Nach Brexit-Votum Großbritannien steuert auf Rezession zu

Sechs Wochen nach dem Brexit-Referendum mehren sich die Zeichen für einen Wirtschaftseinbruch in Großbritannien. Sogar die Hauspreise in Londons Nobelvierteln sind ins Rutschen geraten.

Bankenviertel Canary Wharf
AFP

Bankenviertel Canary Wharf


Großbritannien steuert nach dem Brexit-Schock auf den stärksten Konjunktureinbruch seit der Weltwirtschaftskrise von 2009 zu. Das Londoner Forschungsinstitut Markit schließt aus seinen Umfragedaten unter Einkaufsmanagern großer Firmen, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal um 0,4 Prozent schrumpfen wird. Einen solchen Rückgang hat es in dem zuletzt boomenden Land seit mehr als sieben Jahren nicht mehr gegeben.

Die Daten dürften bei der britischen Notenbank für Alarmstimmung sorgen. Nach Ansicht vieler Experten wird sich die Bank of England am Donnerstag mit einer Zinssenkung gegen den Abwärtstrend stemmen.

Die Notenbank hatte den Leitzinssatz, zu dem Finanzinstitute mit Geld versorgt werden, zuletzt Anfang 2009 gekappt. Seither liegt er auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent. Als Reaktion auf das EU-Austrittsvotum vom 23. Juni hat die Bank of England vor wenigen Wochen bereits die Kapitalregeln für Banken gelockert. Mit einem niedrigeren Leitzins könnten zudem Kredite günstiger werden. Dies könnte der Wirtschaft einen Schub verleihen.

Auch die deutsche Wirtschaft wird die Entscheidung für den EU-Austritt Großbritanniens wohl zu spüren bekommen. Laut einer Modellrechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) dürfte sie in diesem Jahr um 0,1 Prozentpunkte und 2017 um 0,3 Prozentpunkte weniger wachsen als bisher erwartet. "Wegen ihrer starken Exportorientierung und ihrer Ausrichtung auf Investitionsgüter wird die hiesige Wirtschaft doppelt von den Auswirkungen des Brexit-Votums getroffen", prophezeit DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner.

Mit einem Exportvolumen von knapp 90 Milliarden Euro setzten deutsche Firmen im vergangenen Jahr so viele Waren in Großbritannien ab wie nie zuvor. Nur in die USA und nach Frankreich wurde mehr verkauft.

In Londons Nobelvierteln sinken die Immobilienpreise

Das Londoner Forschungsinstitut NIESR, auf dessen Ergebnissen die DIW-Prognose beruht, taxiert das Risiko einer Rezession in Großbritannien bis Ende 2017 auf 50 Prozent.

Anzeichen dafür finden sich sogar auf dem Londoner Immobilienmarkt. In den teuersten Vierteln der Hauptstadt fielen die Hauspreise laut dem Prime Central London Index der Maklerfirma Knight Frank im Juli um 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreswert. Das war der stärkste Rückgang seit fast sieben Jahren.

Wegen der Einführung einer neuen Immobiliensteuer zeigte der Trend bei den Preisen in den teuersten Stadtvierteln zwar schon vor dem Referendum nach unten. Doch die Geschwindigkeit der Abwärtsbewegung hat sich verstärkt. "Seit dem Referendum habe einige Käufer wegen der unsicheren wirtschaftlichen und politischen Situation Abschläge verlangt", sagt Analyst Tom Bill.

Auch die britische Bank HSBC stellt sich nach dem EU-Austrittsvotum auf unsichere Zeiten ein. Die eigenen Aktivitäten würden sehr genau unter die Lupe genommen, kündigte der Chef des größten europäischen Geldhauses, Stuart Gulliver, an. Wie schlecht es um den Dienstleistungssektor auf der Insel bestellt ist, zu dem auch die Banken gehören, zeigt das aktuelle Markit-Barometer für Juli: Es dümpelt auf dem Vormonatsniveau und signalisiert damit weiterhin das stärkste Schrumpfen des Bereichs seit März 2009.

Aus anderen Branchen häuften sich zuletzt ebenfalls die Hiobsbotschaften: Der Bausektor etwa schrumpfte so stark wie seit sieben Jahren nicht mehr. Die Notenbank dürfte dieser Entwicklung nach Einschätzung von Markit-Chefökonom Chris Williamson nicht länger tatenlos zusehen: "Eine Zinssenkung ist ausgemachte Sache."

stk/Reuters



insgesamt 150 Beiträge
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obertroll 03.08.2016
1. Da kann man aber froh sein, ...
daß sinkende Immobilienpreise in Nobelvierteln in London nicht das Maß der generellen Immobilienpreise in GB sind. Die Chancen stehen 50/50 das es auch in Deutschland zu einer Rezession kommt, denn 50/50 sagt eigentlich nur aus, das es entweder eine gibt oder ebend auch nicht. Na mal schauen, was denn wirklich daraus wird, weil den sogenannten "Experten" kann man ja kein Vertrauen schenken.
akkzent 03.08.2016
2. Index fiel um 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr
OMG - London versinkt und reisst das restliche Europa in eine alles vernichtende Apokalypse. Liebe Leute, das ist doch eine herbeigeredete Endzeitstimmung. Da ist wohl ein nach Rache triefender Wunsch der Vater des Gedankens.
kalim.karemi 03.08.2016
3. ist ja irre
da kann ich in Kensington wohl grad ein Schnäppchen machen. Allein die Aussage die Risiken für eine Rezession liegen bei 50%, heißt unter "Experten" wohl so viel wie, entweder sie kommt oder kommt halt nicht. Auch ein "Einbruch" der Wirtschaftswachstums um 0,5% ist wohl eher zu vernachlässigen, wenn man die richtige Tragweite und historische Bedeutung diesem Ereignis beimisst. De facto wurden die Pessimisten und Weltuntergangsrufer leider enttäuscht.
lupenreinerdemokrat 03.08.2016
4.
Nach "Umfragedaten unter Einkaufsmanagern großer Firmen" wird also eine Rezession in der Glaskugel verortet? Warum hat man nicht den Shisha-Verkäufer in Soho gefragt? Der hätte die gleiche Zuverlässigkeit. Wenn in GB der Leitzins auf 0,5% gesenkt wird, ist das ja noch weit vom Negativzins der EZB entfernt. Also müsste es in der EU bereits eine deutlich weiter fortgeschrittene Rezession geben, oder nicht? Sinkende Immobilienpreise in Londoner Prestigevierteln sind eher als positive Entwicklung zu sehen. Von daher: im Westen nichts neues.
SanchosPanza 03.08.2016
5. Rezession?
Komisch. Seit der Volksabstimmung ist der FTSE immer noch über 10% gestiegen. Das heißt doch, die Schwarmintelligenz der Märkte hält den Brexit für gut für die britischen Blue Chips, oder? Wahrscheinlich würde der DAX bei einem Dexit ja auch durch die Decke gehen ...
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