Handy-Hersteller Jiayu Kopisten in Kassel

Mit Nachbauten von Apple- und Samsung-Smartphones strebt der chinesische Hersteller Jiayu nach Deutschland. Im Interview verwahrt sich der Firmenchef gegen seinen Ruf als Plagiator. Im Gegenteil, er warnt lautstark vor Kopien seiner Kopien.

Jiayu-Filiale in Kassel: Alle Zeichen stehen auf Expansion
JIAYU

Jiayu-Filiale in Kassel: Alle Zeichen stehen auf Expansion

Von Felix Wadewitz, Hongkong


Zhang Guojin ist ein stolzer Unternehmer. Fast zärtlich streichelt der Chef des Handy-Herstellers Jiayu über die Kanten seines neuesten Smartphones, preist die technischen Fähigkeiten, lobt die genaue Verarbeitung. "Über ein Jahr haben unsere Designer an der Optik gefeilt", sagt Zhang.

Was die Designer so lange gemacht haben, wird ihr Geheimnis bleiben. Denn was Zhang, 45, präsentiert, sieht für den unbedarften Betrachter ziemlich genau wie ein neues iPhone aus, mal abgesehen davon, dass jene große runde Taste fehlt, die bei Apple-Geräten stets unter dem Display zu finden ist. Auch die anderen Handys, die Zhang präsentiert, wirken mitunter wie 1:1-Nachbauten der großen Vorbilder Apple und Samsung.

BaoJi Jiayuyutong Electronic Technology

Seine Kopien will Jiayu neuerdings auch in Deutschland im großen Stil verkaufen. Das Onlinegeschäft wird zügig ausgebaut. Und in Kassel gibt es inzwischen eine selbstbewusst als "Flagship-Store" bezeichnete Filiale. Alle Zeichen stehen auf Expansion. Doch Zhang sorgt sich um seinen guten Ruf.

Denn die Kopiererfirma Jiayu wird selbst kopiert. Ausgerechnet die Top-Modelle G4S und G5S werden nachgeahmt und als billige China-Kopien auf dem Online-Verkaufsportal aliexpress.com feilgeboten. Die Kopierer benutzen nicht nur denselben Namen für die Geräte - sondern auch noch das Logo von Jiayu.

"Das darf nicht sein", schimpft Zhang. "Das ist einfach schlechtes Benehmen. So etwas kratzt an unserem Image, das müsste doch verboten sein! Wir werden auf jeden Fall dagegen vorgehen!"

Deutet man vorsichtig an, dass er es vielleicht nicht ganz so dreist treibe, aber doch so ähnlich, schüttelt Zhang den Kopf. Nein, nein, das sei etwas ganz anderes. Er verkaufe schließlich nichts unter dem Namen Apple. Er orientiere sich lediglich an dem Design aus Kalifornien. Und das machen Zhang zufolge doch schließlich alle.

"Es ist Diebstahl, und es ist Faulheit"

Die ganze Branche richte sich nach den Entwürfen aus Cupertino, das könne man ihm nicht zum Vorwurf machen. "Die Entwicklung der Smartphones ist so weit fortgeschritten, dass es fast unmöglich ist, mit einem völlig neuen Design zu überraschen", fügt Zhang hinzu. Mit der Zeit werde er sicher auch stärker eine eigene Formensprache entwickeln und so unterscheidbarer werden.

Jan Jirsa, Deutschland-Chef von Jiayu, hat noch ein weiteres Argument parat. "Im preiswerten Segment orientiert man sich eben an den Edelmodellen, das ist bei den Smartphones genauso wie in der Automobilindustrie, wo sich die Masse an Mercedes oder BMW orientiert", sagt er. Die meisten Konsumenten könnten Autos beim schnellen Hinsehen kaum voneinander unterscheiden. Aber die Nachahmer würden ihre Kopien ja nicht BMW nennen.

Chinas Handy-Marktführer Xiaomi sieht das ganz ähnlich. Dessen Firmenboss, Lei Jun, kopierte eine Weile nicht nur die Formsprache von Apples Smartphones, sondern auch den inzwischen verstorbenen Firmengründer Steve Jobs. Lei zog sich dasselbe an wie Jobs und kopierte bei Präsentationen für seine Handys sogar Jobs' Gesten. Auch er versteht seine Nachahmungen als Lob.

Imitation statt Neuentwicklung

Wo fangen Plagiate an? Bei Formen, Ideen, Namen? Es ist eine fast schon philosophische Frage, die, je nachdem wo sich eine Firma in der Wertschöpfungskette der Kopisten befindet, ganz unterschiedlich interpretiert wird.

Der Regierung in Peking freilich wäre es lieber, wenn all die kreative Energie, die für das Ersinnen solcher Argumentationslinien nötig ist, für andere Zwecke verwendet würde. Oft hat sie den Wandel von der Kopier- zur Innovationswirtschaft beschworen. Milliarden hat der Staat in Forschung und Entwicklung gepumpt, überall im Land werden Start-up-Zentren aus dem Boden gestampft.

Einzelne Hightech-Leuchttürme wie der Internetkonzern Tencent haben zudem dafür gesorgt, dass die Forschungsausgaben der chinesischen Firmen in diesem Jahr um 46 Prozent auf insgesamt 30 Milliarden Dollar nach oben geschossen sind, wie eine Studie der Unternehmensberatung Strategy& (früher Booz & Company) ermittelte. Im Verhältnis zur Größe der Wirtschaft und im Vergleich mit anderen Volkswirtschaften ist das aber immer noch wenig: Allein japanische Unternehmen investieren der Studie zufolge 116 Milliarden Dollar pro Jahr in Forschung und Entwicklung. In Europa sind es fast 200 Milliarden Dollar und in Nordamerika 256 Milliarden Dollar.

Chinas Unternehmen setzten statt auf Neuentwicklungen häufig noch auf Imitation und die Verbesserung bestehender Produkte. Dank immer noch niedriger Kosten sind diese dann häufig am Weltmarkt besonders erfolgreich.



insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Trainspotter 02.01.2015
1. Mal sehen
… wie lange dieser Laden offen sein wird. Soweit ich weiß, fällt das nach deutscher Rechtsprechung nämlich trotzdem unter Plagiat. Ich kann auch kein Auto unter dem Firmennamen Thor auf den Markt bringen, was genau aussieht wie ein Audi, nur anders heißt.
sabrina1111 02.01.2015
2. Dann doch lieber die Originale...
Auch in China ist man ja mittlerweile auf der Hut vor Kopien, selbst wenn man selbst jahrelang abgekupfert hat! Zu viele Unternehmen aus dem Westen ziehen aber den Schwanz ein, weil sie weiterhin in China mitmischen wollen. Das kann ich nicht nachvollziehen. Kärcher hat doch auch einen Gerichtskampf gewonnen gegen die chinesischen Plagiatoren, oder? Hier gibt es was Gutes zu chinesischen Business-Strategien: http://interculturecapital.de/chinesische-business-strategien-verhandlungen-in-china
hansgustor 02.01.2015
3. Danke
.. für diesen nichts sagenden Artikel. Außer "Chinesen sind alle Plagiatoren" steht mal wieder nichts drin. Ja, das Design ist abgekupfert, so wie das Samsung auch macht und vor Gericht freigesprochen wurde. Über die Firma JiaYu und das Innenleben der Handys weiß ich jetzt immer noch nichts.
moomendema 02.01.2015
4.
Zitat von Trainspotter… wie lange dieser Laden offen sein wird. Soweit ich weiß, fällt das nach deutscher Rechtsprechung nämlich trotzdem unter Plagiat. Ich kann auch kein Auto unter dem Firmennamen Thor auf den Markt bringen, was genau aussieht wie ein Audi, nur anders heißt.
Thor...gute Idee...
thelix 02.01.2015
5.
Zitat von Trainspotter… wie lange dieser Laden offen sein wird. Soweit ich weiß, fällt das nach deutscher Rechtsprechung nämlich trotzdem unter Plagiat. Ich kann auch kein Auto unter dem Firmennamen Thor auf den Markt bringen, was genau aussieht wie ein Audi, nur anders heißt.
Das ist natürlich richtig, aber Sie wollen doch nicht ernsthaft Die Gestaltungsmöglichkeiten eines Autos mit denen eines Smartphone vergleichen… oder? ^^ Ersteres bietet zigmal mehr Designvarianten, wohingegen ein Smartphone zuerst mal EINES ist: ein großer, rechteckiger Bildschirm. Die wenigen Möglichkeiten, sich optisch von Mitbewerbern abzuheben, bestehen aus "innovativem" Design der Rückseite und Seiten… wobei "innovativ" leiderleider nicht zwingend "sinnvoll" bedeuten muss.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.