Nichtraucherschutz Fröhliches Qualmen auf Hamburgs geheimer Tabakmesse

In diesen Tagen treffen sich in der Hansestadt Zigarettenfirmen aus aller Welt. Doch die Messebetreiber verlieren kein Wort über die Veranstaltung. Nun droht ihnen Ärger, weil sie womöglich das strenge Nichtraucherschutzgesetz brechen.

Claus Hecking

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Hamburg - Hier kann man das Rauchen noch genießen. Lounge-Sessel, Schampus, Petits Fours. Hostessen in engen Kostümen, die Shishas, Zigarren, Zigaretten in allen Varianten reichen. Und kein Passivraucher motzt. Halle A4 der Hamburg Messe ist seit Dienstag ein Paradies für Nikotinfans. Ein süßlich-würziger Dunst steht im Raum. Ob an den Messeständen, auf den Gängen oder in den öffentlichen Sitzecken - überall qualmen, paffen, inhalieren Aussteller und Besucher der "World Tobacco 2013" nach Lungenlust. Dass Hamburg das Rauchen in öffentlichen Gebäuden streng verbietet, wissen nur die wenigsten. Die Messegesellschaft erlaubt es ja.

"Hier sieht es noch aus wie vor 25 Jahren", schwärmt Keith Harris, und seine Augen glänzen. Daheim in Großbritannien dürfe man auf Tabakmessen seit Jahren nicht mehr qualmen, erzählt der Miteigentümer des Messe-Veranstalters Quartz Business Media. "Aber in Hamburg ist das überhaupt kein Problem." Wirklich nicht? Behauptet die Hamburg Messe doch auf ihrer Internet-Seite: "In den Messehallen gilt absolutes Rauchverbot." Aber für die Tabak-Klientel macht das Unternehmen eine Ausnahme vom gesetzlichen Nichtraucherschutz. Eigenmächtig, ohne die Behörden um Erlaubnis zu fragen.

Die Hamburger Messegesellschaft pflegt einen merkwürdigen Umgang mit der "World Tobacco Europe 2013", der Gastveranstaltung, die an diesem Donnerstag zu Ende geht. 120 Ausstellerfirmen und mehr als tausend Besucher aus der großen weiten Nikotinwelt kommen zusammen, das ist beachtlich. Aber der auf Eigenmarketing sonst so erpichte Gastgeber erwähnt das Branchentreffen mit kaum einem Wort. Nicht einmal im Veranstaltungskalender taucht es auf. Während die Hamburg Messe andere Veranstaltungen mit überlebensgroßen Plakaten bewirbt, weist vor Halle A4 nur ein kleiner Aufsteller auf die "World Tobacco 2013" hin.

Misst Hamburg mit zweierlei Maß?

Am liebsten würde die Messegesellschaft diese Veranstaltung wohl totschweigen. "Woher wissen Sie überhaupt davon?", rutscht es einem Mitarbeiter heraus. "Die ist doch geheim." Und die hauseigene Presseabteilung will sich erst mal gar nicht zur World Tobacco Europe äußern. Sie verweist SPIEGEL ONLINE auf die Veranstalter.

"Rauchen ist ein sensibles Thema", sagt Keith Harris. Das findet auch ein Mitarbeiter des Veranstalters Quartz. Er will SPIEGEL ONLINE zunächst aus der Messe werfen - mit der Begründung: "Hier gibt es nichts Interessantes für Medien zu sehen." Aber sein Chef Harris schlägt dann doch lieber einen kurzen Rundgang vor. In Begleitung, versteht sich. "Hier sind nur Maschinenbaufirmen", sagt Harris zu Beginn der Tour. Als er die Stände der Zigarettenhersteller aus Dubai, Indien, Deutschland dann selbst nicht mehr übersehen kann, ruft er: "Das sind ganz legale Produkte!"

Natürlich, Zigaretten sind nicht verboten. Illegal ist nur das Rauchen in öffentlichen Gebäuden, so will es das Hamburger Passivraucherschutzgesetz. Ausnahmen gewährt das Regelwerk lediglich großen Gaststätten: sofern sie eine "raumlufttechnische Anlage" einrichten, die "eine von den übrigen Räumen getrennte Luftführung aus dem Raucherraum aufweisen" sowie "im Raucherraum einen Unterdruck erzeugen" muss. Und einmal jährlich müssen die Tausende Euro teuren technischen Wunderwerke auch noch auf Feinstaub untersucht werden. Davon abgesehen, rühmt sich die Hansestadt, "gilt in allen öffentlichen Gebäuden ein absolutes Rauchverbot". Bis auf Halle A4. Nun müssen die Messeteilnehmer um ihr Paradies bangen. "Unsere Kollegen werden sich das vor Ort anschauen", sagt eine Sprecherin des zuständigen Bezirksamts Eimsbüttel.

Messen unterliegen dem Nichtraucherschutz, auch Tabakmessen. Wie heikel das ist, wissen die Manager der Dortmunder Westfalenhallen. Sie hatten im Herbst die Inter-tabac zu Gast, und auch für die weltgrößte Branchenmesse hatte der Gesetzgeber ein Rauchverbot vorgesehen. Als Aussteller drohten, die Veranstaltung zu boykottieren und abzuwandern, mobilisierte das Management die Politik und warnte, die städtischen Hallen würden mehr als eine Million Euro Umsatz verlieren. Das zog.

Die Messeteilnehmer müssen um ihr Paradies bangen

Die Kommune Dortmund drohte der nordrhein-westfälischen Landesregierung eine Klage an. Nach langem Hin und Her ließ sich NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens auf eine Ausnahmeregelung ein, welche die Messehallen zu Raucherzonen erklärte. Als die Inter-tabac dann losging, organisierten Nikotin-Gegner eine Demonstration vor dem Messeeingang.

Derlei Ärger wollten sich die Verantwortlichen der Hamburg Messe ersparen. Sie haben gar nicht erst mit den städtischen Behörden über eine Ausnahmeregelung gesprochen, wie Messe-Pressesprecher Karsten Broockmann auf Nachfrage zugibt. Sondern in aller Stille das Rauchen freigegeben. Die "Tobacco World Europe" sei eine "reine Fachmesse", rechtfertigt das Broockmann: eine "geschlossene Veranstaltung", bei der ein sorgfältig ausgewählter Teilnehmerkreis unter sich sei. Dagegen allerdings sprechen die laxen Einlasskontrollen. Am Mittwochmittag etwa mussten Tagesbesucher bloß ein kurzes Formular ausfüllen, schon kamen sie rein. Ohne Alterskontrolle, nicht mal den Ausweis mussten sie zeigen. "So ist es nicht gedacht", räumt Broockmann ein. Und blickt wie ein Teenager, der beim heimlichen Rauchen erwischt wird.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Andreas80 14.11.2013
1. Wen kümmerts
Da gehen doch ohnehin nur Raucher hin. Nichtraucherschutz kann man sich also schenken. Sollen's genießen so lange es sie noch nicht dahinrafft.
profsurgical 14.11.2013
2. Und wer hat die verpfiffen ??
Man, das ist eine Raucher-Tabak-Messe ! Da soll man doch wohl rauchen dürfen !! Ansonsten bestimmte Zonen in der Halle als Raucherbereich einrichten oder draußen mit Zelt ! Das Ganze ist ja schon Kriminalisierung von Rauchern ! Da gibt es wohl Schlimmeres, nämlich echte Straftäter !!
uzsjgb 14.11.2013
3.
Zitat von Andreas80Da gehen doch ohnehin nur Raucher hin. Nichtraucherschutz kann man sich also schenken. Sollen's genießen so lange es sie noch nicht dahinrafft.
Wie kommen Sie darauf, dass alle Angestellten der Tabakfirmen selber Raucher sind? Und was ist mit den Angestellten der Messegesellschaft?
mccomment 14.11.2013
4. Sehe ich genauso...
Zitat von Andreas80Da gehen doch ohnehin nur Raucher hin. Nichtraucherschutz kann man sich also schenken. Sollen's genießen so lange es sie noch nicht dahinrafft.
Danke Andreas80. Es heißt ja nicht umsonst "Nichtraucherschutz". Und Nichtraucher sind auf einer Verbrauchsmesse für Rauchartikel eigentlich fehl am Platz. Wer schützt uns eigentlich vor amoklaufenden Beamten? Das sagt ein überzeugter Nichtraucher.
jphintze 14.11.2013
5. Petze!
"Unsere Kollegen werden sich das vor Ort anschauen", sagt eine Sprecherin des zuständigen Bezirksamts Eimsbüttel - Eigentlich unfair, erst nicht von der Messe geschmissen zu werden, einen Rundgang zu erhalten um dann doch noch die ganze Party beim Bezirksamt zu verpetzen. Seltsamer Stil ....
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