Undercover-Recherche Wallraff macht Paketdienst GLS schwere Vorwürfe

Schlechte Bezahlung, hohes Unfallrisiko und Ausbeutung mit System: Günter Wallraff war wieder als verdeckter Rechercheur tätig und prangert die Arbeitsbedingungen beim Paketzusteller GLS an. Das Unternehmen betreibe "eine Form von moderner Sklaverei mitten in Deutschland".

Journalist Günter Wallraff: "Ich habe Arbeitsbedingungen festgestellt, die ruinieren"
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Journalist Günter Wallraff: "Ich habe Arbeitsbedingungen festgestellt, die ruinieren"


Düsseldorf - Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hat den europaweit tätigen Paketzusteller GLS scharf angegriffen. "Ich habe dort an verschiedenen Standorten mitgearbeitet und recherchiert - und habe Arbeitsbedingungen festgestellt, die körperlich, nervlich und finanziell ruinieren", sagte Wallraff, der sich nach eigenen Angaben mehrere Monate lang unter falscher Identität bei GLS bewegte.

Das Unternehmen betreibe "Menschenschinderei mit System", sagte Wallraff. "Es ist ein System, das eine Form von moderner Sklaverei mitten in Deutschland darstellt." Viele tausend Menschen seien betroffen, vor allem jüngere und männliche Beschäftigte. Sie seien froh, überhaupt einen Job zu haben - und würden sich deshalb in eine prekäre Form der Scheinselbständigkeit drängen lassen.

Die GLS-Fahrer werden laut Wallraff zu Subunternehmern gemacht, zu schwer durchschaubaren Bedingungen und oft in nur mündlichen Verträgen. Der unternehmerischen und finanziellen Risiken seien sich die Beschäftigten nicht bewusst, sagte Wallraff: "Viele werden total ausgebeutet, geraten in eine Schuldenfalle - und GLS stiehlt sich geschickt und komplett aus der Verantwortung."

Auch die Arbeitsbedingungen im Unternehmen beschrieb Wallraff als desolat: "Wir waren in verbeulten Karren und bei Schnee und Eis auch mit Sommerreifen unterwegs", sagte der 69-Jährige nach dem Ende der Undercover-Recherche für das "Zeit-Magazin" und "RTL". Er selbst habe 14-Stunden-Einsätze bis zur totalen Erschöpfung erlebt, Schlafdefizite und Drangsalierung - zu Dumpinglöhnen von oft nur umgerechnet drei bis fünf Euro pro Stunde. Arbeitsschutzgesetze würden klar missachtet, "gegenüber den Behörden werden manipulierte Angaben gemacht", sagte Wallraff.

"Ein Skandal ist auch, dass die ersten Stunden gar nicht bezahlt werden. Wenn die Fahrer um 5 Uhr die Pakete aus den Depots holen, vom Band nehmen, scannen und in die Wagen tragen, werden diese zwei, drei Stunden nicht bezahlt. GLS zahlt seinen Subunternehmern nur einen Preis pro Paket", kritisierte Wallraff.

In der GLS-Deutschland-Zentrale in Neuenstein und bei der als GLS-Pressestelle angegebenen Agentur Stroomer PR in Hamburg war am Abend kurz vor Ausstrahlung der TV-Doku bei RTL zunächst niemand für eine Stellungnahme erreichbar. Auf eine Anfrage des "Zeit-Magazins" antwortete GLS: "Die Transportunternehmen werden bei der Erledigung von Transportaufträgen von GLS grundsätzlich zur Beschäftigung von Fahrern in rechtskonformen, sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen verpflichtet."

Das Unternehmen GLS mit Sitz in Amsterdam hat nach eigenen Angaben gut 210.000 Kunden in Europa, davon rund 40.000 in Deutschland. Laut Homepage sind bundesweit 3850 Zustellerfahrzeuge im Einsatz.

Nach Wallraffs Einschätzung ist GLS nicht der einzige Konzern, der Dumpinglöhne zahlt und Verstöße gegen arbeitsrechtliche Regelungen bewusst in Kauf nimmt. "Bei mir häufen sich Zuschriften von vielen Betroffenen aus den unteren Hierarchie-Ebenen, aber auch von Managern, die diese Zustände nicht mehr verantworten wollen."

Wallraff sorgt seit den siebziger Jahren mit seinen Undercover-Recherchen für Schlagzeilen, etwa als "Bild"-Reporter oder als türkischer Gastarbeiter Ali. Seine Recherche über schlechte Bezahlung und mangelnden Arbeitsschutz in einer Großbäckerei, die einen Discounter beliefert, führte zu einem noch laufenden Prozess gegen den Firmenchef.

usp/dpa



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