Zum Tod von Hans Riegel: Der Mann mit dem Bärenhunger

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Aus der väterlichen Bonbonküche formte er den globalen Süßwarenkonzern Haribo: Hans Riegel war ein Jahrhundertunternehmer, der die Tugenden der sozialen Marktwirtschaft wie kein Zweiter verkörperte. Und dabei nie sein kindliches Gemüt verlor.

Bonn - Hans Riegel war an diesem Junitag des Jahres 1986 mal wieder zu Scherzen aufgelegt: Er habe gerade Maoam geschluckt, prahlte der Haribo-Chef vor einem Reporter. Auf die Frage "Ein Kaubonbon?" hatte Riegel nur gewartet. "Nein, das Unternehmen", antwortete er triumphierend. "Machte besonderen Spaß, war ja früher ein Konkurrent."

Knallharter Unternehmer und Scherzbold, Workaholic und Bonvivant: So vielseitig wie der Bonner Bärchenproduzent war kaum ein Firmenchef. Und doch stand er vor allem für eines: Hans Riegel war Haribo und Haribo Hans Riegel; selten ging ein Unternehmer so auf in seinem Werk. In seinen 67 Jahren an der Spitze formte er aus der Bonbonküche seines Vaters Hans senior einen globalen Süßwarenriesen mit geschätzt zwei Milliarden Euro Umsatz, dessen Goldbären, Gummischnuller und Lakritzschnecken in 110 Ländern gegessen werden.

Am 15. Oktober ist Hans Riegel im Alter von 90 Jahren gestorben.

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Hans Riegel ist tot: Der Jahrhundertunternehmer
Der Bonner war der Archetyp des rheinischen Kapitalisten alter Schule: Fleiß und Verantwortung, Hartnäckigkeit und Geschäftssinn; wie kaum ein anderer stand er für die Werte, die seine Unternehmergeneration auszeichneten. Gerade aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, übernahmen Hans Riegel und sein Bruder Paul 30 Angestellte, zehn Sack Zucker und das geheime Gummibärenrezept, das bis heute Verkaufserfolge garantiert. Der stille Paul entwickelte Maschinen, die Lakritze wickelten, der leutselige Hans feilte an den ersten Werbespots.

Banken kamen Riegel nicht ins Haus

Die Arbeitsteilung der ungleichen Riegels ging auf: Die fröhliche Lakritzstange ("Gesundheit nicht vergessen, Lakritzen essen!") und den noch vom Vater stammenden Spruch "Haribo macht Kinder froh" kannte in der jungen Republik bald jeder. Obwohl die Goldbärenproduktion zur Goldgrube wurde und Haribo einen Konkurrenten nach dem anderen schluckte, blieb der Jungunternehmer auf dem Boden: Als die örtliche Sparkasse wegen eines um wenige Tage verspäteten Kredits Zuckersäcke auf dem Werksgelände pfänden wollte, schwor sich Riegel, nur noch mit eigenem Geld zu wachsen.

An dieser Linie hielt er sein Leben lang fest: Als Warren Buffett 2008 in Bonn anklopfte, ließ Riegel den amerikanischen Starinvestor abblitzen. Was der Multimilliardär anzubieten hatte, interessierte Riegel nicht: "Geld war nie meine Motivation. Ich weiß nicht mal, wann ich meine erste Million zusammenhatte."

Riegel wollte Herr im eigenen Hause sein. Keine Gummikreation ging in Serie, wenn sie dem Chef nicht schmeckte. Als Verkäufer machte ihm ohnehin niemand etwas vor: Wo die Konkurrenz einem angeblich so flatterhaften Massengeschmack hinterherhechelte, mischte Riegel seine Gummitiere weiter stur nach Familienrezept. Dass er den "Tanzbär" seines Vaters 1960 zum "Goldbär" umtaufte und um "Erwachsene ebenso" warb, blieben die einzigen Revolutiönchen im Bären-Reich. Was funktionierte, blieb bestehen. Thomas Gottschalk brachte Riegels Hang zur Kontinuität den längsten Werbevertrag der Weltgeschichte ein.

Postkontrolle für das Unternehmenswohl

Teilweise trieb Riegels hemdsärmeliger Fabrikdirektoren-Stil aber auch seltsame Blüten: So las der Firmenchef jeden Morgen die Briefe seiner Manager, bevor er sie ihnen in einer "Postbesprechung" persönlich austeilte. E-Mails aller Mitarbeiter wurden "bei begründetem Anlass" kontrolliert. Alles aus Sorge um das Wohl der Firma: "Sonst würden die unangenehmen Briefe in der Schublade verschwinden", rechtfertigte Riegel die Postkontrolle, "und ich würde den Überblick verlieren".

Doch Hans II., wie ihn manche nannten, regierte über seine rund 6000 Mitarbeiter als wohlwollender Hegemon. Er zahlte gut und ließ Angestellte günstig in seinen eigenen Häusern wohnen. Auf die opulenten Betriebsfeste holte der begeisterte Karnevalist die "Bläck Fööss" oder griff selbst zum Saxofon. Ein asketischer Geizhals, den nur das Geschäft umtrieb, war Riegel nie. Als junger Mann brachte er Badminton von einer Dienstreise aus Dänemark nach Deutschland und wurde der erste deutsche Meister im Herrendoppel. Später entdeckte er seine Leidenschaft für Hubschrauber und jagte Hirsche in seinem 4800 Hektar großen Revier in der Steiermark.

Seine größte Passion blieb aber die Arbeit: "Ich bin fast täglich im Büro", sagte er noch vor kurzem voller Stolz. In der "Kanzel", seiner verglasten Kommandozentrale mit Blick auf das ganze Bonner Werk, tüftelte er an neuen Fruchtgummis: Ingwer-Zitronen für die Erwachsenen, Gummischnuller für die Kinder, Schaumfußbälle für die Sportfans und Goldbären für alle. Fast immer traf er den Geschmack der Deutschen und der Welt.

Die "Scharfen Möpse" bringen den Chef zum Lachen

Auch im hohen Alter verlor er seine Kernzielgruppe nie aus den Augen: Hinter Riegels mächtiger Stirn verbarg sich ein unverbesserlicher Kindskopf, der Goldbären direkt vom Band naschte, "Die Sendung mit der Maus" schaute und sich über die Fruchtgummisorten "Scharfe Möpse" oder "Arsch mit Ohren" köstlich amüsieren konnte. Was Kinder froh macht, machte auch Hans Riegel froh.

So war Haribo für Riegel nicht nur Lebenswerk, sondern auch Jungbrunnen. Mit Bonmots wie "Wer früh in Rente geht, wird schneller alt" oder "Mir geht es montags gesundheitlich immer besser als sonntags" ließ er sich noch weit jenseits des gesetzlichen Rentenalters zitieren. Dass es anders auch gar nicht gegangen wäre, war Riegel schmerzlich bewusst: "Ohne die Firma werde ich krank."

Man ließ ihn gewähren, weil der Übervater dem Unternehmen bis zum Schluss diente und fähige Adjutanten aufbaute. Als im Juli 2013 ein Tumor aus Riegels Gehirn entfernt werden musste, übernahmen Vertreter für mehrere Monate Marketing und Vertrieb. Der Fortbestand als Familienunternehmen wurde schon nach dem Tod von Paul Riegel im Jahr 2009 garantiert. Die neu gegründete Holding führten Hans Riegel und sein Neffe Hans-Guido seitdem gemeinsam. Nun hinterlässt Riegel der nächsten Generation ein gesundes Unternehmen.

"Ich wollte einfach nur etwas aus dem Lebenswerk meines Vaters machen", sagte der Multimilliardär einmal. Ein schlichter Wunsch. Hans Riegel hat ihn sich ein Leben lang erfüllt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 122 Beiträge
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    Seite 1    
1. so einfach kann das Leben sein
limubei 15.10.2013
"Ich wollte einfach nur etwas aus dem Lebenswerk meines Vaters machen", sagte der Multimilliardär einmal. Ein schlichter Wunsch. Hans Riegel hat ihn sich ein Leben lang erfüllt. Und täglich naschen, tüfteln und probieren.
2.
glen13 15.10.2013
Zitat von sysopJürgen Bindrim/ laifAus der väterlichen Bonbonküche formte er den globalen Süßwarenkonzern Haribo: Hans Riegel war ein Jahrhundertunternehmer, der die Tugenden der Sozialen Marktwirtschaft wie kein zweiter verkörperte. Und dabei nie sein kindliches Gemüt verlor. Haribo: Zum Tod von Hans Riegel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/haribo-zum-tod-von-hans-riegel-a-927976.html)
Ein großartiger Mensch und toller Unternehmer. Solche Klasse - Typen sind heute eine Rarität.
3. Frage
vrdeutschland 15.10.2013
Ob die Nachfolgegeneartion Warren Buffet oder einen anderen "Investor" ebenso nach draussen begleiten lassen würde ? Wir werden sehen...
4.
multi_io 15.10.2013
Zitat von limubei"Ich wollte einfach nur etwas aus dem Lebenswerk meines Vaters machen", sagte der Multimilliardär einmal. Ein schlichter Wunsch. Hans Riegel hat ihn sich ein Leben lang erfüllt. Und täglich naschen, tüfteln und probieren.
War das der Typ, der in dem einen Werbespot Gottschalk die Goldbären klaut und sagt "Tommy, du darfst alles essen, aber nicht alles wissen"?
5.
okokberlin 15.10.2013
eine herausragende unternehmerpersönlichkeit. mein beileid der familie.
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