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Rekordstrafe für US-Hedgefonds SAC: Untergang des Königs der Wall Street

Von , New York

Es ist die bislang höchste Insider-Strafe der Geschichte: Fast zwei Milliarden Dollar muss Steve Cohens Hedgefondsgruppe SAC für ihre jahrelangen Betrügereien zahlen. Die außergerichtliche Einigung zeigt, dass die große Sause an der Wall Street vorerst vorbei ist.

Hedgefonds-Chef Cohen: "Manchmal ist Gier nicht gut", sagt der Staatsanwalt Zur Großansicht
REUTERS

Hedgefonds-Chef Cohen: "Manchmal ist Gier nicht gut", sagt der Staatsanwalt

Der Siebdruck misst ein mal einen Meter. Sein Subjekt ist ebenso legendär wie der Künstler selbst: Liz Taylor auf der Höhe ihres Ruhms, in schrillen Primärfarben porträtiert von Pop-Art-Legende Andy Warhol.

Mindestens 20 Millionen Dollar soll das Werk einbringen, wenn es am Mittwoch kommender Woche beim New Yorker Auktionshaus Sotheby's unter den Hammer kommt. Vor 50 Jahren entstanden, hing "Liz #1" erst in zwei Galerien und dann in der Privatsammlung eines anonymen Besitzers. Dessen Namen verschweigt Sotheby's diskret. Doch jeder hier kennt ihn: Steven Cohen, Gründer und Chef der Hedgefondsgruppe SAC und einer der erfolgreichsten Finanzhaie der USA. Bisher.

Am Montag gab die US-Justiz bekannt, dass sich SAC des Insiderhandels und der Geldwäsche schuldig bekannt hat und dafür eine Rekordstrafe von 1,8 Milliarden Dollar zahlen muss. Demnach hat die Firma über mindestens elf Jahre hinweg gut 900 Millionen Dollar erschwindelt, durch illegale Tipps aus fast zwei Dutzend Unternehmen.

Nach einem Jahrzehnt staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen gegen SAC war das keine Überraschung mehr - die historische Strafe dagegen schon. Zumal Cohen sie als SAC-Alleinbesitzer aus eigener Tasche löhnen muss. Weshalb er denn nun offenbar auch den Großteil seiner sagenumwobenen Kunstsammlung abstößt. Darunter "Liz #1" und weitere Werke für angeblich bis zu 85 Millionen Dollar.

Firmenkultur der Rechtsfreiheit

Und so geht Cohen unter, wie er, der selbsternannte "König der Wall Street", gelebt hat - mit Bombast. "Keine Institution sollte sich auf den Glauben verlassen, sie sei zu groß, um strafrechtlich verfolgt zu werden", sagte US-Staatsanwalt Preet Bharara, als er die außergerichtliche Einigung verkündete. "Manchmal ist Gier nicht gut."

Das war eine Anspielung auf ein berühmtes Zitat aus Oliver Stones Film "Wall Street", dessen Schurke Gordon Gekko hinter Gittern endete. Dagegen hat Cohen Glück: Er selbst muss - noch - nicht ins Gefängnis. Aber er ist so schon gestraft genug. 1,2 Milliarden Dollar, plus 616 Millionen Dollar, die SAC bereits im März von der Börsenaufsicht SEC aufgebrummt bekam: Noch nie musste eine Wall-Street-Firma so viel für ihre Mauscheleien zahlen.

Den bisherigen Rekord hielt, mit 650 Millionen Dollar, die damalige Investmentbank Drexel Burnham Lambert, die im großen Junk-Bonds-Skandal von 1990 unterging. Hinzu kamen 1,1 Milliarden Dollar, die Drexels Tausendsassa Michael Milken als Hauptschuldiger zahlte.

Schon nennen sie Cohen den "neuen Milken". Der 57-Jährige, so die Anklage, habe eine Firmenkultur der Rechtsfreiheit gefördert. "Betrug und Gesetzesbruch", fügte der New Yorker FBI-Chef George Venizelos am Montag hinzu, "waren nicht nur erlaubt, sondern durften fortdauern".

Todesurteil für die Firma

Cohens Fall zeigt, dass es an der Wall Street zurzeit keine Blankoschecks mehr gibt. Mehr als 70 Banker und Hedgefondsmanager wurden inzwischen wegen Insiderhandels verurteilt, und langsam geht es auch den Banken selbst an den Kragen. Sogar das vormalige Musterkind JP Morgan Chase handelt dieser Tage seine eigene Rekordstrafe aus.

Die außergerichtliche Einigung mit SAC, die noch von zwei Richtern abgesegnet werden muss, beendet ein langwieriges Verfahren. Im Mittelpunkt stehen acht ehemalige Händler, von denen sich sechs schuldig bekannt haben und als Informanten gegen die Ex-Kollegen mit der Staatsanwaltschaft kooperieren. Zwei weiteren wird demnächst der Prozess gemacht.

In der Abmachung steckt jedoch noch viel mehr. SAC darf fortan keine Gelder außenstehender Investoren mehr managen - ein endgültiges Todesurteil für die Firma, die die meisten Fremdeinlagen sowieso längst verloren hat. Übrig geblieben ist Cohens Privatvermögen von zuletzt 9,4 Milliarden Dollar, das ihm noch Platz 43 auf der "Forbes"-Liste der 400 reichsten Amerikaner sichert.

Auch nach der Strafe wird er Milliardär bleiben. Doch der Image-Sturz ist tief. Pressescheu, doch knallhart, hatte sich Cohen zum Wall-Street-Guru stilisiert - nun gilt er als Chef einer kriminellen Vereinigung. Und ganz aus dem Schneider ist er damit auch noch nicht: "Die Vereinbarung sieht für keine Einzelperson Immunität vor", warnte Bharara.

Nach außen hin lässt sich Cohen nichts anmerken. Noch am Mittwoch, zum Ende der Verhandlungen mit der Staatsanwaltschaft, wurde er im Madison Square Garden gesichtet, bei einem Basketballspiel der New York Knicks gegen die Milwaukee Bucks. Er saß in der ersten Reihe.

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Forum - Wie gefährlich sind Hedgefonds?
insgesamt 293 Beiträge
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1.
Ghost12 23.09.2009
Zitat von sysopSie wetten auf Rohstoffpreise, Währungen, Zinsen - eben auf alles, was hohe Rendite verspricht. Hedgefonds gelten Kritikern deshalb als "Heuschrecken". Die Fonds erleben eine neue Blüte - doch die G20 tut sich schwer, klare Regeln zu finden. Für wie gefährlich halten Sie Hedgefonds? Diskutieren Sie mit!
Die Hedgefonds haben ihre Lobby mit Steinbrück/Asmussen unmittelbar im Finanzministerium. Wer das nicht gefährlich findet, kann auch nicht gegen Hedge Fonds sein. Vielleicht gibt es ja auf Kosten der Steuerzahler endlich sogar mal einen "Bad Hedge Fond". P.S.: kleiner Insider- Hedge Fonds sind zum großen Teil sozusage Zweckgesellschaften der großen Banken, die einfach mal ihre Wetten ausgelagert haben. Gerade jetzt bietet sich diese Praxis aus Bilanzierungsgründen sozusagen an.
2.
Crom 23.09.2009
Hedgefonds sind nicht gefährlich, im Gegenteil. Viele Firmen "hedgen" (d.h. absichern) ihre Preisriken über Hedgefonds und damit habe diese eine wichtige Aufgabe. Würde jemand behaupten, dass eine Feuerversicherung gefährlich ist? Das ist im Grunde auch eine "Wette", eine Wette darauf das kein Feuer ausbricht.
3. Wegelagerei
Tolotos 23.09.2009
Zitat von sysopSie wetten auf Rohstoffpreise, Währungen, Zinsen - eben auf alles, was hohe Rendite verspricht. Hedgefonds gelten Kritikern deshalb als "Heuschrecken". Die Fonds erleben eine neue Blüte - doch die G20 tut sich schwer, klare Regeln zu finden. Für wie gefährlich halten Sie Hedgefonds? Diskutieren Sie mit!
Das Ziel von Hedgefonts ist es, Geld aus dem Wirtschaftssystem auf das eigene Konto zu , ohne eine entsprechende Gegenleistung zu erbringen. Letztlich ist es nichts anderes als eine moderne Form der Wegelagerei, denn das Geld, was sie „erwirtschaften“ wird denen entzogen, die reale Werte schaffen.
4.
Crom 23.09.2009
Zitat von TolotosDas Ziel von Hedgefonts ist es, Geld aus dem Wirtschaftssystem auf das eigene Konto zu , ohne eine entsprechende Gegenleistung zu erbringen. Letztlich ist es nichts anderes als eine moderne Form der Wegelagerei, denn das Geld, was sie „erwirtschaften“ wird denen entzogen, die reale Werte schaffen.
Das ist falsch, sie erbringen ja eine Gegenleistung, genau so wie die Feuerversicherung. Wird ja keiner gezwungen mit denen zu "wetten" bzw. besser mit denen Geschäfte zu machen.
5.
Tolotos 23.09.2009
Zitat von CromDas ist falsch, sie erbringen ja eine Gegenleistung, genau so wie die Feuerversicherung. Wird ja keiner gezwungen mit denen zu "wetten" bzw. besser mit denen Geschäfte zu machen.
Wohl eher wie ein Hütchenspieler! Nein, aber die Unternehmen werden gezwungen so zu handeln, dass sie nicht zum leichten Opfer werden. Sie wetten nicht, sondern sind nur der Wetteinsatz.
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