftskrise die nicht nur eine Konjunkturkrise ist, sondern eine Krise in der vor allem Deutschland die 'Schuld' hat seine Exportwirtschaft zu dopen, waehrend die periphaeren Laender in ein strukturelles Leistungsdefizit gerutscht sind, das die Tendenz hat sich zu verstarken. Das Dilemma ist folgendes, -will man den Euro retten, so braucht man ein finanziell kraeftiges Deutschland als 'Zahlmeister', das ist nur moeglich indem Deutschland weiterhin wirtschaftlich expandiert, auch zu Lasten der Deutschen, sprich Einkommensminderung, waehrend in den Laendern mit dem Defizit, sprich Suedlaender, kuenstlich die Kaufkraft erhalten werden muss, irgendwohin muss Deutschland ja exportieren. Wie das Ganze bei explodierenden Arbeitslosenzahlen gehen soll ist eh ein EU-Geheimnis, streng gehuetet von Barroso, Juncker und Merkel, wobei allein Merkel weiss wie man da auch noch sparen kann. -will man die Wirtschaftskrise, und die mit ihr verbundene Arbeitslosigkeit (immerhin bereits 25% in Spanien), bekaempfen, muss man die Exporte in diesen Laendern dopen, sprich die Waren und Dienstleistungen konkurrenzfaehig zu machen. Aufgrund der Struktur der betroffen Volkswirtschaften geht dies nur ueber eine Abwertung, also nicht durch den Euro. Die Politik ist wie eine Feurwehr die bei einer Brandkatastrophe ein Gegenfeuer legt, und dann mit Getoese das Gegenfeuer loescht. Da gibt es viel Aktion, aber der Brandherd der geloescht werden soll brennt voll weiter.
2. Also
masc672 14.03.2012
Zitat von sysopAPSchuldenschnitt geglückt, Rettungspaket abgenickt: War es das schon mit der Eurokrise? Leider nein. In wenigen Wochen wird die Lage in Griechenland erneut eskalieren. Bis dahin müssen die übrigen Euro-Staaten ihre Hausaufgaben erledigen - ganz besonders Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,821086,00.html
langsam glaube ich, das für den SPON nur schlechte Nachrichten gute sind. Und selbst wenn. Hauptsache ihr bleibt dann auch mal bei der Meinung. Nicht das nächste Woche über die glorreiche Zukunft der Griechen geschrieben wird. Langsam wird das Thema langweilig. Lasst doch jetzt erstmal ein, zwei, drei Monate vergehen.
3. Ein Pavian in der Krise
donnerfalke 14.03.2012
Es läuft ein Pavian, macht Raddau und schreit: "Krise, Krise!" Ihm kommt ein Wolf entgegen und fragt was los sei. Der Pavian erzählt ihm aufgeregt über die Krise. Der Wolf antwortet: "Na wenn schon, meine Hasen werde ich immer jagen". Dann läuft der Pavian weiter und schreit: "Krise, Krise". Ihm kommt ein Löwe entgegen und fragt was los sei. Der Pavian erzählt ihm aufgeregt über die Krise. Der Löwe antwortet ihm: "Na wenn schon, ich werde auch weiterhin Fleisch fressen". Dann läuft der Pavian weiter und fragt sich warum er das eigentlich tut: "Hmm...warum mache ich das eigentlich? Mein Arsch wird auch weiterhin ohne Haare bleiben. Ist doch egal". Die Moral der Geschichte: die Großen werden weiter fressen und die Armen werden weiterhin nichts haben. Krise spielt dabei keine Rolle und ist nur ein Mittel um das Volk durch Pakete, Hebel und Besen zu enteignen.
4. Finanzkrise?
hubertrudnick1 14.03.2012
Zitat von sysopAPSchuldenschnitt geglückt, Rettungspaket abgenickt: War es das schon mit der Eurokrise? Leider nein. In wenigen Wochen wird die Lage in Griechenland erneut eskalieren. Bis dahin müssen die übrigen Euro-Staaten ihre Hausaufgaben erledigen - ganz besonders Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,821086,00.html
Es ist nicht nur eine Finanzkrise, es ist vor allem auch eine Wirtschafts und Gesellschaftskrise. Mit der Rettung der Banken hat man nur den Banken geholfen, denn bei einem Bankrott hätt sie alle nichts mehr wiedergesehen. Aber damit ist doch diese Krise nicht aufghoben, die Wirtschaft ist nach wie vor am Boden und nur wenn die Wirtschaft wieder in Bewegung kommt, dann könnte sich was verändern. So muss man immer die nächsten Monate abwarten und alles ist nur aufgeschoben, aber nicht beendet. Nicht nur Griechenland hat versagt, auch die EU ist nur ein Kaosclub.
5. Ach deshalb musste wieder
masc672 14.03.2012
Zitat von sysopAPSchuldenschnitt geglückt, Rettungspaket abgenickt: War es das schon mit der Eurokrise? Leider nein. In wenigen Wochen wird die Lage in Griechenland erneut eskalieren. Bis dahin müssen die übrigen Euro-Staaten ihre Hausaufgaben erledigen - ganz besonders Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,821086,00.html
so ein Beitrag kommen, weil gestern schon der "gute" kam. HAbe ich doch glatt übersehen. Neue Staatsanleihen: Rating-Agentur Fitch stuft Griechenland herauf - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,821180,00.html)
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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