Pleite des Baukonzerns Carillion Ein Vorgeschmack auf den Brexit

Die Pleite des britischen Baukonzerns Carillion setzt die Regierung unter Druck. Das Unternehmen hatte trotz Schieflage Milliardenaufträge vom Staat erhalten - und macht auch den EU-Austritt des Landes für seine Misere verantwortlich.

Carillion-Baustelle in London
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Carillion-Baustelle in London

Von Sascha Zastiral, London


Wenn irgendwo auf der Welt die Feuerwehr ausrückt, um Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen, ist meist etwas Katastrophales passiert: Ein Erdbeben, ein Wirbelsturm oder Überschwemmungen. Im britischen Cambridgeshire könnte jedoch ein ganz anderer Untergang einen Noteinsatz erforderlich machen: die Insolvenz des Bau- und Dienstleistungskonzerns Carillion.

Dort hält sich die Feuerwehr bereit, um Mittagessen an Schulkinder auszuliefern, seit Carillion Anfang der Woche Insolvenz angemeldet hat. Alle Vorschulkinder, Erst- und Zweitklässler und Kinder aus einkommensschwachen Familien haben an staatlichen Schulen in Großbritannien Anspruch auf ein kostenloses warmes Mittagessen. 32.000 dieser Essen hat Carillion jeden Tag ausgeliefert, mehr als die Hälfte davon in Cambridgeshire.

43.000 Mitarbeiter bangen wegen der Pleite um ihre Jobs, rund die Hälfte von ihnen in Großbritannien. Betroffen sind auch Tausende Zulieferfirmen. Dass der zweitgrößte Baukonzern des Landes angeschlagen ist, war bekannt. Bereits im vergangenen Juli musste der Konzern eine Gewinnwarnung ausgeben. Bei mehreren Großprojekten waren die Kosten massiv überschritten worden.

Im Oktober und Dezember einigte sich Carillion mit seinen Gläubigerbanken auf Überbrückungskredite. Doch der Schuldenberg wuchs weiter und lag zuletzt bei mindestens 2,2 Milliarden Pfund. Alleine in den Pensionskassen des Konzerns klaffte ein Loch von beinahe 600 Millionen Pfund. Die Banken zogen den Stecker.

Öffentliche Dienstleistungen im Auftrag der britischen Regierung waren das zweite große Standbein der Baukonzerns: Carillion war für die Reinigung und Instandhaltung von Hunderten von Schulen und Krankenhäusern und für den Betrieb zahlreicher Gefängnisse und Armeebasen verantwortlich. Mitarbeiter des Konzerns haben im Auftrag des Verteidigungsministeriums 50.000 Wohnungen betreut und sich um Signalposten und Weichen bei der Bahn gekümmert.

Zu den Vorzeigeprojekten Carillions zählten das weltberühmte Tate Modern Museum in London und die Bibliothek in Birmingham. Auch am Eurotunnel hat Carillion mitgegraben. Im Oman hat Carillion unter anderem das Parlamentsgebäude und die Große Sultan-Qabus-Moschee gebaut. Erst vor wenigen Monaten erhielt Carillion weitere staatliche Aufträge, unter anderem für Teile des Baus des Hochgeschwindigkeits-Zugnetzes HS2, das London mit Birmingham und später mit Nordengland verbinden soll. Dabei war schon damals klar, dass das Unternehmen in großen Schwierigkeiten steckte.

Subunternehmer fühlen sich getäuscht

Als der Konzern ins Wanken geriet, schaltete sich die Regierung an höchster Stelle ein. Am Wochenende saßen führende Minister mit Vertretern der Gläubigerbanken und Managern des Konzerns zusammen, um eine Lösung zu finden. Am Ende scheiterten die Gespräche offenbar an der Weigerung der Regierung, Carillion mit Steuergeldern zu retten. Am Montag dann trat das Kabinett zu einer Krisensitzung zusammen.

Die Lage ist auch deshalb so ernst, weil die Regierung in London und lokale Behörden nun kurzfristig Ersatz für die Dienstleistungen finden müssen, die Carillion bereitgestellt hat - etwa, indem Feuerwehrleute Schulessen ausliefern.

Die Opposition macht schon jetzt Druck. Labour, die größte Oppositionspartei des Landes, möchte etwa wissen, wieso der Konzern seit seiner ernsten Gewinnwarnung im vergangenen Sommer weitere Regierungsaufträge in Höhe von 1,3 Milliarden Pfund erhalten hat.

Bei vielen Subunternehmern, die nach der Carillion-Pleite selbst vor dem Aus stehen, herrscht blanke Wut. Ein Unternehmer aus Cambridge, dem Carillion seinen Worten zufolge eine Million Pfund schuldet, fragte in einem Live-Interview mit der BBC: Wieso hat die Regierung denen weiter Aufträge gegeben? Unternehmer wie er hätten sich darauf verlassen, dass es in Ordnung wäre, Aufträge von einem Konzern entgegenzunehmen, der für die Regierung arbeite. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir das überstehen werden", sagte der sichtlich betroffene Unternehmer. "Die Regierung muss zur Verantwortung gezogen werden."

Nur eine Krise von vielen

Die Konzernpleite stellt die regierenden Tories zudem vor ein schweres ideologisches Problem. Denn die Auslagerung öffentlicher Dienstleistungen an Unternehmen wie Carillion steht im Zentrum ihres marktliberalen Dogmas.

Für den linken Labour-Chef Jeremy Corbyn ist das ein gefundenes Fressen. In einer Videobotschaft bezeichnete Corbyn die Carillion-Pleite als "Wendepunkt": "Es ist an der Zeit, die Politik der Privatisierungs-Abzocke zu beenden, die ernsthaften Schaden an unseren öffentlichen Diensten angerichtet und die Öffentlichkeit um Milliarden Pfund geschröpft hat", sagte Corbyn. Er ging auch auf die schwere Krise beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS ein: "Die Unterfinanzierung durch die Tories hat diese Krise verursacht, aber die Privatisierung, die Auslagerung von Verträgen und Geschäftemacherei haben sie schlimmer gemacht."

Corbyn weiß dabei den Großteil der Menschen in Großbritannien hinter sich: Rund vier von fünf Befragten geben inzwischen bei Umfragen an, dass sie eine Wiederverstaatlichung des privatisierten Zugverkehrs und der Strom-, Gas- und Wasserversorgung begrüßen würden. Die Carillion-Pleite dürfte diesen ohnehin gewaltigen Anteil noch weiter erhöhen.

Für Premierministerin Theresa May ist die Carillion-Insolvenz nur eine Krise von vielen. Nach verpatzten vorgezogenen Neuwahlen im vergangenen Juni musste sie kürzlich mehrere Minister entlassen, die über Skandale gestolpert waren. Im Unterhaus schlugen sich vor wenigen Wochen bei einer Abstimmung über ein wichtiges Brexit-Gesetz so viele von ihren eigenen Abgeordneten auf die Seite der Opposition, dass May eine blamable Niederlage einstecken musste. Und das Gesundheitssystem des Landes, das einer rigiden Sparpolitik unterliegt, geht derzeit wegen einer Grippewelle in die Knie. Kein Wunder, dass Labour in Umfragen derzeit acht Prozentpunkte vor den Tories liegt.

Keine guten Aussichten für den Brexit

Und nun auch noch die Debatte über die Auslagerung öffentlicher Dienstleistungen. Wirtschaftsexperten sehen darin ein großes Problem. Karel Williams von der Manchester University sagte dem "Guardian", Carillion habe sich von einer Baufirma in ein "Outsourcing-Konglomerat" verwandelt. "Schlechte Idee", glaubt der Professor. "Im Bereich Oursourcing muss man sich ständig um neue Aufträge bewerben." Viele solche Firmen drängen dabei schnell in Bereiche vor, von denen sie keine Ahnung hätten. Die Folge wären Insolvenzen wie die von Carillion. "Das war ein Unfall, der darauf gewartet hat, zu passieren."

Und noch aus einem anderen Grund ist der Carillion-Kollaps für Theresa May enorm heikel: So hat der Konzern in der Vergangenheit den Brexit für die schlechte Geschäftsentwicklung verantwortlich gemacht . In den Monaten nach dem EU-Referendum im Juni 2016 habe es in mehreren Ministerien ein derartiges Chaos gegeben, dass sich dabei die Vergabe von Aufträgen verlangsamt habe.

Führende Brexit-Unterstützer und auch die Regierung beschwören immer wieder die Stärke der britischen Wirtschaft. Der Carillion-Konkurs spricht eine andere Sprache. Der Vorfall lässt nur erahnen, was auf Großbritanniens Wirtschaft zukommen könnte, falls es nach dem Brexit zu größeren wirtschaftlichen Verwerfungen kommen sollte.

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mwroer 16.01.2018
1.
Der Brexit hat damit wenig zu tun - Carillion war wie viele Großunternehmen die von Staatsaufträgen leben einfach zu schlecht, zu teuer und letztlich zu ineffizient um mit den niedrigen Margen leben zu können. Man kann nicht ständig Verluste einfahren, nichts ändern und hoffen das alles so weiter geht wie bisher. Und was den Rest angeht - ja, bestimmte Dinge sollten in staatlicher Hand bleiben. Wasser- und Energieversorgung, Infrastruktur - das sind elementare Bedürfnisse der Menschen und die sollte man nicht in die Hand von rein gewinnorientierten Firmen legen. Schon gar nicht in die Hand von Multis die keinerlei Bezug zum Staat und dem Land haben.
maurerxxx 16.01.2018
2.
Was die Pleite des Baukonzerns mit dem Brexit zu tun haben soll, bleibt ein Rätsel. Und ständig dieses "Teufel-an-die-Wandgemale" nervt. Als ob GB durch den Brexit pleite gehen würde. Die Welt wird sich weiter drehen. Oder ist das eine Panikmache, um hier gar nicht erst den Gedanken eines EU-Austritts aufkommen zu lassen?
aaaron 16.01.2018
3. Klar, der Brexit ist schuld. Wer's glaubt wird selig.
Und für der Pleite von Philipp Holzmann war vermutlich der Klimawandel verantwortlich. Falls sich noch jemand dran erinnern kann, dort wurden bei drohender Insolvenz noch man schnell Steuergelder verfeuert. Half auch nichts. Zum Schluss war Holzmann weg, das Geld auch.
rm9 16.01.2018
4.
Das Großbauunternehmen pleite gehen ist doch nichts besonderes, da können wir in Deutschland doch ein Lied von singen (Stichwort: Philipp Holzmann, oder der in der Krise steckende Bilfinger Konzern). Die Schlagzeile scheint ehr eine Instrumentalisierung zu sein, die endlich vermeintliche Gewissheit für die "Durch den Brexit werdet ihr untergehen"-Fraktion darstellt.
obersterhofnarr 16.01.2018
5. Sauber rausgeredet
ja ja jetzt ist es der böse Brexit. Wieso nicht auch der Einschlag von Shoemaker-Levy 9 auf Jupiter? Könnte es vielleicht die britische Mentalität der völligen Empathielosigkeit, grenzenloser Borniertheit und maßloser Selbstüberschätzung sein, die zuerst die britische Wirtschaft kaputtgestreikt und dann völlig zerthatchert hat. Was übrigens auch perfekte Voraussetzungen für den Brexit sind. Aber zum Glück wurde der Manchester-Kapitalismus von den Ferengis erfunden....
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