Münchhausen-Check Zwei Meinungen, ein Nobelpreis

Eugene Fama beschreibt eine perfekte Börsenwelt, Robert Shiller warnt vor Irrationalität der Märkte. Und doch erhalten beide den Wirtschaftsnobelpreis. Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Hat die königliche Akademie geschlafen?

Bekanntgabe des Wirtschaftsnobelpreises: "Überraschend und widersprüchlich"
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Bekanntgabe des Wirtschaftsnobelpreises: "Überraschend und widersprüchlich"

Von Hauke Janssen


Der schwedische Industrielle und Erfinder Alfred Nobel (1833-1896) bestimmte, dass nach seinem Tod die Zinsen aus seinem Vermögen an diejenigen gehen sollen, "die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben". Das Geld sollte alljährlich zu gleichen Teilen auf Preisträger aus den Gebieten Physik, Chemie, Medizin, Literatur und "Frieden" verteilt werden.

Erstmals 1901 verliehen, sorgte die Entscheidung der Akademie sogleich für Diskussion, als bekannt wurde, dass die Wahl im Fach Literatur auf Sully Prudhomme und nicht auf Leo Tolstoi gefallen war.

Seither werden Listen obskurer Preisträger erstellt oder Listen derer, die den Nobelpreis eigentlich verdient hätten, ihn aber nie bekamen.

In den Wirtschaftswissenschaften ist sogar der Preis an sich umstritten: Der sogenannte Wirtschaftsnobelpreis wurde nämlich erst nachträglich, im Jahr 1968, von der schwedischen Reichsbank gestiftet und wird seitdem von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften lediglich in Erinnerung an Alfred Nobel verliehen.

Das hält mancher für unstatthaft: "Ich habe keine Wirtschaftsausbildung und hasse sie von Herzen", zitierten Nachfahren ihren Ururgroßonkel Alfred Nobel und forderten, die Ökonomen aus der Familie der Nobelpreisträger wieder auszusondern.

Wirtschaftler haben ein eher schlechtes Image: Während Naturwissenschaftler eine Sonnenfinsternis auf Ewigkeiten im Voraus exakt berechnen können, gehen bei den Wirtschaftsweisen selbst Prognosen auf ein Jahr daneben.

Auch präsentiert sich die Disziplin zutiefst gespalten. Ein Spott besagt, dass es nur bei den Wirtschaftswissenschaften möglich ist, dass zwei Leute zugleich den Nobelpreis gewinnen, die exakt gegenteiliger Ansicht sind. So geschah es 1974, als Gunnar Myrdal und Friedrich A. Hayek den Preis zusammen überreicht bekamen, der eine Erfinder des schwedischen Wohlfahrtsstaates, der andere ein radikaler Neoliberaler - und so ist es heute wieder.

Der Chicagoer Professor Eugene Fama gilt als Erfinder der "Efficient Market Hypothesis" (EMH), jedenfalls prägte er 1970 den Begriff. Seine Effizienzmarkthypothese besagt, dass der Preis eines Gutes das Ergebnis aller für die Markteilnehmer erreichbaren Informationen ist und somit die bestmögliche Schätzung des immanenten Wertes dieses Gutes.

Wie in der Ökonomie üblich, geht die Hypothese von rationalem Verhalten der Marktteilnehmer aus.

Der beste Markt im Sinne dieser Hypothese ist die Börse. Hier hört man das Gras wachsen, und hier ist das verfügbare Wissen in ultrakurzer Zeit eingepreist. Keiner weiß mehr, und niemand kann also den Preis von morgen vorhersagen. Folglich schwanken die Kurse rein zufällig um den immanenten Wert - "wander randomly about its intrinsic value", so Fama 1965 in einem mittlerweile berühmten Satz.

Einer der schönsten und treffendsten Beweise für die Richtigkeit dieser Hypothese geht wie folgt: Ein Affe, der mit verbundenen Augen Pfeile auf den Kursteil einer Zeitung wirft, wird das Portfolio nicht schlechter managen als der Bankberater an ihrer Seite. Heißt: Die Marktpreise sind immer richtig; die Börse hat immer recht.

Diese Einschätzung hält wiederum Robert Shiller für einen der "bemerkenswertesten Irrtümer in der Geschichte des ökonomischen Denkens". Shiller wurde einem größeren Publikum mit seinem Buch "Irrational Exuberance" ("Irrationaler Überschwang") bekannt. Sein Ruhm gründet nicht zuletzt darauf, dass er die Finanzkrise rechtzeitig vorhergesagt hat.

Shillers empirische Untersuchungen ergaben, dass Kursprognosen sehr wohl möglich seien. Denn langfristig besteht ein Zusammenhang zwischen den Gewinnen einer Firma und der Kursentwicklung ihrer Aktien. Steigen die Papiere über ein historisch normales Kurs-Gewinn-Verhältnis hinaus, wird sich irgendwann eine Korrektur einstellen, und zwar desto stärker, je größer die Abweichung zuvor ausgefallen war.

Die Kurse erreichen immer wieder Höhen, die schließlich ökonomisch und rational als absurd erscheinen. Der Finanzmarkt ist also laut Shiller nicht von Effizienz, sondern von Irrationalität geprägt.

Die Königlich Schwedische Akademie versuchte nun in der Begründung ihrer Entscheidung, beide Arbeitsergebnisse, die man, wie die Juroren einräumten, als berraschend und widerspr ü chlich " verstehen kann, als gegenseitige Ergänzung zu verkaufen: Fama hätte gezeigt, dass es keinen Weg gäbe, bei Aktien und Anleihen vorherzusagen, ob es die nächsten Tage oder Wochen mit den Kursen nach oben oder unten gehe. Aber das sei, wie wir bei Shiller lernten, für längere Perioden von etwa drei bis fünf Jahren gut möglich.

Das kann man auch weniger harmonisch ausdrücken. Paul Krugman, selbst Ökonomie-Nobelpreisträger, urteilt: Famas Arbeit habe eine Benchmark gesetzt. Shiller habe dann gezeigt, dass die EMH in der Praxis versagt. Dennoch, so Krugman weiter, habe Fama den Preis verdient - für seinen Umgang mit bestimmten ökonometrischen Methoden, den Experten für großartig hielten.

Richtig daran ist: Die Entscheidung der Akademie hebt nicht auf die inhaltlichen Ergebnisse der jeweiligen Studien Famas und Shillers ab, sondern auf die methodisch-instrumentelle Leistung beider: Fama wie Shiller hätten sich, so heißt es zur Begründung, um die "empirische Analyse von Wertpapierpreisen" verdient gemacht.

Die Akademie habe so einen bewundernswerten Weg gefunden, kommentiert Krugman, Fama die lang erwartete Ehre zuteilwerden zu lassen, ohne den Anschein zu erwecken, man habe nun völlig den Kontakt mit der Außenwelt verloren.

Fazit: Die Akademie wusste, was sie tat, aber man muss wohl Ökonom sein, um die Entscheidung teilen zu können. Wer dagegen im Zuge der Finanzkrise 2008/09 im Vertrauen auf die Effizienz der Märkte sein Geld verlor, dürfte kaum Verständnis aufbringen.

Note: Null Punkte für die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften

Literaturempfehlung: Justin Fox: The Myth of the Rational Market. A History of Risk, Reward, and Delusion on Wall Street (bei Amazon erhältlich)



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sanhe 19.10.2013
1. Hohes Ansehen nicht gerechtfertigt
Nobel-Preise werden massiv überschätzt, mich wundert immer wieder das Maß an Beachtung, dass diesen "politischen" Preisen geschenkt wird. Der Nobel-Preis ist aus meiner Sicht nur ein Instrument, mit dem der Westen sich selbst huldigt bzw. politisch aus westlicher Sicht erwünschtes Verhalten (Friedensnobelpreis) "belohnt".
bauklotzstauner 19.10.2013
2.
Zitat von sysopAFPEugene Fama beschreibt eine perfekte Börsenwelt, Robert Shiller warnt vor Irrationalität der Märkte. Und doch erhalten beide den Wirtschaftsnobelpreis. Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Hat die königliche Akademie geschlafen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/haben-fama-und-shiller-zurecht-den-nobelpreis-bekommen-a-928599.html
Zwei Anmerkungen: *1. Es IST kein Nobelpreis! * Es ist der Preis einer schwedischen Bank für eine Branche, die in der wirklichen Wissenschaft nicht ernstgenommen wird. Daß dieser Preis dennoch als "Nobelpreis" dargestellt wird, der in der öffentlichen Wahrnehmung sogar noch den Friedensnobelpreis von der Bedeutung her topt (er wird meist als letzter, finaler "Nobelpreis" verkündet), ist eine der erfolgreichsten PR-Kampagnen der "Chicagoer Schule", die mit ihren scheinwissenschaftlichen Rechtfertigungen eines reinen Ausbeutungssystemes viel Not und Elend in die Welt gebracht hat. *2. Wieso sollte die Akademie geschlafen haben? * Im Gegenteil ist diese Verleihung des "Preises der schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel" ein öffentiches Eingeständnis, was dieser "Wissenschaftszweig" wert ist. Nicht nur, weil man in diesem Jahr den hohen Preis an zwei "Forscher" vergab, die zum selben Beobachtungsgegenstand zwei gegenteilige, ja sich gegenseitig sogar ausschließende Theorien entworfen haben. Nein, die "Wirtschaftswissenschaften" dürften auch die einzige Wissenschaft" der Welt sein, in der man den höchsten aller Preise auch schon mal dafür erhalten hat, daß man bewies, das eines der zentralen "experimentellen Modelle", um das herum all die scheinwissenschaftlichen Theorien entwickelt werden, der "Homo Oeconomicus" nämlich, gar nicht exisitert, und damit als Modell ausfällt. Was seiner Weiterverwendung konsequenterweise aber bis heute keinen Abbruch tat. Also mein Tip: Nehmt diesen Karnevalsorden nicht so ernst! Lachen ist gesund! Und *AUS*lachen ist genau das, was die für diesen PR-Coup Verantwortlichen am meisten fürchten. Laßt ihre Furcht Realität werden!
soalso 19.10.2013
3.
Zitat von sysopAFPEugene Fama beschreibt eine perfekte Börsenwelt, Robert Shiller warnt vor Irrationalität der Märkte. Und doch erhalten beide den Wirtschaftsnobelpreis. Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Hat die königliche Akademie geschlafen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/haben-fama-und-shiller-zurecht-den-nobelpreis-bekommen-a-928599.html
dann haben wohl beide den nobelpreis nicht verdient. ich bin immer noch etwas perplex, dass beide den nobelpreis anscheinend nicht für ihre inhaltlichen aussagen, sondern für eine formalie wie nicht einmal eine methodik, sondern reine empirie, erhalten. soviel zur begründung des komitees, das sich in letzter zeit wirklich nicht mit ruhm bekleckert. was die beiden preisträger angeht, kann man wohl nach einigen jahrzehnten marktgeschehen durchaus ein gewisses resumee ziehen. so hat sich herausgestellt, dass die arbeit von fama für die praxis im wesentlichen irrelevant ist. seine hypothese beschreibt einen idealtypischen zustand, den es in der realen welt nun mal nicht gibt (und den auch keiner gedenkt herzustellen), wodurch seine arbeiten hier keinen nutzen finden. shiller hingegen hat es (mindestens) in den letzten beiden jahrzehnten geschafft, dass die marktteilnehmer einen anderen blick auf das geschehen haben, das sie selber massgeblich beeinflussen. diese andere perspektive ist so fundamental, dass ihr einfluss sich in einer neuen denkschule niederschlägt bis hin zu aktuell zum beispiel einem nassim taleb.
schwarzwaldbauer, 19.10.2013
4. Münchhausen-Check nicht machbar?
Ein bißchen hat SPON ja recht. Wer Nobelpreise an Wirtschaftswissenschaftler vergibt, der sollte auch einen an Religionswissenschaftler vergeben. Beide Branchen werden durch die Anwendung irgendwelcher mathematischen Methoden nicht "wissenschaftlicher". Würde die Bibel mit Big Data -Methoden analysiert, eine Prognose wäre daraus nicht abzuleiten. Bei den Wirtschaftswissenschaften verhält es sich ähnlich. Ein Urteil, wessen Prognosen 'richtiger' sind, kann auch die Akademie nicht abgeben, aber die Wahrscheinlichkeit, dass beide Preisträger ein bißchen Recht haben ist sehr groß. Insofern war die Entscheidung der schwedischen Akademie vielleicht sogar weise. Und insofern hat SPON größtenteils unrecht. Ein Münchhausen Check ist einfach nicht möglich, eine Benotung damit völlig sinnfrei. Aber lustig.
demokratie-troll 19.10.2013
5. Scharlatane und Geisterbeschwörer
Zitat von sysopAFPEugene Fama beschreibt eine perfekte Börsenwelt, Robert Shiller warnt vor Irrationalität der Märkte. Und doch erhalten beide den Wirtschaftsnobelpreis. Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Hat die königliche Akademie geschlafen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/haben-fama-und-shiller-zurecht-den-nobelpreis-bekommen-a-928599.html
Wirtschaftswissenschaften sind wichtig... und zwar in etwa so wichtig wie die Heraldik und die genialogischen Forschungen, die die Adelsherkunft im Feudalzeitalter wissenschaftlich absicherten. Wer einen Schritt zurück tritt, erkennt den wissenschaftlichen Nonsens daran, der ein Nonsens der gesellschaftlichen Verhältnisse ist. Als Wissenschaft also haben die Erkenntnisse eine genau so lange Haltbarkeit, wie die dahinter stehende gesellschaftliche Machtpolitik ihnen Bedeutung zu verleihen vermag. Oder salopp ausgedrückt: es ist "mächtiger" Nonsens, wie die Beschwörungen des Medizinmanns in der Steinzeit es waren. Sie erzielten Wirkung und damit Ansehen in den Augen der Gesellschaft. Letztlich aber kann es nur Aufgabe der Gesellschaft im Wandel sein, sie überflüssig werden zu lassen und danach dann deren Protagonisten als Scharlatane zu entlarven.
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