Hauptstadtflughafen: Mehdorn macht sich vergebens für geschassten Architekten stark

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Flughafenchef Mehdorn (l), Aufsichtsratschef Platzeck: Klage gegen Gerkan wichtiger Zur Großansicht
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Flughafenchef Mehdorn (l), Aufsichtsratschef Platzeck: Klage gegen Gerkan wichtiger

Dämpfer für den Macher: Der Aufsichtsrat sperrte sich gegen den Wunsch von Flughafenchef Hartmut Mehdorn, den Architekten Meinhard von Gerkan zurückzuholen. Wer soll jetzt Ordnung in das Chaos auf der Baustelle bringen?

Ihm eilt der Ruf eines sturen Berserkers voraus, der seine Geschäftspartner in Freunde und Feinde aufteilt: Wer es sich einmal mit Hartmut Mehdorn verdorben hat, hat bei ihm nichts mehr zu gewinnen. Doch jetzt, beim wohl schwierigsten Auftrag seiner langen Karriere, wollte der 70-jährige Manager ausgerechnet einen Mann ins Boot holen, dem er seit Jahren in herzlicher Abneigung verbunden ist. Und er verteidigte ihn auch noch gegen alle Widerstände.

Es geht um Meinhard von Gerkan. Jenen Architekten, der den Flughafen Berlin-Brandenburg entworfen hat und nun von den Anteilseignern für die blamable Verzögerung beim Bau verantwortlich gemacht wird. Mehdorn soll die Karre jetzt aus dem Dreck ziehen und setzte dabei auf Gerkan und seine Leute, die die Baustelle kennen, wie kaum jemand sonst.

Überworfen hatten sich die beiden, als es um den Bau des Berliner Hauptbahnhofs ging. Um das Drehkreuz rechtzeitig zur WM 2006 eröffnen zu können, verzichtete Mehdorn kurzerhand auf etliche Meter des luftigen Glasdachs über den Bahnsteigen und ersetzte die geplante Gewölbekonstruktion im Kellergeschoss durch eine profane Flachdecke. Gerkan wütete anschließend öffentlich gegen die "Verstümmelungen", die seinem Entwurf angetan worden seien. Am Ende trafen sich die Streithähne vor Gericht.

Platzeck will Klage gegen Gerkan nicht fallen lassen

Wäre es nach Mehdorn gegangen, hätte Gerkan nun seine Arbeit in Schönefeld an der Stelle wieder aufgenommen, an der er sie nach dem fristlosen Rausschmiss der Planungsgesellschaft (sie besteht aus Gerkans Büro gmp und dem Frankfurter Architekturbüro JSK) im Mai vergangenen Jahres beendet hatte. Doch diese Möglichkeit hatte Aufsichtsratschef Matthias Platzeck schon im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung am Freitag kategorisch ausgeschlossen. Schon allein, weil der laufende Rechtsstreit gegen die Planer auf jeden Fall weitergeführt werden solle. Auch Berlin als zweiter Anteilseigner denkt nicht daran, die Forderung nach Schadensersatz aufzugeben. Und auf der heutigen Sitzung ließen sich die beiden nicht umstimmen.

Mehdorn bleibt nun die undankbare Aufgabe, trotz der vergifteten Atmosphäre wichtige Planer von gmp für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Dabei ist Mehdorn auch noch gehalten, alles zu vermeiden, was Richter als Entlastung für Gerkan werten könnten.

Dabei hätte es durchaus Argumente gegeben, die Gerkan-Truppe wieder einzusetzen und die Klage fallenzulassen, bei der es um 80 Millionen Euro geht. In Expertenkreisen wird die Abberufung schon seit langem kritisch gesehen. Der Stillstand auf der Baustelle sei hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Expertise der Planer weggefallen sei, heißt es. Kalkuliert man nun für jeden Monat Verzögerung einen Schaden von 15 Millionen Euro, dann würde es schon genügen, die Eröffnung gemeinsam mit gmp sechs Monate früher zu schaffen um die maximale Schadensersatzsumme zu übertreffen. Zumal die Klage ohnehin auf wackeligen Beinen steht.

Immerhin folgte der Aufsichtsrat in einigen anderen Punkten dem neuen BER-Chef. Sein Konzept, Sprint genannt, wurde weitgehend unverändert durchgewunken. Außerdem wird der Chef des Paderborner Flughafens, Elmar Kleinert, künftig als Betriebsleiter für Tegel und Schönefeld Mehdorns Mannschaft verstärken.

Verhandlungen mit neuem Finanzchef

Platzeck, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und der Verkehrsstaatssekretär des Bundes, Rainer Bomba (CDU), sprachen auch über den angekündigten neuen Posten eines Finanzgeschäftsführers bei der Flughafengesellschaft. Nach Informationen des "Tagesspiegels" soll es sich um Heike Fölster handeln. Fölster ist derzeit Vizechefin des Dienstleistungskonzerns Germanischer Lloyd und als solche für Finanzen und Controlling zuständig. Flughafensprecher Ralf Kunkel wollte den Zeitungsbericht jedoch nicht bestätigen.

Das nächste Treffen des Aufsichtsrats soll es voraussichtlich erst im Juni geben. "Wir wollen Mehdorn genügend Spielraum geben, sein Konzept umzusetzen", sagte Platzeck dazu. Zuletzt habe der Aufsichtsrat Aufgaben der Geschäftsführung übernommen. Nun halte Mehdorn die Zügel fest in der Hand.

Seit im Sommer 2012 die Flughafeneröffnung zum vierten Mal geplatzt war, tagte der Aufsichtsrat alle vier bis fünf Wochen. 2011 und 2010 hatte es jeweils nur vier Treffen gegeben.

Der Flughafen sollte eigentlich bereits seit eineinhalb Jahren in Betrieb sein. Einen neuen Eröffnungstermin gibt es nicht.

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