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Handelsplätze: Börsen-Megahochzeit mischt Finanzbranche auf

Von , New York

Die Deutsche Börse will die New Yorker NYSE schlucken. Das sorgt nicht nur in Manhattan für Wirbel. An den globalen Handelsplätzen findet eine Konsolidierungswelle statt. Am Ende werden nur noch wenige Superbörsen stehen.

Händler an der Wall Street: Fressen und gefressen werden Zur Großansicht
dpa

Händler an der Wall Street: Fressen und gefressen werden

Duncan Niederauer ließ sich nichts anmerken. Seelenruhig plauderte der Vorstandschef der New York Stock Exchange Euronext (NYSE) über Jahresbilanzen, Umsatzzahlen, Verlustmargen. Dank "signifikanter Investments" sei 2010 "ein Jahr bedeutsamen Fortschritts" gewesen, las er vom Blatt. "2011 werden wir uns darauf konzentrieren, diese Investments weiter erfolgreich einzusetzen."

Exakt eine Stunde dauerte Niederauers Telefonkonferenz mit neun Marktanalysten am Dienstagfrüh, vor Börsenbeginn. Das Spannendste, das der 50-Jährige auf der Agenda hatte, fand mit keinem Wort Erwähnung. Weder in den Ausführungen des Börsenchefs oder seiner Kollegen - noch in den Fragen der kundigen, sonst so gut informierten Analysten.

Erst tags darauf rückte die NYSE mit der Sensationsnachricht heraus - vorzeitig, widerwillig und nur, weil in den Handelssälen von Lower Manhattan und Frankfurt Gerüchte kursierten. Ja, bestätigten die NYSE und ihr europäischer Hauptrivale, die Deutsche Börse, in identischen Statements, es sei wahr: Man wolle fusionieren - zur größten Börse der Welt.

Eigentlich wollten sie den Coup erst kommende Woche bekanntgeben, als Fait accompli. Die Gespräche verliefen unter strengster Geheimhaltung, mit Codenamen und konspirativen Papieren. Immerhin waren zwei frühere Fusionsversuche im Sande verlaufen, 2008 und 2009. Immerhin käme es zumindest auf dem Papier einer Übernahme der NYSE gleich. Immerhin geht es um die globale Börsenmacht.

Doch die Börsenflüsterer waren besser informiert - weshalb beide Seiten gequält betonten, dass die "fortgeschrittenen Fusionsverhandlungen" längst nicht beendet seien, dass der Traum vom weltgrößten Börsenmonster noch platzen könnte. Selbst wenn eine Übereinkunft erzielt wird - die Wettbewerbshüter haben das letzte Wort, beiderseits des Atlantiks.

Solche Vorbehalte sind Routine, in diesem Fall aber durchaus angebracht. Der Superdeal markiert den Niedergang der stolzen NYSE, Sinnbild des amerikanischen Kapitalismus - und schon machte sich dort reflexartig Panik breit. "Wir sind doch das Symbol Amerikas", stöhnte ein Händler auf dem Parkett. "Das ist ein schwerer Schlag."

"Eine unangreifbare Position"

Vermeiden lassen wird sich das Schicksal letztendlich nicht. Die geplante Börsenehe zwischen New York und Frankfurt gilt als Omen einer neuen internationalen Konsolidierungswelle, die alle früheren Fusionen in den Schatten stellen dürfte. Grund: Im Alleingang haben die traditionellen nationalen Börsenplätze einen immer schwereren Stand gegen elektronische Handelsplattformen. Folge: Globale Börsenmultis sind die Zukunft.

Seit Januar 2000, so hat der Wirtschaftsdienst Bloomberg errechnet, hat es internationale Börsenfusionen im Gesamtwert von fast einer Billion Dollar gegeben. Seit einer Rezessionspause geht es nun wieder Schlag auf Schlag. Die Fusionsanwältin Ava Yaskiel (Kanzlei Ogilvy Renault) umschrieb das Klima am Mittwoch im "Wall Street Journal" lapidar so: "Fressen oder gefressen werden."

Eigentlich wollte die Londoner Stock Exchange (LSE) am Mittwoch die Schlagzeilen beherrschen: Sie hat die Übernahme der Börse Toronto (TMX) bereits eingetütet - und diese Nachricht trat dann in der Szene die Gerüchte um die NYSE los. Mit ihrer Vorankündigung stahlen Niederauer und Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni den Londonern die Show.

"Es herrscht ein Wettrennen zwischen Börsen, die immer größer werden", sagte Analyst Elie Darwish der "New York Times". Die Fusion gäbe der Deutschen Börse und der NYSE weltweit "eine unangreifbare Position".

Die Verschmelzung der beiden Börsen würde einen Konzern mit einem kombinierten Kapitalwert von 25,7 Milliarden Dollar schaffen und sowohl den an Bedeutung schrumpfenden Aktienhandel wie auch die immer wichtigeren Termingeschäfte in Europa und Nordamerika beherrschen - mit Marktplätzen in Frankfurt, New York, Paris, Amsterdam und London.

Codename "Rudolf"

Für Frankfurts Börsenboss Francioni wäre dies ein großer Erfolg nach einer langen Geduldsprobe. Schon mehrmals hat er internationale Zusammengänge versucht, stets vergeblich. Auch mit der NYSE hatte er schon 2008 und 2009 geflirtet. Damals trug das Arbeitspapier zu einer Fusion mit der NYSE den Codenamen "Rudolf".

Das 13-seitige Memorandum habe Grundsätze enthalten, die auch bei der jetzigen Transaktion zum Tragen kommen dürften: Francioni wäre Chairman der neuen Superbörse, mit Dienstsitz in Frankfurt, Niederauer würde als Vorstandschef in New York bleiben, hinzu käme ein Direktorium amerikanischen Stils, das paritätisch je zur Hälfte aus beiden Konzernen stammen sollte.

Die Gespräche sollen damals unter anderem daran gescheitert sein, dass die Deutschen Angst gehabt hätten, zu einer "Filiale" der New Yorker zu verkommen, so wie das Euronext ergangen sei. Dieses Problem scheint nun aus dem Weg geräumt: Die Aktionäre der Deutschen Börse sollen 59 bis 60 Prozent der Anteile an dem neuen Unternehmen halten.

Das sorgte in New York für Aufruhr. "Die US-Shareholder verlieren ihre mehrheitliche Kontrolle", klagte CNBC den ganzen Mittwoch. Auch UBS-Händler Art Cashin, eine Institution auf dem NYSE-Parkett, zeigte sich unsicher, obwohl er die Gemüter ringsum zu beruhigen versuchte: Dass Niederauer als CEO bleiben solle, lasse zwar den "weiter starken Einfluss der NYSE" erhoffen. "Aber uns fehlen noch viele Details."

Die NYSE hat solo keine Zukunft. Ihr Marktanteil schrumpft. Der klassische Aktienhandel verliert an Bedeutung. Listings wandern ins Ausland ab. Das telegene Handelsparkett, hier noch so gepflegt und gebohnert wie sonst nirgends, ist längst ein Relikt der Vergangenheit und wird bald ganz verschwinden.

Schwer bekömmlicher Gedanke

Die NYSE-Bilanzzahlen, die Niederauer am Dienstag bekanntgab, waren alles andere als berauschend: Im vierten Quartal 2010 lag der Gewinn um 21 Prozent unter dem Gewinn des Vorjahresquartals, dank eines erstarkenden Dollars und des schwächelnden Handelsvolumens auf beiden Kontinenten.

"Die traditionellen Börsen verlieren dramatisch an Marktanteil", sagte der frühere NYSE-Direktor Kenneth Langone auf CNBC. "In der Industrie herrscht der elektronische Handel." Einzige Rettung für ein Haus wie die NYSE: "Kosten senken."

300 Millionen Euro (410 Millionen Dollar) soll die Fusion den beiden Konzernen sparen. Auch soll sie ihnen eine stärkere Präsenz in den globalen Options- und Derivatenmärkten geben, wo inzwischen viel mehr Geld zu verdienen ist. Aus ähnlichem Grund hatte die NYSE 2007 nach Euronext gegriffen - wegen deren Futures-Exchange LIFFE in London.

Bevor die Mega-Hochzeit über die Bühne geht, haben aber noch die Monopolhüter das Sagen. Vor allem in den USA könnte es politischen Widerstand geben: Der Gedanke, dass die US-Ikone NYSE geschluckt wird, ist für viele hier schwer bekömmlich. Ein Kontinente umspannender Moloch wird zudem etliche Wettbewerbsfragen aufwerfen.

Gleiches gilt in Kanada für den Zusammenschluss von LSE und TMX: Die Fusion muss gleich mehrere Hürden nehmen, in den Provinzen Ontario und Quebec, womöglich auch im kanadischen Parlament.

"Börsen sind jetzt schon zu machtvoll", schimpfte Finanzanalyst Jon Ogg auf seinem Börsenblog "24/7 Wall St.". Die Welt der Finanzplätze könnte sich "buchstäblich auf ein paar wenige Akteure reduzieren", die keine Konkurrenz mehr hätten. "Wann ist es genug?", fragte er und schloss mit einem Appell an die Regulatoren: "Just say no."

Top-Börsenfusionen seit 2000
Datum Handelsplätze Beteiligte Länder Wert (in Mio USD)
1 17. Oktober 2006 CBOT Holdings / Chicago Mercantile Exchange USA 11.065
2 27. März 2008 Bovespa Holding / BM&F Brasilien 10.309
3 22. Mai 2006 Euronext / NYSE Group Niederlande / USA 10.203
4 25. Oktober 2010 ASX Ltd. / Singapore Exchange Australien / Singapur 8305
5 28. Januar 2008 NYMEX Holdings / CME Group USA 7555
6 25. Mai 2007 OMX AB / Nasdaq Stock Market Schweden / USA 4109
7 17. August 2007 OMX AB / DIFC Schweden / Vereinigte Arabische Emirate 3397
8 9. Februar 2011 TMX Group / London Stock Exchange Group Kanada / Großbritannien 2976
9 30. April 2007 International Securities Exchange Holdings / Eurex USA / Deutschland 2821
10 20. April 2005 New York Stock Exchange / Archipelago Holdings USA 2259
Quelle: Thomson Reuters

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insgesamt 67 Beiträge
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1. ohlh
Stäffelesrutscher, 10.02.2011
Schwachsinn hat in der Finanzwelt eben immer noch Konjunktur. Immer höher, weiter, mächtiger und gigantischer ist noch lange nicht am Ende angelangt. Auf eine neue Finanzkrise durch weiter ungezügeltes Wachstum der perversen Börsenspinner.
2. Börse ist nicht gleich Börsenbetreiber
Schubbidubbidu, 10.02.2011
Zitat von sysopDie Deutsche Börse will die New Yorker NYSE schlucken. Das sorgt nicht nur in Manhattan für Wirbel. Aufzuhalten ist die Fusion aber kaum: Eine Konsolidierungswelle*findet an den globalen Handelsplätzen statt. Am Ende werden nur noch wenige, mächtige Superbörsen stehen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,744659,00.html
Man muss zwischen den Börsen, im Sinne einer Veranstaltung, und den Börsenbetreibern unterscheiden. Hier fusionieren die Börsenbetreiber. Welche Auswirkungen das auf die Börsen haben wird, ist derzeit unklar.
3. ..und wer hat dann das Sagen?
RaMaDa 10.02.2011
Die Deutsche Börse will die NYSE schlucken und ein Amerikaner soll der neue Superboss werden - nein danke.
4. Und 60 % Anteil der DE-Börse??
flower power 10.02.2011
Das ist doch etwas oberfaul. Wetten ? Na ja, die Zeche dürfen dann wieder die Steuerzahler blechen.
5. Gähn....
fatherted98 10.02.2011
...solche Fussionen standen doch schon mehrfach im Raum...ist doch bisher nie was draus geworden....also gähn....ist das wohl wieder mal eine Nachricht um der Nachricht Willen?!
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