50-Milliarden-Lücke: Notenbank warnt britische Geldhäuser

Von Jason Douglas, Paul Hannon, Max Colchester und Margot Patrick, Wall Street Journal Deutschland

Es ist eine der bisher schärfsten Warnungen an die britischen Banken: Die Währungshüter des Landes beziffern die Kapitallücke der Kreditinstitute auf bis zu 50 Milliarden Pfund. Die Geldhäuser müssten ihre faulen Kredite in den Griff bekommen und undurchsichtige Bilanztricks unterlassen.

Bank of England in London: Warnung des scheidenden Notenbankchefs Zur Großansicht
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Bank of England in London: Warnung des scheidenden Notenbankchefs

Das finanzpolitische Komitee der Bank of England - ein Ausschuss aus Vertretern der Zentralbanken, der Regulierungsbehörden und Experten aus der Finanzwirtschaft, der das britische Finanzsystem schützen soll - fürchtet, dass die Banken und Bausparkassen des Landes ihre Kapitalquoten schönen: Sie sollen demnach die Risiken im Zusammenhang mit verschiedenen Anlagen herunterspielen und für drohende Verluste durch faule Kredite, insbesondere an gewerbliche Immobilienentwickler, nicht ausreichend vorsorgen.

Die Banken würden ihren Zustand zudem dadurch beschönigen, dass sie für mögliche Entschädigungszahlungen an Kunden, denen für sie ungeeignete Produkte verkauft wurden, und für Strafen im Zusammenhang mit versuchten Zinsmanipulationen und anderem Fehlverhalten zu wenig Geld zurücklegten, bemängelte das Komitee.

"Wenn wir bewerten wollen, ob Banken ausreichend kapitalisiert sind, müssen wir sicherstellen, dass die vorgelegten Kapitalquoten tatsächlich ein akkurates Bild von der Verfassung einer Bank wiedergeben. Gegenwärtig gibt es Grund für die Annahme, dass dies nicht der Fall ist", sagte der scheidende Notenbankchef Mervyn King im Gespräch mit Reportern.

Was die schärfere Gangart der Bank of England für einzelne britische Banken bedeutet, ist unklar. Das Komitee hat selbst keine formale Handlungsgewalt und wird seine Vorschläge an die Finanzaufsicht FSA weiterreichen, damit sie neue Vorschriften implementiert. Die Vertreter des Gremiums gehen davon aus, dass die FSA vor dem Treffen im März 2013 genauer darlegt, wie einzelne Banken mit ihren Kapitallücken umgehen sollen.

Analysten hatten auf mehr Details gehofft

Ein Sprecher der FSA erklärte, die Behörde sei mit den Banken bereits im Gespräch darüber, wie verschiedene Probleme angepackt werden sollen. Vor allem drei Themen haben die Aufseher dabei im Auge: eine glaubwürdige Bewertung von Vermögenswerten, die Transparenz der Risikomodelle, und wie die Banken für Regressforderungen von Kunden vorsorgen. Den Markt darüber zu informieren, welche speziellen Anforderungen die FSA stellt, ist Aufgabe der Banken.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.
King betonte, dass sich der Kapitalbedarf je nach Bank "enorm" unterscheide. Grundsätzlich sei das Problem aber beherrschbar. Die britischen Steuerzahler müssten kein weiteres Geld in die Royal Bank of Scotland oder die Bank Lloyds einschießen. Beide Banken befinden sich zum Teil in Staatsbesitz.

Analysten und Bankvorstände hatten sich von dem Bericht des Komitees mehr Details dazu erhofft, wie viel Kapital der Finanzsektor zusätzlich aufbringen müsse, wie dies geschehen soll und bis wann. Harte Zahlen zum geschätzten Kapitalbedarf der Banken lieferte die Notenbank aber nicht.

Stattdessen präsentierte sie die Ergebnisse eines "Experiments", das zeigen sollte, wie die Banken mit Hilfe diverser Bilanzierungstechniken ihre Kapitalausstattung überbewerten. Die vier Großbanken Barclays, RBS, Lloyds und HSBC könnten ihr Eigenkapital jeweils um 5 bis 35 Milliarden Pfund (etwa 6 bis 43 Milliarden Euro) zu hoch ausweisen, heißt es in dem Bericht.

RBS und Lloyds wollen Beteiligungen loswerden

Die Bank of England erklärte außerdem, dass die Rückstellungen der Banken für Verluste aus Krediten an Unternehmen und Privathaushalte in den Ländern der Euro-Zone womöglich um bis zu 15 Milliarden Pfund erhöht werden müssen.

Die vier Banken lehnten allesamt einen Kommentar zu dem Bericht ab. Die Sorgen der Bank of England dürften für sie aber alles andere als überraschend kommen. Bereits im August hatte die FSA die Institute angeschrieben und sie aufgefordert, "brauchbare Optionen" aufzuzeigen, wie sie ihr Eigenkapital aufbessern können.

Die RBS diskutiert seither mit der Finanzaufsicht über die Zukunft ihrer US-Tochter Citizens Bank und sucht nach weiteren Möglichkeiten, ihr Investmentbanking zu verschlanken, berichten Insider. Die Großbank Lloyds erwägt den Verkauf ihres 60-Prozent-Anteils an St. James's Place Wealth Management, Großbritanniens größtes Finanzberatungsunternehmen. Dadurch könnte Lloyds etwa eine Milliarde Pfund erlösen. Barclays hat kürzlich Anleihen im Wert von drei Milliarden Pfund ausgegeben, die sie bei Bedarf in Eigenkapital umwandeln kann.

In ihrem Bericht erkennt die Bank of England "die Fortschritte, die die FSA in ihren Gesprächen mit den Banken macht, und die jüngsten Schritte der Banken in Richtung der Aufnahme externen Kapitals" an.

Politiker in Großbritannien wollen dringend vermeiden, dass das Land ein "verlorenes Jahrzehnt" erlebt wie Japan in den neunziger Jahren. Die japanischen Banken versäumten es, Verluste als solche anzuerkennen. Die Folge war eine endlose Verlängerung von faulen Krediten an sogenannte Zombie-Unternehmen, der auch die Behörden zu spät entgegentraten. Das gilt als einer der Hauptfaktoren für den jahrelangen Stillstand der japanischen Wirtschaft.

Internationale Aufmerksamkeit

Wenn die Banken erst einmal Klarheit darüber geschaffen haben, wie es um ihre Bilanzen tatsächlich bestellt ist, werden sie leichter Wege finden, neues Kapital anzulocken, mit dem sie Kredite finanzieren, glauben die Regulierer. "Unser Ziel muss es sein, an einen Punkt zu kommen, an dem private Investoren den Banken wieder vertrauen und die Banken selbst das Vertrauen haben, um wieder mehr zu verleihen", sagte King. Damit, so die Hoffnung, würden sie den Kreditfluss der britischen Wirtschaft sicherstellen. Banken könnten ferner darüber nachdenken, ihre Lage dadurch zu verbessern, dass sie sich von Bereichen außerhalb des Kerngeschäfts trennen und Wandelanleihen ausgeben, die in Krisenzeiten zu Eigenkapital umgewandelt werden können, sagte King.

Das FPC hat bisher eine beratende Funktion, soll aber im nächsten Jahr mehr Macht bekommen. Das Gesetzgebungsverfahren hierzu läuft. Auch personell steht die Bank of England vor dem Umbruch: In der vergangenen Woche wurde Mark Carney, der Gouverneur der kanadischen Notenbank und Leiter des Finanzstabilitätsrats, des Regulierungsorgans der G20 der führenden Industrie- und aufstrebenden Nationen, als Nachfolger von Mervyn King an der Spitze der Notenbank benannt. Er wird seinen Posten im Juli antreten.

Die Sorgen des FPC über die Risikovorsorge der Banken wird international viel beachtet, besonders in Bankenkreisen. Stefan Ingves, Chef der schwedischen Zentralbank und Vorsitzender des Baseler Komitees für die Bankenaufsicht, das Regeln für die Branche erarbeitet, erklärte jüngst in einer Rede in London, die Banken sähen die Risiken in ihren Portfolios zu optimistisch, insbesondere die von Immobilienkrediten.

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland

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1. Die bestgemeinte Warnung wird da nicht helfen …
Dr.pol.Emik 30.11.2012
… denn wenn das Geldsystem im Eimer ist, dann ist das Spiel aus. eigentlich geht es doch nur noch darum, mit den Schönfärbereien genau diesen Umstand zu kaschieren. Das System muss implodieren. Einzige variable ist halt der Zeitpunkt, nicht das ob. *Schuldenkrise eskaliert, jetzt auch noch Guthabenkris*e (http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/) … in etwas süffisanter Form wird an dieser Stelle das Problem auf den Punkt gebracht. Und um niemanden in „Misskredit“ zu bringen, macht es hier mal ein „Anonymer Billionär“. Ich finde wir sollten ohnehin mehr den Begriff „Guthabenkrise“ verwenden, alles andere erweckt einen falschen Eindruck. Davon konnte man sich heute auch im Bundestag überzeugen. Dort wird stets vorgegeben den Griechen helfen zu wollen. Macht man aber nicht! Geholfen wird nur den Banken und dem Geldadel.
2. Flächenbrand
Inuk 01.12.2012
Zitat von sysopEs ist eine der bisher schärfsten Warnungen an die britischen Banken: Die Währungshüter des Landes beziffern die Kapitallücke der Kreditinstitute auf bis zu 50 Milliarden Pfund. Die Geldhäuser müssten ihre faulen Kredite in den Griff bekommen und undurchsichtige Bilanztricks unterlassen. Großbritannien: Bank of England schlägt Alarm - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/grossbritannien-bank-of-england-schlaegt-alarm-a-870269.html)
Wenn es trotz Schönrechnen, Buchungs- und Bilanzierungstricks eine Finanzlücke von 50 Milliarden Pfund gibt, brennt es auch bei den Briten lichterloh. Wann wird von den Verantwortlichen zugegeben, dass unser Finanzsystem am Ende ist? Die Menschen werden ausgesaugt, wenn sie für Vermögen, welches nur aus Nullen und Einsen auf Festplatten besteht, reale Zinsen erwirtschaften müssen. Was sagen denn die Planungsspiele der Politiker, wenn es zum totalen Finanzcrash kommt?
3. Die Briten befinden sich dank unseres FIAT - Geldsystems auf
prontissimo 01.12.2012
Zitat von sysopEs ist eine der bisher schärfsten Warnungen an die britischen Banken: Die Währungshüter des Landes beziffern die Kapitallücke der Kreditinstitute auf bis zu 50 Milliarden Pfund. Die Geldhäuser müssten ihre faulen Kredite in den Griff bekommen und undurchsichtige Bilanztricks unterlassen. Großbritannien: Bank of England schlägt Alarm - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/grossbritannien-bank-of-england-schlaegt-alarm-a-870269.html)
der gleichen rasanten Abwärtsspirale wie die Euro-Zone ( Zone ist der treffende Ausdruck ). Schulden, die immer mehr Zinsen fressen ohne Möglichkeit durch Mehreinnahmen zu tilgen und damit die Zinsbelastung zu senken enden im Crash. Das hat uns doch die Immobilienblase in den USA klargemacht. Da lauert aber genau wie in GB die nächste Blase: Die Verschuldung der Privaten. Das wird noch heiter und wird nicht ohne Währungsreform abgehen. War alles schon mehrfach da.
4. Banken - Kapitaldecke
eks2040 01.12.2012
Ich erwarte, dass die Situation in England im Grunde auch fuer Deutschland zutrifft. Fuer die Banken selbst und die entsprechenden Aufsichtsbehoerden ist das keine Neuheit. Sicherlich sind nicht voll erkannte und nicht voll bilanzierte Risiken in den Bankbilanzen. Wertberichtigungen werden etwas grosszuegiger gebildet, wenn die Gewinnsituation stimmt. Das ist leider heute nicht der Fall, obwohl die EZB schon Billigkredite verteilt und fuer positive Margen gegenueber den Wertpapieren/Anleihen im Potfolio sorgt. Die Wirtchaftslage mit negativem Ausblick trifft die Banken wie auch die Industrie insgesamt. Sparen, besser haushalten, Risiken eindaemmen und vermeiden, scheinen als Loesung in Frage zu kommen, genau wie bei den Buergern ohne Einkommenssteigerung aber hoeheren Preisen. Banken brauchen neues Kapital, und das ist teuer, sie koennen auch Aktiva verkaufen, einige aber nur mit Verlusten. Karl
5. Ausgerechnet dort
melony 02.12.2012
Die Finanzwirtschaft von der UK in London, die Cameron mit allen Mitteln schützen will, ist im Begriff ihm um die Ohren zu fliegen und damit auch das britische Pfund. sehen wir es doch positiv, die Briten sind nicht in Euro können, damit auch keinen Antrag beim Euro Rettungschirm stellen.
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