Von Helgoland berichtet Young-Sim Song
Das Inseloberhaupt von Helgoland trägt ein weißes Hemd mit rosa Streifen und einen schwarzen Anzug. Eine rosa Krawatte liegt auf dem Tisch in seinem Büro. Gerade kommt Jörg Singer von einem Treffen mit seinen Bürgermeister-Kollegen aus dem Kreis Pinneberg, zu dem Helgoland offiziell gehört. "Ich war etwas overdressed", sagt Singer. "Selbst mein Landrat trug keine Krawatte."
Dass sich Singers Outfit von dem eines durchschnittlichen Gemeindebürgermeisters unterscheidet, hat mit seiner Vergangenheit als Unternehmensberater zu tun. Singer kommt eigentlich aus Konstanz am Bodensee. Als er elf Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Helgoland. Später studierte er in München, arbeitete als Wirtschaftsingenieur in den USA, dann für die Lufthansa. 2002 machte er sich mit einem Beratungsunternehmen selbständig. Seine Frau ist Helgoländerin. Als 2006 der gemeinsame Sohn geboren wurde, keimten erste Überlegungen, wieder in die gemeinsame Heimat zurückzukehren.
Seit Anfang Januar 2011 ist Singer nun Bürgermeister von Helgoland. Doch im Herzen ist er Manager geblieben. Er hat Großes vor mit Deutschlands einziger Hochseeinsel, die mittlerweile viele Jahre des Niedergangs hinter sich hat. Die Zahl der Insulaner lag mal bei 2000. Um die Jahrtausendwende waren es dann nur noch 1850, jetzt sind rund 1300 übrig geblieben.
Der ehemalige Unternehmensberater Singer will der Insel nun ein neues Geschäftsmodell verpassen: Helgoland soll Industriestandort werden.
Eine Million Haushalte mit Strom versorgen
Drei Windparks mit mehr als 200 Windrädern sollen 30 bis 40 Kilometer nördlich von Helgoland entstehen. Drei Milliarden Euro investieren die Betreiber E.on, RWE und WindMW. Ab 2015 sollen die Windräder rund eine Million Haushalte mit Strom versorgen. Von Helgoland aus sollen die Anlagen gesteuert und gewartet werden. Denn bei Not- und Ausfällen können Servicemitarbeiter von Helgoland aus per Schiff oder Hubschrauber wesentlich schneller als vom Festland nach dem Rechten sehen. Dazu sollen im Südhafen der Insel auf einer Fläche von 10.000 Quadratmetern Werk-, Lagerhallen sowie Büros und Konferenzräume gebaut werden. An der Kaikante soll zudem ein zusätzlicher Landungssteg für zehn Bootsanlegeplätze entstehen.
Das ganze Gebiet muss zunächst von Munition und Kriegsgerümpel aus dem Zweiten Weltkrieg befreit werden, bevor es voraussichtlich im Frühjahr 2013 an die Unternehmen übergeben werden kann. Eigentümer der Flächen will die Gemeinde bleiben, die Pachtverträge wurden bereits geschlossen.
"Helgoland liegt geografisch sehr günstig", sagt E.on-Sprecher Christian Drepper. Schneller zu den Anlagen zu kommen und beim Transfer zu sparen, sei von großem Vorteil. E.on betreibt mit EWE und Vattenfall bereits einen Windpark unter Hochseebedingungen - 45 Kilometer nördlich von Borkum. Nach Plänen der Bundesregierung sollen in der Nord- und Ostsee bis 2030 bis zu 6000 Windräder entstehen.
Auf Helgoland sei man mit offenen Armen aufgenommen worden, sagt Martin Skiba, Leiter Offshore Windkraft bei RWE Innogy. Er sei froh, dass es mit der Verbindung der beiden Inselteile nicht geklappt habe, die vor einem Jahr zur Debatte stand. Das Großprojekt, das Helgoland zum Ganzjahresziel für Touristen machen sollte, war im Juni 2011 bei einem Bürgerentscheid gescheitert. Wäre der Plan angenommen worden, wäre womöglich mehr Energie in das Projekt geflossen, auf Helgoland "ein zweites Sylt zu schaffen", und das Offshore-Geschäft wäre in den Hintergrund getreten.
Angst vor der Industrieinsel
Ein bisschen frischen Wind kann Helgoland gut gebrauchen. Zumindest im übertragenen Sinne, denn in der Realität weht es hier meist ziemlich kräftig. Kleine bunte Buden reihen sich entlang der Promenade, Eis wird verkauft oder Fisch und Chips. Eine Inseleisenbahn fährt Touristen über das Eiland. Straßenzüge im Baustil der fünfziger und sechziger Jahre bieten Unterkunft für Urlauber. Seither hat sich hier nicht viel verändert.
Jahrzehntelang lebte Helgoland sehr gut von den Tagestouristen. Die kamen vor allem wegen der steuerfreien Zigaretten und Alkoholika auf die Hochseeinsel, die bald den Beinamen "Fuselfelsen" trug.
Doch das alte Geschäftsmodell trägt nicht mehr. Die Gesamtzahl der Gäste schrumpfte seit 2007 um acht Prozent. Das Durchschnittsalter der Helgoländer liegt bei 58 Jahren. Auch die Urlauber sind meist älter als 50. Zur Schule gehen hier 90 Kinder. Singers Sohn, der dieses Jahr eingeschult wird, hat acht Mitschüler in der Klasse. Der Bürgermeister erinnert sich: Als er noch zur Schule ging, waren es dreimal so viele.
Das Windparkzentrum sei vor allem eine Chance, neue Bürger auf die Insel zu bringen, sagt Singer. 150 Arbeitsplätze würden durch das Servicezentrum entstehen. Singer nimmt an, dass zehn Prozent davon durch Helgoländer selbst besetzt würden. Dann rechnet er vor, wie viel Prozent Wertschöpfung indirekt noch drum herum entsteht: "Die Chance müssen wir einfach ergreifen", sagt er.
Aber es gibt es auch kritische Stimmen. Gerda Münch vom Kreisverband der Linken auf Helgoland und Mitglied im Landesvorstand Schleswig-Holstein ist eine von ihnen. Grundsätzlich sei sie ja für erneuerbare Energien, sagt Münch, schließlich brauche man Ersatz für die Atomkraftwerke. Aber es werde ohne nachzudenken die Natur zerstört. Man brauche doch keine drei Riesenhallen auf der Insel, "eine reicht auch", sagt sie. Ihre Partei und zunehmend auch die Bewohner hätten Angst, dass ihr Stückchen Paradies zur Industrieinsel verkomme: "Unsere Urlauber laufen uns weg."
"Viele wollen jetzt das schnelle Geld machen", sagt Münch. So habe das teuerste Hotel der Insel, das Atoll, seine Zimmer für zehn Jahre als Wohnraum für die Mitarbeiter von WindMW vermietet. Eigentlich sollte für die Offshore-Arbeiter zusätzlicher Wohnraum neu gebaut werden.
Atoll-Wirt Arne Weber freut sich hingegen über die hundertprozentige Auslastung - auch im Winter: "Das ist der Traum eines jeden Hoteliers, zwölf Monate jeden Tag ausgebucht zu sein. Im Winter ist hier sonst Totentanz."
Die meisten freuen sich auf neue Arbeitsplätze
Die meisten Helgoländer scheinen angetan von der Aussicht, bald Industriestandort zu sein. "Wenn die Windkraft kommt, dann fällt der Strom bestimmt nicht mehr aus", sagt ein Angestellter des Insel-Imbisses. Helgoland sollte doch seine Ressourcen, Wasser und Wind, nutzen, findet er. "Bei normaler Sicht wird man die Windräder gar nicht sehen können, so weit draußen sind die", sagt Rolf Blädel, ehemaliger Naturschutzbeauftragter von Helgoland.
Auch Maarten Boersma von der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH) sieht keinen Schaden für die Meeresforschung. Dazu seien die Windkraftanlagen zu weit weg, sagt auch der Professor. 80 Menschen arbeiten mit ihm zusammen auf der Insel. Rolf Blomendahl vertritt auf der Insel die Gewerkschaften DGB und Ver.di. Auch er sagt: "Um Helgoland am Leben zu erhalten, braucht man die Arbeitsplätze."
Unbezahlbares Naturerlebnis
Doch Helgoland hat durch die Industrialisierung auch einiges zu verlieren. In nur fünf Minuten Fahrt mit der Fähre erreicht man die Hauptattraktion der Insel - die Helgoland-Düne. Hunderte Kegelrobben liegen hier am Strand, als der Naturschutzbeauftragte Frank Gutzke mit einer Gruppe Touristen zu den Tieren kommt. Die Robben stünden unter Artenschutz, erklärt der 68-Jährige. Ob die Robben weiterhin kommen, um am Strand von Helgoland ihre Jungen zu gebären, wenn sich die Windräder drehen, das wisse niemand.
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