Boom der Kaffeesatzleserei Wo die Griechen Antworten suchen

Im krisengeplagten Griechenland feiert ein alter Brauch sein Comeback: Das Kaffeesatzlesen. Vielerorts eröffnen spezielle Cafés, selbst online ist die Nachfrage groß. Besuch in einem Orakel-Café.

Giorgos Christides

Aus Thessaloniki berichtet


"Du gehst auf Geschäftsreise. Geht es nach Athen? ", fragt mich Maria. Ich stutze, muss aber zustimmend nicken. "Ich habe eine Straße in deiner Tasse gesehen", sagt die Kaffeesatzleserin mit weicher Stimme, bevor sie ihre Augen wieder auf den Boden meiner Tasse richtet.

Maria, 45, dunkles fast schwarzes Haar, trägt Jeans und einen blauen Pullover in der Farbe ihrer Augen. Wir sitzen in einem Orakel-Café im Zentrum Thessalonikis. Die Kunst des Kaffeesatzlesens, so sagt sie, habe sie von ihrer Großmutter gelernt, die aus dem türkischen Izmir stammte. Nach einigen Jahren Wahrsagerei im privaten Kreis bietet Maria ihre Arbeit nun noch im Café Okeanos an.

Seit der frühen Neuzeit suchen Menschen im Kaffeesatz nach Antworten. Veraltet, Hokuspokus, lauten die gängigen Beschreibungen. Doch im krisengeplagten Griechenland erlebt der alte Brauch ein bemerkenswertes Comeback: Allein in Thessaloniki gibt es gut ein Dutzend Orakel-Cafés wie das Okeanos - und noch viele mehr, in denen nebenbei im Kaffeesatz gelesen wird.

Seit der Finanzkrise floriert das Geschäft

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Kaffeesatzlesen als Geschäftsmodell: Kleine Tasse, große Zukunft

Okeanos, auf Deutsch Ozean, erinnert mit seinen altmodischen Schildern, der Tafel an der Wand und der hölzernen Inneneinrichtung an ein altes Kaffeehaus - Kaffeemühle neben der Bar inklusive. Aus der Tasse lesende Frauen arbeiten seit der Eröffnung 1995 hier. Damals war das Kaffeesatzlesen noch ein Nischenmarkt.

Mit der Finanzkrise begann 2010 das Geschäft zu florieren. "Die Leute sind ängstlich, haben Zweifel über ihre Zukunft und wollen jemanden, der ihnen ein Fenster dazu öffnet", sagt der 47 Jahre alte Café-Besitzer Kostas Koukoulis. "An einem gewöhnlichen Tag servieren wir 300 Tassen griechischen Kaffee."

Kaffeesatzlese-App bei Griechen in Deutschland beliebt

Die Nachfrage ist so groß, dass Koukoulis sein Geschäft erweitert hat - übers Internet. Vergangenen Sommer brachte er eine Android-App zum Kaffeesatzlesen heraus, die seither mehr als 17.000 mal heruntergeladen wurde. "Wir haben unseren Augen nicht getraut", sagt Koukoulis. Nicht nur in Griechenland ist das Angebot gefragt: Rund zehn Prozent der Nutzer seien Griechen in Deutschland. Einmal Kaffeesatzlesen lassen kostet per App 2,30 Euro - genauso viel wie im Café.

Für die App beschäftigt Koukoulis 15 Kaffeesatzleserinnen. Der Kunde lädt ein Foto des Tassenbodens hoch und wartet dann auf ihr Urteil. Zu Stoßzeiten könne das bis zu sieben Stunden dauern. "Wir verzögern den Start der App für das iPhone. Wir könnten die zusätzlichen Anfragen nicht bewältigen", sagt Koukoulis.

Auch im Okeanos ist der Ablauf genau geplant: Ich bestelle eine Tasse griechischen Kaffee. Die Kellnerin gibt mir ein Stück Papier. Auf ihm prangt das Logo des Kaffeehauses. In der oberen rechten Ecke steht die Zahl acht. Wenn meine Nummer dran ist, komme die Kaffeesatzleserin an meinen Tisch, sagt die Kellnerin. "Das System verhindert Streit unter den Kunden."

"Wird mein Kind Arbeit finden?"

Autor Giorgos Christides im Orakel-Café
Giorgos Christides

Autor Giorgos Christides im Orakel-Café

Auch für die Kaffeesatzleserei gibt es Regeln: Keine doppelten Portionen etwa - nur aus der einfachen Tasse lässt sich in der Zukunft lesen. Nach dem Trinken darf die Untertasse nicht auf die Tasse gestellt und selbige auch nicht umgedreht werden. Der Suchende soll den Kaffee bloß trinken. Die Wahrsagerin kümmert sich um den Rest.

Als Kaffeesatzleser arbeiten hier nur Frauen. Und auch die Kunden sind an diesem Morgen fast ausschließlich weiblich. Alle Schichten und Altersklassen scheinen hier zusammenzukommen: Fachkräfte mittleren Alters mit ihren Laptops, junge Studenten in Gruppen, ältere Frauen, die ihren Kaffee alleine trinken. Und während in den anderen Szenecafés in Thessaloniki Espresso, Cappuccino und Co. angesagt sind, kommen hier nur die kleinen Tassen griechischer Kaffee auf den Tisch. Es ist offensichtlich, dass niemand nur für den Kaffee hier ist.

Die Fragen, die die Kunden beim Kaffeesatzlesen beschäftigen, ähneln sich: "Wird mein Kind Arbeit finden?", "Wird sich mein Geschäft gut entwickeln?" - Mit Kaffeesatzlesen kann man vielleicht nicht die Zukunft vorhersagen, aber es gewährt gute Einblicke in die Gegenwart.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
goat777 29.07.2017
1. Echt jetzt?
Die Dummheit der Menschen ist wirklich unendlich! Imaginäre Freunde, Homöopathie, ..., oder eben Kaffeesatz lesen.
juested 29.07.2017
2. Alte Tradition
Medien und auch Magie haben immer noch bedeutende Tradition hier.Aber ein Kaffeesatzlesen am verschwiegenen Orte wurde mir berichtet,soll wahr sein.Ein Rekrut geht zum Arzt der Kaserne,setzt sich ins Wartezimmer und hoert durch die halboffene Tuer folgenden Dialog mit.Was sind deine Beschwerden?Iatre,die Haemorrhoiden...Und,hast du schon selbst was gemacht?Iatre,ich habe Kaffeesatz draufgetan,hat mir die Mama gesagt.So,dann lass mal sehen,bitte vorbeugen.Ich sehe.. eine weite Reise wirst du machen.
hugahuga 29.07.2017
3.
Die griechische Antwort auf die Probleme der Zeit. Ein wahres Erfolgsmodell.
jr125gr 29.07.2017
4. Les Kaffeesatz: Ich sehe, ich sehe...
Ich sehe: Tspiras zum Teufel jagen, die Sparvorgaben vernünftig umzusetzen, von den Euro 200 Mrd gebunkert in der Schweiz davon Euro 100 Mrd als Steuer einzuziehen, Vernünftige Steuergesetzgebung und ihre Erhebung, die Krankenhäuser endlich vernünftig zu Finanzieren das Wassernetz zu behalten als auch die Energienetze, ein Entwicklungsbank an den Start zu bringen, Arbeitslosengeld für 1 Jahr zu zahlen danach etwas abgeschwächt das würde Griechenland nach vorne bringen aber das ist ja nur Kaffeesatz! Schade! Ohne das man was macht wird das nix!
ph.latundan 30.07.2017
5. Die griechische Antwort auf die Probleme der Zeit. Ein wahres Erfolgsm
eigendlich braucht man in griechenland nicht "kaffeesatzlesen" sondern nur einen halbwegs gesunden menschenverstand, der jedem,der die 4 grundrechenarten versteht, sagt, das man nicht permanent mehr geld ausgeben kann als man erwirtschaftet. .............. eigendlich ganz einfach.
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