Deutsch-chinesische Güterstrecke Moin, moin, Weltwirtschaftslok

Bahn-Chef Rüdiger Grube persönlich hat in Hamburg einen Zug mit 51 Containern aus dem chinesischen Zhengzhou begrüßt. Der Empfang zeigt: Selbst wenn sie stottert, weckt die "Lokomotive der Weltwirtschaft" in Deutschland noch viele Hoffnungen.

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"Mein Freund, schön den Blumenstrauß raus!", verlangt ein Fotograf mit dem ganz eigenen Charme seines Berufsstandes. Franz Svacina, 24 Jahre alt und Rangierlokführer-Azubi, hält mit freundlichem Grinsen einen Strauß aus dem Fenster. Den hat sein nicht allzu groß gewachsener Chef Rüdiger Grube gerade mit einer sportlichen Einlage ins Führerhaus der Lokomotive bugsiert. Nun posiert Grube vor der Lok ausgiebig mit Ma Yi, dem Bürgermeister der nordostchinesischen Metropole Zhengzhou. Die Sonne scheint, Grube und Ma lächeln, Svacina winkt mit dem Blumenstrauß - das Bild von der deutsch-chinesischen Freundschaft ist perfekt.

Von Chinas Wirtschaft kamen zuletzt eher unerfreuliche Nachrichten. Das Wachstum stockt, die Regierung muss um eine Rate von sieben Prozent kämpfen. Für solch einen Wert würden die meisten westlichen Regierungschefs zwar immer noch auf Knien danken. Doch China gilt bekanntlich als Lokomotive der Weltwirtschaft und diese, so wird neuerdings geraunt, gerate nun ins Stottern.

Das mit der Lokomotive war freilich immer ein etwa schiefes Bild, denn seine Waren bringt China bislang weniger übers Gleis als über die Meere in alle Welt. Nun aber kommt im Umschlagbahnhof Hamburg-Billwerder tatsächlich eine Lok an. Nicht weniger als 51 Containerwagen zieht sie hinter sich her, gefüllt mit Kleidung, Schuhen und Reifen. In den vergangenen 15 Tagen haben sie 10.214 Kilometer hinter sich gebracht - durch China, Kasachstan, Russland, Weißrussland und Polen.

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Deutsch-chinesischer Güterzug: Zehntausend Kilometer auf der Schiene

Organisiert wurde die Fahrt von der Bahn-Logistiktochter Schenker. Die fährt schon länger nach China, unter anderem für BMW, das Teile aus Leipzig ins nordöstliche Shenyang bringen lässt. Der Transport ist zwar teurer als per Schiff, dauert dafür aber auch nur halb so lange. Dennoch ist die Bahn am jährlichen Warenaustausch im Wert von 143 Milliarden Euro bislang laut Grube nur "mit nullkommairgendwas Prozent beteiligt". Das soll sich ändern, und deshalb wird Bürgermeister Ma in Hamburg mit großem Bahnhof empfangen.

Noch etwas größer sei allerdings die Abschiedszeremonie in Zhengzhou verlaufen, erzählt Ulrich Steffes. "Ein bisschen wie in alten Zeiten" sei das gewesen, mit Arbeitern, die ordentlich in Reih und Glied antraten. Steffes und seine Frau Ewa gehören zu den wenigen, die sowohl Abfahrt als auch Ankunft des Zuges erlebt haben. Sie hatten Sorgen, die chinesische Delegation könnte vom deutschen Empfang enttäuscht sein, doch nun sind sie beruhigt.

"In China kriegen Sie den Herrn Ma gar nicht"

Dabei arbeitet Steffes gar nicht für Schenker, sondern für DTEC, einen Gelsenkirchener Ingenieursdienstleister für die Glasindustrie. Das Unternehmen hat schon länger Kontakte nach Zhengzhou, denn dort produziert unter anderem Apples skandalträchtiger Lieferant Foxconn. DTEC würde in Zhengzhou gerne eine Anlage für besonders dünnes Glas errichten, das für Apples iPhones verwendet werden könnte. Es gehe um eine Investition von rund 25 Millionen Euro, sagt Steffes. Er hat nicht nur geholfen, die lange Reise des Güterzugs zu organisieren, sondern in Hamburg auch gleich die Gelegenheit genutzt, Zhengzhous Bürgermeister Ma seine Pläne vorzutragen. "In China kriegen Sie den Herrn Ma gar nicht", sagt er. "Das ist 'ne Acht-Millionen-Stadt."

Man müsse sich China ja generell "etwas andersdimensional vorstellen als Deutschland", sagt der ebenfalls anwesende Hamburger Wirtschaftssenator Frank Horch kurz darauf bei einer Pressekonferenz. Soll wohl heißen: Alles ganz schön groß da. Bürgermeister Ma erklärt zunächst einmal geduldig die geografisch Lage von Zhengzhou, schließlich sind viele chinesische Millionenstädte im Ausland bislang kaum bekannt. Doch das könnte sich bald ändern. Weil die Lohnkosten an der chinesischen Ostküste inzwischen über denen von Mexiko liegen, will die Regierung die Produktion zunehmend ins Inland verlagern - eine Chance für Städte wie Zhengzhou und ihre deutschen Handelspartner.

Mit Steffes Glas-Deal hat es bislang dennoch nicht geklappt. Den Grund kenne er nicht, sagt der Unternehmer. Generell sei aber spürbar, dass Geld für neue Projekte derzeit nicht mehr so fließe wie früher - aus Sorge vor Inflation und Spekulationsblasen hat die chinesische Zentralbank die Kreditvergabe deutlich reduziert. Umso wichtiger ist es, Entscheidungsträger wie Bürgermeister Ma zu kennen. "Der hat die Power, das voranzutreiben", hofft Steffes.

Auch Bahn-Chef Grube und Wirtschaftssenator Horch sind sichtlich um die Gunst des Politikers bemüht und weisen darauf hin, wie gut sie China kennen. Grube war fünf Jahre für Mercedes-Benz im Land, der frühere Manager Horch erzählt, er habe dort "mehrere Reifenfabriken gebaut - deshalb ist Zhengzhou für mich sehr wohl bekannt".

Bürgermeister Ma lässt alle Freundlichkeiten trotz brütender Hitze geduldig über sich ergehen, den ganz großen Deal verspricht er aber nicht. Vorerst will seine Stadt nur einen Zug pro Woche nach Hamburg schicken, für 2014 seien dann zwei Züge angepeilt.

Das Geschäft ist nicht alles

Doch Ma bestätigt Grube und Horch immerhin, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Auf die Frage, warum Hamburg und nicht beispielsweise Duisburg als Ziel gewählt wurden, sagt Ma mit seiner ruhigen, etwas rauen Stimme, es gehe bei solchen Fragen nie allein um geschäftliche Erwägungen, sondern auch um Freundschaft. Eine solche pflege man nun mal zu Hamburg und Schenker.

In Richtung des fragenden Journalisten fügt der Chinese dann noch großmütig hinzu: "Ich denke, Sie werden mit meiner Antwort zufrieden sein." Für einen deutschen Politiker gäbe es auf so eine Bemerkung hin schon aus Prinzip eine kritische Nachfrage. Für Ma Yi aus Zhengzhou dagegen gibt es spontanen Applaus.



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Grafsteiner 02.08.2013
1. Ein Anlass grosser Freude in einem niedergehenden Land
"In den vergangenen 15 Tagen haben sie 10.214 Kilometer hinter sich gebracht - durch China, Kasachstan, Russland, Weißrussland und Polen." Das Wichtige kommt am Rande des Artikels dann doch noch vor. Die Eisenbahn hat in dem vorletzten Jahrhundert dafür gesorgt, dass Elendsgebiete an den Wirtschaftsräumen angeschlossen wurde und so auch dort für Prosperität gesorgt. Bahnlinien sind die Hauptschlagadern im komparativen Zusammenwirken der Weltwirtschaft. Es war die erste Fahrt. eine Erkundungsfahrt. Mir scheint es bei der heutigen Technik möglich zu sein, diese Fahrt auch in 5 Tagen zu schaffen. Wenigstens werden das die Chinesen schaffen. Auf der Schnellfahrstrecke Peking–Hongkong, an der Guangzhou liegt, sollen die Züge für ca. 2.500 km sogar nur wenig mehr als 10 Stunden brauchen. Bei 5 Tagen und einer hohen Pünktlichkeit kann man das als Just-in-time planen. Mir scheint das Gleisnetz in Polen das grösste Problem zu sein.
panzertom 02.08.2013
2. Gleise umgenagelt?
Ich hab da mal ne ganz bescheidene Frage. Der Güterzug ist über Russland gefahren, schreibt spiegel online. Russland hat, so weit ich weiß, eine Breitspur-Bahn. Hat Russland für den chinesischen Zug (mit deutscher Lok!) seine Gleise auf Regelspur umgenagelt? Oder wie haben die das gemacht?
laribum 02.08.2013
3. So ähnlich :-)
Zitat von panzertomIch hab da mal ne ganz bescheidene Frage. Der Güterzug ist über Russland gefahren, schreibt spiegel online. Russland hat, so weit ich weiß, eine Breitspur-Bahn. Hat Russland für den chinesischen Zug (mit deutscher Lok!) seine Gleise auf Regelspur umgenagelt? Oder wie haben die das gemacht?
Die Strecke wurde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht umgenagelt. Um auf unterschiedlichen Spurweiten zu fahren, werden Züge umgespurt. Siehe Wikipedia: Umspurung (Eisenbahnfahrzeug) (http://de.wikipedia.org/wiki/Umspuren)
georg_lm 02.08.2013
4.
Zitat von panzertomIch hab da mal ne ganz bescheidene Frage. Der Güterzug ist über Russland gefahren, schreibt spiegel online. Russland hat, so weit ich weiß, eine Breitspur-Bahn. Hat Russland für den chinesischen Zug (mit deutscher Lok!) seine Gleise auf Regelspur umgenagelt? Oder wie haben die das gemacht?
Sehen Sie sich mal die Fotos zum Artikel an, besonders das 2. und das 5.: "Der" Zug ist in China mit einer chinesischen Diesellok abgefahren und in Deutschland mit einer deutschen E-Lok angekommen. Wahrscheinlich sind die Container einfach mehrmals umgeladen worden.
pazo 02.08.2013
5. Zollunion
Die Veränderung die diese Transportroute interessant werden ließ wird in dem Artikel gar nicht erwähnt. Durch die Zollunion zwischen Russland, Kasachstan und Weißrussland sind die Kosten und Verzögerungen auf dem Landweg seit letztem Jahr erheblich gesunken. Schade dass man diese Information zwar bei NY Times, nicht aber beim Spiegel bekommt.
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