Griechische Privatwirtschaft Mittelstand ist abgebrannt

Sie arbeiten 15 Stunden am Tag, dennoch bricht ihr Geschäft ein: Griechische Unternehmer fühlen sich von der Regierung alleingelassen. Der Staat ist ihnen fremd - viele fragen sich, wofür sie sich noch anstrengen sollen.

Aus Athen berichtet

Demo in Athen (Archiv): Griechenlands Wirtschaft hat ein Imageproblem - im eigenen Land
DPA

Demo in Athen (Archiv): Griechenlands Wirtschaft hat ein Imageproblem - im eigenen Land


Weil Jannis Papagrigorakis ein Mann von Welt ist, nennt er sich nicht Jannis. Auf der Visitenkarte steht die englische Übersetzung seines Vornamens: John. Kein ausländischer Geschäftspartner soll durch ungewohnte Worte verunsichert werden.

Wer Papagrigorakis in seinem Büro im Athener Diplomatenviertel Kolonaki besucht, betritt eine Welt gepflegten Wohlstands: An den Wänden Marmorplatten, hinter dem Schreibtisch eine riesige Karte des Balkan, ein historisches Original. Vor der Tür wachsen säuberlich gestutzte Orangenbäume.

Der 56-Jährige ist Gründer und Chef von Jepa, einem Ingenieursbüro, das die Elektronik von Großprojekten entwirft. Die Liste vollendeter Projekte liest sich beeindruckend, sie reicht vom neuen Akropolis-Museum bis zum Londoner Flughafen Heathrow. Doch die Liste wird kaum noch länger. "In den letzten zwei Jahren hat sich unser Geschäft um 95 Prozent reduziert", erzählt Papagrigorakis. "Wir sind ein Büro mit 43 Leuten - und kein einziges Telefon klingelt!"

Was sie bei Jepa spüren, ist der Kollaps der griechischen Privatwirtschaft. Die machte bis vor drei Jahren 97 Prozent der Aufträge aus. Jepa plante für Banken, Hotels und Restaurants, das Geschäft lief. "Der Privatwirtschaft ging es gut", sagt Papagrigorakis. Dann aber habe der griechische Staat sie ins Unglück gestürzt. Und nun mache die Regierung, wie so oft in den letzten 30 Jahren, schreckliche Fehler. "Statt den öffentlichen Sektor zu reduzieren, erhöht sie die Steuern."

Unternehmer Papagrigorakis (r.) mit Kollegen: "Kein einziges Telefon klingelt"
SPIEGEL ONLINE

Unternehmer Papagrigorakis (r.) mit Kollegen: "Kein einziges Telefon klingelt"

Griechen wie Papagrigorakis ist der eigene Staat ähnlich fremd wie vielen Ausländern. Während manche Staatsbedienstete noch vor der Mittagspause von der Arbeit zurückkehren, arbeiten die meisten Privatunternehmer hart. Bei Jepa sind 15-Stunden-Tage die Regel, ebenso wie Wochenendschichten. Viele Staatsunternehmen hätten dagegen schlicht "keinen Grund zu existieren", schimpft Papagrigorakis. Er verweist auf das berühmte Beispiel eines Amts, das die Trockenlegung eines bereits 1957 verschwundenen Sees überwachen soll.

Die Ausbildung ist eine Stärke

In Griechenland arbeitet jeder Vierte beim Staat. Die Industrie steuert nur knapp zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei - etwa halb so viel wie in Deutschland. Damit macht der Mittelstand, also kleine und mittlere Betriebe, den größten Teil der griechischen Wirtschaft aus. Und dieser Mittelstand hat durchaus Stärken. So gelten griechische Akademiker als gut ausgebildet - gerade Ingenieure wie sie bei Jepa arbeiten.

"Ich war positiv überrascht von der hohen Kompetenz, die ich hier vorgefunden habe", sagt Byron Vargas. Er ist seit einem Jahr technischer Geschäftsführer beim griechischen Ableger von Bosch und Siemens Hausgeräte (BSH). Das Unternehmen produziert schon seit Ende der siebziger Jahre im Land, in zwei Fabriken entstehen Kühlschränke und Herde.

Während aber Bosch und Siemens deutsche Marken mit gutem Ruf sind, mangelt es in Griechenland an klangvollen Firmennamen. Zwar gab es einst starke Branchen wie die Textilindustrie. Doch die waren nicht länger wettbewerbsfähig, als sich Griechenland innerhalb der EU plötzlich gegen osteuropäische Länder behaupten musste. Neue Investitionen gibt es seitdem kaum noch, auch viele griechische Unternehmer steckten ihr Geld lieber in Balkanländer.

Heute hat die griechische Wirtschaft ein Imageproblem - auch im eigenen Land. "Viele Griechen glauben gar nicht, dass man hier so eine hohe Fertigungsqualität erreichen kann", berichtet Vargas. Manche griechischen Firmen würden inzwischen sogar ihre Herkunft verschleiern, erzählt ein Wirtschaftsvertreter in Athen. So vermarkte ein Pharmaunternehmen seine Produkte bewusst über eine PR-Firma im Ausland.

Es ist freilich nicht nur ihr Ruf, der griechischen Unternehmen zu schaffen macht. Im Inland können sie angesichts des Konsumeinbruchs derzeit kaum noch Geld verdienen. Auch die BSH verzeichnete im vergangenen Jahr in Griechenland einen Umsatzrückgang und musste Mitarbeiter entlassen. Doch die Deutschen können in Griechenland nun verstärkt für andere EU-Länder produzieren. Viele griechische Unternehmen sind dagegen zu klein, um überhaupt international mitzuspielen.

"Wir sollen ins Ausland, aber die Regierung hilft nicht"

Das durchschnittliche griechische Ingenieursbüro habe nur fünf bis sechs Mitarbeiter, erzählt Jepa-Chef Papagrigorakis. Das sei zu wenig, um sich für Großprojekte zu bewerben. "Niemand braucht einen griechischen Ingenieur, um in Katar ein 200-Quadratmeter-Haus zu bauen."

Jepa dagegen ist an Großprojekten in so unterschiedlichen Ländern wie der Ukraine, Nigeria oder dem Irak beteiligt. Dabei treten Papagrigorakis und sein Team neuerdings nicht mehr alleine auf, sondern als Teil einer Interessengemeinschaft namens Sibraxis. Unter ihrem Dach bieten rund 250 Experten vom Ingenieur bis zum Designer gemeinsam ihre Dienste an. Die Gruppe sei wohl die erste ihrer Art, sagt Papagrigorakis - und aus der Not geboren. "Die Regierung sagt immer, dass wir ins Ausland gehen sollen. Aber sie hilft nicht dabei."

Auch bei Investitionen im Inland empfinden Unternehmer den griechischen Staat als wenig hilfreich. "Die Genehmigungsverfahren müssen verbessert werden. Sonst verpasst das Land eine Riesenchance", sagt Byron Vargas. Der BSH-Manager hat zuvor lange in Spanien gearbeitet. Auch dort könne es mit Genehmigungen länger dauern, sagt er. "Aber man weiß, wann die Entscheidung kommt."

Dass er für neue Investitionen mehr tun muss, hat im Angesicht der Krise auch der griechische Staat erkannt. "Hindernisse überwinden" ist der bezeichnende Titel einer Konferenz, welche die griechische Regierungsagentur "Invest in Greece" am Freitag in Athen abhält. Dort wird ein im Februar verabschiedetes Gesetz vorgestellt, das Investitionen erleichtern soll.

Allerdings zielen die neuen Regeln nur auf Großprojekte. Dazu zählt etwa die Privatisierung des früheren Athener Flughafens Hellinikon. Anfang des Jahres schien die griechische Regierung schon fast einen Verkauf an Investoren aus Katar vereinbart zu haben. Doch seitdem sind die Verhandlungen ins Stocken geraten. BSH-Manager Vargas glaubt, dass die Regierung nicht nur auf solche Mega-Deals setzen sollte. "Auch für den Mittelstand müsste es beschleunigte Genehmigungsverfahren geben", sagt er. "Das hat ein Riesenpotential."

Für Papagrigorakis und seine Mitarbeiter können neue Aufträge gar nicht früh genug kommen. Nur durch Gehaltskürzungen habe Jepa bislang Entlassungen vermeiden können, sagt der Firmengründer. Die Ingenieure profitieren von ihrem Fleiß: Jepa verbrennt nun Kapital, das in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut wurde.

Was die Regierung als nächstes entscheidet, scheint Papagrigorakis fast schon egal zu sein. Solle sie doch die Steuern noch weiter erhöhen, sagt er mit bitterem Lachen. "Mir ist die Besteuerung ziemlich egal, solange wir sowieso keinen Gewinn mehr machen."

Mitarbeit: Ferry Batzoglou

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 187 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Schwede2 23.06.2011
1. Das sollten wir uns durchaus genauer ansehen.
Zitat von sysopSie arbeiten 15-Stunden-Tage, dennoch bricht ihr Geschäft ein. Griechische Privatunternehmer fühlen sich von der Regierung alleingelassen. Der griechische Staat ist ihnen ähnlich fremd wie Ausländern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,769965,00.html
Das kann uns nicht passieren? - Von wegen. Dass unser Staat die DAX-Unternehmen massiv bevorzugt, ist uns allen klar. Welcher Geschäftsführer einer mittelständischen GmbH hat schon die Handy-Nummer von Kanzlerin, Wirtschaftsminister oder Finanzminister? Die DAX-Vorstände ganz offensichtlich alle. Wenn dann die zusammenbrechende europäische Gemeinschaftswährung und die volle Wucht der Verschuldung auf die Wirtschaft und die Menschen treffen, wird es zu allererst den Mittelstand brutalstmöglich treffen. Wir werden sehen, ob wir uns danach mit weniger als 15-Stunden Tagesarbeit werden über Wasser halten können. Den Staat interessiert das dann nicht. Der ist sich selbst der nächste und identifiziert sich nicht die Bohne mit seinen Bürgern. Der Bürger ist für den Staat nur noch lästig und seine Existenzberechtigung leitet sich nur aus seinen happigen Steuerzahlungen her.
Das Kombinat 23.06.2011
2. Sozialismus?
---Zitat--- Während manche Staatsbedienstete noch vor der Mittagspause von der Arbeit zurückkehren, arbeiten die meisten Privatunternehmer hart. Bei Jepa sind 15-Stunden-Tage die Regel, ebenso wie Wochenendschichten. Viele Staatsunternehmen hätten dagegen schlicht "keinen Grund zu existieren", schimpft Papagrigorakis. Er verweist auf das berühmte Beispiel eines Amts, das die Trockenlegung eines bereits 1957 verschwundenen Sees überwachen soll. ---Zitatende--- Klingt, als wäre Griechenland ein weiterhin existierender Staat des früheren Ostblocks. Da wundert mich nun gar nichts mehr. Sozialismus funktioniert einfach nicht, und das Leben ist kein Ponyhof. Da können die Staatsbediensteten noch so rummaulen und protestieren: Game Over!
gast2011 23.06.2011
3. wir kennen sogar
politker die haben einen doktortitel und haben den nicht verdient. trotzdem werden gewisse noch dazu befördert und erhalten unmengen an kohle nachgeworfen für's bescheissen. dann gibts noch bangster die machen die hand auf und schwupps wieder paar mio boni eingesteckt. warum also soll der mittelstand in griechenland nicht abgebrannt sein? die oberen sind es ja nicht. sie sitzen noch am pool und geniessen den ouzo beim sonnenuntergang und prosten den steuerbeamten zu.
R Panning, 23.06.2011
4. x
Zitat von sysopSie arbeiten 15-Stunden-Tage, dennoch bricht ihr Geschäft ein. Griechische Privatunternehmer fühlen sich von der Regierung alleingelassen. Der griechische Staat ist ihnen ähnlich fremd wie Ausländern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,769965,00.html
Bin etwas verwirrt - was machen die 15 Stunden lang, wenn keine Aufträge reinkommen? 15 Stunden lang Telefon und E-mail Aquise? Alle?
Jo.S 23.06.2011
5. Das ist die Lösung für Griechenland!
Zitat von sysopSie arbeiten 15-Stunden-Tage, dennoch bricht ihr Geschäft ein. Griechische Privatunternehmer fühlen sich von der Regierung alleingelassen. Der griechische Staat ist ihnen ähnlich fremd wie Ausländern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,769965,00.html
Ich kenne die Lösung für Griechenland! Bald ist wieder alles gut! Bald können die Griechen wieder beim Ouzo entspannen, Oliven knabbern und die Götter gute Männer sein lassen. Woher ich das weiß? Vom Bayerischen Rundfunk: http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-ende-der-welt.shtml
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.