Von David Böcking
Hamburg - Auch an der Spitze von Air Berlin blieb Hartmut Mehdorn ganz der Alte. Im Mai 2012 etwa konnte man ihn bei einem Parlamentarischen Abend in Berlin dabei erleben, wie er sich über die schon damals skandalträchtigen Verzögerungen beim neuen Großstadtflughafen BER aufregte. Manch einer hätte wohl vergessen, ätzte Mehdorn, "dass die Erdachse eben nicht durch den Nabel von Berlin geht".
Am Sonntagabend wurde bekannt, dass sich die BER-Eröffnung erneut verschiebt. Mehdorn wäre auch diesmal sicher ein netter Kommentar eingefallen, doch als Air-Berlin-Chef wird er ihn nicht mehr abgeben können: Am Montagmorgen teilte die Fluggesellschaft mit, dass der bisherige Strategievorstand Wolfgang Prock-Schauer mit sofortiger Wirkung zum neuen Konzernchef wird.
Der genaue Zeitpunkt von Mehdorns Rückzug kommt überraschend. Doch von vornherein trat der 70-Jährige als Interimschef an, als er die Konzernführung im September 2011 vom befreundeten Air-Berlin-Begründer Joachim Hunold übernahm.
Zumindest charakterlich bedeutete das Kontinuität: Hunold ist ebenso als Haudegen mit einer Vorliebe für markige Sprüche bekannt wie Mehdorn. Der hatte in zehn Jahren als Bahn-Chef zwar erfolgreich den ehemaligen Staatskonzern auf Gewinn getrimmt, war dabei aber immer wieder mit seiner undiplomatischen Art angeeckt, bis er schließlich über eine Affäre um die Bespitzelung von Mitarbeitern stolperte.
"Das wesentliche Ziel hat Mehdorn erfüllt: die Kosten in den Griff zu bekommen", sagt Sebastian Hein, Luftfahrt-Analyst beim Bankhaus Lampe. Air Berlin schrieb zwar auch unter dem neuen Chef noch rote Zahlen, immerhin wurden die Verluste aber reduziert. "Air Berlin ist heute viel besser aufgestellt als vor Mehdorns Antritt", sagt Hein. "Doch er ist den Beweis schuldig geblieben, dass das Unternehmen auch wieder Gewinn machen kann."
Umstrittenes Manöver mit den Meilen
Zwar dürfte die Fluggesellschaft schon im März bei der Vorlage der Jahresbilanz für 2012 ein Plus ausweisen. Allerdings wird diese vor allem durch ein umstrittenes Manöver zustande kommen: den Verkauf des eigenen Vielfliegerprogramms an den Großaktionär Etihad. Der Einstieg der Golf-Airline vor einem Jahr war wohl der größte Coup in Mehdorns kurzer Zeit als Air-Berlin-Chef. Von "einzigartigen Möglichkeiten für die Zukunft unseres Unternehmens" schwärmte er nach Bekanntgabe des Deals.
Mehdorns persönliche Möglichkeiten könnte der Etihad-Einstieg aber eher begrenzt haben. Schon im Sommer wurden Spekulationen laut, wonach Etihad-Chef James Hogan wegen anhaltender Verluste eine Ablösung von Mehdorn forderte. In Abu Dhabi wurde das zwar strikt zurückgewiesen, doch offenbar hat Etihad Mehdorn nicht gerade zum Bleiben gedrängt. Immerhin hatte der zunächst erklärt, seine Amtszeit werde "sicher eineinhalb Jahre oder gegebenenfalls auch mehr" betragen.
Deshalb darf man bezweifeln, ob Mehdorn wirklich gerade jetzt, wie er beteuert, "die richtige Zeit für den Führungswechsel" gekommen sah. Den "Turnaround", die echte Kehrwende, konnte er bei Air Berlin genauso wenig verkünden wie er bei der Deutschen Bahn sein erklärtes Ziel des Börsengangs durchsetzen konnte. Für 2013 erwartet Luftfahrtexperte Hein keine schwarzen Zahlen bei Air Berlin, erst 2014 könne das Unternehmen operativ wieder Gewinn machen - ein Erfolg, der dann Mehdorns Nachfolger Prock-Schauer zugeschrieben würde.
Zumindest aus Sicht der Air-Berlin-Mitarbeiter könnte der Führungswechsel aber tatsächlich zur rechten Zeit kommen. Im Unternehmen wächst der Widerstand gegen den harten Sparkurs, das zeigen auch Proteste gegen zunehmendes Lohndumping bei Piloten. Prock-Schauer kann sich nun um einen versöhnlicheren Kurs bemühen, da die Sparmöglichkeiten vorerst ausgeschöpft sind und sich eindeutig mit dem Namen Mehdorn verbinden. Einmal mehr geht der Bahn-Chef also als respektierter, aber ungeliebter Sanierer von Bord - eine Rolle, die er in diesem Leben wohl nicht mehr los wird.
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