Häuser des Jahres 2015 Außen Scheune, innen schick

Der Architekt Bernardo Bader hat das Innenleben einer Scheune neu interpretiert - und so den Wettbewerb "Häuser des Jahres 2015" gewonnen. Die spannendsten Arbeiten im Überblick.

Bernardo Bader Architekten: "Behauste Scheune"
Adolf Bereuter

Bernardo Bader Architekten: "Behauste Scheune"

Von und


Die Vorarlberger Scheune steht auf einer Wiese wie aus dem Bilderbuch. Wer nun aber glaubt, dass sich darin womöglich Pferde, Kühe oder Heuballen befinden, der irrt. Denn der Schein trügt.

Was aussieht wie ein bäuerliches Idyll, ist in Wahrheit ein besonders gelungenes Beispiel moderner, ländlicher Architektur. Wer die Scheune betritt, dem strahlen schlichte und doch gemütliche Wohnräume entgegen. Die Wände und die Decke aus lichtgrauem Sichtbeton bilden mit ihren klaren Linien einen spannenden Kontrast zu den Holztexturen der Dielen und Möbel.

Das Konzept überzeugte auch die Fachjury der diesjährigen Preisverleihung "Häuser des Jahres - die besten Einfamilienhäuser". Die "Behauste Scheune" des österreichischen Architekten Bernardo Bader hat den mit 10.000 Euro dotierten ersten Platz des Wettbewerbs gewonnen, der zum fünften Mal vom Verlag Callwey in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Architekturmuseum ausgeschrieben wurde.

Die Juroren loben Baders Scheune als "meisterhaft geprägtes Haus", unter anderem heben sie die geschickte Verwendung nachhaltiger Materialien hervor: "In den Bodendielen lässt sich wiederverwendetes Holz aus dem ehemaligen Bauernhaus finden, das Holz der Fassade stammt aus dem nahe gelegenen Wald und im Inneren folgt dann eine Art Tisch aus Sichtbeton, der die tragende Decke und Wände umfasst und als massiver Speicher die Wärme der Fußbodenheizung aus Erdwärme aufnimmt."

Architekt Bernardo Bader: Ungewöhnliche Holzbauten
Adolf Bereuter

Architekt Bernardo Bader: Ungewöhnliche Holzbauten

Aus insgesamt 225 eingereichten Bewerbungen zeichnete die Jury sechs weitere mit Anerkennungen aus. Die sieben prämierten Arbeiten sind jetzt im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main ausgestellt.

Im Kontrast zur Holzscheune standen in dem Wettbewerb zum Beispiel Arbeiten wie ein gläsernes Wohnkonstrukt ohne dicke Außenwände oder eine Alpenfestung aus Beton. Einen Eindruck von den ausgezeichneten Arbeiten im Überblick bekommen Sie auch direkt hier (Mobilnutzer finden die Aufnahmen in einer Fotostrecke).

Bernardo Bader Architekten

Auf den ersten Blick wirkt die "Behauste Scheune" auf dem österreichischen Land unscheinbar, wie ein Bauernhaus. Denn das Gebäude mit seinen 150 Quadratmetern besteht nur aus schlichten Elementen. Die Bretter-Fassade aus Weißtanne passt sich dem Land an, die große Fensterfront steht für gradlinige Moderne. Das Architekturbüro Bernardo Bader erhält so die Struktur der Umgebung: Ein Dorf mit Scheunen, das Land als Garten. Für das Gesamtkonzept verlieh die Jury den ersten Preis.

Bernardo Bader Architekten

Klare Linien prägen auch das Innere. Unbehandelter Sichtbeton statt ausgefallener Tapeten reduziert das Haus auf das Wesentliche – die Natur. In den Wärme speichernden Wänden bauten der Architekt Bernardo Bader und sein Team einen Kaminofen und eine Bettnische ein. Das schon draußen genutzte Holz zieht sich auch durch die loftartigen Räume: als Dielenboden und mit eingebauten Schrankelementen. Architekt Bader erinnert so an die abgerissene Scheune, die zuvor seit Jahrzehnten an gleicher Stelle stand.

Architekturbüro Scheder

Nur 56 Quadratmeter Platz bietet dieses Single-Wohnhaus in Kaiserslautern. Wie auf einem Stiel aufgespießt sitzt das Haus auf Blechtafeln, hinter denen ein Auto-Stellplatz versteckt ist. Stahlträger stützen das Obergeschoss. Holzbretter aus Douglasien-Bäumen bilden die Fassade des Mini-Hauses. Die Baukosten: 140.000 Euro.

Architekturbüro Scheder

Eng ist das Haus auch im Inneren, nur drei Meter breit. Lediglich ein bis zwei Personen können in ihm leben. Die Bewohner fallen durch die Eingangstür direkt in die Küche. Vom Essbereich geht es über eine Ahorn-Treppe nach oben: ins Schlafzimmer und ins Bad. Das Architekturbüro Scheder präsentiert so Luxus auf engstem Raum. Von diesem sehen Spaziergänger allerdings wenig: Zur Straßenseite bleiben die Zimmer verschlossen.

Architekten Innauer Matt

Holz bestimmt auch hier die Fassade. Statt Backsteinen zeichnen Tannenholzleisten ein Gitter – ähnlich einer Gartenlaube. Die Holzverschalung lässt das Haus am Hang zwischen den Bäumen verschwinden. Das Lattengerüst spendet Schatten für die Terrassen. Nur durch die Fensterfront auf der Kopfseite des Gebäudes bekommt man Einblicke ins 148 Quadratmeter große Haus. 480.000 Euro ließ sich der Bauherr das schlichte Holzhaus kosten, das die Architekten Innauer Matt entwarfen.

Architekten Innauer Matt

Holz und weiß verputzte, gerade Wände bestimmen das Innere. Das Besondere: Die Bewohner betreten ihr Haus – dank der Hanglage – im Obergeschoss. Zur Küche und in den Wohnbereich geht es ein paar Stufen nach unten. Der Kaminofen im Wohnzimmer wärmt nicht nur dieses, sondern auch die Fußböden im Obergeschoss. Grüner Strom: Die thermische Solaranlage ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern schont auch die Stromrechnung.

Architekturbüro L3P

Einer schwierigen Aufgabe hat sich das schweizerische Architekturbüro L3P gestellt. Der Bauherr wünschte sich ein Wohnhaus auf einem Baufenster von gerade einmal 45 Quadratmetern. Die Lösung: dünne Wände, eine Fassade fast gänzlich aus Glas und eine nach oben dünner werdende Sichtbetonplatte als Tragwerk. Auf drei Geschossen verdreifachten die Architekten so das bebaute Grundstück – auf 129 Quadratmeter Wohnfläche, die vier Personen Platz bietet.

Architekturbüro L3P

Das Sonnenlicht spielt mit knallig lilafarbenen Einbaumöbeln im Inneren. Der Eingang liegt unterirdisch – unter dem Stellplatz. Danach windet sich eine Promenade über mehrere kleine Stufen bis ins Obergeschoss: vorbei an Küche und Wohnzimmer bis ins Bad. Das schwarze Waschbecken passt sich den schwarzen Wänden der Schlafzimmer an.

Architekturbüro Marazzi Reinhardt

Das Haus ist eines der ältesten im schweizerischen Dorf Beggingen. Doch ist es bereits seit langer Zeit nicht mehr bewohnbar. Das in die Jahre gekommene Gebäude komplett zu sanieren sei zu teuer gewesen. Also riss man Anbauten ab – und setzte einen funktionalen eingeschossigen Neubau mit Lärchenbretter-Fassade dran. Dieser ist so schmal, dass der historische Teil für sich allein steht.

Architekturbüro Marazzi Reinhardt

Das Grundstück ist mit mehr als 1500 Quadratmetern riesig, die Wohnfläche des Neubaus mit nur 54 Quadratmetern hingegen fast winzig. Die Küche und das Schlafzimmer winden sich um einen Holzkern in der Mitte. In ihm versteckten die Architekten Marazzi und Reinhardt einen Technikraum. Die Baukosten waren für ein vergleichsweise kleines Haus hoch: 360.000 Schweizer Franken.

pedevilla architects

Bester Blick auf Berg und Fluss: Für Baukosten in Höhe von 430.000 Euro setzte sich der Bauherr das mit weißem Sumpfkalk verputzte Haus ins Südtiroler Tal von Mühlen in Taufers. Die Materialien verbinden sich mit der Natur, so kommen der Kalk und auch die Erdpigmente direkt aus der Nachbarschaft.

pedevilla architects

Fast schon luxuriös: Mit 155 Quadratmetern Wohnfläche bietet das Haus vergleichsweise viel Platz. Marmorböden prägen die Räume, die mit klar geformten Ulmenholz-Möbeln ausgestattet sind. Die Architekten spielen im gesamten Haus mit einfacher Geometrie, setzten die drei Ebenen halbstöckig aufeinander. Kurze Treppen sind die Folge, die vom Gäste-WC bis in eine Wohngalerie im Dachgeschoss führen.

savioz fabrizzi architectes

Wie eine Festung ragt dieses Steinhaus aus der dicht besiedelten schweizerischen Stadt Conthey empor. Die unbearbeitete Betonfassade geht in unterschiedlich hohe Mauern über, die das Grundstück umzäunen. So sieht das 760 Quadratmeter große Grundstück teilweise wie ein Labyrinth aus.

savioz fabrizzi architectes

Das Haus lebt Beton, auch im Inneren: Treppen und Wände sind unverputzt. Davon setzt sich die Inneneinrichtung ab – wie beispielsweise die Küche, die individuell aus Eichenholz gefertigt wurde. Die Architekten schaffen durch warmes Holz auf 210 Quadratmetern eine Wohnatmosphäre. Ein Pelletofen beheizt das Haus.


"Häuser des Jahres 2015". Deutsches Architekturmuseum (DAM), 9. September bis 8. November 2015.

Wolfgang Bachmann, Wladimir Kaminer (Einleitung): "Häuser des Jahres: Die 50 besten Einfamilienhäuser 2015". Callwey; 272 Seiten; 59,95 Euro.

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
hansiii 09.09.2015
1.
An diesem Standort würde selbst das schlimmste Fertighaus gut aussehen. Unverantwortlicher Missbrauch und Zubauung der Natur und Landschaft. Da fehlen nur noch ein paar Windräder im Hintergrund.
Malshandir 09.09.2015
2. 56 qm fuer 140k ohne grund
Also das ist doch pure Abzocke. 2500 euro der Quadratmeter ohne Grund sind wohl ueberteuert.
rolandharry 09.09.2015
3. Forum und Funktion
Ein Teil der vorgestellten Arbeiten hat absolut nichts mit Baukunst zu tun, denn diese zeichnet sich aus, dass Formund Funktion im Gleichgewicht stehen. Treppen ohne Geländer, Proteste ohne Absturzsicherungen sind nur einige Beispiele, bei denen bereits aus den Fotos ersichtlich ist, dass die entworfenen Bauwerke eigentlich unbenutzbar und somit keineswegs auszeichnungswürdig sein können. Über sommerlichen Wärmeschutz und baulichen Holzschutz kann ich mich allein anhand der Bilder nicht äußern.
mikefromffm 09.09.2015
4. Tolle Beispiele ...
.. für zeitgenössischen Bau. Auffällig: Alle vorgestellten Häuser wurden auf dem Land gebaut.
111ich111 09.09.2015
5. Verboten, verboten, verboten
Fast alle dargestellten Häuser wären so in Deutschland verboten. Vom Bauen im Außenbereich (§ 35 BauGB) mal abgesehen, würden sie den Vorgaben der Landesbauordnungen, den technischen Vorschriften oder den Energiegesetzen widersprechen. In Neubaugebieten mit Bebauungsplan (§ 30 BauGB) würden schon die "Stadtplaner" im Rahmen eines Bebauungsplanes mit örtlichen Bauvorschriften dafür sorgen, dass die Hausformen nicht von den kindlichen Vorstellungen eines Hauses mit einem Dreieck auf einem Viereck abweichen. Planungen "von alten Männern für alte Männer" (also von beamteten Stadtplanern für gewählte Gemeinderäte) sorgen schon für die preußische Ordnung und Angleichung. Innovative, individuelle und gestalterische Abweichungen sind des Teufels ...
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