Von Carsten Volkery, London
"Keine künstlichen Aromen oder Farbstoffe", versprach die Verpackung der Spaghetti Bolognese des britischen Supermarktgiganten Tesco. Künstlich war der Zusatzstoff tatsächlich nicht, der nun für Ärger sorgt. Der Etikettenschwindel war viel dreister: Statt Rindfleisch enthielt das Fertiggericht der Eigenmarke Everyday Value massig billigeres Pferdefleisch - mindestens 60 Prozent und das ganz natürlich.
Erst Burger, dann Lasagne, und nun Spaghetti Bolognese - langsam fragen sich die Briten: Welche Tiefkühlkost kann man überhaupt noch guten Gewissens essen? Der Skandal um das Pferdehack ist seit Tagen das beherrschende politische Thema auf der Insel. Am Dienstag debattierte das britische Unterhaus den zweiten Tag in Folge über die teils abenteuerlichen Wege der europäischen Fleischproduktion.
Längst wurden auch in anderen Ländern Pferdefleisch-Spuren entdeckt. Supermärkte in Frankreich und Schweden riefen Fertiggerichte des schwedisch-britischen Herstellers Findus zurück. In Deutschland wurde noch nichts gefunden, Findus gab am Dienstag Entwarnung. Doch die Kette Kaiser's Tengelmann hatte bereits vorsichtshalber die Tiefkühl-Lasagne der Eigenmarke A&P aus dem Sortiment genommen.
Britische Regierung in der Defensive
Nirgends ist die Empörung größer als in Großbritannien. Aufgebrachte Abgeordnete fordern einen Importstopp für Fleisch vom Kontinent, EU-Gegner nutzen die Gelegenheit für eine Attacke auf den Moloch EU. Der Binnenmarkt lade eben zum Betrug ein, bemerkte der konservative Abgeordnete Bernard Jenkin. Das Boulevardblatt "Sun" hetzt, das Pferdefleisch stamme aus einem "mit EU-Geldern finanzierten Schlachthof".
In einer Aktuellen Stunde im Unterhaus wetterte Landwirtschaftsminister Owen Paterson am Dienstag gegen "kriminelle Handlungen im Ausland", aufgrund derer Tausende ahnungslose Briten versehentlich Pferde-Burger oder -Lasagne gegessen haben. Am Wochenende hatte er bereits vor einer "internationalen Verschwörung" gewarnt.
Dabei sind offensichtlich auch britische Firmen in ähnliche Betrügereien verwickelt. Beamte der Lebensmittelaufsichtsbehörde FSA und der Polizei durchsuchten am Dienstag eine Pferdeschlachterei in der Grafschaft Yorkshire und eine Fleischfabrik in Wales. Den beiden Unternehmen wird vorgeworfen, Pferdefleisch für Kebabs und Burger verwendet zu haben.
Die britische Regierung ist in der Defensive, nachdem sie den ersten Fall des Etikettenschwindels vor einem Monat ignoriert hatte. Mitte Januar waren bei mehreren Discountern in Großbritannien und Irland, darunter Aldi und Lidl, Tiefkühl-Burger mit Spuren von Pferdefleisch gefunden worden .
Prüfung aller Fleischprodukte bis Freitag
Politik und Behörden reagierten erst, nachdem vergangene Woche auch noch Lasagne mit einem Fleischanteil von hundert Prozent Pferdefleisch in den Supermärkten entdeckt wurde. Am Montag gab schließlich Marktführer Tesco bekannt, dass auch die hauseigene Bolognese bis zu 100 Prozent Pferdehack enthalte.
Weitere Enthüllungen werden in den kommenden Tagen erwartet. Die Lebensmittelaufsichtsbehörde FSA hat "Echtheits-Tests" für alle Rindfleisch-Produkte angeordnet. Bis Freitag sollen die Ergebnisse vorliegen. Um auch die letzten Zweifel auszuräumen, sollen danach auch noch Schweine- und Hühnerfleisch geprüft werden.
Paterson berief am Dienstag bereits den zweiten Krisengipfel mit Vertretern der Lebensmittelbranche binnen vier Tagen ein. Am Mittwoch treffen sich auf Drängen Großbritanniens die EU-Agrarminister in Brüssel, um über bessere Kontrollen zu beraten.
Eine Verbesserung der Aufsicht scheint tatsächlich geboten. Zwar geht die britische Regierung bislang von zwei Einzelfällen aus: Im Fall der Burger steht die irische Firma Silvercrest Foods am Pranger. Das Hack für Lasagne und Bolognese stammte vom französischen Hersteller Comigel.
Ein halbes Dutzend Mittelmänner
Doch hat der verschlungene Weg des Pferdefleischs vom rumänischen Schlachthof bis ins hiesige Supermarktregal die britische Öffentlichkeit schockiert. Die in Luxemburg ansässige Comigel-Tochter Tavola hatte das Rindfleisch für die Lasagne bei der französischen Poujol-Tochter Spanghero bestellt. Diese leitete den Auftrag an einen Fleischhändler auf Zypern weiter, der wiederum einen holländischen Subunternehmer beauftragte. Dieser kaufte schließlich das Pferdefleisch beim Schlachthof in Rumänien.
"Tote Tiere auf Interrail", ätzte der "Times"-Kolumnist Hugo Rifkind. "Der große Schock sollte sein, dass so unsere Lebensmittelkette aussieht, selbst wenn alles richtig läuft." Die Vorsitzende des Agrarausschusses im Unterhaus, Anne McIntosh, sagte: "Man muss sich schon fragen, wie frisch selbst tiefgekühltes Fleisch ist, wenn es durch so viele Länder transportiert wurde".
Die Frage ist nun, an welchem Punkt in der langen Handelskette das Fleisch falsch etikettiert wurde. Alle Mittelsmänner weisen die Schuld von sich. Der Schlachthofbetreiber, Bruder des stellvertretenden rumänischen Agrarministers, präsentierte Quittungen, denen zufolge das Pferdefleisch auch als solches verkauft wurde. Ministerpräsident Victor Ponta warnte davor, wie üblich Rumänien zum Sündenbock der EU zu machen.
Seit der BSE-Krise in den neunziger Jahren ist jedes Kilo Fleisch in der EU bis an seinen Herkunftsort zurück verfolgbar. Offensichtlich reicht das jedoch nicht aus, um Betrug zu verhindern. Aus Sicht der britischen Regierung basiert der Binnenmarkt zu sehr auf Vertrauen. Paterson forderte, künftig regelmäßig Stichproben zu machen statt sich auf die Angaben in den Frachtpapieren zu verlassen. Auch hohe Geldstrafen könnten die Industrie zum Umdenken bringen. Mehrere der betroffenen Firmen überlegen, ihre Zulieferer zu verklagen.
Vorerst aber haben Politiker und Experten nur einen Rat für die Briten: Buy British. "Die Verbraucher haben die Wahl", sagt Roger Kelsey vom britischen Verband der Fleischhändler. "Wenn sie lokal kaufen, gehen sie auf Nummer sicher. Es ist nur teurer".
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