Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Schifffahrtsrekord: Auf dem Wasser ist Griechenland Weltmeister

Von , Thessaloniki

Schifffahrt in Griechenland: Das schwierige Erbe von Onassis Fotos
Corbis

Griechenland ist wieder die Nummer eins, zumindest auf den Weltmeeren. Seine Reeder haben den Titel als wichtigste Schifffahrtsnation zurückerobert. Den griechischen Seeleuten hilft das wenig - zwei von dreien sind arbeitslos.

"Hut ab vor Griechenland", hieß es vor Kurzem in einer Analyse von Clarksons Research, einem britischen Informationsdienstleister für die maritime Wirtschaft. "Zu Hause mag die Lage schwierig sein, aber nach 3000 Jahren weiß die griechische Schifffahrt immer noch, wie man das Spiel gewinnt."

Der Grund für die Lobhudelei: Gemessen an der Bruttoraumzahl (BRZ), einem Maß für das Ladevolumen, ist Griechenlands Flotte nach Berechnungen von Clarksons seit Anfang 2014 wieder die "Top-Seefahrer-Nation". Die etwa 5000 Schiffe der griechischen Reeder machen demnach 15 Prozent der globalen Handelsflotte aus und kommen auf 164 Millionen BRZ. Damit eroberte Griechenland die Führung zurück, die es jahrelang an Japan verloren hatte. Deutschland kommt mit knapp 100 BRZ derzeit auf Platz vier.

Der griechische Premierminister Antonis Samaras stimmte in den Jubel ein: "Die griechischen Reeder gewinnen die Schlacht auf den Ozeanen", sagte der Konservative auf der Maritim-Konferenz Posidonia vor einigen der reichsten und mächtigsten Menschen der Welt. "Wir sind stolz auf sie, und der Wiederaufbau unseres Landes wird zur See beginnen."

Doch 40 Kilometer südwestlich vom Konferenzort, in den Büros der Panhellenischen Gewerkschaft der Handelsmarine, ist die Stimmung deutlich weniger euphorisch. Gewerkschaftschef Antonis Dalakogiorgos sagt: "Die Topplatzierung für griechische Schiffe beleuchtet nur den Widerspruch, dass wir das Land mit der größten Handelsflotte sind und zugleich eine Arbeitslosenquote von 70 Prozent haben."

Abschied von der griechischen Flagge

Trotz der gut laufenden Geschäfte sind nach Gewerkschaftsangaben derzeit mehr als 10.000 von insgesamt 14.000 griechischen Seeleuten ohne Job. Die Branche ist stark geschrumpft: Zu ihren Hochzeiten zu Beginn der Achtzigerjahre beschäftigte sie mehr als 100.000 Menschen.

Der Widerspruch ist leicht zu erklären. Ähnlich wie in Deutschland flaggen griechische Reeder ihre Schiffe zunehmend aus, melden sie also in Ländern mit geringeren Steuern und Arbeitskosten an. Laut einer Studie des Thinktanks IOBE wurden 2010 nur noch 28 Prozent der Fracht auf Schiffen im Besitz griechischer Reeder auch unter griechischer Flagge transportiert. Anfang der Neunzigerjahre waren es noch 83 Prozent.

Auf den ausgeflaggten Schiffen kommt meist ein Großteil der Crew aus Billiglohnländern. Und selbst Schiffe unter griechischer Flagge haben nur eine begrenzte Verpflichtung, griechische Seeleute zu beschäftigen: Auf den größten Tankern müssen gerade einmal vier von 25 Matrosen Griechen sein.

Die Griechen seien schlicht zu teuer, sagt ein Branchenkenner, der ungenannt bleiben wollte. Das Grundgehalt eines griechischen Matrosen liegt mit Lohnnebenkosten bei 1600 Euro, ausländische Fachkräfte finden sich dagegen schon für 1000 Euro. Allerdings wirkt die Differenz ziemlich unbedeutend angesichts der Milliardensummen, welche die Schiffseigner derzeit für Neuanschaffungen ausgeben. "Griechische Reeder bestellen alle zwei Tage ein neues Schiff", sagte Premier Samaras bei der Posidonia-Konferenz.

Die Reeder verteidigen ihre Privilegien

Zu ihrer Verteidigung stellen die Reeder ihren Beitrag zur heimischen Wirtschaft heraus. Die Schifffahrtsbranche macht laut Schätzungen vor Steuern jährlich 18 Milliarden Euro Gewinn, das entspricht sieben Prozent der griechischen Wirtschaftleistung. Zählt man Zulieferer hinzu, sichert sie noch immer fast 190.000 Arbeitsplätze.

Doch auch wenn die meisten Griechen stolz auf die Schifffahrtstradition des Landes und das Erbe des legendären Reeders Aristoteles Onassis sind: Sie fordern ein Ende der seit Jahrzehnten in der Verfassung verankerten Steuerbefreiung und anderer Privilegien, mit denen Griechenland seine zweitwichtigste Branche nach dem Tourismus zu schützen versucht.

Einen Vorstoß der griechischen Regierung zur Besteuerung von Reedern wehrte die Schifffahrtslobby mit der bewährten Drohung ab, man könne das Land auch ganz verlassen. Schließlich einigten sich Politik und Schifffahrtskonzerne im vergangenen Jahr auf eine freiwillige "Solidaritätsabgabe" über drei Jahre. Obwohl diese bis Februar 2014 eingezahlt werden sollte, ist laut einem Bericht der Tageszeitung "Efimerida ton Syndakton" bislang kein einziger Euro bei der Staatskasse eingegangen.

Milliardenbestellungen zum Jahresanfang

Selbst falls das Geld noch kommt: Mit rund 400 Millionen Euro ist die Abgabe verschwindend gering im Vergleich zum enormen Defizit des Landes und den mehr als 21 Milliarden Euro, die Griechen jährlich an Steuern zahlen.

Und noch eine traditionsreiche Branche in Griechenland hat wenig vom neuen Schifffahrtsboom. Zwar haben die Reeder allein im ersten Quartal 2014 Schiffe im Wert von fast fünf Milliarden Euro bestellt. Die meisten davon werden aber nicht in griechischen Werften gebaut werden - sondern in Fernost.

Übersetzung aus dem Englischen: David Böcking

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Macht nichts!
sapereaude! 10.06.2014
Zitat von sysopCorbisGriechenland ist wieder die Nummer eins, zumindest auf den Weltmeeren. Seine Reeder haben den Titel als wichtigste Schifffahrtsnation zurückerobert. Den griechischen Seeleuten hilft das wenig - zwei von dreien sind arbeitslos. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/griechenlands-reeder-sind-rekordhalter-seine-matrosen-arbeitslos-a-974276.html
Merkel und ihr Kumpels haben bestimmt noch ein paar meiner €uros, die sie statt dessen nach Griechenland überweisen können. Notfalls arbeite ich halt bis 75. Da kann man die armen Reeder ruhig verschonen.
2. Auch wieder eine Lügengeschichte:
ixfüru 10.06.2014
griechische Reeder zahlen keine Steuern und haben weitere Privilegien. Wenn ich keine Steuern zahlen müsste, würde es mit auch "besser gehen" - und vielen anderen wohl auch. Wie war das noch mit dem Überschuss, der dann doch keiner war (ist)?
3.
rodelaax 10.06.2014
Und Griechenland selber wahrscheinlich auch nicht, denn, wie bei uns, zahlen die großen Konzerne wenig oder gar keine Steuern.
4. Solidaritätsabgabe?
Andreasjilg 10.06.2014
Das Wort Solidarität in Verbindung mit dem Wort Abgabe scheint in den Ohren der Griechen keine große Zugkraft zu haben.
5. Griechische
ichbininrente 10.06.2014
Reeder brauchen auch keine Steuern zahlen. Das machen ja die anderen Länder durch "Soli-Beitrag". Das 2/3 der Seeleute keine Arbeit haben schert die Reeder nicht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: