Hedgefonds-Star Paulson Die unglaubliche Unschuld eines Wall-Street-Genies

Als Millionen Amerikaner ihr Haus verloren, zog er um in ein Schloss: John Paulson, ein diskret-raffiniertes Hedgefonds-Genie, steht im Mittelpunkt der Betrugsklage gegen Goldman Sachs und hat wohl indirekt auch der deutschen IKB-Bank geschadet - doch die Aufsichtsbehörden können ihm nichts anhaben.

Von , New York

US-Hedgefonds-Star John Paulson: "Wir haben nichts Falsches getan"
REUTERS

US-Hedgefonds-Star John Paulson: "Wir haben nichts Falsches getan"


Am 2. Februar 2007, einem Freitag, traf sich eine kleine Gruppe von Bankern im 47. Stock eines Wolkenkratzers unweit der Wall Street. Der Stahlkoloss mit der Adresse 140 Broadway ist selbst Touristen bekannt, denn vor dem Eingang steht die Würfelskulptur "Red Cube" des Künstlers Isamu Noguchi. Was oben geschieht, ahnen die meisten nicht.

Bei besagtem Februartreffen wurde mit einem Handschlag unsagbar viel Geld verdient - oder verloren, je nachdem, auf welcher Seite man stand.

Der Konferenzsaal im 47. Stock gehörte zur Finanzfirma ACA. Teilnehmer der Freitagsrunde außer den Gastgebern: Fabrice Tourre, Jungstar der Investmentbank Goldman Sachs, sowie ein Emissär des legendären Hedgefonds-Managers John Paulson. Gemeinsam einigten sie sich auf ein Geschäft, bei dem Paulson mit Hilfe Goldmans eine Milliarde Dollar verdienen würde - auf Kosten der Goldman-Investoren.

"Ich bin bei diesem ACA-Paulson-Treffen", mailte Tourre einem Kollegen aufgeregt noch während des Gesprächs. "Es ist surreal." Die E-Mail ist heute eines von vielen Beweisstücken in der Betrugsklage der US-Börsenaufsicht SEC gegen Goldman und Tourre. Denn besagter Deal, ein strukturiertes Finanzprodukt namens "Abacus 2007-AC1", war nach Ansicht der SEC von vorneherein zu Gunsten Paulsons getürkt.

Sein Vermögen: geschätzte zwölf Milliarden Dollar

Ungeschoren lassen die Fahnder jedoch den Mann im Hintergrund und größten Nutznießer der Transaktion - John Paulson.

Er ist der unsichtbare Teflon-Spekulant. Paulson, 54, lässt sich selten und ungern in der Öffentlichkeit blicken. Auch seine Klienten kennen Paulsons helle, dünne Stimme oft nur vom Telefon, wie bei dem mysteriösen Chef-Detektiv Charlie aus "Drei Engel für Charlie".

Selbst in der SEC-Klage taucht Paulson jetzt nur indirekt auf, in Form seines Hedgefonds Paulson & Co., der über den besagten Deal "einen Gewinn von etwa einer Milliarde Dollar" eingesackt habe. Gelder, die von den ohnehin leeren Konten der Verlierer kamen - allen voran der Royal Bank of Scotland (RBS) und der deutschen Mittelstandsbank IKB.

Es ist ein Szenario, das sich durch seine ganze Karriere zieht: Während andere ins Desaster rasen, hat Paulson die Lacher auf seiner Seite.

Allein im ersten Krisenjahr 2007 verdiente der unscheinbare Finanzhai 3,5 bis 3,7 Milliarden Dollar, mehr als alle Hedgefonds-Rivalen. Der US-Immobilienmarkt kollabierte, die Börsen stürzten ab - Paulsons Fonds dagegen machte 38 Prozent Rendite. Auf der "Forbes"-Liste der reichsten Menschen der Welt belegt er heute mit einem geschätzten Vermögen von zwölf Milliarden Dollar Platz 45.

Paulsons Trick: Er witterte die Krise vor den meisten anderen, schwieg aber tunlichst. Stattdessen wettete er auf den Absturz, mit Hilfe von Derivaten und Kreditprodukten wie "Abacus", deren Anbieter für jede Positivseite ("long") auch eine Negativseite ("short") brauchten. Als dann der Crash tatsächlich kam und die anderen abschmierten, kassierte er ab.

Einige feierten ihn dafür als prophetischen Helden, als Weisen unter Narren. Finanzautor Gregory Zuckerman widmete Paulson noch Ende 2009 ein ganzes Buch: "The Greatest Trade Ever" ("Der größte Handel aller Zeiten"). Darin preist er Paulson für seine "finanzielle Alchemie", die ihm mehr Geld eingebracht habe "als J.K. Rowling, Oprah Winfrey und Tiger Woods zusammen", und erhebt ihn in den Pantheon der Wall-Street-Götter, neben Genies wie Warren Buffet und George Soros.

Doch nicht allen gefiel Paulsons finanzielle Fingerfertigkeit. Kritiker störten sich daran, dass Paulsons Reichtum auf dem Immobilienkollaps beruhte - also auf den zerstörten Lebensträumen von Millionen Amerikanern.

Die Ramsch-Hypotheken haben es ihm angetan

"Ungeprüft bleibt die unbequeme moralische Dimension von Paulsons Errungenschaften", schrieb Gary Weiss schon im April 2009 im seither selbst verstorbenen Wirtschaftsmagazin "Portfolio". "Wenn er all das kommen sah, war es dann richtig, dass er das für sich behielt und still weiter seine Händel betrieb, während das Finanzsystem eine Kernschmelze erlitt?"

Weiss' Frage ist heute auch der Angelpunkt der Debatte um die Mitverantwortung der Wall Street für die Finanzkrise - eine Debatte, in deren Herz nun auch die "Abacus"-Klage trifft: "Verdienen Trader, die herausgefunden haben, wie man vom Elend anderer profitiert, unsere Verachtung oder unsere Bewunderung?"

Paulson trieb diese Kunst auf die Spitze. Dabei wollte er anfangs ein ganz traditioneller Investmentbanker werden. Geboren im New Yorker Bezirk Queens als Sohn eines Buchhalters, studierte er Wirtschaft in Harvard. Dort schloss er als einer der Besten seines Jahrgangs ab. Zu seinen Dozenten zählten auch etliche Goldman-Sachs-Größen, darunter der spätere Finanzminister Robert Rubin, der die wilden Spekulationen mit Derivaten guthieß.

Paulsons frühe Karriere führte ihn über die typischen Wall-Street-Stationen: Banken, Brokerfirmen, Arbitrage-Häuser. Es war die Zeit des berühmten Bullenmarkts der achtziger Jahre, dessen Motto das fiktive Credo des Filmschurken Gordon Gekko aus Oliver Stones Finanzthriller "Wall Street" war: "Gier ist gut."

Als es Paulson dabei zu langweilig wurde, gründete er 1994 mit zwei Millionen Dollar Eigenkapital seinen ersten Hedgefonds. Ende der neunziger Jahre witterte er das Ende der Tech-Blase, spekulierte darauf - und machte, als sie 2001 platzte, seinen ersten ganz großen Reibach.

Das Ende des US-Immobilienbooms ahnte Paulson 2005, lange vor den meisten anderen. Die Häuserpreise wurden immer unrealistischer: "Wir hatten das Gefühl einer Immobilienblase", erinnerte er sich später. Vor allem die "absurden" Ramsch-Hypotheken hatten es ihm angetan. So begann sein größter Siegeszug: Paulson wurde zum Totengräber der US-Kreditkrise.

Ein undankbarer Job, der sich aber auszahlte. 2006 kaufte sich Paulson, als Ergänzung zu seinem opulenten Stadthaus auf Manhattans Upper East Side, eine Villa in der Milliardärsenklave Southampton auf Long Island, 90 Hubschrauber-Minuten östlich von Manhattan - für 41,3 Millionen Dollar.

Millionen von Amerikanern verloren ihr Haus, Paulson zog in ein Schloss

"Old Trees", wie das 1911 erbaute Anwesen heißt, umfasst mehr als vier Hektar Land, samt Gästehaus, Scheune, Pool und Tennisplatz. Während Abermillionen Amerikaner ihre Häuser und Wohnungen verloren, zog John Paulson mit Frau und Kindern in ein Schloss.

Einen verlässlichen Kompagnon für seine Gegenwetten fand Paulson 2006 in Goldman Sachs. Die Firma suchte ihrerseits Partner für neue Kreditprodukte, die genau mit jenem Risikomarkt spekulierten - etwa "Abacus".

Nach Darstellung der SEC erlaubte Goldman ihm, die Zusammensetzung des "Abacus"-Portfolios maßgeblich mitzubestimmen - mit Werten, die an Ramsch-Kredite gekoppelt waren und deshalb fast zwangsläufig verfallen seien. Die Klageschrift führt detailliert auf, wie Paulson dazu Hypotheken aus Staaten wie Kalifornien, Arizona und Florida gewählt habe, wo der Immobilienmarkt kurz vor dem Kippen stand.

Goldman und Paulson dementieren das. Seine Firma sei "niemals an der Schaffung, Verteilung oder Strukturierung solcher Kreditprodukte beteiligt" gewesen, ließ Paulson erklären. Auch habe er mit seiner Skepsis über die Qualität der Kredite, an die das Portfolio gebunden war, nie hinterm Berg gehalten: "Wir waren aufrichtig, was unsere negative Einschätzung dieser Werte anging." Im Gegensatz zur "großen Mehrheit des Marktes": Die habe weiter auf deren Wachstum gesetzt.

Persönlich von ihm gehört haben das bisher aber nur seine eigenen Investoren. Denen versicherte Paulson vorige Woche in einer Reihe von Konferenzschaltungen, er habe bei dem "Abacus"-Deal niemanden hintergangen, sondern nur im Dienste seiner Kunden agiert: "Wir haben hier nichts Falsches getan."

Aus juristischer Sicht stimmt das sicher: Die Verantwortung für die Transparenz des "Abacus"-Deals lag, wie auch die SEC findet, bei Goldman, nicht bei Paulson. Aus moralischer Sicht mag das anders aussehen - doch das hat an der Wall Street bisher noch keinen gestört.

Forum - Wie gefährlich sind Hedgefonds?
insgesamt 293 Beiträge
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Seite 1
Ghost12 23.09.2009
1.
Zitat von sysopSie wetten auf Rohstoffpreise, Währungen, Zinsen - eben auf alles, was hohe Rendite verspricht. Hedgefonds gelten Kritikern deshalb als "Heuschrecken". Die Fonds erleben eine neue Blüte - doch die G20 tut sich schwer, klare Regeln zu finden. Für wie gefährlich halten Sie Hedgefonds? Diskutieren Sie mit!
Die Hedgefonds haben ihre Lobby mit Steinbrück/Asmussen unmittelbar im Finanzministerium. Wer das nicht gefährlich findet, kann auch nicht gegen Hedge Fonds sein. Vielleicht gibt es ja auf Kosten der Steuerzahler endlich sogar mal einen "Bad Hedge Fond". P.S.: kleiner Insider- Hedge Fonds sind zum großen Teil sozusage Zweckgesellschaften der großen Banken, die einfach mal ihre Wetten ausgelagert haben. Gerade jetzt bietet sich diese Praxis aus Bilanzierungsgründen sozusagen an.
Crom 23.09.2009
2.
Hedgefonds sind nicht gefährlich, im Gegenteil. Viele Firmen "hedgen" (d.h. absichern) ihre Preisriken über Hedgefonds und damit habe diese eine wichtige Aufgabe. Würde jemand behaupten, dass eine Feuerversicherung gefährlich ist? Das ist im Grunde auch eine "Wette", eine Wette darauf das kein Feuer ausbricht.
Tolotos 23.09.2009
3. Wegelagerei
Zitat von sysopSie wetten auf Rohstoffpreise, Währungen, Zinsen - eben auf alles, was hohe Rendite verspricht. Hedgefonds gelten Kritikern deshalb als "Heuschrecken". Die Fonds erleben eine neue Blüte - doch die G20 tut sich schwer, klare Regeln zu finden. Für wie gefährlich halten Sie Hedgefonds? Diskutieren Sie mit!
Das Ziel von Hedgefonts ist es, Geld aus dem Wirtschaftssystem auf das eigene Konto zu , ohne eine entsprechende Gegenleistung zu erbringen. Letztlich ist es nichts anderes als eine moderne Form der Wegelagerei, denn das Geld, was sie „erwirtschaften“ wird denen entzogen, die reale Werte schaffen.
Crom 23.09.2009
4.
Zitat von TolotosDas Ziel von Hedgefonts ist es, Geld aus dem Wirtschaftssystem auf das eigene Konto zu , ohne eine entsprechende Gegenleistung zu erbringen. Letztlich ist es nichts anderes als eine moderne Form der Wegelagerei, denn das Geld, was sie „erwirtschaften“ wird denen entzogen, die reale Werte schaffen.
Das ist falsch, sie erbringen ja eine Gegenleistung, genau so wie die Feuerversicherung. Wird ja keiner gezwungen mit denen zu "wetten" bzw. besser mit denen Geschäfte zu machen.
Tolotos 23.09.2009
5.
Zitat von CromDas ist falsch, sie erbringen ja eine Gegenleistung, genau so wie die Feuerversicherung. Wird ja keiner gezwungen mit denen zu "wetten" bzw. besser mit denen Geschäfte zu machen.
Wohl eher wie ein Hütchenspieler! Nein, aber die Unternehmen werden gezwungen so zu handeln, dass sie nicht zum leichten Opfer werden. Sie wetten nicht, sondern sind nur der Wetteinsatz.
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